Das Haus des alten Ulebuhle am Frankenberger Plan zu Goslar, das so
putzig aussah mit seinem Jahrhunderte alten, spitzen Schieferdach, dem
bunten Holzwerk und den kleinen Fensterchen, war wie ein Museum. Bücher
und Instrumente und Sammlungen aller Art füllten es vom Keller bis zum
hohen Giebel. Überall standen uralte Truhen mit eisernen Bändern und
Messingschlössern, und sie waren angefüllt »mit tausend
Schnurrpfeifereien«, wie die alte Christine sagte, aber die verstand
nichts davon. Da gab es Kästen mit seltsamen Muscheln und Käfern, mit
versteinerten Tieren, mit Totengebein und ausgestopften Vögeln. Alte
Uhren und Seefahrerinstrumente, Vergrößerungsgläser, seltsame Münzen und
Briefmarken, Eier von indischen Vögeln, Bogen, Pfeile und Messer wilder
Völker füllten Kisten und Kasten.
Und noch ein ganz besonderer Schrank stand im Studierzimmer des
seltsamen Alten. Hinter den Scheiben war eine grüne Gardine; man konnte
die Dinge, die da lagen und standen, nicht sehen, aber zuweilen -- wenn
wir Kinder kamen -- kramte der gelehrte Mann zwischen diesen Raritäten
herum, und da sahen wir denn allerlei krauses Zeug. Ein paar ganz
merkwürdige Tabakspfeifen, riesige Schlüssel, einen rostigen Säbel, eine
zerbrochene bunte Tasse, eine reichverzierte Schnupftabaksdose, einen
alten Gänsekiel, der früher als Schreibfeder gedient hatte, eine grüne
Weste, eine leere braune Bouteille, Knochen, Metallteile von einem
Sargdeckel, vergilbte Briefe, Lorbeerkränzlein und vieles andere.
«Das ist des Doktor Ulebuhle Erinnerungsschrein,» sagte die alte
Christine, wenn wir sie fragten. «Ihr dürft ihn nicht stören, wenn er in
dieser Raritätenkiste herumkramt, denn jedes Stück ist irgend ein Zeuge
seltsamer Erlebnisse oder stammt von berühmten Männern, die längst im
Grabe ruhen.»
Als wir eines Tages wieder bei ihm erschienen, stand er vor dem alten
Schrein und betrachtete mit seiner mächtigen Hornbrille einen eisernen,
rostigen Riegel. Wir standen still daneben, um ihn nicht zu erzürnen,
und begriffen nicht, was es an dem alten Eisenstück zu sehen gäbe. Da
drehte sich der Alte plötzlich um und sagte:
«Seht her, ihr Racker! Dieses Eisenstück ist weit her. Einst lag es auf
dem Grunde des Meeres. Da hat es einem Menschen das Leben gerettet.
Dieser Mensch war meines Vaters Freund. Er hieß John Dolland und war ein
Taucher. Und weil ihr mir so brav von den Bergwiesen Kräuter gesammelt
habt, will ich euch heute die Geschichte, die mit dem alten rostigen
Riegel zusammenhängt, erzählen, so wie sie John Dolland uns selbst
erzählte.»
Der Alte schlurfte zu seinem hochlehnigen Sorgenstuhl, nahm umständlich
eine Prise, nieste zweimal, wie es bei ihm alter Brauch, und dann begann
er seine Geschichte.
«Damals, als John Dolland der Taucher zu uns kam, war ich selbst noch
ein Bub. Mein Vater hatte ihn auf einer langen Seereise, die ihn als
Arzt bis herunter nach Südafrika geführt, kennengelernt. Zu jener Zeit
gab es noch keine Eisenbahnen und kein Dampfschiff und all das andere
Teufelszeug, mit dem sich der moderne Mensch herumärgern muß, und allein
die großen Segelschiffe fuhren nach fernen Ländern. -- John Dolland war
ein echter rechter Seemann nach altem Schlag. Groß und breit und
wetterhart. Blaue Augen saßen in dem braunen Gesicht, und im linken
Ohrläppchen trug er einen Goldring. Das war ein alter Brauch.
Drei Tage und Nächte wohnte er in unserem Hause und erzählte mit meinem
Vater von alten Seefahrten. Und eines Abends, als der Regen rauschte und
der Wind durch die Schlüssellöcher winselte, als die gute Mutter bei uns
saß und strickte, die Männer einen heißen Grog tranken, zog der Taucher
den alten Eisenriegel hervor und wickelte sein Garn ab, wie die Seeleute
sagen, wenn sie eine Geschichte erzählen.
»Herr Doktor,« sagte er, »ich habe Ihnen gestern versprochen, mein
Erlebnis mit der >Isabella< zu erzählen. Heut, so kalkuliere ich, ist
der rechte Augenblick dazu, und so will ich das Ding abrollen. Also das
war im Jahr 1822, und ich trieb damals so zwischen Gibraltar und den
Kap-Verdeschen Inseln mein Handwerk. Das war eine vielbefahrene
Wasserstraße, und manches gute Schiff kam bei den Azoren, bei Madeira,
den Kanarischen Inseln oder den Kap-Verden auf Grund, und ein guter
Taucher konnte da immer einen Beutel Silberlinge verdienen. Eines
Abends, ich arbeitete gerade im Hafen von Funchal auf der schönen Insel
Madeira, wo unter Wasser an den Hafenanlagen große Ausbesserungen nötig
waren, kam ein Bote zu mir, den der alte berühmte Tauchermeister Cook
gesandt hatte. -- Ein großer Segler, der von Lissabon, der Hauptstadt
Portugals, nach hier unterwegs war, sei draußen auf See, nordöstlich von
Porto Santo in der Nacht untergegangen, und der alte Cook wolle mit mir
über die Sache sprechen.
