Eugen Fuchs

in Erinnerung an die Gründung der V. j. O. D.

zugeeignet.

Zur Geschichte der Juden und über ihre Anteilnahme an den

großen Kriegen des vorigen Jahrhunderts erschien zu Beginn des

Weltkrieges eine eingehende Untersuchung von Professor Dr. Ludwig

Geiger. Den Anteil an den napoleonischen Kämpfen leitet ein Jude

namens Berck ein, der unter Kosziuszko ein Freikorps errichtet

und zum Chef eines Reiter-Regiments avanziert. Dieser Umstand

beeinflußte den preußischen Minister Schrötter, einen unbedingten

Gegner der Juden, im Jahre 1808 seinem König einen Entwurf

vorzulegen, der sich also anließ:

»Der Jude hat orientalisch-feuriges Blut und eine lebhafte

Imagination. Alles Anzeichen einer männlichen Kraft, wenn sie

benutzt und in Tätigkeit gesetzt wird.

Er ist in der älteren und auch in der mittleren Zeit sehr tapfer

gewesen und man hat selbst in ganz neuerer Zeit, sowohl im

amerikanischen als französischen Revolutionskriege auffallende

Beispiele von Juden gehabt, welche sich ausgezeichnet haben ...«

Eine amtliche Denkschrift der preußischen Regierung

ermittelte Jahrzehnte später die Anteilnahme der Juden an

den Befreiungskämpfen. Bei einzelnen Armeekorps war keine

konfessionelle Erfassung der Kriegsteilnehmer mehr möglich.

»Indessen« kommt die offizielle Untersuchung nach Geiger zu

diesen Schlüssen, »hat sich doch ergeben, daß beim 2., 3. und

5. Armee-Korps etwa je 40 Mann, beim 6. 60 Mann und beim 4. 80

Mann jüdischen Glaubens gedient haben, und es ist besonders

angeführt, daß sie beim 2. und 3. Armeekorps _fast sämtlich_

resp. größtenteils, beim 5. Armeekorps wenigstens die Hälfte,

beim 4. Armeekorps unter den überhaupt 80 Mann 2 Mann als

freiwillige Jäger eingetreten sind, während beim 1. Armeekorps,

obschon die Listen fehlen, doch als feststehend bezeichnet wird,

daß sich im Kriege _mehr freiwillige_ als im Frieden gemeldet

haben. Ihre Führung im Kriege wird beim 2. und 3. Armeekorps als

gut bezeichnet und beim letzteren, wie beim 2. Armeekorps wird

anerkannt, daß sie zum Teil _mit besonderer Auszeichnung_ gedient

haben, wie denn auch beim 7. Armeekorps ihnen das Zeugnis gegeben

wird, sich dem Feinde gegenüber sehr brav benommen zu haben und

vom Generalkommando des 1. Armeekorps angeführt ist, daß ihre im

Kriege geleisteten Dienste gelobt würden.«

Die amtliche Untersuchung gibt daher in den bezeichnenden Worten

Ausdruck:

»Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf

man als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des

preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung

im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im

Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt.«

Ueber einzelne Heldentaten jüdischer Krieger sind bei Geiger

wertvolle Dokumente gesammelt, ebenso wie Stimmen nichtjüdischer

Autoren, die die Tapferkeit der jüdischen Soldaten und die

vaterländische Treue der ganzen israelitischen Bevölkerung

anerkennen.

Eine kleine Zahl von Juden brachte es deshalb auch zum Offizier.

Ein Jude Siegmund _Plessner_ aus Pleß bekam beim Abschied den

Hauptmannsrang (er war später Mathematiklehrer in Erfurt), Meno

_Burg_ wurde sogar aktiver Major. Seine Autobiographie hat Geiger

ebenfalls neu herausgegeben. Eine Reihe von Juden erhielten

Auszeichnungen, Eiserne Kreuze und andere Orden. Sogar den Orden

Pour-le-Mérite erhielt ein Jude, Simon _Kremser_ aus Berlin.

Er muß dem Heere und dem Fürsten Blücher wertvolle Dienste in

schweren Zeiten erwiesen haben. Eine Jüdin Louise _Grafemus_

(nach der Vossischen Zeitung vom 9. Dezember 1815) machte den

Feldzug als Freiwillige mit und wurde dabei zweimal verwundet;

auch sie erwarb sich das Eiserne Kreuz.

1866 und 1870 haben sich nach Geiger u. a. die Juden auf dem

Schlachtfelde vollauf bewährt.

