Der Sommer verging --

Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu

finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen

sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz

umgewandelt.

Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen,

wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen

breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen

und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien

Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf.

Selbst Strix' kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden.

Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche

Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit

lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres

Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der

Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der

Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der

Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte

jetzt der Menschengeist.

Es wurde Winter -- und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr

einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...

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Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie

er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des

großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des

Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle

und tiefe Kastanienbraun.

Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch

die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und

seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte

er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen

konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem,

was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.

Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein

Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und

einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün

und unerfahren ...

Er ließ sich indessen gut an!

An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater -- und

so jung er war, ließ _er_ sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam

gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu

haben.

Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das

konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit

Weissagungen abgegeben.

Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war

so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen

Taa gegenüber.

Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich

von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.

So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen,

daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen

kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.

Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden

war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für

einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine

Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner

Seite.

Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide

am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für

Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu

spüren war, fand er sich darein.

Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim.

Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich

in ihrer luftigen Stube zu putzen.

Strix sitzt in der ihren über ihnen.

An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind

überall auf den Beinen.

Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden

den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da

zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins

an. Das »Schwein« wird gebraten -- und es schwält häßlich durch den

ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest,

und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.

Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger

schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.

Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?

Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um

ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit

Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile

übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald

breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen

Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie

von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?

Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen.

Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große

Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes

gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder

sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten

Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde

es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.

Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!

In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich

zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach

Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht

viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.

Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.

Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere

Gegend suchen!

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Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von

Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schönen Nacht überkommen sie

sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.

Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es

ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge

befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf

eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht

still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen

zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst

und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so

steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht

grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den

Waldeswipfeln auf und verschwindet.

Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von

den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach

denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den

ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe,

dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.

Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als

wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch

weniger umgänglich gemacht hat.

Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen

eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo

wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel

erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen

Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie

muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach

dem Licht krümmen und strecken sieht.

Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und

verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten,

in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen.

Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre

Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur!

Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen

großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine

Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.

Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt,

sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren

Sitzplatz verbreiten muß.

Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen

wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen

Taa zu teilen.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 17 / 31 题