Da huschte die Moriska beglückt hinaus.
Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln
gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen
pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem
Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen
Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre
Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es
meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla
aus dem Wasser zog.“
„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro
schelmisch.
Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht
liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“
„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“
„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort
abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden.
Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles,
alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht
in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch
den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von
der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von
des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und
Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war
Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres
Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein
leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner warteten. Don Pedro
liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem
reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks.
Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch
sie getaucht, erleuchten.
Da öffnete sich die Tür. Maria -- nein, Reija schwebte herein. Ihre
Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt,
Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte
sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine
eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu
spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen
Tönen wehmütig hingehaucht.
Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern
bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit,
langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend
dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib
plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte
sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit
beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen
des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich,
den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von
der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem
Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber
immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in
ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre
Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu
erfassen -- der Geliebte ist da! -- ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln
und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine -- die
Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der
Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten
-- mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt,
schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten
Körper, ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie
jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben.
Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung
des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen
Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der
Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen
und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen
entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens.
Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden
Lippen.
Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument
fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus.
Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne,
lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt
Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen
mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen
und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben --
Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter
Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er
ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie
sonst nicht.“
Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine
Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken.
Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter
den Vorhang des Schlafgemaches.