Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß -- --

Und Strix sträubt die Hörner.

Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie

gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor

wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene

Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein

brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in

die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren

Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden

-- --

Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger

Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_!

Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt

am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,

auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.

Herr du meines Lebens! -- entfährt es seinem Munde, und er reißt ein

gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!

Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen

wiederholt sich.

Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören,

ihr Mißtrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie muß aus

ihrer alten Wohnung ausziehen.

Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,

lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem

alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt

und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel

erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht

sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber

schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz

regelrecht auch Tannen!

Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche,

der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein

enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch

faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch

unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist

der Spalt doch!

Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die

Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen

andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre

Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine

fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß

aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm

roch es den ganzen Sommer.

Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen

kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als

daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster

machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.

Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken

und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde

der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von

denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den

sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den

allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie

draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den

kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und

ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte -- und diese

Laubhütte benutzte Strix oft und lange.

Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und

Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren

Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,

zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen

Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die

Lumpen des Waldes -- die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln

-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wußte sie, daß die

Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen

kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und

flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in

ihrem Spalt zu verstecken.

Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen

die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch

die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht,

auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu

sagen!

In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer -- schwül und zum

Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im

Schnabelbart -- in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch

und kühl gewesen!

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 16 / 31 题