Lieber Bettsak!
Ltn. Gropius, der heute hier war, erzählte uns wie
ausgezeichnet Sie sich bewährt haben. Ich gratuliere Ihnen
aufs Herzlichste. Schöner als alle Anerkennung -- das
Eiserne Kreuz wird ja sicher nicht ausbleiben -- wird Sie ja
das Bewußtsein glücklich machen, voll und ganz Ihre Pflicht
getan zu haben. -- Hoffentlich sind Sie bald wieder wohl
auf. Ich würde mich freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu
hören und bin mit den besten Grüßen Ihr
Sillmann
Ltn. und Komp.-Führer.
Das war der Auftakt seines Kriegslebens.
Bei der Kavallerie ist ihm zu wenig los. Vermutlich wäre es
ihm als überzeugtem Juden, der aus seiner Abstammung kein Hehl
machte, hier schwer geworden, zum Offizier befördert zu werden.
Sein Tatendrang drängt ihn weiter, er meldet sich freiwillig zur
Infanterie und wird zu einem Infanterie-Regiment abkommandiert,
wo er bereits im September 1915 Leutnant wird.
Auch hier ist er keiner von denen, welche ein geruhiges
Herdenleben der Gefahr vorziehen.
Ein Dokument mag seine militärische Entwicklung beleuchten:
X. Reservekorps. Qu., 16. Jan. 1916.
Tagesbefehl.
Zahlreiche Patrouillengänge der X. Landw.-Brigade führten zu
erfolgreichen Erkundungen von feindlichen Postierungen und
Verteidigungsanlagen.
Besonders wichtig und anerkennenswert waren die
Beobachtungen des Hauptm. Zörner und des Ltn. d. Res.
Bettsak, Res.-Inf.-Rgt. ..., denen es gelang, genauen
Einblick in die franz. Vor- und Hauptstellung beiderseits
der Straße La Chapelotte-Allencombe und am Westhang der Höhe
542 zu gewinnen.
Ich spreche allen in den Patrouillengängen beteiligten
Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften meine
Anerkennung aus.
von X
General d. Infanterie.
Im Oktober 1916 wurde endlich seinen _mehrfachen_ Gesuchen um
Versetzung zu den Fliegern stattgegeben. Seine Ausbildung als
Flugzeugführer erhielt er in Hamburg und Hannover.
Lassen wir den ersten Briefen aus seinem Kriegsleben noch die
letzten folgen. Wie als junger Kriegsfreiwilliger, so segelt
er auch als Flieger tollkühn und unternehmungslustig in die
feindliche Welt hinein.
Nichts gilt ihm die Gefahr, gern setzt er stündlich sein junges,
hoffnungsreiches Leben ein.
Toulis, 2. 9. 1917.
... den ersten Feindflug habe ich nun auch, vom Gegner
unbehelligt, erledigt. Ich startete gestern mit einem
alten Beobachter zum Einschießen der Feldartillerie in
unserem Abschnitt. Zu diesem Zweck werden am Abend vorher
telefonisch die Ziele, auf welche die Batterien sich
einschießen wollen, mitgeteilt. Mit mir startete eine
andere Flugzeugbesatzung, die uns zu schützen, d. h. vor
überraschenden Angriffen durch französische Kampfeinsitzer
(#spads#) zu bewahren hat. Ich flog die mir ein für allemal
zugeteilte Maschine, von neuerem Typ mit 200 PS, die
allgemein an der Westfront in Gebrauch ist. In 150 m Höhe
verschluckte sich der Motor infolge zu starker Benzinzufuhr;
ich flog gleichwohl Laon an, mich in niedriger Höhe (etwa
1500 m) haltend. War der Himmel beim Start nur leicht
bewölkt, so hatte sich bald alles zugezogen; wir flogen
einer starken Wolkendecke, die bis 500 m herabreichte,
entgegen. Ich entschloß mich, drüber zu gehen und hatte
in 2500 m Höhe die Wolken unter mir. Dafür war weder von
der Schutzmaschine, die über mir fliegen sollte, noch
von der Erde etwas zu sehen. Nur ab und zu sah man durch
Wolkenlöcher unsere Fesselballons, ein Zeichen, daß wir der
Linie zuflogen. Auf einmal macht mein Beobachter im Spiegel
3 X, d. h.: über uns sind drei deutsche Kampfflugzeuge,
ein beruhigendes Gefühl. Wie ich einmal unter mich sehe,
nehme ich eine dunkle Linie, vor und hinter der Loch an
Loch liegt, wahr: die Front. Dann sieht man rechts einen
Kanal, der durch ein Waldstück geht. Ich nehme Gas weg und
lasse mir vom Beobachter erklären, ich erfahre, daß wir über
Chemin des Dames sind, wo wir gar nichts zu suchen haben.
