Der _Geometrie descriptive_ von Monge darf man die _Geometri

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* * * * *

DIE HAUPTSAECHLICHSTEN

THEORIEN DER GEOMETRIE

IN IHRER FRUEHEREN

UND

HEUTIGEN ENTWICKELUNG.

HISTORISCHE MONOGRAPHIE

VON

DR. GINO LORIA,

PROFESSOR DER HOEHEREN GEOMETRIE AN DER UNIVERSITAET ZU GENUA.

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UNTER BENUTZUNG ZAHLREICHER ZUSAETZE UND VERBESSERUNGEN SEITENS DES

VERFASSERS

INS DEUTSCHE UEBERTRAGEN

VON

FRITZ SCHUETTE.

MIT EINEM VORWORTE VON PROFESSOR R. STURM.

LEIPZIG,

VERLAG VON B. G. TEUBNER.

1888.

* * * * *

Druck von B. G. Teubner in Dresden.

* * * * *

Seiner teueren Mutter

als schwaches Unterpfand inniger Liebe

widmet diese Arbeit

der Verfasser.

{III}

* * * * *

Vorwort.

------

Diese deutsche Uebersetzung der im vergangenen Jahre in den _Memorie della

Reale Accademia delle Scienze di Torino_ (Ser. II, Bd. 38) erschienenen

Monographie des Herrn Gino Loria: _Il passato e il presente delle

principali teorie geometriche_, welche mein Schueler Herr Fritz Schuette

angefertigt hat, begleite ich gern mit einem empfehlenden Vorworte, nachdem

ich sie mit der Originalschrift und den handschriftlichen Zusaetzen und

Verbesserungen des Herrn Verfassers in Bezug auf ihre Richtigkeit

verglichen habe.

Eine Geschichte der Geometrie unserer Zeit, in der jedes Jahrzehnt uns mehr

vorwaerts bringt, als es frueher in einem Jahrhundert geschah, welche uns

zu ungeahnten allgemeinen Anschauungen gefuehrt hat, zu besitzen, ist der

Wunsch aller Geometer; aber wir wissen auch alle, wie unvergleichlich

schwerer die Aufgabe, eine solche zu schreiben, heute ist als vor fuenfzig

Jahren, wo der _Apercu historique_ von Chasles erschien.

Herr Loria will seine "Chronik", wie er seine Schrift in der Einleitung

nennt, nur als eine Vorarbeit angesehen haben, welche zur Inangriffnahme

des grossen Werkes der Abfassung einer Geschichte der modernen Geometrie

anspornen und diesem Werke dienen soll. Der Umfang, den er zunaechst seiner

Arbeit gegeben hat, bringt es, wie er selbst mehrfach bemerkt, freilich mit

sich, dass die Darstellung bisweilen auf eine blosse Aufzaehlung von Namen

und Schriften hinauslaeuft. Aber auch in diesem engeren Rahmen ist es,

meine ich, dem {IV} Verfasser gelungen, dem Leser, als welchen ich mir in

erster Linie einen Studierenden vorstelle, der schon etwas ueber die

Anfaenge hinaus ist, eine anschauliche Uebersicht der hauptsaechlichsten

Untersuchungsrichtungen der Geometrie unserer Zeit vorzufuehren; fuer alle

Geometer aber werden die reichhaltigen Litteraturnachweise von grossem

Werte sein. Etwaige Luecken in denselben wird jeder, der unsere fast

unuebersehbare und den wenigsten vollstaendig zugaengliche mathematische

Litteratur kennt, dem Verfasser nicht anrechnen, und jede Mitteilung einer

wesentlichen Verbesserung oder Ergaenzung wird er gewiss gern

entgegennehmen, um seine Schrift noch wertvoller zu machen, falls ihr eine

neue Auflage beschieden wuerde.

Die Veraenderungen, welche diese Uebersetzung im Vergleich mit dem

italienischen Originale aufweist, bestehen, ausser stark vermehrten

Litteraturnachweisen, in einer viel eingehenderen Besprechung der

Differentialgeometrie im Abschnitte III und der Umarbeitung der auf die

Gestalt der Kurven und der Oberflaechen und die abzaehlende Geometrie

bezueglichen Teile der Abschnitte II und III zu einem besonderen

Abschnitte.

Muenster i. W., Ende Mai 1888.

R. STURM.

{V}

* * * * *

Inhaltsverzeichnis.

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Seite

Einleitung 1

I. Die Geometrie vor der Mitte des 19. Jahrhunderts 3

II. Theorie der ebenen Kurven 21

III. Theorie der Oberflaechen 31

IV. Untersuchungen ueber die Gestalt der Kurven und Oberflaechen.

Abzaehlende Geometrie 60

V. Theorie der Kurven doppelter Kruemmung 71

VI. Abbildungen, Korrespondenzen, Transformationen 80

VII. Geometrie der Geraden 98

VIII. Nicht-Euklidische Geometrie 106

IX. Geometrie von n Dimensionen 115

Schluss 124

Abkuerzungen fuer die haeufig erwaehnten Zeitschriften 130

Verzeichnis der verstorbenen Geometer, deren Lebenszeit angegeben ist 132

{1}

* * * * *

Einleitung.

------

"Apres six mille annees d'observations l'esprit humain n'est pas

epuise; il cherche et il trouve encore afin qu'il connaisse qu'il peut

trouver a l'infini et que la seule paresse peut donner des bornes a ses

connaissances et a ses inventions." -- Bossuet.

Die Fortschritte der exakten Wissenschaft im allgemeinen und der Mathematik

im besonderen[1] sind in diesen letzten Zeiten so betraechtlich gewesen,

fortwaehrend folgen weitere nach, so schnell und unaufhaltsam, dass sich

lebhaft das Beduerfnis fuehlen macht, einen Rueckblick auf den schon

gemachten Weg zu werfen, welcher den Anfaengern ein leichteres Eindringen

in die Geheimnisse derselben und den schon Vorgeschrittenen ein sichereres

Urteil gestattet, welches die Probleme sind, deren Loesung am dringendsten

ist.

Der Wunsch, diesem Beduerfnisse zu entsprechen, soweit es die Geometrie

anlangt, d. h. soweit es den hoeheren Teil {2} unserer positiven Kenntnis

betrifft -- da, wie Pascal sagte, tout ce qui passe la geometrie nous

surpasse -- ist es, der mich veranlasst, vorliegende Abhandlung zu

schreiben.

Moege dieser unvollkommene Abriss die Veranlassung sein zu einer Schrift,

die der Erhabenheit ihres Zieles wuerdig ist; moege diese duerftige Chronik

der Vorlaeufer sein einer "Geschichte der Geometrie in unserem

Jahrhundert". {3}

* * * * *

I.

