VII.

Als unsere beiden Reisenden wieder in ihrem Fahrzeuge Platz genommen

hatten, setzte sich Doktor Müller in Positur und begann also: »Wir haben

einen großartigen Erfolg zu verzeichnen gehabt, einen Erfolg, wie kein

Irdischer vor uns. Unser Planetenschiff liegt fest verankert auf dem

jungfräulichen Boden des Mars. Wir haben auf unserer ersten Reise

zweifelsohne konstatiert, daß die physikalischen Verhältnisse des Mars hier

eine Ansiedlung der Menschheit ganz sicherlich zulassen. Wir haben auch

niedere Lebensformen, wie Würmer und Insekten, gefunden. Wirbeltiere haben

wir einstweilen noch nicht zu Gesicht bekommen und über die etwaige

menschenähnliche Bevölkerung des Mars wissen wir noch gar nichts. Mag sein,

daß vernünftige menschenähnliche Wesen nahe bei uns in den Tälern dieses

Gebirges leben, mag auch nicht sein. In keinem Falle können sie die Höhe

unserer Entwicklung erreicht haben, denn sonst wäre es an ihnen gewesen,

unserer Erde zuerst einen Besuch abzustatten. Selbstverständlich können wir

nicht wissen, wie weit ihre Entwicklung fortgeschritten ist. Vielleicht

stehen sie bereits auf der Höhe, die wir im Jahre 1896 kurz vor der

Erfindung der elektrischen Wellentelegraphie erreicht hatten, vielleicht

auch leben sie noch im Zustande der Griechen zur Zeit des trojanischen

Krieges oder gar der uralten Höhlenmenschen des Neandertales. Vielleicht

auch hat das Leben von Primaten, von hochorganisierten Wirbeltieren, auf

diesem Planeten noch gar nicht begonnen und wir sind die ersten

vernunftbegabten Geschöpfe auf einem neuen Stern. Sei dem nun aber, wie ihm

wolle. In jedem Falle könnten wir das nur erspähen, wenn wir mit unserem

Raumschiff eine Umfahrt um den Mars in sehr mäßiger Höhe vollführten. Wenn

wir in etwa zweihundert Meter Höhe seine Oberfläche bestrichen, würde uns

alles dieses klar werden. Dazu aber müßten wir das Fahrzeug wiederholt

abarisch und dann wieder schwer machen. Unser Flüssigkeitsvorrat ist aber

außergewöhnlich knapp geworden. Wir können nur noch eben unsere Erde wieder

erreichen, während jeder Versuch, hier eine Kreuzfahrt zu vollführen, uns

dieser letzteren Möglichkeit beraubt. Mein entschiedener Vorschlag geht

daher dahin: wir errichten hier einen zuverlässigen Merkstein, daß wir im

Namen der Erde auf dem Mars gelandet sind, und kehren dann sofort zur Erde

zurück, um von dort aus mit neuen und reicheren Mitteln eine zweite

Expedition zu unternehmen.«

»Wenn dem so ist, haben Sie unbedingt recht,« erwiderte Monsieur Durand.

»Dann müssen wir zurück, aber vorher wollen wir ein Denkmal unserer

Anwesenheit errichten. Ich denke, wir machen es folgendermaßen: zunächst

wollen wir die genaue geographische Breite und Länge unserer Landungsstelle

ermitteln und auf unseren Marskarten eintragen. Das ist so wie so nötig, da

unsere Astronomen mir eine genaue Tabelle mitgegeben haben, aus welcher ich

für jeden Ort der Marsoberfläche die besten Abfahrtszeiten zur Erde

entnehmen kann.«

Nach diesen Worten verließen die beiden Reisenden wiederum das Raumschiff,

und Doktor Müller begann mit dem Sextanten zu arbeiten. Es folgte eine

kurze Rechnung. Dann markierte er einen Punkt der vor ihm liegenden

Marskarte und trug die genauen Längen- und Breitengrade in das auf der

Karte bereits befindliche Gradnetz ein. Weiter begann er in einer

umfangreichen Tabelle zu blättern und bemerkte nach einem Blick auf die

Uhr: »Wir haben noch sechs Stunden achtzehn Minuten und zehn Sekunden Zeit.

Wenn wir dann mit voller Abarie abfahren, erreichen wir die Erdscheibe in

guter glatter Fahrt. Jetzt wollen wir an den Merkstein gehen. Zunächst eine

kleine Steinpyramide vor dieser glatten Felswand und auf diese Pyramide die

Flaggen unserer beiden Länder. Weiter aber irgend eine allgemein

verständliche Zeichnung auf diese glatte Felswand.« Nach diesen Worten

begannen die beiden Feldsteine zusammenzuschleppen, und im Laufe einer

Stunde war eine zwei Meter hohe Pyramide errichtet, von deren Spitze lustig

die Fahnen Deutschlands und Frankreichs im Winde flatterten. Danach ging

Doktor Müller in das Raumschiff zurück, um in Kürze mit verschiedenen

Ölfarbentöpfen und Pinseln wiederzukehren.