Auf diese und andere historische Tatsachen wird hier nicht

eingegangen, da unsere Darstellung der heutigen Zeit gilt. Die

folgenden Blätter dienen einem erstmaligen Versuch, einige

Lebensläufe jüdischer Soldaten unseres Krieges zu sammeln, die

Erinnerung an sie festzuhalten, an der Hand objektiver und

subjektiver Dokumente ihrer Wesensheit nachzugehen und damit jenen

Bestrebungen, den Juden _generell_ Mannesmut, Pflichterfüllung

und Selbstaufopferung abzusprechen, entgegenzutreten. Nicht nur

der Kampf gegen den Antisemitismus erfordert diese Aufgabe. Die

heranwachsende Generation junger Juden darf und muß von der Art der

jüdischen Soldaten die volle Wahrheit erfahren, muß von Männern

hören, die Seite an Seite mit ihren nichtjüdischen Kameraden Gut

und Blut freudig und stolz der Staatsidee geopfert haben.

Wenn wir so Juden als Helden reklamieren, so sind wir uns

bewußt, daß der Beweis nicht einfach zu erbringen ist. Der

Begriff des Heldentums hat wenig objektive Merkmale. Mancher

Held der Geschichte verlor durch neue Enthüllungen oder hielt

den Maßstäben andrer Zeiten nicht mehr stand. Bekannt ist die

Börnesche Kritik an dem Schillerschen Nationalheros Tell, dessen

Tat dem Frankfurter ehemaligen Polizeibeamten aus dem Hinterhalt

heraus wenig ansprechend schien. Vielleicht paßt hierher das Wort

Friedrich des Großen, daß Alexander der Große ein Straßenräuber

gewesen sein mag, den aber zum mindesten sein Biograph geschickt

zum Helden, zum göttlichen Heros gemacht hat. Das Urteil der

Umwelt, die Macht eines großen Schriftstellers kann das Verdienst

vergrößern. Außerdem beeinflussen die verschiedene Beurteilung

des Beschauers, die schwankende Vorstellung des Moralischen

unserer Taten, der Wechsel des Maßstabes, und der ausgelösten

Wirkungen den Wert und die Benennung der Dinge. Die Taten eines

Götz von Berlichingen, eines Don Carlos, einer Corday, ja eines

Napoleon, wechselten als heroisch im Lichte des Tages und der

Geschichte. Jeanne d'Arc gilt den einen als ein hysterisches

Mädchen, als Typus psycho-pathologischer Weiblichkeit, auf der

anderen Seite wurde ihr nicht nur der Heiligenschein verliehen,

sondern an ihren Namen die Gloriole des höchsten Heldentums

geknüpft.

Und trotzdem begeben wir uns auf dieses schlüpfrige Parkett. Weil

wir glauben, daß unbeschadet all dieser Einwände eine _Summe von

Energie, selbstloser Hingabe und Todesverachtung_ immer wieder

Bewunderung wecken muß. Aber wo können wir diese nachweisen. Wo

müssen wir sie suchen und wo können wir sie darstellen?

Leistungen Hunderttausender sinken ins Namenlose. Die nächste

Umgebung übersieht sie. Die Historie erfährt nichts von dem

Elan der Tapfersten, weil ihrem Vorwärtsdrängen der Erfolg

ausblieb und ihnen das Glück nicht blühte, daß beredte Zeugen

ihre Tat schildern -- oder der Tod sie überraschte, ehe sich

Wirkungen auslösen konnten. Der geerntete Ruhm erhöht das

geleistete Opfer. Wer die feindliche Fahne entriß, die mit

Kanonen bespickte Bastion als erster besteigt: -- ist -- der

Held; und der Kamerad, der zehn Schritte vor ihnen als vorderster

tödlich getroffen niedersinkt -- ein unbeachtetes Opfer. Neben

der Leistung ist das praktische Resultat und ihre Anerkennung

eine Voraussetzung für das öffentliche Lob. Was alles in diesem

Krieg auf Vorposten und in Patrouillen in dunkler Nacht, im

Hagelschauer des Trommelfeuers, beim offenen Sturmangriff,

geleistet wird, kann nicht gezählt werden. Die Welt will das

Heldentum amtlich sozusagen festgestellt haben. Die Auszeichnung

und die Beförderung für bewiesene Geistesgegenwart und Wagemut

sind objektive Prüfsteine oder gelten wenigstens als solche.