Die Geometrie vor der Mitte des 19. Jahrhunderts.

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"Alle Entwickelungsstufen der Zivilisation sind so eng miteinander

verknuepft, dass man vergebens versuchen wuerde, irgend einen Zweig der

Geschichte von einer bestimmten Epoche ab zu studieren, ohne einen Blick

auf die vorhergehenden Zeiten und Ereignisse zu werfen."[2] Wenn das im

allgemeinen wahr ist, so wird es doppelt der Fall sein "bei einer

Wissenschaft, die so konservativ ist, wie die Mathematik, welche das Werk

der vorhergehenden Periode nicht zerstoert, um an dessen Stelle neue Bauten

zu errichten".[3] Daher ist es unerlaesslich, dass ich, bevor ich an das

eigentliche Thema dieser Abhandlung herantrete, d. h. bevor ich ueber die

moderne Geometrie spreche, kurz angebe, auf welche Weise die Geometrie zu

dem Standpunkte gelangt ist, von welchem ab ich vorhabe, ihre Entwickelung

eingehender zu verfolgen.

Den ersten Ursprung der geometrischen Untersuchungen festzustellen, ist ein

fast unausfuehrbares Unternehmen. Die taeglichen Erfahrungen jedes

denkenden Menschen fuehren auf eine so natuerliche Weise zur Vorstellung

der einfacheren geometrischen Formen und zur Erforschung ihrer

gegenseitigen Beziehungen, dass man vergebens versuchen wuerde, den Namen

desjenigen zu nennen, der zuerst Geometrie betrieben hat, und anzugeben, zu

welcher Zeit sie entstanden ist. Daher sind die Kenntnisse, welche man

ueber die ersten Spuren dieser Disziplin hat, sehr unbestimmt; wer sich {4}

vornimmt, sie festzustellen, den umhuellt, wenn nicht voellige Finsternis,

so doch nur ein wenig Daemmerlicht, welches ihm nur gestattet, die Umrisse

bedeutenderer Bruchstuecke, welche sich den Unbilden der Zeit entzogen

haben, zu erkennen. So kann ein solcher feststellen, dass die aeltesten

geometrischen Studien von den Aegyptern gemacht sind, und kann die

Erzaehlung Herodots wiederholen, nach welcher diesem Volke ein sehr

wirksamer Antrieb, sich mit Geometrie zu befassen, durch die periodischen

Ueberschwemmungen des Nils gegeben wurde, welche, indem sie die Grenzen

zwischen den kleinen Besitzungen, in die Aegypten unter seine Einwohner

verteilt war, verwischten, sie noetigten, dieselben jedes Jahr wieder

herzustellen.[4] Die Haltbarkeit dieser Hypothese, um die Thatsache zu

erklaeren, dass in Aegypten die Wissenschaft, von der wir handeln, eifrig

betrieben sei, wird durch die praktische Natur der Gegenstaende bewiesen,

welche dort eingehender behandelt wurden: specielle Konstruktionen,

Messungen von Laengen, Flaecheninhalten, Volumen u. s. f.[5]

Indem die Kenntnisse der Aegypter nach Griechenland uebergingen, erhielten

sie durch Thales (640-540)[6] und die Anhaenger der ionischen Schule,

welche er gruendete, eine wissenschaftlichere Gestalt. Thales ist in der

That der erste, der sich damit beschaeftigt hat, die von den Aegyptern

entdeckten Saetze und einige andere streng zu beweisen. Jedoch erhob sich

die Geometrie unter seinen Haenden noch nicht zur wahren Wissenschaft;

diese Wuerde erlangte sie erst {5} durch die Untersuchungen des Pythagoras

(nach einigen 569-470, 580-500 nach anderen) und seiner Schueler.

Ungluecklicher Weise aber bestand eine der Regeln, welche die Pythagoraeer

strenge beobachten mussten, darin, dass sie die Lehren, welche der Meister

vortrug, geheim halten mussten; daher kam es, dass der geometrische Teil

derselben allen, die nicht dieser Schule angehoerten, unbekannt blieb. Aber

nachdem das Haupt gestorben war, da suchten seine Anhaenger, als sie bei

den inneren Kaempfen, welche die Republiken Grossgriechenlands zerrissen,

besiegt worden waren, Zuflucht in Athen und offenbarten dort, von der Not

getrieben, die Geheimnisse, welche sie bis dahin so strenge verwahrt

hatten. Und der wohlthaetige Einfluss einer groesseren Verbreitung dessen,

was die Pythagoraeer von der Mathematik wussten, ist durch die wichtigen

Forschungen offenbar geworden, welche in der Folgezeit die griechischen

Gelehrten in der Periode, welche zwischen Pythagoras und Plato (429-348)

liegt, gemacht haben. Sie koennen in drei Kategorien geteilt werden,

benannt nach den beruehmten Problemen: der Dreiteilung des Winkels, der

Verdoppelung des Wuerfels, der Quadratur des Kreises, und fuehrten zur

Vervollkommnung des mehr elementaren Teiles der ebenen Geometrie.

Plato verdanken wir den ersten Anstoss zum methodischen Studium der

Stereometrie, und das ist nicht das Einzige, wofuer der goettliche

Philosoph auf den Dank der Geometer Anspruch erheben koennte; denn ihm ist

auch die analytische Methode zuzuschreiben, deren Macht allen bekannt ist,

und seiner Schule (Akademie) die Lehre von den Kegelschnitten und, was

nicht weniger wichtig ist, die von den geometrischen Oertern.

Aus diesen gedraengten Angaben[7] wird man leicht entnehmen koennen, dass

die Bemuehungen der angefuehrten Geometer zu einer Fuelle von Eigenschaften

der Figuren und zu Methoden, sie zu erklaeren, gefuehrt und die Elemente

fuer eine methodische Behandlung der Geometrie vorbereitet hatten. {6}

Daher dauerte es nicht lange, dass vollstaendige Zusammenstellungen dessen,

was entdeckt war, erschienen. Von vielen kennen wir nur die Existenz; nur

eine einzige ist uns vollstaendig erhalten worden, _die Elemente_ des

Euklides, und das glaenzende Licht, welches von ihnen ausgeht, fuehrt uns

zu der Vermutung, dass alle die anderen Zusammenstellungen durch die

Vergleichung mit ihnen verdunkelt sind.

Mit diesem Buche, welches nach zweitausend Jahren noch als einzig angesehen

wird, "von dem man fuer die Entwickelung der Jugend diejenigen Resultate

erhoffen kann, mit Ruecksicht auf die bei allen zivilisierten Nationen der

Unterricht in der Geometrie eine solch bedeutende Stellung in der Erziehung

der Jugend inne hat",[8] nimmt die wahre Wissenschaft der Geometrie ihren

Anfang. Es ist das granitene Piedestal, auf welchem der grossartige Bau der

griechischen Mathematik sich erhebt, auf dessen Gipfel sich die anderen

Werke Euklids und die unsterblichen Arbeiten von Archimedes (287-212),

Eratosthenes (276-194) und Apollonius (ca. 200 v. Ch.) befinden.[9]

Diese beruehmten Gelehrten bezeichnen den Hoehepunkt der griechischen

Wissenschaft; nach ihnen beginnt die Periode des Verfalles, ja sogar, trotz

einiger wichtiger Untersuchungen eines Hipparch (161-126) und eines

Ptolomaeus (125 bis ungefaehr 200), trotz der Arbeit eines genialen

Kommentators, wie Pappus war (derselbe lebte gegen Ende des {7} dritten

Jahrhunderts unserer Zeitrechnung), kommen wir nach und nach zu einer

Periode voelliger Unthaetigkeit auf dem Gebiete der Geometrie.

Die Roemer, die Eroberer und Gesetzgeber der Welt, scheinen jedes

Untersuchungsgeistes zu entbehren, und wenn die Geometrie in der Epoche, in

welcher sie herrschten, nicht ganz verfiel, so geschah das dank ihren

Agrimensoren, welche jedoch bei ihren Operationen nur eine Genauigkeit zu

erreichen suchten, die fuer die Beduerfnisse des taeglichen Lebens

ausreicht.[10]

{8}

Auch das Mittelalter kann keine Veranlassung geben zu einer laengeren

Eroerterung. Die dichte Finsternis, welche in dieser Zeit die ganze

Menschheit bedeckte, gestattete nicht das Auftreten eines Gelehrten, dem

man irgend einen bemerkenswerten Fortschritt in der Geometrie verdankt. Man

kann nur erwaehnen, dass die vielfachen in dieser Zeit errichteten heiligen

Bauwerke, die nach dem Ausspruche eines grossen Dichters so zahlreich und

kuehn waren, weil sie die einzigen der menschlichen Intelligenz damals

erlaubten Aeusserungen darstellen, Kunde davon geben, dass derjenige Teil

unserer Wissenschaft, der jedem Baumeister unentbehrlich ist, auch in

dieser Zeit im allgemeinen bekannt war.

Diese fuer unsere Wissenschaft so traurige Zeit kann man als beendet

ansehen mit Leonardo Fibonacci (etwa 1180-1250); erst als von diesem

ausgezeichneten Gelehrten die Algebra nach Europa uebergefuehrt worden war,

und seine hervorragenden Arbeiten ihren Einfluss ausuebten, da hatte diese

Periode der wissenschaftlichen Unthaetigkeit ein Ende, und es beginnt eine

neue Zeit, deren wir Italiener uns mit Stolz erinnern muessen, da in ihr

unser Vaterland das Scepter der Mathematik inne hatte. Jedoch gravitierte

diese Periode, wenn sie auch von grosser Bedeutung fuer die analytischen

Untersuchungen ist, nicht in merklicher Weise nach den geometrischen.

Cardano (1501-1576), Scipio Ferro (?-1525), Tartaglia (1500-1559), Ludovico

Ferrari (1522-1565) und andere weniger bedeutende, die dieser Periode

angehoeren, haben den Ruhm, in unserem Lande die Entwickelung eines der

wichtigeren Teile der Analysis, naemlich der Theorie der Gleichungen,

bewirkt zu haben, sowie auch die Vervollkommnung einiger der schwierigsten

Teile derselben gefoerdert zu haben, dank den oeffentlichen

wissenschaftlichen Herausforderungen, welche eine charakteristische

Eigentuemlichkeit dieser Zeit waren. Hingegen ueberlieferten {9} sie die

Geometrie ihren Nachkommen fast in demselben Zustande, in welchem sie

dieselbe von den Griechen und den Arabern erhalten hatten.[11]

Nach dem Tode dieser tapferen Kaempen ging der Primat in der Mathematik

ueber die Alpen und wurde von Frankreich infolge der Verdienste eines Vieta

(1540-1603) und eines Fermat (1590-1663) uebernommen. Durch sie bereicherte

sich die Geometrie mit Loesungen, die man vorher vergebens gesucht hatte.

Auch wurden einige Werke des Apollonius, deren Verlust man beklagt hatte,

wieder hergestellt.

Nicht viel spaeter vermehrten Pascal (1623-1662) und Desargues (1593-1662)

das Erbteil der Geometrie mit originellen Gesichtspunkten, mit neuen

Methoden und neuen Saetzen[12]. Aber die von ihnen ausgesprochenen Ideen

blieben {10} viele Jahre hindurch unfruchtbar, weil sie von dem

analytischen Geiste, dessen ueberwiegender Einfluss sich schon geltend

gemacht hatte, unterdrueckt wurden.

Gleichwohl war im 17. Jahrhundert das Vorwiegen der Analysis noch nicht ein

solches, dass es die Geometer die Probleme, deren Loesung man seit langer

Zeit und so lebhaft gewuenscht hatte, vergessen liess. Zwischen den

Bestrebungen dieser Zeit und den Wuenschen der Gelehrten erhob sich in der

Folge ein Wettkampf eigener Art, und aus dem Zusammenstosse

verschiedenartiger Ansichten und Bestrebungen entsprang ein Funke, der

faehig war, eine Flamme zu erregen, welche die kommenden Generationen

erleuchten sollte;[13] es entstand die analytische Geometrie (1637).

Wenn man auch schon in einigen Methoden der griechischen Geometer, in

einigen praktischen Regeln der Maler, der aegyptischen Astronomen und der

roemischen Agrimensoren Spuren von dem finden kann, was wir heute

rechtwinkliges Cartesisches Koordinatensystem nennen; wenn auch schon die

Araber und die italienischen Algebraiker aus der Renaissancezeit

geometrische Betrachtungen auf die Loesung der Gleichungen angewandt

hatten,[14] wenn auch schon Vieta die Abscissen gebraucht hatte, um

vermittelst Zahlen die Punkte einer Geraden zu bestimmen, wenn schliesslich

Nicolaus Oresme (ca. 1320-1382) und Fermat mehr oder weniger bewusst sich

der Koordinaten bedient haben; so scheint doch ganz unbestreitbar Descartes

(1596-1650) der erste zu sein, welcher in ihrer ganzen Ausdehnung die volle

Einsicht von der Moeglichkeit, mit den algebraischen Rechnungszeichen die

nach irgend einem Gesetze aufgebauten Formen des Raumes darzustellen,

gehabt und der den ganzen Vorteil, den die Analysis und die Geometrie aus

ihrer {11} unerwarteten Vereinigung ziehen koennen, erkannt hat. Mit Recht

wird daher Cartesius' Namen immer mit der Entdeckung der analytischen

Geometrie verbunden bleiben.[15]

Die Leichtigkeit, mit welcher dieses neue Werkzeug Fragen zu loesen

gestattete, welche die Alten fuer unangreifbar hielten, liess die

Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolger Descartes' die von Euklides,

Archimedes und Apollonius eroeffneten Wege ganz vergessen, so dass wir eine

Zeitlang niemanden finden, der, um zu irgend einer wichtigen Wahrheit zu

gelangen, sie eingeschlagen haette.