Ich saß mit meinen Kameraden bei einem guten Schluck Portwein in der
uralten verräucherten Taverne >La Paloma<; wir spielten Karten und
rauchten, daß die alte Ölfunzel an der Decke kaum noch durchdringen
konnte. »Kinder,« sagte ich zu meinen Kumpanen, »der Mensch kann nicht
mehr als ein ehrliches Stück Arbeit tun, und dann hat er seinen Schluck
Wein und seine Pfeife Tabak verdient; Wenn der alte Wassermolch glaubt,
daß ich zu dem weggesackten Kasten vor Porto Santo heruntersteige, dann
hat er falsche Segel gesetzt. -- Sagt ihm das, Jüngling, und laßt Euch
auf meine Kosten eine Pinte Roten vom Wirte geben.«
Der Bote tat so, und ging wieder mit starker Schlagseite unter Segel.
Als wir noch so ein Stündchen gespielt hatten, ging plötzlich die Tür
auf, und aus dem dichten Tabakrauch tauchte Oll Cook auf, rund wie ein
Oxhoft Wein.
»Jungens,« sagte er, »ich denke, wenn der Berg nicht zu Sankt Peter
kommt, dann kommt Sankt Peter zum Berg.« Und damit ließ er sich
schnaufend an dem breiten Eichentisch nieder.
»Wirt,« schrie ich, »einen großen Humpen, einen ganz großen Humpen vom
Allerbesten für Seine Eminenz Oll Cook, die bravste Teerjacke zwischen
den Wendekreisen.«
Da saßen wir denn und pokulierten und schmokten, daß einer den andern
nicht mehr sah, aber so gegen Mitternacht meinte der alte Wassermolch
plötzlich ganz ruhig: »So, und morgen früh fahren wir mit dem
Taucherschiff raus und John Dolland sieht nach der gesunkenen
>Isabella<. Sie liegt bei dreißig Faden[3] tief, und wenn John Dolland
nicht heruntergeht, ein anderer kann's schon gar nicht; höchstens Nils
Nielsen, aber der fühlt sich seit Tagen nicht so recht wohl, sein Magen,
sagt er, muß kalfatert[4] werden.«
»Dreißig Faden,« sagte ich, »das ist ein hübsches Ende. Da kann einem
die Puste bei wegbleiben. Da hab ich aber auch kein Quentchen Lust zu!
Was ist es denn mit diesem Kasten von >Isabella<? Hatte er Goldbarren
geladen?«
»Jung,« antwortete die alte Wasserratte, »hast du je erlebt, daß der
alte Cook einem ehrlichen Christenmenschen ein Stück schwierige Arbeit
andreht, wenn nicht auch eine anständige Seemannsmütze voll Zechinen
dabei zu verdienen ist? Aber es kömmt noch was anderes bei in Betracht,
und eine Extra-Belohnung von der portugiesischen Regierung!«
»Dunner Hagel, Oll Cook, dat ist ja eine ganz Handvoll!«
»Tja, dat is es auch. Und nun seid man still und hört genau zu, wie die
Sache liegt. Also die >Isabella< kam von Lissabon, und an Bord war ein
ganz hohes Tier von der Regierung, ein Gesandter oder so was, und er
hatte wichtige Papiere bei sich, an den Gouverneur dieser Insel. Auch
Waffen und Pulver für die Hafenkanonen waren an Bord. Es muß irgend ein
Unglück damit geschehen sein, eine Explosion, denn sonst hätte das gute
Schiff in der ruhigen und windstillen Nacht nicht plötzlich und schnell
sinken können. Der Leuchtturmwächter bei Porto Santo hat auch draußen im
Meer in der Nacht einen grellen Lichtschein und einen starken Knall
wahrgenommen. Das hängt wohl mit dem Unglück zusammen. Die
portugiesische Regierung zahlt einen hohen Preis für die Papiere. Ihr
Vertreter war heut bei mir und hat mich gebeten, für einen zuverlässigen
Taucher zu sorgen, und ich sagte ihm, daß dreißig Faden für einen
Christenmenschen mit einem gewöhnlichen Herzen und Lungen, die nicht aus
Büffelleder sind, zu viel wären. Ich kenne nur einen, der es versuchen
könnte, und das ist John Dolland, aus dem der Herrgott eigentlich einen
Zugochsen machen wollte und sich im Teig und in den Knochen vergriffen
hat!«
»Einen Schluck zu Ehren Oll Cooks,« sagten lachend meine Freunde, »das
ist ein wahres Wort!«
Ich war immer noch im Zweifel, ob ich das schwierige Stück Arbeit
übernehmen sollte, aber da rückte der schlaue Fuchs noch mit einer neuen
Geschichte heraus.
»Früher, als ich noch ein junger Kerl war, Maate, habe ich manches
ähnliche Stück vollführt, und da waren die Taucheranzüge und die
Luftpumpen noch nicht so gut wie heut, aber jetzt kann ich das nicht
mehr. Indessen, beinahe würde ich es dennoch wagen, denn es befand sich
an Bord der >Isabella< auch noch eine junge Frau, die ihre beiden Kinder
von hier nach Spanien herüberholen wollte, in die Heimat. Ihr Gatte, ein
Offizier, bei dem die Kinder hier lebten, starb vor kurzem. Nun ist auch
sie mit dem Schiff zugrunde gegangen, und die armen Waisen standen den
ganzen Tag am Leuchtturm und starrten weinend hinaus auf die See, die
ihnen die Mutter nahm. Wahrscheinlich hat die Frau ihr Barvermögen bei
sich. Auch das könnte man retten, und es wäre eine gute Tat, denn
welcher Seemann hülfe Kindern nicht, die das nasse Element so schwer
geschlagen!«
»Oll Cook,« sagte ich, »Ihr sprecht wie ein Advokat und würdet eine
verlorene Seele aus dem Fegefeuer herausreden. Also gut! Die Kinder
sollen sehen, daß ein Seemann noch mehr kann als Grog und Portwein
trinken. So will ich also herunter zur >Isabella<, aber nur unter einer
Bedingung, nämlich daß Ihr selbst auf dem Taucherschiff alle Arbeiten
leitet, denn wenn nicht alles bis aufs I-Tüpfelchen seine Ordnung hat,
riskiert man Kopf und Kragen bei dem Geschäft!«
»Selbstverständlich, Maat!« rief der Alte freudig und hieb mir mit
seiner noch immer eisenfesten Pranke kräftig auf die Schulter. »Und nun,
Jungens, schnell noch ein paar Augen voll Schlaf, denn morgen früh bei
Sonnenaufgang geht's hinaus auf die See.«
Da trollten wir denn von dannen. Draußen war es dunkel und etwas neblig,
aber die Kupfernase des alten Cook leuchtete wie eine Backbordlaterne
durch die Finsternis.»