»Ich denke,« begann er, »zunächst einmal malen wir unser Sonnensystem mit

seinen Planeten und Planetoiden an diese Felswand. Wenn wir dann den

Erdplaneten mit den Fahnen Deutschlands und Frankreichs schmücken und eine

schöne knallrote Routenlinie von der Erde zum Mars und wieder zurück

ausmalen, werden auch weniger intelligente Martier begreifen, daß hier

jemand von der Erde zu Besuch gewesen ist.« Seinen Worten ließ der Doktor

alsbald die Tat folgen.

»Nun könnten wir noch etwas Mathematisches dalassen,« meinte jetzt Monsieur

Durand. »Mein Landsmann Laplace hat bereits vor dreihundert Jahren

vorgeschlagen, in den Steppen Sibiriens in ungeheuren Abmessungen aus

starken Lampen die Figur des pythagoräischen Lehrsatzes zusammmenzusetzen.

Jedes vernunftbegabte Wesen, so meinte er, muß den Sinn dieser Zeichnung

verstehen.«

»Das können wir ja sofort machen,« stimmte Doktor Müller bei, und unter

seinen kunstfertigen Fingern entstand alsbald ein anschauliches Bild des

Pythagoras.

»Geben wir ihnen noch etwas zu,« fuhr er dann fort und malte weiter den

Satz von den gleichen Scheitelwinkeln, die drei Kegelschnitte, den Satz des

Apollonius und einige andere Dinge, welche auch unseren Lesern aus dem

Mathematikunterricht her sattsam bekannt sein dürften.

»Nun wird es aber Zeit zum Einsteigen,« mahnte schließlich Monsieur Durand.

»Wir haben nur noch eine halbe Stunde Zeit. Außerdem haben wir auf dem Mars

unsere Fahnen zurückgelassen. Da wollen wir der alten Mutter Erde von

unserem Ausflug wenigstens einen Strauß frischer martischer Gebirgsblumen

mitbringen.« Dementsprechend wurde gehandelt, und nach zehn Minuten

betraten die Reisenden, reiche Girlanden und Sträuße in den Händen, ihr

Raumschiff, um alles zur Reise fertig zu machen. Rastlos schritt der Zeiger

der Uhr vorwärts, und schon nahte die Sekunde der Abfahrt. In diesem

Augenblick brach ein Lebewesen, etwa einem riesigen Urwaldbären

vergleichbar, durch das Dickicht und trollte auf das Raumschiff zu.

»Es ist gut, daß uns das Tier nicht überraschte, als wir waffen- und

wehrlos mit unserer Malerei beschäftigt waren,« meinte Monsieur Durand.

»Hoffentlich leckt uns dieser unangenehme Zeitgenosse nicht die frische

Farbe ab,« sagte Doktor Müller und ließ im selben Augenblick, da die

Abfahrtssekunde gekommen war, den abarischen Hebel spielen. Dicht vor der

Nase des staunenden Meister Petz stieg das Raumschiff in die Höhe und nahm

seinen Kurs mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei geographischen Meilen

in der Sekunde auf die Erde. Sorgfältig untersuchte Doktor Müller seine

Vorräte. Man konnte es versuchen, die Geschwindigkeit unter Benutzung der

Anziehungskraft der Marsmonde zu steigern. Dementsprechend verfuhr er und

erzielte wiederum die alte Reisegeschwindigkeit von vier Sekundenmeilen.

Es folgten die ruhigen Zeiten der Heimfahrt, bis endlich die Erde wieder in

ihre Rechte trat. Bereits bedeckte ihre strahlende Scheibe den größten Teil

des Horizontes, und jetzt begann sich auch die irdische Atmosphäre durch

die Reibung bemerklich zu machen. Wiederum setzten die Landungsmanöver mit

wechselnder Abarie und Schwere ein, welche wir bereits von der ersten

Landung auf dem Mars kennen. Immer langsamer wurde der Flug des Schiffes,

immer mehr schwebte es wie ein Luftballon und schließlich ging es mit kaum

fühlbarem Ruck in der nächsten Nähe von Berlin vor Anker. Bereits nach

wenigen Sekunden öffneten die Reisenden die Luken und betraten mit

Entzücken und in vollem Wohlbefinden wieder den Boden ihres Heimatplaneten,

den sie verlassen hatten, um ein unerhörtes Abenteuer zu bestehen.

Die Reise zum Mars · 第 7 / 9 题