Da wegen des dicken Nebels die Orientierung schlecht, ein
Einschießen undenkbar war, winkt er mich zum Heimflug ein.
Wir stoßen durch die Wolken, die Maschine wird von starken
Böen erfaßt, und ich habe ordentlich zu arbeiten. Nach
1 1/2 Stunden landen wir glatt im Heimathafen, ohne von der
französischen Artillerie, die sonst sehr lebhaft schießt,
oder dem Gegner erkannt worden zu sein. Bald darauf erschien
auch die Schutzmaschine, die sich ebenfalls »verfranzt«
hatte.
7. 9. 17.
... gestern morgen um 5:30, besser gestern Nacht,
habe ich einen famosen Infanterieflug mitgemacht. Ich
hatte ein anderes Flugzeug der Abteilung bei einem
Patrouillenunternehmen der Infanterie zu schützen (bei
Vauxaillon, im franz. Bericht vom 6. als gescheitert
erwähnt; stimmt nicht ganz). Wir starteten in die Nacht
hinein, schraubten uns nur wenig hoch. Mittels einer
elektrischen Taschenlampe konnte ich nur die Höhe vom
Höhenmesser ablesen. Schon in 100 m sah man in kurzen
Abständen von einander Gaslaternen, so schien es, in
der Luft. Das waren die mit Fallschirmen versehenen
französischen Leuchtraketen. Die Front erscheint von oben
als eine lange erleuchtete Straße. Dann flogen wir ran,
etwa 1000 m hoch, die Maschine stark gedrückt und dabei
mit großer Fahrt. Es war ein herrliches Flammenschauspiel.
Man sah die feuernden Batterien, auch französischerseits
die Einschläge der Geschosse und Minenwerfer. In stetigen
Kurven, um nicht von der Erde aus durch die besonderen
Abwehrmaschinengewehre getroffen zu werden, sausten wir
über die Front. Obwohl wir bis auf 400 und 700 m herunter
gingen, blieben wir durch starke Nebelschwaden dem Feinde
verdeckt. Durch Blinksignale wurden wir von der Infanterie
aus über den Ausgang des Unternehmens, das einige Gefangene
einbrachte, verständigt. Wir selbst funkten an die
Divisionen das Ergebnis weiter, außerdem hatten wir die
ganze Gefechtslage zu überwachen, z. B. gegebenenfalls
Sperrfeuer anzufordern und auf feindliche Batterien zu
achten. Es war riesig eindrucksvoll. Um 7 Uhr waren wir
wieder wohlbehalten im Hafen. Es ist dies mein vierter
Feindflug. Im übrigen ist der Himmel stark bewölkt, und das
bedeutet tödliche Langeweile. Tagelang beschäftigungslos zu
sein, ist im Kriege wirklich entnervend.
Bei Laon, 8. 9. 17.
... Ich habe bis jetzt fünf Feindflüge, darunter einen sehr
brenzligen. Wir hatten uns zu Joffre im Nebel verfranzt und
wurden eklig unter Flaks genommen. Die Granaten dröhnten
einem nur so um die Ohren, und die Schrapnells pfiffen.
Durch einige Sturzflüge und Spiralen entwanden wir uns und
kamen schweißbedeckt zu Hause an. Vorgestern habe ich einen
herrlichen Nachtflug mitgemacht. Ich schützte ein anderes
Flugzeug der Abteilung, das einem Patrouillenunternehmen der
Infanterie zur Verbindung und Ueberwachung mitgegeben war.
Du kannst Dir die Schönheit des Flammenspiels der feuernden
Batterien und Minenwerfer, der Leuchtkugeln usw. von oben
nicht vorstellen. Wir flogen bis 400 m in rasender Fahrt
über die Gräben weg, ohne im Morgennebel von M.G.'s oder Fl.
beschossen zu werden. Unsere Gegner, die franz. Spads, sind
glücklicherweise ziemlich lausig. Wenn ihnen der erste Stoß
nicht glückt, hauen sie wieder ab.
Drei Tage später, am 11. September 1917 erlitt Bettsak bei der
Rückkehr von einem Erkundungsflug vor Laon einen tödlichen
Absturz. Am 23. September fand seine Beisetzung auf dem jüdischen
Friedhof der Berliner Gemeinde in Weißensee unter militärischen
Ehren statt, zu welcher Feier Kameraden seiner Fliegerabteilung
aus dem Felde erschienen, um ihm das letzte Geleite zu geben.
Ueber den Tod hinaus fanden seine Kameraden und Vorgesetzten noch
Worte, die das Bild dieses schlichten, aber äußerst tapferen und
wagemutigen Soldaten ins rechte Licht rücken; und so heißt es in
dem Lebewohl, das ihm seine Bekannten zurufen in den Briefen, die
die Eltern erhielten:
... als damaliger Ordonnanzoffizier beim Stabe des
Res.-Inf.-Rgt. ... lernte ich Ihren Sohn als einen tapferen,
wagemutigen, uns allen einen lieben Kameraden gewordenen
Offizier kennen, dem wir alle ein treues Andenken bewahren
werden.
Dr. Julian Reis.
... genau so wie wenn unser Heinz noch heute mit mir
plaudert. Menschen, die so ausgeprägte Persönlichkeiten
waren und mit denen man so gut Kamerad war, können einem nie
ganz genommen werden.
Fliegerobltn. Hans Bergner.
... ich lernte Ihren Sohn in Hannover auf der
Flieger-Ers.-Abtlg. kennen und machte mit ihm zusammen, kurz
vor Ostern, jenen so glänzend verlaufenen Ueberlandflug von
Hannover über den Harz und Berlin nach Hannover zurück, bei
welcher Gelegenheit er Sie ja auch besuchte. Schon vorher,
aber besonders bei diesem Fluge, bei dem wir ja vollständig
aufeinander angewiesen waren, lernte ich Kamerad Bettsak
schätzen, so daß gerade dieser Flug zu meinen schönsten
Erinnerungen gehört. Stets lustig und fidel sorgte er dafür,
daß alle sich wohlfühlten.
Fliegerleutnant Ernst Reinholdt.
... wenn Ihr Sohn auch nur kurze Zeit der Abteilung
angehören durfte, so hat er doch durch Pflichttreue und
entschlossenes Einsetzen seiner Person sich die Achtung und
Anerkennung seiner Vorgesetzten, durch sein liebenswürdiges
Wesen die Zuneigung seiner Kameraden erworben. Die Abteilung
wird sein Andenken in hohen Ehren halten.
Vielleicht lindert es Ihren Schmerz etwas, zu hören, daß Ihr
Sohn in treuer Pflichterfüllung für Kaiser und Reich vor dem
Feinde gefallen ist und daß sein Ende kurz und schmerzlos
war.
von Wehrmann,
Hauptmann und Abteilungs-Führer.
* * * * *
Perikles sagte im Jahre 439 v. Chr. in seiner Leichenrede für
die jungen Männer, die im Kriege gegen Samos fielen: »Dem Jahre
ist der Frühling geraubt worden«. Auch den jüdischen Familien
Deutschlands sind viele Hoffnungen genommen. _Die Tatsächlichkeit
jüdischen Heldenmutes_ -- auch im Dienste der Fliegerwaffe --
_bestreiten zu wollen, heißt ihr Andenken und ihr Grab besudeln_.
Und wenn in der Geschichte dieses Krieges, die doch nur auf
die Berichte der deutschen Heeresleitung zurückgreifen wird,
einmal die Frage darnach gestellt wird, welche von den deutschen
Stämmen in dem furchtbaren Ringen sich hervortaten, dann wird
man mit Recht auf die Meldungen hinweisen, in denen es heißt,
daß alle Stämme gleichmäßig Gut und Blut fürs Vaterland geopfert
haben. Oftmals greift der Heeresbericht die vorzügliche Haltung
einzelner Teile heraus, unterstreicht ihren Anteil und schreibt
so die Geschichte der einzelnen Stämme. Wie aber während des
langen Kampfes Vermischungen eingetreten sind, daß in rheinischen
Regimentern Märker, Friesen und Ostpreußen ein erhebliches
Kontingent darstellten, wie letzten Endes kein Chronist restlos
die geleistete Arbeit auf die einzelnen Teile zurückführen
kann, so kann auch die Bedeutung der jüdischen Beihilfe nicht
herausgeschält werden. Schulter an Schulter haben sie mitgekämpft
und die Taten ungezählter werden vergessen und namenlos bleiben.
Die Erinnerung an einzelne aber soll festgehalten werden. Wie die
Geschichte der drei Ringe bei Lessing sich dagegen auflehnt, daß
sich eine Gemeinschaft überhebt, allein im Besitz der Wahrheit
zu sein, so sind auch die Bilder einzelner jüdischer Kameraden
Zeichen dafür, daß auch in deren Reihen Mannesmut und Hingabe für
das große Ganze bestanden hat.