Sie nehmen der Kritik die Handhabe, an den starken Qualitäten

eines Mannes zu zweifeln. Unsere Sammlung wird daran anknüpfen

müssen und auf diese äußerlichen Erscheinungen einen gewissen

Wert legen. Sie wird aus dem großen wechselvollen Spiel dieses

Krieges eine bleibende Erinnerung schaffen, uns einen Ausschnitt

bieten: das Bild jüdischer Flieger. Bei der Relativität der

Werttheorie, bei dem Mangel der Statistik, verzichten wir

darauf, erschöpfendes Material zu bieten. Wen die Frage des

jüdischen Soldaten interessiert, dem wird dieser Ausschnitt

einiges geben ....

_Heldentum und Tapferkeit_ sind der _Ausdruck einer

hochgeschraubten, individuellen Natur, sind starke, persönliche,

womöglich bewußte Impulse_ in Hinblick auf das Wohl der

Allgemeinheit, somit für das soziale Ganze. Von jedem Soldaten

wird diese restlose Hingabe verlangt und vorausgesetzt. Trotzdem

gibt es Nüanzierungen, Differenzen in der Tapferkeit der

Soldaten. In der Ausgabe der verschiedenen Orden und Ehrenzeichen

anerkennt jede Heeresleitung ihr Vorkommen.

Nicht mit Unrecht haben Infanterieoffiziere oft bittere Klage

geführt, daß ihr Opfersinn, das grauenhafte Leiden, was sie mit

Heroismus ertragen, der viele der berühmten Muster, die wir in

unserer Schulzeit bestaunten und bewundern mußten, übertrifft,

nicht genug Anerkennung findet. Gleichwohl! Die Stellung des

Linienoffiziers kann einen passiven Einschlag haben. Anthaeus

fand in der Berührung mit der Erde stetig neue Kraft. In der

Masse entwickelt mancher Infanterist sein Talent, fast jeder

stärkt an der Umwelt seine Triebe und wächst im Bewußtsein des

Siegeswillens der Nachbarn.

Die Welt des _Fliegers_ ist eine abgeschlossene. Auf sich

selbst ist der Flieger angewiesen; von seiner Umsicht hängt

das eigene Schicksal ab; nirgends ist der Zufall auf die Dauer

so ausgeschaltet wie beim Fliegerkampf. Die Tat des Fliegers

ist eine individuell-aktive, die Einflüsse der Außenwelt sind

stärker reduziert, die Erfolge persönlicher, sichtbarer. Das

soll das Leben des Liniensoldaten nicht herabsetzen; uns gilt

es eine Waffe zu sichern, bei der die Zahl der Mitläufer, der

Helden aus dem Augenblick, aus dem eisernen Muß heraus auf ein

Minimum beschränkt wird, wo tatsächlich das klare Bewußtsein und

das Vollgefühl der eigenen Tat als Voraussetzung gelten dürfen.

Und noch an eines möchten wir erinnern. Der Dienst bei der

Fliegertruppe ist ein freigewählter, das Menschenmaterial ein

ausgesuchtes. Ein Volk von physisch minderwertigen Elementen

stellt kein starkes Kontingent von tüchtigen Fliegern.

Aus solchen Gesichtspunkten heraus erschien die Darstellung

des jüdischen Einschlags an dem Ruhmesblatt der Fliegerwaffe

berechtigt. Erinnerungen an das Wirken von Juden bei anderen

Waffengattungen sollen folgen. Auf allen Kriegsplätzen sind

Judengräber geschaufelt. Tausende und Abertausende haben für

Deutschland geblutet und selbst dort, wo man von Juden keine

Ausstrahlungen ihres Mutes erwarten konnte, stoßen wir auf

wundersame Beispiele. Wer hätte an ihre Mitwirkung an den Taten

der Flotte gedacht? Aus dem Material ihres Wirkens auf U-Booten

und der Hochseeflotte darf vielleicht ein Dokument Zeugnis

ablegen. Es ist dies der Brief des Prinzen von Hohenzollern

(datiert: Malta, den 1. März 1915) an die Angehörigen des

Matrosen Levi (zitiert nach dem Hamburger »Israelitischen

Familienblatt«).

