Der alte Ulebuhle trug Sommer und Winter ein kleines buntes
Seidentüchlein um seinen dürren Hals, das durch eine große Busennadel
zusammengehalten wurde. Es war eine merkwürdige Nadel. Sie war nicht von
Gold und nicht von Silber, kein Edelstein und keine Perle bildete ihren
Kopf, und doch mußte sie sehr wertvoll sein, denn einmal suchte sie der
merkwürdige Alte und war sehr ängstlich, daß sie verloren sein könnte.
Ein unansehnlicher, roher schwarzer Stein, so groß wie ein Kirschkern,
bildete den Kopf der Busennadel, und wir Kinder schauten sie oft an,
weil wir vermuteten, daß es irgend eine besondere Bewandtnis mit ihr
haben müsse. Irgend eine schnurrige Geschichte steckt dahinter, sagten
wir, und einmal muß der gute Alte damit herausrücken!
Und als wir eines Tages wiederkamen, da brachten wir auch die verlorene
Busennadel wieder mit. «Ulebuhle,» schrien alle zugleich, «da ist sie!
Sie lag drunten vor Eurem Gartenfenster. Wäre nicht ein Frosch
vorübergehuppt, wir hätten sie nicht gesehen. Aber nun müßt Ihr auch
erzählen, warum Euch das eiserne Ding mit dem unansehnlichen Stein so
wertvoll ist. Bestimmt ist es eine spannende Geschichte!»
Der Alte lächelte verschmitzt und nahm eine riesige Prise aus seiner
Schnupftabaksdose. «Spitzbuben,» sagte er, «fast möchte ich glauben, ihr
habt die Nadel versteckt, um beim Wiederbringen die Geschichte zu hören.
Aber da die alte liebe Nadel wieder da ist, so sollt ihr auch belohnt
werden, denn der Stein am Kopf, der euch so unscheinbar vorkommt, hat in
der Tat eine Geschichte, die interessanter ist als manche Räuberpistole,
denn der Stein in der Busennadel ist von weit her. Er stammt nicht aus
den Tiefen der Erde noch vom Grunde des Meeres, er ist nicht auf
Bergeshöhen gewachsen, noch schufen ihn die Menschen, ja, er wurde
überhaupt nicht auf der Erde erzeugt. Ferner als der Mond und manche
Sterne war er einst unserer Erde. _Aus dem Weltenraum_ kam er nach
vieltausendjähriger Wanderung zu uns. Seht, das habt ihr ihm nicht
angesehen, dem Unscheinbaren, und nun merkt auf, denn jetzt kommt seine
Geschichte und alles was mit ihr zusammenhängt.»
Der Alte setzte sich in seinem Stuhl zurecht, zündete seine lange Pfeife
an und begann:
«Das war im Jahre 1690. Die kleine Stadt lag friedlich noch im Schlafe,
nur der Turmwächter, der hoch oben im Turm der uralten Kirche saß und
auf Feuer und anderes Ungemach aufpaßte, war wach und spähte hinaus in
die Winternacht. Die Sterne standen glitzernd zu vielen Tausenden am
weiten Himmelsbogen, und der Alte im Turm kannte sie fast alle, denn
viele Jahre saß er schon einsam in der Höhe und machte sich über Welt
und Menschen seine Gedanken.
Da sah er droben ein schwaches, lichtes Wölkchen stehen, das er bislang
noch nicht gesehen. Am anderen Tage war das Wölkchen wieder da, und nach
einer Woche war es immer heller und größer geworden und hatte seine
Gestalt verändert. Da sah der alte Turmwächter, daß es ein _Komet_ war,
der langsam der Erde näher zog.
Ein wundervoller, heller Stern, heller als alle anderen, weithin
strahlend, entstand aus der lichten Wolke, und ein wundervoller,
schimmernder Schweif zog hinter dem Stern her. Der Komet wuchs und
wuchs; immer näher kam er der Erde. Blendender Glanz ging von ihm aus,
sein Schweif war so gewachsen, daß er den ganzen Himmel überspannte; wie
eine mächtige Rute hing die seltsame Lichtgestalt droben am Firmament.
Wenn es dunkel wurde, dann standen die Menschen zu vielen Tausenden auf
den Gassen oder wanderten ins Freie, vor die Tore der Stadt, um den
wunderbaren Stern zu sehen. Kein Mensch hatte je am Sternenzelt so
Seltsames erschaut. Der König der Sterne schien gekommen, denn alle
anderen verschwanden in seinem Glanz und Schein, alle anderen wurden
verdeckt, und der riesige Komet nahm den ganzen Himmel ein.