Doktor Ulebuhle unterbrach hier seine Erzählung, um sich eine frische
Pfeife zu stopfen, und die alte Christine brachte Tee für uns Kinder und
einen guten Abendtrunk für ihren Herrn. Dann stocherte sie noch ein
wenig im Kamin herum und schlurfte wieder davon.
«So ein Taucher hat ein gefahrvolles Handwerk, Kinder,» hub der Alte
wieder an. «Es ist keine Kleinigkeit, auf den Boden des Meeres
hinabzusteigen, und das ist überhaupt nur für eine ganz geringe Tiefe
möglich, so etwa bis auf rund sechzig bis siebzig Meter. Damals, als
John Dolland tauchte, war das noch ein großes Wagnis, und man begreift,
daß er keine Lust verspürte, das dreißig Faden, also fünfundfünfzig
Meter tief liegende Schiff aufzusuchen.
Was aber ist es, das die Arbeit unter Wasser so schwierig macht? Nun, es
ist der Druck der Wassermassen auf den menschlichen Körper! Seht, wir
alle leben ja eigentlich auf dem Grunde eines Meeres, nämlich des
Luftmeeres, und da die Luft viele Kilometer hoch emporreicht, so drückt
sie auch auf uns, und wir könnten uns viel leichter bewegen, wenn der
Raum um uns luftleer wäre, wie es auf dem Monde der Fall ist.
Das Wasser aber ist fast achthundertmal schwerer als die Luft, was ihr
ja alle merkt, wenn ihr mit dem leeren Eimer, in dem nur Luft ist, nach
dem Brunnen geht, und mit dem gefüllten Eimer zurückkommt. Steigt der
Taucher nun ins Meer hinab, so drückt die Wassermasse mit immer größerer
Wucht auf ihn, je tiefer er geht. Dieser Druck aber wirkt auf den
menschlichen Körper, der eben nicht für das Meer, sondern für die
Erdoberfläche gebaut ist, schädlich ein. Herz und Lungen werden in ihrer
Tätigkeit sehr gestört. Bei alten Tauchern findet man zudem häufig
Blindheit, fast immer aber Taubheit und allerlei Herzkrankheiten.
Läßt man eine leere Blechbüchse tief herab auf den Meeresgrund und zieht
sie dann wieder herauf, so ist sie zusammengedrückt, und eine Kugel aus
Kork wird fast so flach wie ein Taler. Aber das ist freilich erst in
mehreren tausend Metern Tiefe möglich. Ja, ihr Buben, so tief ist das
Meer. An manchen Stellen, bei den Japanischen Inseln, ist es neuntausend
Meter tief, und wenn man da den höchsten Berg der Erde hineinstellen
würde, der in Asien liegt und Gaurisankar heißt, dann guckte er nicht
einmal mehr mit der Nasenspitze heraus, denn er ist nur
achttausendachthundertvierzig Meter hoch.
Nun denkt einmal an, daß die Taucher noch nicht einmal hundert Meter
tief heruntersteigen können. Wie wenige Schiffe, die gesunken sind,
liegen in so flachem Wasser! Auf ewig bleiben also die versunkenen
Menschen und Schätze in diesen Tiefen unseren Augen verborgen. Sie
liegen in der grausigen Finsternis da unten, wo ewiges Schweigen
herrscht, denn weder das Sonnenlicht noch der Wellenschlag dringen hinab
auf den Grund des Ozeans.
Aber nun will ich euch weiter berichten, was John Dolland der Taucher
erzählte!
»Am andern Morgen, bei Sonnenaufgang,« so sagte er, »waren wir alle auf
dem Taucherschiff versammelt. Der alte Cook, mein Kamerad Nils Nielsen,
der Beamte der portugiesischen Regierung, der sogar ein Bild von dem
ertrunkenen Gesandten mitgebracht hatte und alle Leute, die dienstlich
bei der Taucharbeit zu tun hatten. Als wir eben nach Porto Santo
hinausfahren wollten, kam noch eine fromme Schwester mit den beiden
Kindern, deren Mutter mit der >Isabella< in die Tiefe ging, denn da
nirgendwo ein Rettungsboot angekommen war, mußte man annehmen, daß das
Unglück nächtlicherweile und urplötzlich erfolgt sei und niemand ihm
entgangen war.
»Hier, ihr Kinder,« rief der alte Cook, »seht ihr den Mann, der
hinabsteigen will zu eurer ertrunkenen Mutter! Er wird euch mit
heraufbringen, was sie an Gütern bei sich trug. Wünscht ihm Glück und
Gottes Schutz. Er ist ein tapferer Mann, und hauptsächlich um euch zu
nützen, wird er tauchen!«
Die weinenden Kleinen flüsterten kaum hörbar ihre Bitten. Die fromme
Schwester schlug ein Kreuz und betete für gutes Gelingen, und dann
gingen wir unter Segel und verließen die Bucht von Funchal.
Wir wendeten nach Norden. Noch war es frisch; ein leichter Dunst lag auf
dem Wasser, aus dem in der Ferne da und dort, wie weiße Schmetterlinge,
ein paar Segler auftauchten. Ein schwacher Wind nur strich über das
blaue, fast glatte Meer; zum Tauchen ein vortreffliches Wetter.
