erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche Bauzeitung« vor
kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte Architekten und
Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen und künstlerischen
Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen. Von dem, was +van der
Velde+ darüber schreibt, sei folgendes wiedergegeben: »Man muss sich
für die soziale und kulturelle Seite des Problems begeistern, und für
diejenigen, die sich aufregen und leiden, wenn sie sehen, +wieviele
Frauen unter der Last tausend kleiner Haushaltungssorgen ihre besten
Eigenschaften einbüssen+, ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt
sie den Keim zu +einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in
demselben Hause lebenden Menschen+ in sich. Denn wir werden uns nicht
lange mit dem Haus begnügen, in dem +nur+ die Küche gemeinschaftlich
ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo +für
alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden+, wo das
Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten einer
Zentralorganisation verrichtet wird, die wir weder sehen noch hören
werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles
drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und
der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen
haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns
vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die
Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration
einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein
einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis
mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig
Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu
machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer,
wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das
Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit
niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie,
wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre
ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst
diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau
in ihrem Befreiungstraum verstanden haben -- und weil sie es von
ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese
»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben
auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!«
[70] Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene Generalversammlung des
Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte den Schrecken über die
Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch überwinden zu können,
dass sie einem »Verband für handwerksmässige und fachgewerbliche
Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging dabei von der durch
nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs erwerbstätiger Frauen
seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit« bestehe. Die Frauen
leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft in überwiegendem
Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun abgeholfen werden
durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale Praxis« XIX, S.
55 f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von einer richtigen
Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel hegen dürfen, ob damit
an der Tatsache etwas geändert werden kann, dass auch bei gleicher
Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne und dass
die Erwerbsarbeit der Frauen -- einerlei, ob sie »gelernte« oder
»ungelernte« Arbeit ist -- unter der heutigen Wirtschaftsorganisation
in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein kann. -- Uebrigens scheinen
die Fälle, in denen eine ordnungsmässige Ausbildung weiblicher
Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt ziemlich häufig zu sein,
wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten Verbande veranstalteten
Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber Volkswirtsch. Blätter VIII
(1909) S. 397.
End of Project Gutenberg's Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher