Der Tod in der Flasche

Der alte Ulebuhle saß vor seinem Raritätenschrein und kramte in alten

Erinnerungen. Längst schon hatte die treue Christine die Studierlampe

mit dem grünen Schirm gebracht, leise waren die Kinder in das Zimmer

getreten, aber der seltsame Alte saß noch immer schweigend und in

Gedanken versunken vor seinem Schrein.

Eine merkwürdig geformte Glasflasche hielt er in der Hand. Sie war mit

einem Holzkorken geschlossen, über dem ein dicker Wattebausch lag, und

eine dicke Schicht schwarzen Siegellackes saß wie eine Haube oben

darauf. Ein Papierstreifen, mit Tinte beschrieben, voll lateinischer

Worte, überzog den kugelrunden Bauch der Flasche, die in einen langen

dünnen Hals auslief. Eine verdickte gelbliche Flüssigkeit, gleich

festgewordenem Leim füllte das Gefäß, ein Totenkopf, weiß auf schwarzem

Papier gemalt, umgeben von drei Kreuzen, saß wie ein Siegel oben am

Halse. Die Flasche paßte in einen dick mit Watte ausgefütterten eisernen

Kasten, den ein kunstvolles Schloß vor unberufener Öffnung schützte, und

auf diesem Kasten klebte ein vergilbter Zettel mit der kaum noch

lesbaren Aufschrift: Bangalore, in den Tagen des Schreckens. Doktor

Gravesgrave.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder nach langem geduldigen Schweigen, «was ist

in der sonderbaren Flasche, die Ihr so lange betrachtet?»

Da erwachte der Alte wie aus einem Traum. Er fuhr sich mit der Hand über

die Stirne und sagte: «Kinder, ich war mit meinen Gedanken weit fort und

habe euch nicht eintreten hören. Laßt mich erst die Flasche wieder

verschließen und bleibt davon!»

Da tat er den gläsernen Kolben wieder behutsam in den eisernen Kasten

und verschloß ihn dreimal sorgfältig. Dann verschloß er den Schrein und

langte nach seiner Pfeife.

«Was war in der Flasche?» fragten die Kinder.

Da sah sie der alte Ulebuhle lange eigentümlich an und sagte ernst: «Der

Tod!»

Das klang so schön gruselig und geheimnisvoll, und die Kinder witterten

eine schöne Geschichte hinter der ganzen Sache. So bestürmten sie den

gelehrten Alten mit tausend Fragen, bis er knurrig Ruhe gebot und --

tief in seinem Lehnstuhl vergraben -- sich anschickte, die Geschichte

vom Tod in der Flasche zu erzählen.

«Schweigt,» sagte er, «denn es ist eine lange Geschichte, und wenn man

nicht gut aufpaßt, kann man sie nicht verstehen, denn es handelt sich um

eine gelehrte Sache und um ein großes Unglück.»

Da setzten wir uns still rings um den Alten herum, und er begann:

«Ich hatte einen Jugendfreund, der hieß Gravesgrave. Er war klüger als

wir alle zusammen und studierte später auf allen möglichen Universitäten

die schwere Kunst, die Krankheiten der Menschen zu erkennen und zu

heilen. Aber ganz besonders wollte er herausbekommen, wie man die Pest,

die Cholera, die schwarzen Pocken und andere böse Krankheiten bekämpfen

könne, die mit einem Male über die Erde hereinbrechen wie der furchtbare

Würgeengel selbst und ganze Städte, ganze Provinzen, ganze Länder

aussterben machen.

Eines Tages, als er sich in England befand, hatte er gehört, daß im

fernen Indien eine furchtbare Pest wüte, an der Hunderttausende starben.

Kein Mensch wußte, woher sie kam, wie sie zu heilen sei. Sie griff um

sich wie ein Feuer, das zur Hochsommerzeit einen ausgedörrten

Kiefernwald befällt, von Baum zu Baum springt und erst erlischt, wenn

der ganze Wald verkohlt am Boden liegt. So auch erlosch die Krankheit an

manchem Ort erst, wenn nichts mehr zu töten war.

Machtlos standen die berühmtesten Ärzte, die aus Europa hingeschickt

wurden nach dem fernen Indien, ja sie mußten trachten, sich selbst zu

retten im großen Sterben. Die Inder aber taten gar nichts. Sie beteten

zu ihrem Gott und sagten, es sei sein Wille. Der Mensch könnte dagegen

nichts tun.

Der rätselhafte Tod aber wütete weiter.

Da hörte der Doktor Gravesgrave von den Dingen, und er erkannte, daß

grade dort für ihn der rechte Platz sei, denn Seuchen zu studieren und

zu vertreiben, das war sein Wunsch und Wille. So schiffte er sich denn

ein zu der weiten Reise und landete endlich nach glücklicher Fahrt an

Indiens Küste. Furchtlos durchstreifte er die Stätten des Schreckens,

ausgestorbene Städte und Landstriche. Er studierte unablässig, wie

gesunde Leute in wenigen Stunden erkrankten und starben, wie der

geheimnisvolle Tod sie wie der Räuber hinterm Busch anfiel und zu Boden

schlug, ohne daß sie selbst wußten, wie es kam und warum es kam.

Doktor Gravesgrave grübelte Tag und Nacht, Woche um Woche, er

untersuchte Lebende und Tote, Gesunde und Kranke und konnte das Rätsel

der Krankheit nicht entdecken. Er wurde aber nicht mutlos. Wie ein

tapferer Soldat stürzte er sich immer aufs neue in den Kampf gegen den

geheimnisvollen Würger, und wie durch ein Wunder entging er selbst der

Krankheit und dem Tode. Eines Tages, als er wieder in seinem

Studierzimmer saß und bei einer Pfeife darüber nachdachte, daß all seine

Arbeit bisher erfolglos gewesen sei und die armen Menschen im Lande noch

immer zu vielen Tausenden starben, kam er auf den Gedanken, daß man

vielleicht den unsichtbaren Feind im Blute der kranken Menschen

entdecken könne. Da ging er hin und nahm das allerstärkste

Vergrößerungsglas, das er unter all seinen vielen Instrumenten hatte,

ein mächtiges Mikroskop, mit dem man die Dinge dreitausendmal vergrößern

konnte. Dann rief er seinen jungen Diener, der kerngesund war, stach ihn

mit einer kleinen Nadel ganz wenig in den Arm, so daß ein kleines

Tröpfchen Blut hervortrat, und brachte den kleinen Blutstropfen unter

sein mächtiges Vergrößerungsglas.

Habt ihr schon einmal einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop gesehen?

Das sieht gar sonderbar aus. Da sieht man eine helle Flüssigkeit und in

der schwimmen Millionen gelbliche runde Blättchen, wie kleine

Tellerchen. Das sind die roten Blutkörperchen. In einem winzigen

Blutstropfen sind an die zwanzig Millionen dieser kleinen Scheiben

enthalten, und an die fünfzigtausend Milliarden kreisen unablässig durch

eure Adern, wie in der großen Stadt das Wasser in den Wasserleitungen

durch tausend Kanäle und Röhren strömt. Und dann sind da noch andere

kleine Scheiben, die sind weiß, und es sind ihrer viel weniger. Das sind

die Polizeisoldaten in den Adern. Dringt irgend ein böser Feind, der die

roten Blutkörperchen zerstören will, in das Blut ein, so stürzen die

weißen Blutkörper über ihn her und suchen ihn zu töten. Ja, es ist ein

wunderbares Leben in den Adern unseres Körpers, ein Gewimmel wie in

einer großen Stadt. Sobald aber die Millionen und Abermillionen

Blutkörperchen krank werden oder gar absterben, dann ist es um uns

geschehen, dann erstirbt das Leben in den Straßen unseres Leibes, dann

sterben wir selbst.

Der gelehrte Doktor Gravesgrave schaute durch sein wundervolles Glas

hinein in den Tropfen Blut seines Dieners, er sah die roten und die

weißen Blutkörperchen, aber sie waren frisch und lebendig, und es war

alles in Ordnung.

Am anderen Morgen jedoch lag der arme braune Teufel bereits auf seiner

Matte und murmelte, schwerkrank, Gebete. Der geheimnisvolle Tod hatte

ihn in der Nacht überfallen. Sein Herr stand dabei und konnte ihm nicht

helfen. Aber er hatte einen guten Gedanken. Er nahm wieder eine Nadel

und stach ein Tröpfchen Blut aus dem Arm des Burschen hervor, und wieder

besah er ihn unter dem mächtigen Glase. Ja, das war ein guter Gedanke,

denn nun machte er eine wichtige Entdeckung! Da sah er, wie winzig

winzige Lebewesen in dem Tröpfchen Blut hin und her schossen, die

gestern noch nicht darin gewesen. Deutlich konnte man sehen, wie sie die

roten Blutkörperchen anfielen und verzehrten. Er sah, wie die weißen

Blutkörper, die Polizisten der Adern, sich den gefräßigen Räubern

entgegenwarfen, viele von ihnen töteten, aber ihre Zahl war so groß, daß

die Weißen mit ihnen nicht fertig werden konnten und immer mehr rote

Scheibchen zerfressen und vernichtet wurden. Es war ein wilder Kampf in

diesem Tröpfchen Blut, und ein viel wilderer Kampf mußte im Körper, in

den Adern des kranken jungen Inders vor sich gehen.

Da sprang der gelehrte Doktor fröhlich auf. »Ha,« rief er, »nun habe ich

den geheimnisvollen Tod entdeckt. Mit eigenen Augen habe ich ihn

gesehen. Im Blut der Kranken schwimmt er, ein gefräßiger Räuber, den

Lebenssaft vernichtend und zerstörend. In den Adern der kranken Menschen

kämpft ein ungeheures Heer von Räubern gegen die Schutzgarde der weißen

Blutkörper. Er überwindet sie, tötet die roten Träger des Lebens, und

der Mensch muß sterben!«

Aber dann wurde Doktor Gravesgrave wieder still und traurig. »Ach,«

klagte er, »was nützt es mir, und was kann es den Kranken nützen, daß

ich nun weiß, _weshalb_ sie sterben müssen, _helfen_, helfen kann ich

ihnen auch damit nicht, und darauf allein kommt es an. Ja, wenn ich

wüßte, wie dieses Heer von Räubern, wie diese seltsamen winzig winzigen

Geschöpfe in das Blut, in die Adern der Menschen hineingelangen, dann

vielleicht könnte ich helfen. Aber, ach, ich werde es niemals erfahren!«

Da ging er wieder hinab zu dem jungen Inder, der sterbend auf seiner

Matte lag. Er legte nasse Tücher um seine heiße Stirn und gab ihm kühle

Getränke, aber jener fühlte all das kaum noch. In seinen Adern ging der

Kampf zu Ende.

Doktor Gravesgrave betrachtete ihn traurig. Eine kleine grünliche Fliege

saß auf des Kranken brauner Brust. Nun flog sie fort und schwirrte um

des Doktors Hand, um sich dort niederzulassen. Dem Doktor war sie

widrig. Eine Fliege, die eben auf dem Körper eines Sterbenden gesessen,

mochte er nicht dulden, und er verjagte sie. -- Aber wie er das tat, da

zuckte plötzlich ein Gedanke durch seinen Kopf. Wenn nun diese

Stechfliege, die ihren kleinen Rüssel hineinsenkt in das Blut der

Menschen, von einem Kranken zu einem Gesunden fliegt, erst dort sticht,

das kranke Blut hineinsaugt, und dann ihren Rüssel wieder in das Blut

des Gesunden senkt? Konnte sie nicht auf diese Weise die winzigen

Lebewesen, die gefährlichen Räuber in die Adern der Gesunden

hineintragen?«

Der Doktor sprang plötzlich wie ein Besessener im Zimmer herum, er jagte

mit seinem Hut hinter der grünen Stechfliege her, und endlich fing er

sie. Dann stürzte er in sein Studierzimmer, zerlegte mit feinen

Zänglein, winzigen Nadeln und Messerchen den Rüssel und den Körper der

Fliege und brachte alle Teile nacheinander unter sein Mikroskop. Da sah

er denn hinein in die ungeheuer vergrößerte Stachelröhre, die unter dem

Glase wie ein Rohr aus einem Pumpwerk aussah, besetzt mit Tausenden von

spitzen Härchen. Er sah, wie in diesem Stachel der Fliege winzige Spuren

von dem Blut des Kranken hingen, mit zertrümmerten roten Blutkörperchen

und mit vielen jener winzigen Wesen, jener Räuber der Adern. Er sah, daß

sie noch immer lebten, und wenn jene kleine grüne Stechfliege ihren

Stachel in seine Hand gesenkt, dann hätte auch ihn die Krankheit

befallen, dann wären jene winzigen Räuber, die die Fliege aus dem Blut

des Kranken mit sich geführt, in seine Adern eingedrungen, hätten sich

millionenfach vermehrt, hätten ihn in wenigen Tagen getötet. Die grüne

Fliege war der Verbündete jener unsichtbaren Heerscharen der Pest, und

wenn man sich vor dem Stich der Fliege schützte, so blieb man gesund.

Das war die große Entdeckung des Doktor Gravesgrave. Er reiste so

schnell es ging nach der Hauptstadt des Landes, erzählte den Fürsten und

Herren, den Männern, die das Land regierten, alles, was er wußte, von

den Räubern im Blut und von der grünen Fliege, und zeigte ihnen durch

sein Vergrößerungsglas, was er selbst gesehen. Und in alle Welt drang

der Ruhm des gelehrten Doktors, der endlich ein Mittel gefunden hatte,

die indische Pest zu verjagen, Millionen Menschen vom Tode zu retten.

Und nun begann ein furchtbarer Kampf gegen die grüne Fliege. Sie wurde

verfolgt mit Feuer und Gift, ihre Brutstätten in den sumpfigen

Niederungen der Flüsse, wo sie im hohen Schilf lebte, wurden abgemäht

und ausgeräuchert, vom kleinsten Hindububen bis zum ältesten indischen

Weisen jagte alles auf die grüne Fliege, und wenn wirklich noch jemand

wo erkrankte, so brachte man ihn in einen Raum mit Fenstern, die durch

dichte Drahtnetze verschlossen waren, so daß keine Ameise, viel weniger

eine Fliege hineingelangen konnte. Da starb die Pest langsam aus, der

besiegte Würgeengel zog sich grollend zurück in die Einöden der Sümpfe,

wo allein noch an wenigen Stellen die grüne Fliege hauste und selten ein

armer Fischer seinem Geschäft nachging.

Doktor Gravesgrave aber wurde fürstlich belohnt. Die Kaiserin von Indien

ernannte ihn zu ihrem Oberhofarzt und ließ ihm ein Mikroskop bauen, noch

größer und wertvoller als sein eigenes, und die Großen des Landes kamen

mit kostbaren Geschenken, reich besetzt mit Edelsteinen.

Das war eine glückliche Zeit für den braven Doktor, aber auf gute Tage

folgen schlimme, und sie treffen oft schuldlos den Guten wie den Bösen.

Der Doktor zog sich nun in die große indische Stadt Bangalore zurück. Da

mietete er draußen vor den Toren, inmitten eines großen Gartens, ein

kleines Landhaus, und hier, wo es so friedlich war, so seltsame Bäume

grünten, so farbenprächtige Blumen blühten, so fremdartige Vögel

pfiffen, rächte sich der unerbittliche Tod, dem er so viele Opfer

abgejagt, an dem gelehrten Doktor Gravesgrave.

Und das ging so zu! Ihr wißt, daß der allgewaltige Tod zuweilen der

Kleinarbeit müde wird und durch Krieg, durch Erdbeben und verheerende

Seuchen in kurzer Zeit so viele Menschen fortrafft wie sonst in Jahren.

Eine solche Krankheit ist die Cholera, die in früheren Zeiten ganze

Länder verödet hat, vor allem aber das ferne Indien seit Jahrtausenden

plagt. Tausend und abertausend Millionen winziger Lebewesen, die

Bazillen, dringen in den Körper ein und sie bringen die Cholera,

vernichten das Leben.

»Ich werde ein Mittel finden,« sagte Doktor Gravesgrave, »ein Mittel,

das die gewaltigen Heere der kleinen Räuber im Körper zerstreut und

tötet. Hier will ich unablässig sitzen und arbeiten, bis ich es gefunden

habe, denn ich bin der Doktor Gravesgrave, der gegen den Tod kämpft.«

Da reiste er an einen fernen Ort, wo ein paar Menschen an der

furchtbaren Krankheit daniederlagen. Weit draußen hinter hohen Zäunen,

in niederen Häusern eingepfercht, fern von allen Menschen gehalten,

damit sie nicht alle anderen mit in den Tod jagten, fand er sie. Er

hatte zwei solche Flaschen mitgebracht wie die, welche hier in meinem

Schrank steht, und in ihnen eine Flüssigkeit, in der die winzigen

Teufelchen weiterzuleben vermochten. Mit größter Vorsicht brachte er auf

der Spitze einer Nadel eine kleine Menge hinein in die Flaschen, mit

größter Vorsicht verschloß er sie und brachte sie wohlverwahrt in

eisernen Kästen, die er nie aus seinen Händen ließ, nach Bangalore in

seine stille Studierstube. Mit rasender Schnelligkeit vermehrten sich

die gefährlichen Teufel von Bazillen in den Flaschen. Aus

Hunderttausenden wurden Millionen, Milliarden, tausendmal tausend

Milliarden, und wenn er nur eine Nadelspitze von der Flüssigkeit unter

sein wundervolles Vergrößerungsglas brachte, so sah er sie als winzige

Pünktchen, wie ein Komma geformt, in unzähliger Menge darin

herumwimmeln.

Da versuchte er denn alle möglichen Mittel, die man den Menschen als

Medizin eingeben konnte, versuchte, ob die argen Feinde starben, wenn er

einen Tropfen davon hineinwarf in das Gewimmel. Ganz vorsichtig mußte er

das alles machen, denn wehe, wenn er auch nur die Nadel, mit der er aus

seinen Flaschen ein winziges Tröpfchen der Todesflüssigkeit herausnahm,

unachtsam fortgeworfen. Ein Mensch konnte sie ergreifen, die winzigen

Kobolde hafteten an seinen Händen, kamen in seinen Mund, vermehrten sich

rasend schnell in seinem Körper, er mußte sterben und steckte alle um

sich her an, und immer weiter und weiter zog dann der schwarze Tod.

Stets waren die Flaschen, in denen der Tod millionenfach hockte, in den

eisernen Kästen verborgen, und die Schlüssel trug Doktor Gravesgrave um

den Hals.

Der Doktor hatte einen eingeborenen Diener, der hieß Shingar. Er war

lang und mager, die Backenknochen standen weit hervor in dem dürren

Gesicht. Dunkle Augen glühten darin, und ein eisgrauer kurzer Kinnbart

stand mit stachlichten Haaren weit vor. Er trug einen Turban auf dem

Kopfe, und eine braune Kutte schlotterte um seine dürren Glieder. Ein

wilder Haß glühte in dem Inder gegen die Fremden, die aus dem fernen

Europa hierher gekommen waren, das Land seiner Väter zu beherrschen,

jene Fremden, die an einen anderen Gott glaubten und den Inder

verachteten. Ja, er haßte sie und gehörte einem über das ganze Land

verbreiteten Geheimbunde an, der einstens aufzustehen hoffte, die

Fremden zu verjagen.

Da er nun schon ein alter Mann und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt

zu verdienen, so blieb ihm nichts anderes übrig, als dem fremden Herrn,

der so seltsame Arbeiten machte mit geheimnisvollen Instrumenten und

Gläsern, zu dienen. Dieser Herr war gut, und man konnte mit ihm leben,

aber dennoch mußten sie eines Tages fort, die fremden Eindringlinge, die

das heilige Land der Väter beherrschten.

»Shingar,« hatte eines Tages der Fremde gesagt, »rühre nie diese

Flaschen an, und sollte ich einmal plötzlich sterben, so nimm die

eisernen Kästen, grabe ein tiefes Loch in die Erde und verscharre sie,

daß kein Mensch sie findet. Der Tod sitzt in diesen Flaschen. Ein paar

Tropfen davon in das Trinkwasser, und viele Menschen können sterben.«

Shingar hatte es schweigend gehört. Leise nur nickte er mit dem Kopfe,

aber ein dämonischer Gedanke zog durch sein haßerfülltes Herz. Wenn man

mit diesem rätselhaften Tod in der Flasche doch all die Fremden

vernichten könnte, die Fremden dieser Stadt und die des Landes!

Hätte Doktor Gravesgrave geahnt, welche Gedanken der Inder in seinem

Hirn bewegte, er hätte ein großes Unheil verhüten können!

Eines Tages aber kam das Unglück über Bangalore. Der europäische

Stadtteil hatte sich immer weiter ausgedehnt und man baute eine neue

Straße. Da stand ein alter indischer Tempel im Wege, und da er schon ein

halber Trümmerhaufen war und nur wenig besucht wurde, so zerstörte man

ihn ganz, um Platz zu schaffen. Die Inder aber waren voll Zorn über die

Tat und glaubten, die Fremden wollten ihnen damit ihre Mißachtung

beweisen, ihre heiligen Stätten hohnvoll vom Boden tilgen, ihre Religion

schmähen. Aufs neue flammte ihr Haß auf, der Wunsch, die Eindringlinge

zu züchtigen, zu verjagen, ein Blutbad unter ihnen anzurichten wie

damals, als vor Jahrzehnten Nena Sahibs und Tantia Topis Scharen die

verhaßten Engländer niedergemetzelt.

Da schien dem fanatischen Shingar die Zeit gekommen, die Europäer in

Bangalore zu vernichten. Sein Haß war stärker als alle Überlegung, und

als der Zufall auch noch zu Hilfe kam und den gelehrten Doktor, seinen

Herrn, zu einer kleinen Reise nötigte, da stand sein Entschluß fest.

Am späten Abend, als alles ringsum still und einsam und nur aus der

Fremdenstadt leise von einem Fest Musik herübertönte, erbrach er die Tür

zum Studierzimmer des Doktors, erbrach er den Schrank, der die eisernen

Kästen mit den Flaschen, die immer warm stehen mußten, enthielt. Lange

arbeitete er an den Schlössern, doch widerstanden sie all seinen

Bemühungen. Endlich meißelte er die ganze Rückwand des einen Kastens ab,

und nun hatte er die gefährliche Flasche, die Flasche des Todes, in der

Hand.

Da stand er, von einer Kerze nur matt beleuchtet, schwarz fiel sein

riesiger Schatten auf Wand und Decke. Sein braunes Gesicht verzog sich

zu einem wilden und teuflischen Grinsen, das Weiße in seinen Augen

flimmerte wie Perlmutter, sein eisengrauer Bart sträubte sich am dürren,

spitzen Kinn weit vor, triumphierend schwenkte er in der knochigen Hand

die bauchige Kolbenflasche mit dem langen Hals, den ein großer

Wattepfropfen verschloß, und auf dem das Totenkopfsiegel zur größten

Vorsicht warnte.

Seltsame indische Sprüche murmelte er vor sich hin, und dann flüsterte

er: »Wenige Tropfen in das Trinkwasser und viele Menschen können

sterben, sagte der gelehrte Mann, der mit den Flaschen so ängstlich ist

wie die Mutter mit dem Kind im Schlangenbusch. O weiser Mann, du gabst

uns selbst das Mittel, euch alle zu vernichten. Nicht Pulver haben wir,

Flinten und Kanonen wie ihr. Ihr fühlt euch sicher im Schutz der

Feuerrohre, dies aber ist eine Waffe, die schnell und lautlos eine ganze

Stadt vernichtet!«

Er verbarg die Flasche des Todes sorgfältig unter der braunen Kutte,

verließ rasch das Haus und verschwand im Walde. Langsam stieg der Weg

an, und nach einer halben Stunde hatte er den kleinen Hügel hinter der

Stadt erreicht, wo sich die Wasserleitung befand, die das europäische

Viertel versorgte. Das große Bassin lag in einer niederen Halle aus

Mauerwerk. Leise schlich Shingar herzu. Es war dunkel ringsum, nur das

Blattwerk der Bäume hob sich vom gestirnten Himmel ab. Schwach hörte man

das Wasser in dem großen Rohr rauschen, das zur Stadt niederführte. Nur

wenig Licht war in der Halle. Durch das niedere Fenster sah man den

Wärter in einer Ecke sitzen. Er rauchte seine Pfeife und las in den

letzten Zeitungen, die die Post aus dem fernen England herübergebracht

in das indische Wunderland. Neben ihm hingen an einem Brett große

eiserne Schlüssel und Hebel zum Öffnen des Wasserbassins, zum Abdrehen

der Leitung.

Shingar kauerte sich nieder und wartete, überlegte, wie er unbemerkt an

das Wasserbassin gelangen könne. Die Nacht war schwül und drückend. Es

war heiß in der niederen Halle, und die Luft war dumpf. Schon war es

spät. Da sah Shingar, wie dem Wärter der Kopf tiefer sank, wie die

Zeitung seinen Händen entglitt. Ein Lächeln ging über das Gesicht des

Inders. Alles ging ihm gut an diesem Tage. Er wartete noch ein Weilchen,

dann eilte er auf leisen Sohlen zu der Tür. Aber sie war von innen

verschlossen. So mußte er den Weg durch das Fenster nehmen. Das war

gefährlich, denn es konnte Geräusch machen, aber es mußte geschehen.

Sein oberer Flügel war ein wenig geöffnet, um frische Luft

hereinzulassen; da hindurch mußte der Weg gehen. Der Inder zog seine

Sandalen aus. Jede Bewegung überlegend, langsam, ganz langsam

erkletterte er den Sims, das Auge fest auf den Schlummernden gerichtet,

jeden Moment bereit, wieder herabzuspringen, wenn der erwachte. Aber die

schwüle Luft, die späte Stunde hielt den Wärter weiter in traumlosem

Schlaf.

Die dürre Gestalt des Inders zwängte sich durch das schmale Fenster.

Zentimeter um Zentimeter drückte er es vorsichtig weiter auf, immer

spähend, ob sein leises Knarren den Schläfer störte. Er trug das

gefährliche indische Messer bei sich, es wäre ihm ein Leichtes gewesen,

den Mann stumm zu machen, aber vielleicht hätte man die Tat zu früh

entdeckt, Verdacht geschöpft, das Wasserwerk abgestellt.

Endlich stand er mit beiden Beinen auf dem inneren Fensterbrett. Nun

glitt er geräuschlos nieder, trat auf leisen Sohlen an den Tisch,

löschte die Lampe. Er tastete sich an das Wasserbassin, steckte die

Flasche des Todes tief hinein in die Flüssigkeit, schlug vorsichtig mit

dem Griff seines langen Messers dagegen. Nur ein leises Klingen hörte

man unter Wasser, dann fielen die Scherben lautlos nieder zum Boden des

Kessels.

Ein wildes Triumphieren ging über die eingefallenen Wangen des

Fanatikers. Er lauschte einen Augenblick, dann glitt er wie eine Katze

zum Fenster zurück, schwang sich lautlos empor und stand nach wenigen

Minuten wieder draußen im Freien. Durch den dichten Busch eilte er

heimwärts. Nicht eine Spur von seinem Tun war zurückgeblieben, und nie

hat man erfahren, wie das grausige Werk geschah.

* * * * *

Wenige Tage nach dem nächtlichen Rachewerk Shingars brach in dem

Europäerviertel von Bangalore eine Krankheit aus. Nur wenige wurden

zunächst befallen, aber ihre Zahl wuchs von Tag zu Tage, aus Hunderten

wurden Tausende. Voll Grauen erkannten die Ärzte, daß es die Cholera

sei. Niemand wußte, woher sie kam, und weshalb sie gerade in dem

reinlichen Europäerviertel ausbrach, nur mitten im Lande, in dieser

einen Stadt hauste, statt wie früher die schmutzigen, engen, ungesunden

Stätten der Hindus zu befallen. Ganze Familien starben aus, ganze

Häuser, ganze Straßenzüge. Der Tod raste mit mähender Sense durch die

Europäerstadt. Der Vater verließ die Seinen, der Bruder den Bruder,

alles floh, was noch fliehen konnte, aber der Tod eilte ihnen nach,

erschlug sie auf der Flucht. Niemand konnte helfen, niemand wußte Rat.

Ein böses Ahnen zog durch das Herz der wenigen Ärzte, die noch am Leben

waren. Sollte die schreckliche Seuche aus dem Hause des Doktor

Gravesgrave kommen? Er war verschwunden, verreist, sagte man. Sie eilten

hinaus zu seinem Hause. Es war verschlossen. Man erbrach es. Im Vorflur

lag zusammengekrümmt mit schrecklich verzerrtem Gesicht der Leichnam

seines Dieners Shingar. Ihn hatte als einen der ersten der Tod aus der

Flasche erreicht, er hatte ihn mit eigenen Händen nach Hause gebracht.

An seinen Fingern hafteten genug der tödlichen Keime, zwei Tage nach

seiner Tat schon verendete er hilflos in dem einsamen Hause. Zur selben

Stunde auch erlag der Mann im Wasserwerk dem Feinde, der von hier aus

seinen Weg nahm in die unglückliche Stadt.

Aber seine Tat zog immer weitere Kreise, wie der Raubvogel, der in den

Höhen sein Reich umzirkelt. Der Sensenmann machte nicht Halt im Viertel

der Fremden, er sprang hinüber in die dicht gedrängten Vorstädte der

Eingeborenen, raste durch ihre engen Gassen, machte sie zu stillen,

ausgestorbenen Stätten. Der Schrecken lief mit Sturmeseile durch das

Land, ergriff Nachbarstädte, wanderte mit den Kleidern der Entflohenen

von Ort zu Ort, saß verborgen in den Frachten der Güter, die mit Bahn

und Wagen von Bangalore zu anderen Handelsplätzen wanderten. Die Sense

des Todes mähte und mähte.

Längst war Doktor Gravesgrave zurück. Die Stadt war wie ausgestorben. Er

eilte in sein Haus, Schreckliches ahnte ihm. Er fand den toten Diener

noch an der alten Stelle. Er fand in seinem Schrank den zertrümmerten

Eisenkasten. Die eine der Flaschen war fort. Er sah die Werkzeuge

Shingars umherliegen, er ahnte alles. Es war zu spät, er konnte nicht

mehr helfen, niemand konnte es. Da packte er seine Sachen in eine große

Kiste, auch den anderen Kasten mit der zweiten Flasche. Längst waren die

Keime darin während seiner langen Abwesenheit abgestorben und

unschädlich. Aber auch er sollte dem Ort des Schreckens nicht mehr

entfliehen, dem sein Tun, das nur Gutes schaffen wollte, so schweres

Unglück gebracht. Auch ihn ergriff die Krankheit, einsam starb er in dem

totenstillen Hause, und er starb gern, denn es schien ihm eine Sühne für

die grausige Tat, die doch nicht seine Schuld war. Der Tod aber stand

triumphierend an seinem Sterbelager. Er hatte seinen Feind besiegt.

Langsam erlosch die furchtbare Seuche, die die winzigen Kobolde in der

Flasche hervorgerufen. Der Tod lehnte die Sense in die Ecke und ruhte

von seiner Arbeit. Langsam auch kam wieder Hoffnung und Freude über die

Stadt. Die Entflohenen kehrten zurück, die Arbeit begann wieder, das

Leben ging seinen alten Gang.

Ein Freund des Doktor Gravesgrave zog in das ausgestorbene Haus. Er fand

die Kiste mit den prächtigen Vergrößerungsgläsern, mit gelehrten Büchern

und einem Bericht über das Unglück von Bangalore. Er fand auch einen

Brief an den Doktor Buhle, fern in Deutschland, und sandte Brief und

Kiste her. So kam der alte Ulebuhle in den Besitz der Flasche des Todes

und der genauen Nachrichten über das Unheil, das sie oder ihre Gefährtin

angerichtet. Seht, da steht sie im Schrank, und man sieht es ihr nicht

an, daß sie eine große Vergangenheit hat, gelehrte Sachen, ein großes

Unglück und weite Reisen erlebte.»

Der Alte schwieg.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «sitzt der Tod noch immer in der

Flasche?»

«Nein, er ist längst gestorben, aber mit gefährlichen Dingen muß man

auch dann noch vorsichtig umgehen, wenn sie schlummern. Auch dem toten

Löwen nähern wir uns mit Scheu und Vorsicht, und wir sprechen leise am

Orte, wo die Sense des Knochenmannes durch die Halme ging!»

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 22 / 38 题