Der Brief lautet:

»In dem Gefecht bei der Kokosinsel, wo die Tätigkeit der

»Emden« ihr Ende fand, starb auch den Heldentod fürs Vaterland

der Matrose Levi. Ich bin vom Kommandanten des Schiffes,

Herrn Fregattenkapitän von Müller beauftragt, Ihnen zu dem

schweren Verlust, sein herzlichstes und wärmstes Beileid

auszusprechen. Auch im Namen der übrigen Offiziere, Deckoffiziere,

Unteroffiziere und Mannschaften der »Emden« und ebenfalls für

mich persönlich versichere ich Sie unserer aufrichtigsten

Teilnahme. Wir alle bedauern mit Ihnen den so frühzeitigen Tod

des tapferen Heimgegangenen, dessen junges Leben zu den schönsten

Hoffnungen berechtigte und der durch seinen großen Diensteifer

und sein kameradschaftliches Wesen bei Vorgesetzten und Kameraden

gleich beliebt war. Im Endgefecht der »Emden« hat er auf seiner

Gefechtsstation als Geschützmatrose sein Bestes getan und tapfer

ausgehalten bis ihm eine englische Granate einen kurzen und

schmerzlosen Tod bereitete. Im Herzen der Ueberlebenden von Sr.

Majestät Schiff »Emden« wird das Andenken an den tapferen und

beliebten Kameraden alle Zeit unvergessen bleiben.«

Ein Antisemit hat bekanntlich im Reichstage sich einen

Zwischenruf gestattet, der wohl nur eine rhetorische Frage

darstellte: »Zeigen Sie mir doch einmal einen jüdischen Flieger!«

Ich weiß nicht, ob er eine Antwort darauf bekam. Tatsache

ist, daß viele Leute glauben, es gäbe keine jüdischen Flieger,

weil ....

Selbst die Juden wissen nichts von den jüdischen Fliegern und

ahnen nicht deren Bedeutung. Täglich lesen wir irgendwo von

tapfren Bayern, oder sogar von _den_ tapfren Bayern -- als ob

jeder Bayer ein zweiter Schmied von Kochel wäre -- von dem

erprobten schlesischen Landsturm, dem zähen Märker, den braven

Ostpreußen. Und wenn ich jetzt in der Zeit des Burgfriedens,

noch mitten im Krieg, wo eigentlich jeder sich von den Tatsachen

überzeugen könnte, etwas von den Juden in der allgemeinen Presse

lese, dann steht es in der verbreiteten »Täglichen Rundschau«

oder in der »Deutschen Tageszeitung« und liest sich wahrlich

nicht zu unseren Gunsten. Jede Stadt, jede Volksschicht, ja

selbst kaufmännisch-technische Unternehmungen, Straßenbahnen oder

Kabelwerke, Handlungsgehilfenvereine und Studentenkorporationen

feiern ihre Toten und weisen -- obgleich es niemand je anzweifeln

würde -- auf ihre schweren Opfer und ihre vielen im Felde

stehenden Anhänger, Mitglieder und Freunde hin.

Von den mutigen Juden scheint kein Wort, kein Lied jetzt und

später zu klingen. Der jüdische Dichter Lissauer hat dazu keine

Zeit, er muß die Wiederkehr von Luthers Geburtstag besingen. Und

wo wir anläßlich der famosen Judenzählung auf Fürsprache stießen,

da fanden wir Redensarten, allgemeine Phrasen, appellierend an

unser Recht oder allgemeine Hinweise auf schwere Opfer, die der

Gutgläubige akzeptierte und der Altdeutsche skeptisch bezweifelte.

Und doch könnten wir reichhaltiges Material bieten, das den

Opfermut unserer jüdischen Soldaten scharf umreißt, Beispiele

davon geben, daß auch wir Männer sind, die in nichts denen

anderer Stämme Deutschlands nachstehen. Wenn wir das Verdienst

der jungen Juden an die Oeffentlichkeit bringen, dann folgen

wir nur dem Beispiel der allgemeinen Presse, dem System der

Heldentafeln, wir mehren zwar unseren eigenen Ruhm, kommen aber

nur der historischen Gerechtigkeit nach, indem wir der Helden

gedenken, die ihr junges Leben freudig für uns alle dahingegeben

haben. Ob ihr Name fortleben darf und das Gedächtnis ihrer Taten

aufgezeichnet werden soll, darüber eine Debatte zu eröffnen,

erscheint mir mehr als überflüssig. Neben deren Größe verliert

die Anschuldigung an Boden, als ob die jüdische Jugend sich nur

aus »Muß«-, »Auch«- oder gar »Nicht«-Soldaten zusammensetze.