Die kurz nach Descartes gleichzeitig von Leibniz (1646-1716) und Newton

(1642-1727) neu erfundenen Rechnungsarten betonten gerade diese Richtung,

da sie bewirkten, dass man sich um diejenigen Probleme nicht bekuemmerte,

deren Loesung nicht geeignet war, die Allmacht der Methoden, welche die

Welt diesen unsterblichen Geistern verdankt, hervortreten zu lassen,

derartig, dass man sagen kann, dass mit Ausnahme der _Philosophiae

naturalis principia mathematica_ (1686) von Newton und einiger Seiten von

Huygens (1629-1695),[16] von La Hire (1640-1718),[17] von Halley

(1656-1742),[18] Maclaurin (1698-1746),[19] Simpson (1687-1768),[20] von

Stewart {12} (1717-1785)[21] keine mathematische Produktion jener Zeit dem

angehoert, was wir heute synthetische Geometrie zu nennen pflegen.[22]

Das hindert aber nicht, dass man diese Periode ohne Bedenken zu den

erfreulichsten fuer die Geometrie rechnen muss. In der That ist der

groessere Teil der Probleme, welche von den Erfindern der

Infinitesimalrechnung und ihren unmittelbaren Schuelern aufgestellt oder

geloest worden, unter die wichtigsten der ganzen Geometrie zu rechnen, da

sie die interessantesten und verstecktesten geometrischen und mechanischen

Eigenschaften der Kurven und Oberflaechen beruehren. Wir sehen daher, dass

nicht allein die Zahl der Kurven, welche einer naeheren Betrachtung wert

sind, sich ausserordentlich vermehrt,[23] sondern auch -- was viel

wichtiger ist --, dass die Betrachtung von Singularitaeten einer Kurve und

anderer neuer mit dieser verbundener Elemente eingefuebrt wird, und dass

infolge dessen Untersuchungsgebiete sich eroeffnen, deren Existenz man

vorher gar nicht geahnt hatte.

Die Leichtigkeit, welche die Cartesische Methode in der Aufloesung einer so

grossen Anzahl von planimetrischen Aufgaben mit sich brachte, trieb

natuerlich die Geometer an, {13} eine aehnliche fuer das Studium der

Raumkurven und der Oberflaechen zu schaffen. Daher entstand eine

Verallgemeinerung dieser Methode, welche Descartes schon angedeutet hatte,

und die Schooten (16..-1661)[24] in weiterer Ausfuehrung veroeffentlichte.

Diese Andeutungen liessen bei Parent (1666-1716) den Gedanken entstehen,

eine Oberflaeche durch eine Gleichung zwischen den drei Koordinaten eines

ihrer Punkte darzustellen,[25] und bereiteten deshalb die analytische

Geometrie dreier Koordinaten vor, welche im Jahre 1731 einen wesentlichen

Teil der Mathematik zu bilden begann infolge einer klassischen Abhandlung

von Clairaut (1715-1765),[26] in welcher er im Alter von nur 16 Jahren mit

einer seltenen Eleganz viele von den auf die Kurven doppelter Kruemmung

bezueglichen Problemen loeste, welche ihre entsprechenden in der Ebene

finden. Bald nach Clairaut schuf Euler (1707-1783) die analytische Theorie

der Kruemmung der Oberflaechen (1760)[27] und wandte die analytische

Methode an, um eine Klassifikation der Oberflaechen zweiten Grades zu

erhalten, gegruendet auf analoge Kriterien, wie diejenigen, welche den

Alten dazu gedient hatten, die Kurven zweiter Ordnung in Ellipsen, Parabeln

und Hyperbeln zu unterscheiden. Endlich gehoert der zweiten Haelfte des

vergangenen Jahrhunderts das riesige Werk von Monge (1746-1818) an. Dieser

verschaffte der analytischen Geometrie zweier Koordinaten das Aussehen,

welches sie heute besitzt, indem er den methodischen Gebrauch der Gleichung

einer Geraden einfuehrte. Er stellte den wichtigen Begriff von

Flaechenfamilien auf und, indem er einige derselben behandelte

(Regelflaechen, abwickelbare, Roehrenflaechen, "Surfaces moulures"),

entdeckte er einen versteckten innigen Zusammenhang zwischen der Theorie

der Oberflaechen und der Integration der partiellen

Differentialgleichungen, {14} was Licht in diese, wie in jene Lehre brachte

und den Geometern neue Gesichtspunkte enthuellte.[28]

Die geistige Bewegung, welche mit der Renaissancezeit begonnen und Italien

an ihrer Spitze hatte, pflanzte sich, wie wir schon gesehen haben, zuerst

unter Frankreichs Leitung fort, dann unter der von England und Deutschland.

Aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als Euler aufgehoert hatte "zu

rechnen und zu leben",[29] stellte sich Frankreich wieder an die Spitze der

mathematischen Welt. Nicht allein mit Clairaut, d'Alembert (1716-1783),

Lagrange (1736-1813), Laplace (1749-1827), Legendre (1752-1833), Poisson

(1781-1840) und anderen gab es den Anstoss zum Studium der reinen und

angewandten Analysis, sondern es kehrten auch mit Monge, Carnot (1753-1823)

und Poncelet (1788-1867) die Gelehrten zum Studium der geometrischen Formen

zurueck, in der Weise, wie es die Alten verstanden.