Bei Porto Santo kam der Leuchtturmwärter zu uns an Bord, um die Stelle
zu zeigen, bei der etwa die >Isabella< gesunken sein mußte. Bald hatten
wir diese dem Lande nahe Gegend erreicht. Wir ließen einen Anker bis
fast zum Meeresgrunde herab und fuhren nun ganz langsam kreuz und quer,
bis nach etwa einstündigem Suchen der Anker faßte. Wir zogen ihn empor
und umfuhren das Hindernis von allen Seiten, immer wieder mit dem Anker
seine Lage prüfend. Kein Zweifel, hier lag ein gesunkenes Schiff. Einmal
saß der Anker fest, und als wir ihn losrissen und emporwanden, hing
Takelwerk zwischen seinen Klauen. So hatten wir also die >Isabella<
aufgefunden, schneller als wir erwartet hatten. Das Taucherschiff wurde
nun mit mehreren Ankern festgelegt, und jetzt begannen die
Vorbereitungen, die Oll Cook, der erprobte Tauchermeister, mit
gewissenhafter Sorgfalt leitete.
Wir Taucher da drunten auf dem Meeresgrund sind ja mit Leib und Leben
abhängig von der Luft, die uns von oben her durch den Schlauch zugepumpt
wird. Geht der Schlauch entzwei oder die Luftpumpe, dann ist es mit der
Herrlichkeit vorbei, wenn man nicht selber schnell nach oben kommt, was
nicht immer möglich ist. Aber gottlob passiert es selten, daß die
Apparate versagen. Die Druckpumpe, die mir die Luft zuführen sollte,
wurde genau untersucht, zuverlässige Leute zu ihrer Bedienung wurden
ausgewählt, und dann zog ich mir in aller Ruhe meinen Taucheranzug an,
von Oll Cook unterstützt. Der Anzug war fast neu und vollkommen
wasserdicht. Gummimanschetten schlossen ihn an den Hand- und Fußgelenken
ab. Dann zog man mir die schweren Taucherstiefel an, mit den dicken
Bleisohlen, die dafür sorgen, daß man im Wasser einen festen Stand hat
und nicht umkippt wie ein leichtes Holzmännchen. Endlich kam die runde
Kupferkugel des Helmes an die Reihe, die den Kopf umschließt. Sie wurde
am kupfernen Halsring des Taucheranzuges festgeschraubt. Ein
Gummistreifen schützte auch hier gegen das Eindringen des Wassers. Nun
den Gürtel um, mit dem Dolchmesser, das gegen Haifische und andere
gefährliche Burschen schützen kann, und wir sind soweit.
Oll Cook schraubte bereits den Luftschlauch, der von der Luftpumpe
kommt, an meinem Helm fest, und Nielsen hatte schon das Verschlußstück
des Helmes, mit dem dicken Glasfenster, in der Hand, um mich ganz von
der Außenwelt abzuschließen, aber ich nahm noch einmal schnell meine
geliebte alte Tabakspfeife, um einige Züge zu tun. »Nils,« sagte ich,
»alter Bursche, man kann nie wissen, was der Teufel mit einem vorhat,
und ob man noch einmal einen Gipskopf voll Kanaster in die Luft paffen
kann, und darum soll man's beizeiten tun!«
»Richtig,« sagte der alte Cook. »Das habe ich auch immer so gehalten,
Maate. Und noch eins, mein Junge! Für die Schiffskasse und die
Schiffspapiere bekommen wir einen ganz hübschen Batzen extra, der für
jeden mindestens ein Stückfaß vom besten Rum und eine Klafterkiste voll
Holländer Tabak ausmacht! Sieh zu, daß du den Krempel heraufbringst.«
Da trat auch der Portugiese heran, der bisher neugierig zugeschaut
hatte, wie ich in meinen Wasseranzug schlüpfte. Er hatte ein viereckiges
Glasstück, mit einer seidenen Schnur daran, in das eine Auge geklemmt
und trug einen hohen Zylinderhut, der uns Teerjacken ringsum sehr
komisch vorkam. »Seht noch einmal das Bild des Senor Cabrella an,
Meister Dolland. Tausend Peseten in Gold zahlt meine Regierung für die
Papiere, die er bei sich trug. Geht ans Werk und die heilige Jungfrau
sei mit Euch!«
Ich nickte und versprach zu tun, was sich ermöglichen ließ. Tausend
Peseten -- hörte ich Oll Cook brummen. Und sicher berechnete er im
Kopfe, wieviel Stückfässer Rum man dafür kaufen könne, denn sein roter
Riechhaken schnupperte verdächtig in der Luft herum.
»Fertig!« rief ich.
Man schraubte das Helmfenster zu. Die Männer an der Luftpumpe traten in
Tätigkeit, Cook befestigte die Signalleine, mit der der Taucher durch
ein- oder mehrmaliges Ziehen von unten sein Zeichen gibt, an meinem
Gürtel, und dann schlurfte ich mit meinen schweren Bleischuhen der
Strickleiter zu, die über Bord hing.
Das Letzte, was ich sah, war der Zylinderhut des Mannes mit dem
Glasscherben im Auge, dann war ich unter Wasser, und Kühle drang zu mir.
Am Ende der Strickleiter ergriff ich das Seil und zog kräftig daran. Da
ließ man mich an ihm langsam und vorsichtig hinab, tiefer und tiefer. --
Um mich war die grünliche, klare Flut. Über mir, der dunkle Schatten,
war der Boden des Taucherschiffes.
Ganz langsam glitt ich tiefer und tiefer, hin und wieder hing ich mal
eine Weile unbeweglich am gleichen Ort, denn es ist von großer
Wichtigkeit, daß der Taucher seinem Herzen und seinen Lungen Zeit gibt,
sich an den veränderten Wasserdruck zu gewöhnen, ehe er in immer größere
Tiefen hinuntertaucht. Das Wasser war von gläserner Durchsichtigkeit,
und weithin konnte ich kleine, zierliche Fischchen blinken sehen. Unter
mir gewahrte ich nach einiger Zeit auf gelblichem Grunde undeutlich eine
verschwommene dunkle Masse; offenbar war es das gesunkene Schiff, doch
war ich noch nicht tief genug, um Einzelheiten zu erkennen.