Einen guten Ausschnitt liefert der Beitrag »jüdische Flieger«. Im

Felde ist es schwer, sich als Privatmann einen guten Ueberblick

über die ruhmvolle Beteiligung der Juden an dieser Waffe zu

verschaffen. Meine Sammlung ist deshalb nur ein Torso, der aber

doch schon eine gewisse Orientierung gestattet und vor allem die

Erinnerung an einige Juden festhält, deren Namen nicht klanglos

zu ersterben brauchen.

Im Gewühl des Weltenbrandes ist die Erfüllung dieser Aufgabe

nicht ganz einfach, um so mehr, als die Abfassung dieses Buches

in die Kämpfe der Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 fiel, in

eine Zeit, in der ein Truppenarzt eines Regiments unter Tausend

Widrigkeiten nur in Eile das Material, das sonst zerflatterte,

zu Papier bringen konnte. Der Leser wird daher den Mängeln der

Arbeit nachsichtig sein!

* * * * *

Horch, in Lüften kreist,

Unser Denkergeist.

Immer höher, immer schneller,

Trommeln, wirbeln die Motoren und Propeller ...

Den, der dieses gesungen, nahm der Tod aus reichem dichterischen

Schaffen auf dem Schlachtfeld vor Soissons, am 8. Februar 1915

und seine dankbare Heimat schuf ein Denkmal an sein Wirken an

der ewig-brandenden Ostsee, an den jungen Walther _Heymann_; zu

früh traf ihn die feindliche Kugel, als daß er noch selbst hätte

Flieger werden können. Aber nach ihm kamen Söhne seiner Rasse,

die Jünger des Merkur, all die, die vordem auf dem Kontorsessel

gethront hatten, mit Maß und Elle hantiert oder den Böcken in

den Kontobüchern nachgejagt hatten, tauschten ihren Beruf ein

und saßen am Motor und Maschinengewehr, vergaßen die geblümten

und getipfelten Kattuns, Aktien und Kupons und wurden Genossen

der Abkömmlinge, die seit Geschlechtern in der Jagd, in der

Körperkultur und im Militär Lebensberuf oder Lebensfreude

gefunden hatten.

Nicht immer ging diese Metamorphose leicht vor sich: manch einer

zahlte schon sein Leben, ehe er den Flugplatz verließ.

Gedenken wir zuerst einiger Toten, denen nur eine kurze

Fliegerlaufbahn beschieden war. Einer der ersten von diesen war

der Leutnant d. Reserve Josef _Zürndorfer_ aus Rexingen, vor dem

Kriege Kaufmann in Bochum. Er hatte 1910 seiner Dienstzeit beim

6. württembergischen Inf.-Reg. als Einjähriger Genüge geleistet

und rückte mit dem 154. Inf.-Reg. ins Feld, wo er als einer der

Ersten das »Eiserne« und die Württembergische Verdienstmedaille

erhielt, sowie zum Offizier-Stellvertreter aufrückte. Bei

Combres, während eines Sturmangriffes verwundet, meldete er sich,

kaum genesen, zu den Fliegern. In einem Briefe nach Hause jubelte

er laut: »Meine Wünsche sind erfüllt, ich habe ein glückliches

Los gezogen«. Frühzeitig erliegt er einem Unfall.

»Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes

Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle

Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten«,

heißt sein Bekenntnis in seinem Testament.

Ebenso verunglückte der Kriegsfreiwillige Jakob _Lichtenstein_

bei der Fliegerabteilung Elsenmühle. Lichtenstein stammte aus

Neustadt bei Pinne.

In Gotha stürzte der Sohn des Stuttgarter Buchhändlers Karl Levi,

der 21jährige Eugen _Levi_ ab. Ein elsässischer Jude Martin

_Bloch_ aus Markirch erlitt 1916 dasselbe Geschick.

Dasselbe Los fand ein ausländischer Jude, der -- wie viele andere

-- die Sympathien für Deutschland mit dem Leben büßte.

Der Flugzeugführer Arthur _Chasanowicz_ (im Jahre 1892 geboren)

studierte auf der Technischen Hochschule in Charlottenburg,

wo er auch sein Diplom-Ingenieur-Examen ablegte. Bei Ausbruch

des Krieges meldete er sich, _obwohl er Russe war_ -- sein

Vater stammt aus Grodno, -- freiwillig als Motorradfahrer

bei verschiedenen Truppen, wurde aber abgewiesen, da er

herzkrank sei. Er ließ sich in der Kgl. Charité in Berlin

daraufhin untersuchen und hierbei wurde festgestellt, daß

zwar eine beträchtliche Herzneurose aber kein ausgeprägter

Herzfehler vorliege. Daraufhin meldete er sich nochmals bei der

Fliegerabteilung in Adlershof-Johannisthal; er wurde zum 1.