Monge schuf, indem er zu einem wissenschaftlichen Ganzen die wenigen Regeln

vereinigte, welche die Baumeister und Maler sich geschaffen hatten, um die

Beduerfnisse der Kunst zu befriedigen, und gluecklich die Luecken

ausfuellte, die sich zwischen ihnen noch bemerkbar machten, einen neuen

Zweig der Geometrie, die darstellende Geometrie. Mit seinem klassischen

Buche, welches er dieser Disziplin widmete,[30] und noch viel mehr mit

seinen unvergleichlichen Vorlesungen, die er an der polytechnischen Schule

hielt, brachte er das Studium der Geometrie, welches sich auf die direkte

Anschauung der Figur stuetzt, zu Ehren[31] und, indem {15} er die

Vorstellung der geometrischen Figuren von drei Dimensionen erleichterte,

machte er jene systematische Anwendung von stereometrischen Betrachtungen

auf das Studium der ebenen Figuren moeglich, welche Pappus schon erkannt

hatte.[32]

Der _Geometrie descriptive_ von Monge darf man die _Geometrie de position_

von Carnot[33] an die Seite stellen, weil diese, indem sie mit jener das

Ziel gemeinsam hat, der Geometrie diejenige Allgemeinheit zu verschaffen,

welche man ausschliesslich der Analysis zugetraut hatte, nicht weniger als

jene dazu beitrug, den Aufschwung der reinen Geometrie vorzubereiten,

welchen man von dem Erscheinen des _Traite des proprietes projectives des

figures_ (1822)[34] datieren kann.

Um zu ueberzeugen, wie bemerkenswert dieses Datum sei, wird es genuegen, zu

erwaehnen, dass gerade in dem {16} grossen Werke von Poncelet die Macht der

Zentralprojektion als einer Methode der Demonstration und des Prinzips der

Kontinuitaet als eines Untersuchungsmittels zum ersten Male gezeigt

ist;[35] dass das tiefere Studium der Homologie zweier ebener oder

raeumlicher Systeme in demselben zum Begriffe der Korrespondenz zwischen

zwei Mannigfaltigkeiten zweier oder dreier Dimensionen fuehrte; dass die

Kenntnisse der Alten ueber die Polaritaet in Bezug auf einen Kegelschnitt

und die von der Mongeschen Schule gewonnenen ueber die Polaritaet in Bezug

auf eine Flaeche zweiter Ordnung, die dort zum ersten Male sich vereinigt

finden, das Gesetz der Dualitaet vorbereiteten, welches, von Snellius

(1581-1626)[36] und Viete[37] in der sphaerischen Geometrie erkannt,

bestimmt war, in seiner ganzen Allgemeinheit vier Jahre spaeter von

Gergonne (1771-1859)[38] ausgesprochen zu werden; dass sich schliesslich

dort jene eleganten Untersuchungen ueber die Vielecke, die einem

Kegelschnitt ein- und einem anderen umbeschrieben sind, finden, die Jacobi

(1804-1851), Richelot (1808-1875) und anderen Gelegenheit geben sollten,

davon eine der elegantesten Anwendungen der Theorie der elliptischen

Funktionen zu machen, welche man kennt.[39]

Die Abhandlungen, welche Poncelet der Theorie der harmonischen Mittel, der

reciproken Polaren und der {17} Transversalen widmete, sowie andere weniger

bedeutende von Gelehrten, welche zur Mongeschen Schule gehoerten, fuehren

uns zum Jahre 1837, in welchem Chasles' (1796-1880) _Apercu historique sur

l'origine et le developpement des methodes en geometrie_[40]

veroeffentlicht wurde. In diesem unuebertrefflichen Werke brachte der

Autor, nachdem er in bewunderungswerter Form alles, was das Erbteil der

reinen Geometrie in seiner Zeit bildete, zusammengestellt hatte, die Rechte

zur Geltung, die sie auf die Beachtung der Gelehrten hatte und welche von

den blinden Anbetern der Analysis ihr versagt worden waren, und zeigte

durch wichtige und originelle Untersuchungen, mit welchem Rechte er sich

zum Beschuetzer der Sache der Geometrie gemacht hatte.[41]

Jedoch in dem Zeitraume, welcher zwischen dem Erscheinen des Ponceletschen

Werkes und desjenigen von Chasles liegt, hatte sich Deutschland aus dem

Schlafe geruettelt, in welchen die einschlaefernden Arbeiten der Schule

{18} der Kombinatoriker es versetzt hatten. Dieses Wiedererwachen bedeutete

einen neuen Uebergang des Szepters der Mathematik von Frankreich nach

Deutschland.[42] In der That sehen wir durch die Arbeiten von Gelehrten wie

Moebius (1790-1868),[43] Steiner (1796-1863),[44] {19} Pluecker

(1801-1868)[45] und von Staudt (1798-1867)[46] die analytische Geometrie

sich mit Methoden bereichern, von denen wir nicht wissen, ob wir mehr ihre

Eleganz oder ihre Macht bewundern sollen, so der Barycentrische Calcul und

die abgekuerzte Bezeichnung; wir sehen die synthetische Geometrie

Hilfsmittel erwerben fuer das Studium, der Kurven und Oberflaechen, die bis

dahin fuer dieselbe unerreichbar {20} waren, sowie fuer die Gruendung einer

reinen Geometrie der Lage, die ganz und gar unabhaengig ist von dem

Begriffe des Masses. Dank dem von Crelle (1780-1855) in dieser Zeit

gegruendeten Journal (1826), das bald zu verdientem Rufe gelangte,

vorzueglich durch die Abhandlungen Abels (1802-1829), Jacobis und Steiners

verbreiteten sich die eben angefuehrten Resultate schnell. Und so sehen wir

hinter diesen Groessen eine zahlreiche und glaenzende Anzahl von Schuelern,

welche, indem sie Aehren lasen auf den Feldern, die von ihren Meistern

bebaut waren, die Fruchtbarkeit des Samens zeigten, den jene ausgestreut

hatten.

Hiermit will ich den Abriss der geistigen Bewegung, welche die neuesten

geometrischen Untersuchungen vorbereitet hat, geschlossen haben und ich

muss mich nun im einzelnen mit denselben befassen. Um mir nun die

vorgenommene Aufgabe der Darlegung derselben zu erleichtern, werde ich

meine Darstellung in verschiedene Teile teilen. Zuerst will ich mich mit

der Theorie der ebenen Kurven und der Oberflaechen beschaeftigen, dann,

nach einer kurzen Abschweifung zu den Untersuchungen ueber die Gestalt der

Kurven und Oberflaechen und ueber die abzaehlende Geometrie, werde ich mich

mit den Studien ueber die Raumkurven befassen, um davon zur Darlegung des

Ursprunges und der Entwickelung der Lehre von den geometrischen

Transformationen ueberzugehen; darauf wende ich mich zur Geometrie der

Geraden, um dann mit der Nicht-euklidischen Geometrie und der Theorie der

Mannigfaltigkeiten von beliebig vielen Dimensionen zu schliessen.[47]

{21}

* * * * *

II.

