1. Das Ohr des Waldes

In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und

Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil

empor.

Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne

seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die

Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.

An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen

Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.

Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie

hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß

gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.

Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.

... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und

frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.

Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach

dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.

Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der

Öffnung.

Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt

ist, wie der Hügel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne,

die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines

Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die

Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in

den andern.

Es ist ein Nachtraubvogel --: ein großer, braungefiederter Uhu!

Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier

sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her

über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her

und bis zu ihm in das Loch hinein.

Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ...

Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach

abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.

Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf

wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen

ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst

die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten.

Er _fängt_ kein Tier, dieser große Uhu -- er _schlachtet_ es!

Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein

brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und

rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um

sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines

Gegners zu bilden.

Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es

sehen.

Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den

Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den

verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem

eine ganze Stallratte verschwinden kann.

Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im

Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich

geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die

Schallwellen anschlagen können.

Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie

die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden

Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!

Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel

eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.

Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie

sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam

Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so

daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt.

Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die

Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die

schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der

einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie

hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein

Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden

Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.

Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,

sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die

Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen

schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,

sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.

Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ...

Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht

hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs

der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der

sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige

wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des

Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen.

Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...

Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand,

die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre

Fänge gebreitet.

Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem

Leib herabgezogen -- dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches,

unzugängliches.

Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.

Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter

ihrem Baum schreien -- sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter

Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich

zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie

Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an

einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen,

ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.

Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so

sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.

Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen

einen Augenblick still und glühen -- und verschwinden dann wie

Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen

schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im

Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen

Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug

ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.

Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt

auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom

Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub

auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in

lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben

lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.

Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt

Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie

alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf

seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal

erblüht!

Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen,

und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel,

während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums

sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben.

Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.

Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände,

die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die

holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von

Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich

angesammelt -- und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in

der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle

Vorhänge.

Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und

zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.

Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte

Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel

schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz

angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals

machen.

Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;

er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn

dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und

schüttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so

innerlich gut.

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Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu

ihr herein.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 4 / 31 题