Da wisperten und flüsterten die Menschen geheimnisvoll in allen Ecken
und Gassen, und ihre Gesichter wurden besorgt. Was hatte es zu bedeuten,
daß der Vater im Himmel ein so seltsames, nie gesehenes Zeichen, eine so
feurige Rute über die Erde hinstreckte?
Und immer glänzender wurde der schreckliche Komet, immer strahlender
sein Stern, immer größer sein schimmernder Schweif. Die Menschen standen
ängstlich in den Gassen und zitterten vor dem Zorn des Herrn der Welt.
Da kam ein fremder Mönch von weither in die Stadt gezogen. Er hatte ein
blasses, strenges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen düster brannten.
Eine graue Kutte trug er, mit einem hänfenen Strick darum, und
barhäuptig wandelte er durch die Gassen. -- Als es Abend wurde und die
Menschen wieder hinaus liefen, den wunderbaren Stern zu sehen, da stand
der Mönch am Toreingang auf dem Steinblock und hatte die Hände erhoben
zum Himmel, an dem der Komet in magischem Glanze leuchtete.
»Männer und Frauen dieser Stadt,« sagte er, »seht ihr den vom
Himmelsvater gesandten Stern droben erschrecklich leuchten? Seht ihr die
feurige Rute, die der zürnende Gott drohend über euch erhebt? Euch droht
die gerechte Strafe für alle Missetat, die ihr begangen. Habt ihr nicht
einer den anderen bestohlen, wo es ging? Hat nicht der Kaufmann betrogen
und gefälscht, hat nicht selbst Mord und Aufruhr durch die stillen
Gassen der Stadt getobt? Wer hat dem Nächsten in seinen Nöten geholfen,
wie Gottes Sohn am Kreuz geboten, und wer hat Vater und Mutter Ehrfurcht
erwiesen, wie das Gesetz es befahl? Immer weiter habt ihr euch vom Wege
des Heils entfernt. Die Kirchen sind verödet, ihr habt den alten Gott in
frevelhaftem Übermut abgesetzt, nun wird er euch mit dem himmlischen
Feuer kommen, da ihr seine Güte nicht verstanden. Er sendet den
schrecklichsten Kometen, den die Welt gesehen, über die Erde hin, Pest
und Hungersnot, Krieg und Mord, Feuersbrunst und Weltuntergang wird er
euch bringen, die ihr des Heilands vergessen, die ihr den Herrn
geschmäht und verraten. Der letzte Tag ist gekommen, der Tag der Rache
und der Vergeltung für alles, was verharrt in Unglauben und Sünde. Macht
euch bereit, vor den Richterstuhl des Herrn der Welt zu treten. Wenige
Tage noch, und der Komet wird sich niedersenken zur Erde, mit Feuer und
Tod!«
So sprach der Mönch. Er stand mit bleichem Gesicht wie ein Rächer, der
unbekannt aus fernen Landen kam. Der Schein des Kometen leuchtete auf
seinem Antlitz gespenstisch, seine Arme reckte er drohend in den Himmel,
das Kruzifix in seiner Rechten funkelte, sein graues Büßergewand wehte
im Winde. Die Menge sank nieder auf die Knie und betete. -- Der Mönch
aber verschwand still wie er gekommen, doch lange noch stand seine
ernste Gestalt, sein bleiches Gesicht mit dem strafenden Blick im
Gedächtnis der Menschen, und seine Worte vergaßen viele nach Jahrzehnten
nicht.
In feierlichen Prozessionen bewegten sich in den nächsten Tagen die
Massen zur Kirche, um den Himmelsvater zu bitten, den schrecklichen
Kometen, der den Untergang der Welt bringen sollte, wieder fortzunehmen
vom Sternenzelt. Die Glocken läuteten noch nie so oft zum Kirchgang wie
jetzt, und frommer Gesang und Orgelspiel tönten allenthalben aus den
Gotteshäusern.
Aber ein noch größerer Teil der Menschen hatte nun ganz den Kopf
verloren. »Das Ende der Welt ist gekommen, der jüngste Tag,« sagten sie,
»nun ist es zu spät, Buße zu tun, nun müssen wir doch sterben und
verderben, was wollen wir uns da noch plagen! Der Komet wird uns alle
hinwegraffen, die Guten und die Bösen, laßt uns die letzten paar Tage
noch fröhlich sein. Was sollen wir noch arbeiten und schaffen? Das Ende
der Welt ist da!«
Sie warfen Hammer und Kelle, Nadel und Elle, Axt und Spaten hin und
schmausten und pokulierten Tag und Nacht. Überall quiekte die Flöte,
brummte der Dudelsack, zirpten die Geigen, und die Menschen tanzten, bis
sie umfielen. Die Frommen wollten ihnen wehren, da gab es blutige Kämpfe
in den engen Gassen. Die Stadtwache hieb mit der Waffe dazwischen, durch
die nächtliche Stille tönte Tanzmusik und Orgelklang, Beten und Fluchen
und das Geschrei der Kämpfenden, und über alldem leuchtete der Komet mit
wunderbarem Glanze.