Theorie der ebenen Kurven.

------

Die allgemeine Theorie der ebenen Kurven entstand zugleich mit der

cartesischen Geometrie. Es ist leicht die Gruende fuer die Thatsache

anzugeben, dass das Erscheinen einer so wichtigen Theorie sich bis zu

diesem Zeitpunkte verzoegert hatte. In der That sind ja die Definition der

Ordnung einer Kurve, die daraus folgende Einteilung der Kurven in

algebraische und transcendente, der exakte Begriff einer in ihrer Ordnung

allgemeinen Kurve ihrer Natur nach wesentlich analytische Begriffe. Sie

synthetisch zu bestimmen, ist ein sehr schweres Problem, welches heutzutage

erst den wiederholten Anstrengungen der Geometer zu weichen sich anschickt;

dagegen, wenn man ein Koordinatensystem anwendet, eine wie leichte Sache

ist es dann, diese fundamentalen Begriffe festzustellen, sie unter einander

zu verbinden und aus ihnen interessante Folgerungen zu ziehen!

Die Wahrheit dieser Behauptung finden wir durch die Thatsache bestaetigt,

dass kurz nach Descartes wichtige Eigenschaften, die allen algebraischen

Kurven gemeinsam sind, entdeckt wurden. Solche sind z. B. diejenigen,

welche Newton in den drei beruehmten Theoremen, die in seiner _Enumeratio

linearum tertii ordinis_ (1706) enthalten sind, bekannt gemacht hat; ferner

diejenigen, welche Newtons Schueler Cotes (1682-1716) und Maclaurin als

eine Verallgemeinerung der von Newton entdeckten Eigenschaften gaben;[48]

{22} schliesslich die von Waring (1734-1798)[49] gefundenen. Ueberdies

wurden noch von Maclaurin[50] und Braikenridge (etwa 1700, + nach 1759)[51]

einige interessante organische Erzeugungsweisen von Kurven hinzugefuegt,

die aehnlich denjenigen waren, welche Newton fuer die Kegelschnitte gegeben

hat.[52] Endlich wurden von De Gua (1712-1786)[53] Methoden fuer die

Bestimmung der Singularitaeten der durch Gleichungen definierten ebenen

Kurven angegeben.

Es ist ueberfluessig zu sagen, dass die ersten methodischen Bearbeitungen

der Theorie der ebenen Kurven unter dem Einfluesse der analytischen

Geometrie stehen; wir verdanken solche Euler[54] und Cramer

(1704-1752)[55]. Diese studierten dieselben von Grund auf (kurz

nacheinander, der eine 1748, der andere 1750), indem sie sich vorzugsweise

mit den Singularitaeten befassten, besonders mit den Fragen, welche man

heute mit Hilfe der Geometrie des unendlich Kleinen loest. In dem Werke von

Cramer, das in vielen Beziehungen zu bewundern ist, finden wir auch schon

die ersten Untersuchungen ueber die Schnitte von Kurven und unter diesen

auch den Hinweis auf das, was man spaeter "das Cramersche Paradoxon"

genannt hat; das ist jener scheinbare Widerspruch zwischen der Zahl der

Punkte, die zur Bestimmung einer Kurve von gegebener Ordnung noetig {23}

sind, und der Zahl der Schnitte zweier Kurven derselben Ordnung,[56] ein

Widerspruch, welcher viele Jahre spaeter (1818) von Lame (1795-1870) durch

das beruehmte Prinzip aufgehoben wurde, welches seinen Namen traegt und das

man als den Grundstein jenes gewaltigen Bauwerkes ansehen muss, welches aus

einer Fuelle von Lehrsaetzen von Gergonne,[57] Pluecker,[58] Jacobi,[59]

Cayley[60] errichtet ist, und auf dessen Gipfel die geometrische

Interpretation des beruehmten Abelschen Theorems[61] steht.

Nach den Arbeiten Eulers, Cramers und dem _Examen des differentes methodes

employees pour resoudre les problemes de geometrie_, in welchem Lame mit

grossem Erfolge das vorhin angefuehrte Prinzip auseinandergesetzt und

angewandt hatte, muessen wir uns zu Pluecker wenden, um zu Arbeiten zu

kommen, welche einen bemerkenswerten Fortschritt in der Theorie, die uns

beschaeftigt, bewirken. In dem im Jahre 1835 von diesem ausgezeichneten

Geometer veroeffentlichten _System der analytischen Geometrie_ ist von der

Methode der abgekuerzten Bezeichnung Gebrauch gemacht und dieselbe fuer die

Vervollstaendigung der Klassifikation der kubischen ebenen Kurven benutzt

worden, welche so viele bedeutende Gelehrte unternommen hatten. In der vier

Jahre spaeter gedruckten {24} _Theorie der algebraischen Kurven_[62] findet

sich dann noch ausser einer Aufzaehlung der ebenen Kurven vierter

Ordnung,[63] welche Bragelogne (1688-1744)[64] und Euler[65] nur versucht

hatten, die Aufstellung und Loesung einer Frage von sehr grosser

Wichtigkeit, derjenigen naemlich, die Beziehungen zwischen den Zahlen der

gewoehnlichen Singularitaeten einer ebenen Kurve zu finden. Schon Poncelet

hatte (1818) den Zusammenhang zwischen der Ordnung und der Klasse einer

allgemeinen Kurve ihrer Ordnung gefunden und spaeter den Einfluss eines

Doppelpunktes bestimmt; indem er nun auf diese Resultate das Prinzip der

Dualitaet anwandte, stiess er auf jenen anderen scheinbaren Widerspruch,

welchen wir heute das Ponceletsche Paradoxon nennen, ohne dass es ihm

gelang, dafuer eine vollstaendige Erklaerung zu finden. Das geschah durch

Pluecker vermittelst der beruehmten nach ihm benannten Formeln, welche

gestatten, drei Charakteristiken einer Kurve zu finden (Ordnung, Klasse,

Zahl der Doppelpunkte, der Doppeltangenten, Zahl der Wendetangenten und der

Rueckkehrpunkte), wenn man die uebrigen kennt.

Auf die Frage, welche in einem gewissen Sinne reciprok zu der durch die

Plueckerschen Formeln geloesten ist, ob jeder Loesung derselben eine

wirkliche Kurve entspreche, musste man negativ antworten, da neuere

Untersuchungen {25} dargethan haben, dass fuer gewisse Kurven (die

rationalen Kurven) die Zahl der Rueckkehrpunkte eine gewisse Grenze nicht

uebersteigen kann.[66]

Auf der anderen Frage, die Plueckerschen Formeln auf eine Kurve

auszudehnen, welche mit Singularitaeten hoeherer Ordnung ausgestattet ist,

beruhen die Untersuchungen von Cayley und anderen,[67] welche zu dem

Schluesse gefuehrt haben, dass jede Singularitaet einer Kurve als

aequivalent einer gewissen Anzahl von Doppelpunkten, Spitzen,

Wendetangenten und Doppeltangenten betrachtet werden kann.

Ich fuege noch hinzu, dass man durch Jacobi,[68] Hesse (1811-1874),[69]

Salmon,[70] Cayley[71] und deren zahlreiche Kommentatoren[72] heute im

Besitze eleganter Methoden ist, um analytisch die Wendepunkte einer durch

eine Gleichung gegebenen Kurve, sowie die Beruehrungspunkte ihrer

Doppeltangenten anzugeben.

Dank dem einen der ueberaus wertvollen Lehrbuecher,[73] mit welchen Salmon

so gewaltig zur Verbreitung der neuesten algebraischen und geometrischen

Methoden beigetragen hat, ist es heutzutage leicht, sich ueber diese und

viele andere Fragen, welche sich auf die analytische Theorie der ebenen

Kurven beziehen, eine genaue Kenntnis zu verschaffen.

{26}

Man braucht aber nicht zu glauben, dass bei diesem Studium der

fortwaehrende Gebrauch der Analysis unumgaenglich sei; vielmehr erhob sich

bald neben der Darlegung der Theorie der ebenen Kurven durch Euler, Cramer,

Pluecker, Salmon eine ebenso vollstaendige, aber mehr geometrische Theorie.

In einer beruehmten Mitteilung, die im Jahre 1848 der Berliner Akademie

gemacht wurde, zeigte Steiner, indem er die Theorie der Polaren eines

Punktes in Bezug auf eine Kurve wieder aufnahm, welche Bobillier

(1797-1832) schon vordem[74] als eine Erweiterung der Diametralkurven

Newtons und Cramers aufgestellt, und mit welcher auch Grassmann (1809-1877)

sich beschaeftigt hatte,[75] dass dieselbe als Grundlage fuer ein vom

Gebrauche der Koordinaten unabhaengiges Studium der ebenen Kurven dienen

kann, und fuehrte jene bemerkenswerten zu einer gegebenen Kurve covarianten

Kurven ein, die heute seinen, Hesses und Cayleys Namen tragen. Diese kurzen

Andeutungen, verbunden mit den Untersuchungen von Steiner selbst, von

Chasles[76] und Jonquieres[77] ueber die Entstehung der algebraischen

Kurven vermittelst projektiver Bueschel von Kurven niederer Ordnung,

dienten als Grundlage fuer die _Introduzione ad una teoria geometrica delle

curve piane_,[78] in {27} welcher Cremona in einer einheitlichen Methode

zugleich mit vielen neuen Resultaten alles auseinandersetzt, was

wichtigeres von den analytischen Geometern, die ihm vorhergingen, erhalten

worden war.

Bei dem ausserordentlichen Interesse der Sache scheint es mir auch, dass

man in die Reihe der schon zitierten Arbeiten auch die Serie von

Abhandlungen zu stellen hat, in welchen Clebsch (1833-1872) zuerst die

Algebra der linearen Transformationen auf die Geometrie angewandt hat,

dann, nachdem er die Wichtigkeit des Begriffes des Geschlechtes einer Kurve

ins Licht gestellt, die Anwendung der Theorie der elliptischen[79] und

Abelschen Funktionen auf die Wissenschaft von der Ausdehnung darlegte und

sie fuer das Studium der rationalen und elliptischen Kurven benuetzte.[80]

Es ist wahr, dass Brill und Noether in einer Abhandlung,[81] deren

Bedeutung von Tag zu Tag waechst, gezeigt haben, dass die Theorie der

algebraischen Funktionen in vielen Faellen die der eben angefuehrten

Transcendenten ersetzen kann, aber das vermindert nicht, sondern

vergroessert vielmehr das Verdienst, welches man den Methoden von Clebsch

zuerkennen muss, da die von hervorragenden Geistern gemachten

Anstrengungen, den Gebrauch eines {28} Hilfsmittels vermeiden zu koennen,

der ueberzeugendste Beweis der Macht desselben sind.

Die bis jetzt besprochenen Arbeiten behandeln allgemeine Eigenschaften der

ebenen algebraischen Kurven.[82] Aber an sie reiht sich eine grosse Menge

von schoenen Spezialabhandlungen, welche eine bestimmte Kategorie von

Kurven behandeln; auf diese wollen wir einen kurzen Blick werfen.

Unter ihnen sind vor allen zu bemerken die von Maclaurin,[83] von

Sylvester,[84] Cayley,[85] Salmon,[86] Durege,[87] Cremona,[88] von

Sturm,[89] von Kuepper,[90] Grassmann,[91] Milinowski[92] und von anderen

ueber die Kurven dritter Ordnung,[93] die Kapitel des _Barycentrischen

Calculs_, dann verschiedene Arbeiten von Em. Weyr,[94] von Clebsch und {29}

vielen anderen[95] ueber die rationalen Kurven; die wichtigen

Untersuchungen Steiners und Chasles' ueber die Kurven, die mit einem

Centrum versehen sind,[96] und die von Steiner ueber die dreispitzige

Hypocykloide;[97] ferner die Arbeiten, welche dem Beweise oder der

Verallgemeinerung der dort ausgesprochenen Eigenschaften gewidmet sind,[98]

die interessanten Untersuchungen von Bertini[99] ueber rationale Kurven,

fuer welche man willkuerlich die vielfachen Punkte bestimmen kann, die

wichtigen Studien von Brill ueber die Kurven vom Geschlechte zwei,[100]

dann die eleganten Abhandlungen von Klein und Lie[101] ueber die Kurven,

welche eine infinitesimale Transformation in sich selbst zulassen, endlich

die von Fouret ueber die Kurven, welche die eigenen reciproken Polaren in

bezug auf unendlich viele Kegelschnitte sind,[102] und die von Smith

(1826-1883) ueber die Singularitaeten der Modularkurven.[103]

{30}

Neben diesen verdient dann noch eine hervorragende Stelle die Abhandlung

von Steiner ueber die einer ebenen kubischen Kurve[104] oder einer Kurve

vierter Ordnung mit zwei Doppelpunkten eingeschriebenen Vielecke, auf

welche die juengsten Arbeiten von Kuepper[105] und Schoute[106] von neuem

die Aufmerksamkeit der Gelehrten gelenkt haben. Die Knappheit des Raumes

noetigt mich, fluechtig hinwegzugehen ueber die Untersuchungen von Cayley

_On polyzomal Curves otherwise the Curves_ [Wurzel]u + [Wurzel]v + ... =

0;[107] von Grassmann, Clebsch,[108] Schroeter[109] und Durege,[110]

betreffend die Erzeugung ebener Kurven dritter Ordnung, ueber die von

Lueroth,[111] von Casey,[112] Darboux,[113] Siebeck,[114] von Crone,[115]

Zeuthen[116] und noch anderen ueber einige spezielle ebene Kurven vierter

Ordnung, ueber die von Battaglini, die sich auf die syzygetischen Kurven

dritter Ordnung beziehen,[117] und andere, welche auch eine besondere

Erwaehnung verdienen wuerden.

