[69] Das Einküchenhaus scheint schon bei dem ersten Versuche Fiasko

erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche Bauzeitung« vor

kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte Architekten und

Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen und künstlerischen

Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen. Von dem, was +van der

Velde+ darüber schreibt, sei folgendes wiedergegeben: »Man muss sich

für die soziale und kulturelle Seite des Problems begeistern, und für

diejenigen, die sich aufregen und leiden, wenn sie sehen, +wieviele

Frauen unter der Last tausend kleiner Haushaltungssorgen ihre besten

Eigenschaften einbüssen+, ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt

sie den Keim zu +einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in

demselben Hause lebenden Menschen+ in sich. Denn wir werden uns nicht

lange mit dem Haus begnügen, in dem +nur+ die Küche gemeinschaftlich

ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo +für

alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden+, wo das

Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten einer

Zentralorganisation verrichtet wird, die wir weder sehen noch hören

werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles

drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und

der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen

haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns

vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die

Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration

einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein

einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis

mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig

Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu

machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer,

wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das

Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit

niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie,

wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre

ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst

diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau

in ihrem Befreiungstraum verstanden haben -- und weil sie es von

ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese

»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben

auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!«

[70] Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene Generalversammlung des

Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte den Schrecken über die

Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch überwinden zu können,

dass sie einem »Verband für handwerksmässige und fachgewerbliche

Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging dabei von der durch

nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs erwerbstätiger Frauen

seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit« bestehe. Die Frauen

leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft in überwiegendem

Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun abgeholfen werden

durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale Praxis« XIX, S.

55 f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von einer richtigen

Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel hegen dürfen, ob damit

an der Tatsache etwas geändert werden kann, dass auch bei gleicher

Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne und dass

die Erwerbsarbeit der Frauen -- einerlei, ob sie »gelernte« oder

»ungelernte« Arbeit ist -- unter der heutigen Wirtschaftsorganisation

in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein kann. -- Uebrigens scheinen

die Fälle, in denen eine ordnungsmässige Ausbildung weiblicher

Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt ziemlich häufig zu sein,

wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten Verbande veranstalteten

Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber Volkswirtsch. Blätter VIII

(1909) S. 397.

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Die Frauenfrage im Mittelalter · 第 6 / 6 段