Ich glitt, immer wieder meine Fahrt unterbrechend, tiefer und tiefer
hinab, und langsam wurde es dunkler um mich her. Selbst in sehr klarem
Wasser ist es in dreißig Metern Tiefe am hellen Mittag schon schummrig,
wie droben auf dem festen Lande zur Zeit der Abenddämmerung, und nun gar
dreißig Faden oder fünfundfünfzig Meter tief kann man nicht mehr viel
sehen, denn soweit dringt das Sonnenlicht nur in günstigsten Fällen.
Hier aber lag heller Sand am Grunde, und er war bedeckt mit Millionen
silbrig schimmernden Muscheln und Muschelsplittern, und so ging es
einigermaßen. Außerdem sind wir Taucher an das Arbeiten bei dieser
Beleuchtung gewöhnt und sehen, wie die Maulwürfe, fast noch im Dunkeln.
Nicht überall ist der Meeresgrund so günstig. Ich tauchte an Stellen, wo
er mit einem zähen Schlamm bedeckt war, in dem man leicht versank. Das
war freilich an der englischen Küste, in der Nähe der Einmündung eines
großen Flusses, der viel Sand und Schlamm am Grunde ablagert. An anderen
Orten wieder sah der Boden wie ein wilder Wald aus, bedeckt mit einem
Gewirr von Schlingpflanzen, worin man sich fortwährend verhedderte und
aller paar Minuten auf der Nase lag. Dann aber gibt es auch Stellen, da
ist es bergig. Es geht auf und ab, Schluchten und Felswände stehen da,
oder Korallenriffe steigen aus der finsteren Tiefe auf.
Der alte Cook machte seine Sache wirklich vorsichtig! Nach acht Minuten
berührte mein Fuß den Grund. Ich gab durch Ziehen an der Leine
Nachricht, daß ich drunten angekommen.
Zwanzig Schritt von mir entfernt hob sich vom Grunde die dunkle Masse
der >Isabella< ab. Sie lag schräg gegen eine Sandwelle, ihre Masten
ragten gespenstisch aufwärts, und Segel und Tauwerk hingen in
abenteuerlichen Formen hernieder. -- Unten bist du nun, alter Knabe,
sagte ich zu mir, jetzt nimm dich zusammen, daß du auch wieder gut nach
oben kommst. Eile mit Weile. Abrackern darf man sich in solcher Tiefe
nicht, sonst ist man in fünf Minuten so erschöpft, daß man schleunigst
das Aufzugsignal geben muß, wenn man nicht ein schlimmes Ende nehmen
will. Langsam und bedächtig kletterte ich an über Bord hängendem Tauwerk
hinauf auf Deck. An zwei Stellen sah ich Seeleute liegen, aber ich hielt
mich nicht auf, denn zu helfen war den armen Teufeln ja nicht mehr, und
hier unten sind die Minuten kostbar. Eine Viertelstunde konnte ich es
wohl aushalten, aber was sollte in dieser Zeit alles geschehen!
Hier oben war weder etwas vom Kapitän noch von dem Gesandten noch von
der Mutter jener Waisen zu sehen. Sicher befanden sie sich unter Deck.
Vorsichtig, immer meinen Luftschlauch und meine Signalleine vor
Verwicklungen mit dem Segelwerk schützend, wandte ich mich zu der
Treppe, die hinabführt zum Schiffsinnern, zu den Kajüten. Aber da war
nicht durchzukommen. Die >Isabella< war ein alter, unmoderner Kasten.
Die Tür am Ende der Treppe war durch einige Fässer und Balken, die im
Augenblick des Sinkens ins Rollen gekommen waren und sich vor die Tür
gelegt hatten, gesperrt. Bald entdeckte ich aber einen zweiten Eingang,
eine einfache Öffnung, die mit einer Falltür zu verschließen war. Eine
steile Stiege führte hinunter, und ich kroch vorsichtig hinein.
Es war stockdunkel da unten. Ganz allmählich gewöhnte sich mein Auge an
das schwache Licht, das durch die mit dicken Glasplatten bedeckten
Bullaugen, den Oberlichtfenstern und Seitenfenstern, hineindrang. Gleich
am Ende des schmalen Ganges lag die Kajüte des Kapitäns. Er selbst war
nirgends zu sehen. Aber der eiserne Kasten unter dem Kartentisch
enthielt sicher Schiffspapiere und Schiffskasse. Ich beschloß, erst
einmal dieses eiserne Ungetüm nach oben zu bringen. Droben auf dem
festen Lande hätten zwei starke Männer ihre ganze Kraft nötig gehabt,
das schwere Ding zu bewegen, aber unter Wasser sind alle Gegenstände
viel leichter. Es ist, als ob das Wasser den eingedrungenen Fremdling
wieder nach oben drücken will, und dieser Druck bewirkt, daß wir ihn
weitaus leichter halten und emporheben können. -- So schleifte ich denn
den großen Kasten bis zur Luke und bugsierte ihn die steile Stiege
hinauf. Endlich stand er oben, und ich gab das Signal, ein Seil
herabzulassen. Nach einer Minute schwebte es, mit Eisenstücken
beschwert, nahe bei mir. Die Kiste wurde befestigt, ein Zug am Tau, und
langsam wurde die kostbare Last von den Kameraden droben emporgewunden.
Sie entschwand meinen Augen im grünlichen Schimmer über mir.
Ich hatte mich inzwischen derart an das geringe Licht gewöhnt, daß ich
deutlich das Leben des Meeres um mich her wahrnahm. In allerlei
wunderlichen Formen schwammen seltsame Geschöpfe an mir vorüber. Manche
standen wie lauschend still zwischen dem Takelwerk des gesunkenen
Schiffes. Da zog lautlos ein Pelikan-Weitmaul heran, ein mißgestalteter
Geselle, wohl einen halben Meter lang und nicht unähnlich einem großen
Schöpflöffel, denn der ganze Bursche besteht fast nur aus einem
Riesenmaul. Er war schwarz wie eine Katze und blickte blöde meinen
kupfernen Helm an, bis er, sicherlich verwundert über das seltsame
Wesen, das er hier traf, langsam in der Ferne verschwand. Liebliche, in
allen Farben schillernde Seerosen und Medusen kamen angeschwommen, fast
durchsichtig war ihr zarter Leib, und mit ihren zarten Armen flatterten
sie hin und her, griffen nach unsichtbaren Dingen. Wie Spielzeuge aus
Glas waren sie anzuschauen, bunt und zerbrechlich. Riesige Seesterne,
mit fünf langen Armen glitten lautlos vorüber, gräßliche Tiefseekrebse
mit starren Stielaugen, mit einem Gewirr von Beinen, Hörnchen, Fühlern
folgten ihnen. Eine Seespinne stelzte unbeholfen auf hohen Beinen neben
mir vorüber, ein Schwarm kleiner, silbern blinkender Fischlein spielte
um mich her, wie Mücken um die Weide am Bach. Und wieder ein gräulicher
Bursche! Ein Melancetus, ein Schlammbewohner, wie ein unförmiger Beutel
anzuschauen. Vorn am Kopf trug er einen langen dünnen Fühler, wie der
Zirkusklown eine Pfauenfeder balanziert. Das riesige Maul war angefüllt
mit spitzen Zähnen. Er jagte einer Schar winziger Krebschen nach, die
vor dem gefräßigen Beutel, der sie schlucken wollte, zu entkommen
suchten. Auch leuchtende Tiefseebewohner, die in mattem, gelbgrünem
Licht schimmerten wie alte Phosphorzündhölzer, sah man dann und wann. Es
kribbelte und krabbelte um mich herum in seltsam abenteuerlichen Formen
und Farben. Zerrbilder der Natur glitten vorüber und wundervolle
Gebilde, die wie bunte Blumen anzuschauen waren.
Aber einen Augenblick nur wandte ich meine Aufmerksamkeit auf das
Schauspiel, meine Zeit war knapp. Ich stieg wieder zur Luke hinein,
glitt aber plötzlich auf der steilen Hühnerleiter aus und riß ein wenig
an dem Seil. Da gab es plötzlich über mir einen dumpfen Ton, es wurde
noch etwas dunkler, und erschreckt nach oben blickend sehe ich, wie die
Falltür zugeschlagen ist. -- Mein Herz pocht gewaltig, eine Hitzewelle
und ein Kältestrom schießt durch meinen Körper, jeden Augenblick glaube
ich, daß die Luftzufuhr unterbrochen wird, denn offenbar hat die
zugefallene Klappe den Schlauch zugeklemmt. Ich haste die Treppe wieder
hinauf, stemme mich mit aller Kraft gegen die Klappe, immer und immer
wieder, aber sie wankt nicht. Es ist, als säße der Teufel oben drauf.
Indessen, nach wie vor funktioniert die Luftzufuhr. Wie ich näher
hinschaue, sehe ich, daß ein eiserner Riegel das vollkommene Zuschlagen
der Falltür verhindert hat. Es ist noch eine daumendicke Spalte offen,
und so ist der Luftschlauch vor dem Zusammendrücken bewahrt geblieben.
Wäre es anders, ich müßte elend ersticken, aber so lebe ich in meinem
unterseeischen Gefängnis und kann auf Rettung hoffen. Freilich, die
Signalleine sitzt fest. Sie muß bei meinem Ausgleiten die Tür
niedergerissen haben. Zeichen nach oben kann ich nun nicht mehr geben
und bin ganz abhängig von der Aufmerksamkeit der Kameraden droben. Eine
verteufelte und sehr ungemütliche Geschichte, denn lange kann ich es
nicht mehr aushalten unter Wasser. Ein Pochen in den Schläfen, ein
Summen im Ohr zeigt bereits an, daß der Körper dem Wasserdruck nicht
gewachsen ist. -- -- -- --
Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «in Erinnerung an diese gefahrvolle
Lage fand es der Taucher für nötig, sich ein neues Glas Grog zu mischen.
Er machte ihn sehr nördlich, will sagen mit wenig Zucker und Wasser und
viel Rum. Ich aber war damals noch ein kleiner Tunichtgut wie jetzt ihr
und saß dabei und sperrte vor Erwartung den Mund so weit auf wie der
Hannes da drüben, der aussieht, als wollte er sich die Ohren abbeißen.
Der Taucher stopfte umständlich eine frische Pfeife, und hätte, in
Gedanken versunken, beinahe in die Stube gespuckt, besann sich aber noch
rechtzeitig, daß er nicht an Bord war, und erzählte weiter:
»Manches Gefährliche habe ich vorher erlebt und auch manches nachher,
aber das war doch der bitterste Augenblick meines Lebens. Ich starrte
lange den Eisenriegel an, meinen Lebensretter, und beschloß, ihn -- wenn
ich wieder herauskommen sollte aus der üblen Lage -- abzuschlagen und
mitzunehmen. Es konnte lange dauern, bis die Leute oben merkten, daß
etwas nicht in Ordnung war, und schließlich war es fraglich, ob Nils
Nielsen, der einzige, der es wagen durfte so tief zu tauchen, mich
befreien konnte. Allerlei traurige Bilder stiegen vor meiner Phantasie
auf. Ich erinnerte mich verschiedener Kollegen, die elend durch ähnliche
Begebenheiten umgekommen waren. Da hatte sich der eine mit dem Kopf in
eine Tauschlinge verwickelt, und als seine Kameraden ihn hochzogen,
schnürten sie ihm die Luft ab, so daß er erstickte. Viel später erst
merkte man oben, daß der Mann da drunten offenbar nicht mehr am Leben
war, und ein zweiter Taucher brachte ihn tot nach oben.
Indessen, langsam fand ich mich in meine Lage. Wie Gott will, sagte ich
mir. Und um die Zeit wenigstens nützlich auszufüllen, ging ich wieder an
die Arbeit. Ich schnitt das Signalseil, das mich an der Falltür
festband, durch und eilte in die Kajüten. In der dritten bereits fand
ich die Mutter, die ihre Kinder zu sich holen wollte. Angekleidet lag
sie, von den hereinbrechenden Wassern überrascht, an der Tür, eine
Tasche, offenbar mit ihren wichtigsten Habseligkeiten, fest an sich
drückend. Auch im Tode noch war ihr Gesicht freundlich, aber ein Zug von
unendlicher Traurigkeit lag darauf, die Trauer um ihre Kinder. Auf dem
Tisch fand ich ein Tagebuch. Reiseeindrücke und Betrachtungen über ihre
Kinder hatte die Mutter da niedergeschrieben. Auf der letzten,
aufgeschlagenen Seite aber stand; wenige Stunden vor ihrem Tode,
angesichts des nahen Landes niedergeschrieben, ein kleines Gedicht:
Verglüht ist nun im Westen der Sonne letztes Gold,
Horch, wie an ferner Küste der Schlag der Wogen grollt!
Es schmiegt sich in die Segel ein warmer, sanfter Süd,
Und stiller Abendfrieden hin durch den Dämmer zieht.
Wenn nun der junge Morgen umspielet unsren Kiel,
Vor uns im Schmuck der Wälder liegt unsrer Sehnsucht Ziel;
Laßt flattern dann im Winde der Segel blankes Weiß,
Der Anker falle nieder, dem Herrn sei Lob und Preis!
Es wurde mir beim Anblick der Zeilen weh ums Herz, und meine eigene
trübe Lage kam mir doppelt zum Bewußtsein. Die Mutter hatte den so nahen
Hafen nicht erreicht. Wer wußte, ob auch ich ihn wiedersehen würde!
Plötzlich wurde ich aufgeschreckt! Was war das?! Laute Glockenschläge
tönten an mein Ohr, und dann schnarrte etwas, und dröhnende Musik
erfüllte den Raum. Ich war so entsetzt, daß ich alles um mich her vergaß
und wie besessen hinausstürzte in den Gang, der Treppe zu. Allmählich
kam ich wieder zum Bewußtsein. Eine lustige Tanzweise schallte noch
immer laut zu mir herüber. Plötzlich schnarrte es wieder, und die
Totenstille im versunkenen Schiff, die dem Lärm folgte, war nicht minder
unheimlich. Ich lief zurück. Alter Junge, sagte ich mir, alles in der
Welt geht natürlich zu. Es lebt hier außer dir niemand mehr, und ein
Geisterkonzert kann es nicht gewesen sein. Ich blickte mich in der
Damenkajüte um und entdeckte schnell über der Tür den Grund meines
Schreckens. Da hing eine große Spieluhr, die noch ging und alle Stunden
ein Stücklein zum Besten gab. Nun muß man wissen, daß das Wasser den
Schall vielmals kräftiger und besser weiterleitet als die Luft. Da das
ganze Schiff mit Wasser angefüllt war, so war die Schallwirkung inmitten
der lautlosen Stille derart gewaltig, um so mehr, als kein Mensch hier
Musik erwarten konnte, daß mich vor Schreck fast der Schlag getroffen
hätte. Heute lache ich über die verrückte Geschichte, aber damals dachte
ich, die Hölle wäre hinter mir her! Als ich mich wieder etwas gesammelt
hatte, ergriff ich das Tagebuch der Ertrunkenen, nahm ihre Reisetasche
an mich und begab mich zur Treppe zurück, denn mir war fürchterlich
elend zumute. Ich spürte es deutlich, meine Zeit hier unten war
abgelaufen. Mein Schädel brummte wie eine Baßgeige, Blut sickerte mir
aus der Nase, die Glieder wurden schwer. Ich ließ mich auf der Stiege
nieder, nahe daran ohnmächtig zu werden. Alles um mich herum erschien in
verschwimmendem, grünlichem Licht, es wallte und wogte wie ein Meer von
wogenden grünen Halmen und Büscheln, und dazu summte eine sonderbare,
klagende Melodie eintönig an mein Ohr. Es war nichts weiter als die
verbrauchte Luft, die in Bläschen zischend am Ablaßhahn meines
Kupferhelmes austrat, aber mein Denken war so verwirrt, daß ich das
alles nicht mehr richtig auseinanderzuhalten wußte.
Plötzlich war es mir, als erwache ich aus einem bleiernen Schlafe. Es
pochte in dumpfen Schlägen über mir, und dann gab es einen
ohrenbetäubenden Lärm, ein Krachen, als stürze ein Haus ein. Erst später
begriff ich, was es war. Nils Nielsen war zu meiner Hilfe
heruntergekommen. Er sah Luftschlauch und Signalleine in der Luke enden,
sah die zugefallene schwere Klappe, über die sich beim Fallen noch ein
schweres Eisenstück geschoben hatte, und begriff nun, weshalb ich gar
keine Zeichen mehr nach oben gegeben hatte. Mit Mühe wälzte er die
Hindernisse beiseite, warf im Wege liegendes Gerümpel fort, steckte eine
Brechstange durch die Luke und vermochte sie so endlich zu öffnen. All
diese Geräusche, durch die große Schallstärke unter Wasser hundertfach
gesteigert, waren mir in halber Ohnmacht wie wildes Krachen erschienen.
Der gute Kamerad zog mich empor, befestigte das Aufzugtau an meinem
Gürtel und gab das Signal, mich emporzuwinden. Die Tasche mit dem
Eigentum der Kinder hielt ich mit starren Händen fest, als wollte sie
mir jemand entreißen. Ich tat es unbewußt, aber es war in meinem müden
Hirn wohl noch dieser letzte Gedanke, daß ich sie auf alle Fälle den
Kindern bewahren müßte. -- So wurde ich langsam, ganz langsam höher
gezogen, im Wasser auf dem Rücken treibend, wie ein gefühlloser Sack.