Ja, es war eine tolle Zeit, und niemand wußte mehr, wie es enden solle.
Da trat der hohe Rat des Kurfürsten zusammen und besprach den tollen
Wirrwarr des Landes und die Not und Angst und Unordnung seiner Bürger.
Der Kurfürst ließ die weisen Magister und Professoren zusammenkommen und
trug ihnen auf, Mittel zu finden, Unheil abzuwenden, das Volk zu
beruhigen.
Die berühmtesten Sterngucker des Landes wurden herbeigeholt, damit sie
ihre Meinung über den Kometen sagen möchten, und ob er wirklich sich
niedersenken werde auf die Erde, alles zu vernichten.
»Nein,« sagten die Sterngelehrten, »das wird er nicht tun, und der Mönch
hat den sündigen Leuten nur Angst machen und sie zurückführen wollen auf
den Weg der Tugend und der Gottesfurcht, wie es Rechtens ist.«
»Aber morgen schon kann der Komet mit der Erde zusammenstoßen und alles
in Trümmer schlagen und verbrennen,« sagten manche.
»Nein,« riefen die Sterngelehrten, »er steht zehnmal weiter als der Mond
von der Erde und zieht nun langsam fort. Bald wird er verblassen und
ganz klein werden, ferner und ferner wird er wandern und im Sternenraum
verschwinden.«
»Aber wo kommt der wunderbare Fremdling des Himmels her und wo geht er
hin?« forschten die kurfürstlichen Räte.
»Seht,« antworteten die Sternkundigen, »der Komet läuft schon viele
Jahrhunderte lang immer rundum einen mächtig weiten Weg um die Sonne.
Alle hundertfünfzig Jahre kommt er wieder und besucht sie, und dann muß
er auch an der Erde vorbei. Vor hundertfünfzig Jahren war er schon
einmal da, und auch damals haben die Menschen geglaubt, daß die Welt
untergehen wird, aber sie steht heute noch. Seht nur in den alten
Geschichtsbüchern nach, da werdet ihr es finden.«
Der Kurfürst ließ alle alten Chroniken und Historienbücher kommen und
erkannte, daß die Sternkundigen recht hatten. »Aber so erzählt uns,«
befahl er, »was so ein Komet für ein sonderbarer Stern ist, und ob er
uns schaden kann!«
»Großmächtiger Herr Kurfürst,« sagten die Gelehrten, »der Kometstern ist
nichts weiter als eine viele tausend Meter dicke Wolke von Steinen. Die
meisten Steine sind nicht größer als eine Erbse, aber es sind auch
welche darunter, so groß wie ein Wagenrad. Wenn die Wolke der Sonne nahe
kommt, wo es erschrecklich heiß ist, dann fängt sie an zu glühen, und
leuchtende Gase bilden sich aus den Steinen, die hinter der Wolke als
ein wundervoller, schimmernder Schweif herziehen, wie der Rauch hinter
dem Kohlenfeuer. Wenn aber der Komet wieder von der Sonne fortzieht,
dann wird er wieder kalt und leuchtet nicht mehr, und der schöne Schweif
nimmt ein Ende!«
»Das läßt sich hören,« sagte der Kurfürst. »Jetzt aber geht und beruhigt
unser Volk. Es wird sich ja bald zeigen, ob ihr recht gesprochen habt,
denn dazu seid ihr da, und ich bezahle euch Jahr und Tag euer Gehalt,
daß ihr die Sterne studiert. Habt ihr aber falsch gesprochen, so wird
ein peinliches Gericht über euch gehalten werden. Und nun geht!«
Da verbeugten sich die Sterngelehrten tief und verließen den
kurfürstlichen Hof. Der Kurfürst aber ließ in allen Städten anschlagen,
was die Sternkundigen von dem Kometen berichtet, und befahl jedermann,
wieder in Ordnung zu leben und fleißig zu arbeiten, und wo noch ein
Tänzer und Dudelsackpfeifer, ein Tagedieb und Prasser sich blicken
ließe, dem solle der Stadtvogt mit einem nicht zu dünnen spanischen Rohr
das Sitzleder gerben, daß es eine Art habe. Ja, solches befahl der hohe
Herr bei strenger Strafe!
Da bekam denn so mancher wegen des leuchtenden Kometen ein christlich
gemessenes Schock spanischen Pfeffers, aber das war auch das einzige
Unglück, das der Schweifstern fürder anrichtete. Langsam wurde er immer
kleiner und blasser, und endlich sah man ihn nur noch als ein winziges
Wölkchen am Sternenhimmel verschwinden, genau so, wie ihn der
Turmwächter hatte kommen sehen.
Da erkannten der Kurfürst, seine Räte und alles Volk, daß die
Sternkundigen wahr gesprochen hatten. »Gut,« sagte der Fürst, »so will
ich euch zur Belohnung noch ein größeres Fernrohr bauen lassen, damit
ihr die Sterne so deutlich betrachten könnt wie nie zuvor.«
Und das tat er, denn er war ein strenger und gerechter Herr.
* * * * *
Der Komet aber zog in seiner Bahn wieder unbekümmert dahin. Er ahnte
nicht, daß die Menschen solche Angst seinetwegen ausgestanden. Im bitter
kalten Weltenraum schwirrte er, tausendmal schneller als die schnellsten
Vögel, von der Sonne und von der Erde fort. Selbst in ihren großen
Fernrohren konnten ihn die Sternforscher auf der Erde nicht mehr
erkennen, denn er war endlich viele tausendmal weiter von ihr entfernt
als der Mond.
Viele Jahre waren vergangen, da kam der Komet in großer Ferne an einer
anderen Erde vorbei, die war wohl ein paar hundertmal größer als unsere
Weltkugel, auf der die Menschen wohnen. Ja, wer mit so einem Kometen
mitfliegen könnte durch die Sternenräume! Was sieht er nicht alles, was
wir Menschen nie zu sehen kriegen! Da wandert er dicht am Monde vorbei
und schaut hinein in die tiefen Krater und späht wohl umher, ob er nicht
irgendwo etwas Lebendiges sieht, aber nichts regt sich auf der
ausgestorbenen Mondwelt, und nur die Sonne glitzert an den hohen
Felsenwänden. -- Dann huscht der himmlische Wandersmann wieder dicht an
der Sonne entlang und blickt hinein in das brodelnde Glutmeer, aus dem
in hunderttausend Meter hohen Springbrunnen das wilde Flammenfeuer
emporschießt, und dann späht er neugierig auf die Erde, sieht die
Eisbären auf den Schneewüsten des Nordpols, sieht die Beduinen in weißen
Mänteln durch die heiße afrikanische Wüste reiten. Sieht, wie sich die
Erde dreht im Wechsel von Tag und Nacht und Länder und Meere im
Sonnenschein glänzen. -- Dann aber trifft er auf seinem Wege andere
Erden in weiter Ferne, die alle rund wie Tennisbälle um die feurige
Sonne wandern. Große trifft er und kleine, und auf allen ist es wieder
anders. Auf manchen leben andere Menschen von sonderbarer Gestalt, und
auf manchen sind sie schon ausgestorben, oder sie sind noch nicht
erschienen, weil es noch so heiß auf dem Stern ist, daß man da
verbrennen würde, wie der Fisch, der in kochendem Wasser leben sollte.
Ja, was sieht so ein Komet alles, der dahinbummelt durch die
Sternenräume!
Eines Tages also kam unser Komet ganz dicht an einer anderen Erde
vorbei, die ein paar hundertmal größer war als unsere. Ein mächtiger
Ball war es. Wolken umzogen ihn, und viele Monde tanzten rings um die
Weltkugel.
Der Komet war ein fürwitziger Bursche, er rückte dem Riesen so nahe auf
den Leib, daß er fast seinen Wolkenring berührte. Aber es bekam ihm
schlecht!
»Schönen guten Tag,« schrie der Komet und rauschte auf den großen
Burschen los.
»Bleiben Sie mir vom Leibe, Luftikus, oder es gibt ein Unglück!« brüllte
der andere.
Aber schon war es zu spät! Krach, rannten sie aneinander, daß die Funken
stoben. Der Erdenstern aber hatte einen härteren Schädel, und so
erging es dem Kometen erbärmlich. Er wurde in mehrere Stücke
auseinandergerissen, in einzelne Wolken von Staub- und Steinmassen, die
nun hintereinander her durch den Weltenraum zogen. Da war es nun aus mit
der schönen Herrlichkeit des Schweifsternes. Nie wieder konnte er nun
als ein schimmernder, alle Welt in Bewunderung und Staunen, in Angst und
Schrecken setzender Prinz bei der Erde erscheinen, und trübselig
wandelte er dahin.
Und als die Zeit erfüllt war, als er nun wieder seine große Reise
vollendet und nach hundertfünfzig Jahren zur Sonne zurückkehrte, da
guckten sich die Sternkundigen die Augen nach ihm aus. Sie schraubten
immer stärkere Linsen in ihre großen Operngucker, aber sie konnten
nichts von dem Fremdling sehen. Es ist schnurrig, sagten sie, damals war
er so groß, daß alle Menschen in Todesangst kamen und glaubten, er würde
die Erde zertrümmern, und nun bleibt er ganz unsichtbar. Sie wußten
nicht, daß den alten Bummler auf seinem Wege ein schwerer Unglücksfall
betroffen, und daß er krank und siech, gewissermaßen auf Filzschuhen
durch den Sternenraum dahinzog.
»Er ist tatsächlich verschwunden,« sagten die Sterngucker, die mit
blaugefrorenen Nasen eine kalte Winternacht nach der anderen am Fernrohr
saßen. »Übermorgen müßte er der Erde am nächsten stehen und sie fast
berühren, aber er scheint nicht wiederzukommen!«
Seht, Kinder, als diese Zeit gekommen war, da war euer alter Ulebuhle
ein junger Mann, der auch nach dem Himmel guckte, um den berühmten
Kometen zu sehen. Und als nun der Tag kam, an dem der Schweifstern ganz
dicht bei der Erde stehen sollte, da wanderte er hinaus ins Freie, um
die Sterne zu betrachten. Es war ein kalter Winterabend, und die
Sternlein blitzten wie lauter Diamantsplitter in der klaren Höhe. Auf
einmal, gegen Mitternacht, kamen viele Sternschnuppen geflogen. Erst
wenige, dann mehr, und dann Hunderte und Tausende, Stunden um Stunden!
Halt, halt, sagten die Sterngucker, da ist endlich der Komet! Himmel,
wie hat er sich verändert. Er hat sich aufgelöst in lauter kleine Teile,
und nun wandert die Erdkugel mitten durch den ganzen Krempel. All die
einzelnen Steinchen und Staubmassen, aus denen der Kometenkopf bestand,
schwirrten nun einzeln durch die Lufthülle der Erde, entzündeten sich da
und glühten und sprühten. Ja, es war ein wundervolles Feuerwerk und
kostete nicht einen Pfennig; der alte Petrus gab es ganz umsonst!
Manchmal kamen größere Steine, und dann glühten sie grün und rot auf
hoch droben und krachten wie Raketen. Auf einmal, siehe da, kam ein ganz
großes. Es puffte und zischte und knallte und zerbarst in tausend
schimmernde Funken, und die fielen zur Erde nieder. Huiii! ging es
plötzlich, als wenn eine Flintenkugel daherpfiffe, und dann sagte es
Ratsch und knatterte gegen einen alten Baum, der am Wege stand. Wir
liefen hinzu, und da lagen ein paar kleine Steinchen auf der harten
Schneedecke unter dem Baum, Steinchen, die von der Sternschnuppe
abgesplittert waren, Steinchen, die zu dem Kometen gehörten. So hoben
wir sie auf und brachten sie als Andenken mit nach Hause.
Den meinen aber ließ ich einsetzen in die Busennadel. Seht her, da ist
er! Hat er nicht eine ganz absonderliche Geschichte? Er ist ein Stück
von dem schrecklichen Kometen, der vor Jahrhunderten die Menschen
geängstigt, er wanderte weithin durch die Sternenräume, besuchte den
Mond und die Sonne, sah, wie es auf anderen Sternen aussieht, und fiel
endlich aus Himmelshöhen nieder zur Erde. Ja, er hat eine absonderliche
Geschichte wie kein Stein sonst in der Welt!»
* * * * *
«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «flunkert Ihr uns auch nichts vor, und
bestehen die Kometen wirklich nur aus solchen Steinen?»
«Galgenvögel!» sagte der Alte grimmig, «wenn der Ulebuhle etwas sagt,
dann ist es so. Geht hin in das Museum, da könnt ihr solche vom Himmel
gefallenen Steine von Kometen aufbewahrt finden, und wenn ihr des Abends
die Nase hinaufreckt zum Himmel, so werdet ihr dann und wann so ein
Steinchen als Sternschnuppe fliegen sehen, das sich verspätet hat und
nun einsam hinter der aufgelösten Kometenwolke daherzieht wie ein
Schulbub, der die Zeit verschlafen. Jetzt aber trollt euch von dannen,
denn die Geschichte von der Busennadel ist zu Ende!»