Februar 1915 eingestellt. Zuerst wurde er als Infanterist in

Alt-Glienicke bei Adlershof ausgebildet. Auf der Fliegerschule

in Johannisthal machte er seine Pilotenexamen und wurde dann

als Flugzeugführer zur Art.-Beobachterschule nach Jüterbog,

Altes Lager, abkommandiert. Von dort aus unternahm er größere

Ueberlandflüge. Auf einem solchen Fluge verunglückte er am

26. September 1915 beim Aufstieg auf dem Flugplatz in Breslau

(Gandau) und starb im dortigen Lazarett am 1. Oktober 1915. Ueber

diese Fahrt gibt sein letzter Brief vom 25. September 1915

näheren Aufschluß. Die Beerdigung nach erfolgter Ueberführung

nach Berlin war am 5. Oktober 1915 in Weißensee.

Breslau, den 25. August 1915.

Liebe Eltern!

Nach einer durch wunderschönes Wetter begünstigten Fahrt von

vier Stunden bin ich glücklich in Breslau angekommen. Eine

solch schöne Fahrt habe ich noch nie gemacht, denn heute

konnte ich recht die Freuden des Luftsportes kennen lernen.

Ich flog über den Spreewald, über die Schlesische Seenplatte

und die großen schlesischen Städte, die sich endlos an den

Chausseen entlangziehen. Doch den schönsten Anblick genoß

ich, als sich am Himmel, immer deutlicher werdend, das

Riesengebirge dunkelblau schimmernd vom hellblauen Himmel

abhob. Hoch hinaus ragte die Schneekoppe, der ich zu gern

einen Besuch in der Luft abgestattet hätte. Wunderschön

kam dann hinter dem Riesengebirge das Glatzer Bergland und

die Böhmischen Höhenrücken hervor, so daß ich das schönste

Panorama genoß. Als ich die Oder erreichte, auf der die

Schiffe wie kleine Punkte aussahen, wurde es zwar schlechtes

Wetter, doch kam ich glücklich in Breslau an. Wenn auch der

Flug etwas anstrengend war, so war er doch der schönste,

den ich bis jetzt gemacht habe. Ich habe einen Leutnant

mit, der gerade nicht allzu nett ist, aber das stört mich

nicht. Er kam nämlich auf diese Weise per Flugzeug zu

seiner Großmutter zu Besuch, um ihr zu ihrem heutigen 75.

Geburtstage zu gratulieren. Er wird sich sicherlich schon

genug dort aufgeblasen haben, was er alles kann; sich sein

Flugzeug anspannen lassen und dann »Kutscher auf, nach

Breslau geflogen« ...

Den zweiten Genuß bot mir nun die Stadt Breslau. Ja, wenn

ich nun hier längere Zeit bleiben könnte, um das alles in

mich aufzunehmen, was die Stadt architektonisch bietet, und

was ich jetzt erst richtig verstehen und schätzen kann, dann

würde ich unendlich viel lernen. Vielleicht, daß ich bitte,

mich für einige Wochen nach Breslau zu versetzen. So konnte

ich nur alte Erinnerungen auffrischen und konstatieren, daß

ich recht viel behalten habe, so daß ich sogar die Straßen

und die Lage der einzelnen Gebäude noch wußte. Hier merkt

man auch sehr wenig vom Krieg. Die Leute bummeln auf den

Hauptstraßen wie auf der Tauentzien, und auch ich werde mir

heute Abend den Rummel ansehen. Ich wohne direkt fürstlich

gegenüber einem Soldatenquartier in dem feinsten Hotel,

in einem Damensalon mit Waschtoilette, Frisierspiegel

und Toilette, Spiegelschrank und noch ein paar Spiegel,

Damenschreibtisch mit zierlichen Möbeln, elegantes Bett mit

wundervollen Gobelin-Dekorationen darüber und lauter feine

Sachen, natürlich elektrisch, Telefon, Bad, das ganze

Zimmer mit Friesteppich ausgelegt, also wie ein Fürst und

das ganze auf Rechnung meines Leutnants, als Kutscherlohn

für die Reise. Morgen früh geht es nach Dresden weiter und

werde dort den Sonntag über bleiben. Vor allem danke ich für

das Paket und die »süßen« Wollsachen, die leider schon alle

sind.

Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung · 第 4 / 16 题