{31}

Was ich aber nicht mit Stillschweigen uebergehen kann, das sind die

Arbeiten von Hesse ueber die Wendepunkte einer Kurve dritter Ordnung und

ueber die Gleichung, welche zu deren Bestimmung dient;[118] dann die von

demselben Hesse,[119] Steiner,[120] Aronhold[121] (1819-1884) ueber die

Doppeltangenten einer Kurve vierter Ordnung, welche eine hervorragende

Stelle verdienen, da sie viele bemerkenswerte Eigenschaften derselben ins

Licht gestellt haben; dieselben wurden darauf von Geiser[122] durch

stereometrische Betrachtungen dargethan, von Clebsch[123] dagegen und

Roch[124] vermittelst der Theorie der Abelschen Funktionen untersucht.

* * * * *

III.

Theorie der Oberflaechen.

------

Das Streben nach Verallgemeinerung, welches die geometrischen

Untersuchungen leitete, seitdem sich der Einfluss der Analysis auf dieselbe

mehr oder weniger offen geltend gemacht, trieb alsbald die Gelehrten dazu,

sich mit den Erscheinungen des Raumes zu beschaeftigen, welche Analogien

mit den schon in der Ebene betrachteten darbieten. Daher sehen wir denn

auch die Forschungen ueber die Oberflaechen {32} bald denen ueber die

ebenen Kurven folgen. Die Theorie dieser Gebilde ist jedoch neueren

Ursprungs.

Den griechischen Geometern waren in der That nur einige wenige besondere

Oberflaechen bekannt (die Kugel, die Cylinder und Kegel, Konoide und

Sphaeroide, die plektoidischen Oberflaechen und wenige andere). Erst Wren

(1669), Parent und Euler begannen sich mit den Oberflaechen zweiten Grades

zu beschaeftigen, und wir muessen zur Schule von Monge gehen, um die

Eigenschaften von groesserer Wichtigkeit dieser hoechst bemerkenswerten

Oberflaechen anzutreffen.[125] Zu diesen ersten Eigenschaften wurden in

unserem Jahrhundert durch das zahlreiche Heer von Geometern, welche die

Flaechen zweiter Ordnung einer besonderen Betrachtung unterwarfen, viele

andere hinzugefuegt, und dank den Arbeiten so ausgezeichneter Gelehrter,

wie Jacobi,[126] {33} MacCullagh (1809-1847),[127] Chasles,[128]

Hesse,[129] Seydewitz (1807-1852),[130] Schroeter[131] konnte die Theorie

der Oberflaechen zweiter Ordnung in den mehr elementaren {34} Unterricht

eingefuehrt werden und methodisch auf analytischem sowohl wie synthetischem

Wege behandelt werden.[132]

Aber nach der Lehre von den Oberflaechen zweiten Grades entstand und

entwickelte sich alsbald die der Oberflaechen hoeherer Ordnung.

Chasles[133] und Gergonne,[134] als die ersten, entdeckten an diesen

Gebilden wunderbare Eigenschaften. Poncelet bestimmte die Klasse einer in

ihrer Ordnung allgemeinen algebraischen Oberflaeche[135] und eroeffnete so

die Untersuchungen, welche zu den Beziehungen fuehren sollten, mit welchen

Salmon[136] und Cayley[137] die Loesung der analogen Aufgabe zu derjenigen

versuchten, welche Pluecker durch seine beruehmten Formeln geloest hatte.

Jacobi[138] und spaeter Reye[139] beschaeftigten sich mit den Kurven und

Gruppen von Punkten, die durch den Schnitt von algebraischen Oberflaechen

entstehen. Chasles,[140] Cremona,[141] Reye,[139] Escherich,[142]

Schur,[143] mit ihrer {35} Entstehung vermittelst projektiver oder

reciproker Systeme von Oberflaechen niederer Ordnung, Grassmann

(1809-1877)[144] mit anderen Erzeugungsweisen; Salmon,[145] Clebsch,[146]

Sturm,[147] Schubert[148] und andere behandelten eine wichtige Klasse von

Aufgaben, welche sich auf Gerade beziehen, die mit einer gegebenen

Oberflaeche Beruehrungen von vorher bestimmter Ordnung haben; schliesslich

entdeckte Schur vor kurzem eine lineare Konstruktion[149] fuer Flaechen

beliebiger Ordnung. Eine interessante Erweiterung der Polarentheorie der

Oberflaechen beliebiger Ordnung verdanken wir Reye.[150]

Trotz dieser und anderer Arbeiten, die ich der Kuerze halber

stillschweigend uebergehen muss, trotz der schoenen Darlegungen, welche

Salmon[151] und Cremona[152] ueber sie gemacht haben, kann man doch nicht

sagen, dass die Theorie der Oberflaechen weit vorgeschritten sei. Die

Fragen, die noch zu loesen bleiben, sind zahlreich und von fundamentaler

Wichtigkeit, und die Mittel, die zur Ueberwindung der Schwierigkeiten,

welche deren Loesung bietet, zur Verfuegung stehen, sind noch nicht

genuegend vervollkommnet. Vielleicht ist das der Grund dafuer, dass so

viele Gelehrte sich zum Studium besonderer Flaechen wandten, indem sie

hofften, nicht nur auf diesem Felde eine reichlichere Ernte von Wahrheiten

zu machen, sondern auch zu Untersuchungsmethoden zu gelangen, die der

Verallgemeinerung faehig sind. -- Und {36} dass ihre Erwartungen teilweise

nicht getaeuscht worden sind, das beweisen die zahlreichen Resultate, die

man schon ueber die Oberflaechen dritten Grades, sowie ueber einige von der

vierten Ordnung erhalten hat, ueber welche es mir noch obliegt, Bericht zu

erstatten.

Die hauptsächlichsten Theorien der Geometrie · 第 1 / 12 段