Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden
sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne
zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und
Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling
kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine,
verkrüppelte Eicheln.
Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein
Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers
und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines
vornehmen Europäers.
In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
Es ist ein holdseliger Morgen!
Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen
blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine
Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen
einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der
Eichenschößlinge versteckt.
Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und
selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine
Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade
über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört
ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei
Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und
spinnt sich vorwärts.
Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen
graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem
Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen
Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein
Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
Küchlein.
Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab,
es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und
zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den
Haufen der weißen Ameisen auf ...
Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer
brauner Pilz auf.
Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe,
die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das
Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus --
und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in
den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich
freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo
Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort
vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit
einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und
im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren
schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und
pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über
die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft
in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich
gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und
das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit
seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge
spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden;
das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es
und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem
Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier
hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den
Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte
sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem
rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich
in ihrer Jagd gestört wurde.
Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist
stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten,
eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der
bebenden Körperringe erhoben.
Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen
blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die
Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der
unsanften Behandlung in Strix' Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt
ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung
getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum
herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix,
sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes
umgekehrtes Fragezeichen.
Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie
ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten,
nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis
auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen
das Gift strömen.
Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern,
die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab.
Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei
Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch,
wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht
vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden.
Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix' Kopf
gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen
Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen,
tiefgespaltenen Zunge entsendet.
Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher
beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und
Ausfall.
Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen
gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht
auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat
decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie --
zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur
Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die
Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift
sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet
die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem
langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter
ihr drein ...
Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt
ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß
der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen
Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres
fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie!
Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja
früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht
gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit
Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können;
mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig
noch!
Es ist Strix' Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt;
von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die
Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht
bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel
nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf
plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz
der Schwerkraft.
Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten,
geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und
mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie
beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die
Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald
mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu
befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen
Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der
Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben
wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß
es durch Strix' Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin,
wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der
Erde gefangenen Gondel kämpft.
Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen.
Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken
in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die
Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
Da läßt die Kreuzotter los.
Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um
Strix' Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die
eine von Strix' Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange
mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge
werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um
sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen
übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute,
als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten
lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich
nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt
in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen
Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter.
Es quillt heraus und siedet um sie auf.
Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
Junge ab!
Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker,
geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.
-- -- --
Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und
schlief damit.
Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!
_Die Heide blüht!_
Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf
einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam
ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln
und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp
seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den
Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem
Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.
Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie
hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.
Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die
Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr
den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich
reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.
Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller
Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr
Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis
auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem
Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne
weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug
ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und
sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf
ihren Flügeln in die Luft empor.
Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.
Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre
Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl
gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.
Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie
versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --
Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und
kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.
Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und
sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und
Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste
störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.
Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel,
die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.
Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das
Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln.
Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker,
übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem
Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.
Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb
färbende Wälder.
Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören,
schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.
Der Herbst ist im Anmarsch.
Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von
Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und
ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und
heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach
einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man
glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst
gekeimt hat.
Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher
gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.
Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge
und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren
Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht
es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus
herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig
nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu
müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der
Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie
selbst darunter geraten.
Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche
Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht
ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber.
Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und
wandern ...
In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp »Eulenbrot«.
Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen.
Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und
setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt
die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie,
wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen
und in sich hineinstopfen.
-- -- --
Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder
-- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die
Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer
aus Zweigen um sie her.
Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor
und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden
Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit
ihrer Streu und ihrem Dünger.
Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das
fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt,
steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.
Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das
Plätschern nur weich und sanft empfindet.
Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen
zu spuken.
Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch
geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie:
Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
Unterhaltendste, was sie sich denken kann!
Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl,
welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein
Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer
weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim
und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.
Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem
Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter
Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
dreinzieht.
Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft
des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein
verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und
regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner
geliebten Großstadt.