Man kann zum Kriege jedwede Stellung einnehmen: die Tatsache, daß
junge Juden als moderne Dädalus und Ikarus ihre eigenen Kreise
ziehen wollen, daß sie in sich den Trieb zu Höherem und Weiterem
verspüren -- das beweist die Trefflichkeit und Lebensfähigkeit
einer Rasse, die sich im Kampf ums Dasein durch Jahrtausende
erhielt. --
Erschüttert lesen wir den Schwanengesang unseres Dichters Hugo
Zuckermann, des Verfassers des bekannten österreichischen
Reiterliedes, der nach schwerer Verwundung auf seinem Totenbette
seine Makkabäergedanken in die wunderbaren Worte kleidete:
»Heute darf ich den Genossen
Makkabäerlieder singen,
Weil ich selbst ein Schwert getragen
Und mein rotes Blut vergossen ...«
Und noch ein anderer jüdischer Dichter hat in seinem Nachlaß
ein Bild zurückgelassen, das ergreifend schlicht alles das in
wenige Worte zusammenfaßt. Es ist das Bild des jungen 20jährigen
Ludwig Franz _Meyer_, Sohn eines Sanitätsrats aus Gnesen, der um
dieselbe Zeit im Frühjahr 1915, wie der ältere Walter Heymann
und Hugo Zuckermann, vor Sochaczew tödlich verwundet wird und
wenige Tage später stirbt. Aber sein Bild lebt und klingt wie
die Synthese weichherzigen Judenschmerzes und kraftvollen
Judenstolzes:
»Ich weinte lange, eh' ich Lieder sang.
Dann aber legten sich die weißen Tränen,
Und über mich kam kraftbeschwingtes Sehnen,
Und gab mir weicher Worte schönen Klang,
Ich weinte lange, eh ich Lieder sang ....
Doch nicht zu singen nur bin ich auf Erden,
Nicht um zu singen weckt ich meine Brüder --
_Das ist mein Ziel, daß alle meine Lieder
Zu großen kraftbeschwingten Taten werden.
Denn nicht zu singen nur bin ich auf Erden_ ...«
Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26.
* * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen in der
Form Original -> Korrektur.
S. 5 jüdischen Glaubes -> jüdischen Glaubens
S. 7 Jeanne d'Are -> Jeanne d'Arc
S. 8 ins Nameslose -> ins Namenlose
geeerntete -> geerntete
S. 10 Israelitschen -> Israelitischen
S. 13 Josef _Zürndörfer_ -> Josef _Zürndorfer_
S. 14 Arthur _Chansanowicz_ -> Arthur _Chasanowicz_
S. 16 Königl. Luftkutscher.« -> Königl. Luftkutscher.
S. 17 keine Fußnote hinter "_Adolf_ und _Otto Neumann_"
S. 19 Vaerlandsliebe -> Vaterlandsliebe
S. 20 500 0000 -> 500 000
Bvölkerungsschichten -> Bevölkerungsschichten
S. 21 den wir -> denen wir
als Amerikaner« -> als »Amerikaner«
S. 22 aus Fraustadt Adolf -> aus Fraustadt, Adolf
S. 24 Firma Oxodi-Back -> Firma Orosdi-Back
13. 12. 17. -> 13. 12. 17
S. 25 #lest not least# -> #last not least#
S. 27 In derselben Nacht -> »In derselben Nacht
»spezifischen Handlungen -> »spezifischen Handlungen«
S. 28 Langen Heinrichs« -> »Langen Heinrichs«
Salbstladekarabiner -> Selbstladekarabiner
S. 29 Huntertausend -> Hunderttausend
S. 30 Ihres Sohne -> Ihres Sohnes
S. 32 Bau de Sapt -> Ban de Sapt
S. 34 »Soeben von -> Soeben von
S. 35 hinter unser Linien -> hinter unsere Linien
abgeworfen. Soweit -> abgeworfen.« Soweit
S. 37 Fliegr-Ersatz-Abteilung -> Flieger-Ersatz-Abteilung
empfing Kurz darauf -> empfing. Kurz darauf
keine Fußnote hinter "empfing"
S. 39 Ltn. Pappenheimer -> »Ltn. Pappenheimer
S. 42 _Heinz Bettsack_ -> _Heinz Bettsak_
S. 48 Batterien auch -> Batterien, auch
S. 49 ziemlich laurig. -> ziemlich lausig.
und macht mit ihm -> und machte mit ihm
S. 52 auf Erden_ ... -> auf Erden_ ...«