Diese Langsamkeit des Emporwindens war wieder eine verständige Maßnahme
des alten Meisters Cook, denn ebensowenig wie man zu schnell in die
Tiefe gehen darf, immer stärkerem Wasserdruck entgegen, darf man das
Gebiet des Druckes, auf den sich inzwischen die Organe des Körpers
eingestellt haben, schnell verlassen. So mancher Tiefseetaucher hat
solche Unbedachtheit schwer gebüßt! Es treten dann Lähmungen aller
Organe ein, ja es dringen Luftbläschen in Herz und Adern ein und führen
den Tod herbei.
Endlich aber war ich doch oben, man zog mich über Bord, schraubte den
Helm ab, legte mich lang in der Sonne auf die Planken des Schiffes, und
schnell wie die Schwäche über mich gekommen, verschwand sie wieder. Da
schien die liebe Sonne wieder, ein warmer Wind strich daher, köstliche,
reine Luft strömte in die Lungen und Seevögel umschwirrten kreischend
das Schiff. Neben mir hockte Oll Cook, und der Mann mit dem Zylinderhut
und der Fensterscheibe vor dem Auge stand dabei und schien darüber
nachzudenken, daß das Tauchen im Meer doch keine ganz einfache Sache
sein müsse.
»Jung!« schrie Oll Cook und spuckte kunstvoll eine halbe Handvoll
Kautabak über das Ankerspill hinweg, »wat in aller drei Deibel Namen
machst du für verzwickte Geschichten. Dachten wir doch alle, der
Haifisch habe John Dolland zum zweiten Frühstück auf der Speisekarte
gehabt!«
»Habt Ihr die Papiere, Meister?« fragte zögernd der Portugiese.
Ich schüttelte den Kopf und erzählte dann in kurzen Worten, was sich
zugetragen. Die Schiffskasse war oben, die Habseligkeiten der Mutter
waren gerettet, nur die vertrackten Papiere waren noch drunten. Da ließ
der alte Tauchermeister schleunigst eine Schiefertafel hinab zum Grund,
auf der die Worte standen: »Nielsen, sucht die Papiere des Portugiesen.«
Ein Zug an der Signalleine von unten gab Kunde, daß der Kamerad, der
jetzt in dem versunkenen Kasten umherstöberte, die Weisung richtig
empfangen.
Ich hockte noch immer in meinem Taucherkleide am Boden und ließ mich von
der Sonne bescheinen. Ja, schon hatte ich wieder Appetit auf meine
Tabakspfeife.
»Es war ein schweres Stück Arbeit, Jung,« sagte der Alte, »und Ihr habt
es zum größten Teil geleistet. Wäre die verdammte Klappe nicht
zugefallen, sicher wären die Papiere jetzt in unseren Händen, aber der
Deibel hält seine Krallen drauf, wie es scheint, und wenn der
Eisenriegel nicht gewesen wäre, so wäret Ihr ein toter Mann und rauchtet
jetzt Eure Gipspfeife droben bei den Engeln, kalkulier ich. Der alte
Cook aber könnte gar nicht genug Rum auftreiben, um auf Eure ewige
Seligkeit zu trinken.« So schwatzte Oll Cook noch eine Weile in seiner
lustigen Art, ich aber fing an ein wenig einzunicken bei dem dumpfen,
eintönigen Geräusch der Luftpumpe, die unserem Nils Nielsen den
Lebensodem auf dem Meeresgrunde in Gang erhielt.
Ich mochte etwa ein Viertelstündchen geträumt haben, als ich durch
hastiges Laufen und erregte Stimmen aufgeweckt wurde. Ich hörte die
Stimme des Tauchermeisters. »Der vermaledeite Dreideibel muß heut sein
Spiel haben,« schrie er, »ich wundere mich schon lange, daß Nielsen es
da unten so tapfer aushält, aber da er gar keine Signale gibt, zieh ich
endlich selbst dreimal am Seil, und nichts antwortet. Ich zieh noch
einmal und noch einmal, doch kein Antwortzeichen kommt. Es muß Nielsen
nicht gut gehen in dem vertrackten Kasten da unten, Maate! Ist es zu
glauben, die beiden besten Taucher zwischen den Wendekreisen holt der
Geier bei dieser Geschichte. Aber der alte Cook läßt seine Jungens nicht
stecken, er wird seine alten Knochen selbst noch einmal in den
Wasserfrack stecken, und wenn er dabei das Atmen vergißt. Reicht mir
schleunigst den dritten und letzten Taucheranzug, Maate, schnell,
schnell, sonst hat es keinen Zweck mehr!«
Aber schon sprang ich empor. »Cook,« sagte ich, »laßt den Unfug sein.
Ihr seid ein altes Uhrwerk und Eure Räder stehen still, ehe Ihr noch
halb unten seid. Muß noch einer hinunter, so bin ich der Mann, denn Nils
Nielsen sprang mir bei, und so ist es Seemannspflicht, ihm gleiches mit
gleichem zu vergelten. Nur gut, daß ich das Gelump noch am Leibe habe.
Den Helm her, und in einer Minute bin ich im Wasser.«
Die anderen stimmten mir bei. Oll Cook gefährde nur zwecklos sein Leben.
Es sei sein sicherer Tod, und wenn John Dolland fühle, daß er wieder bei
Kräften sei, so mag er's wohl ein zweites Mal auf einige Minuten nur
wagen. -- Schon brachte man mir den Helm, ich nahm all meine Energie
zusammen. Zwei Minuten später war ich bereits im Wasser und glitt, noch
langsamer als das erstemal, in die Tiefe. Ich kam gut unten an, stieg an
Bord, kletterte durch die Luke und fand Nils Nielsen zusammengesunken in
einer Ecke des Ganges zu den Kabinen. Ich schüttelte ihn, er rührte sich
nicht. Ob er ohnmächtig sei oder gar bereits ein toter Mann, konnte ich
nicht erkennen. Mit großer Anstrengung schleppte ich ihn nach oben, ließ
ihn emporziehen, wie er es mit mir vor kaum einer halben Stunde getan,
denn nur droben in der frischen Luft konnte ihm Hilfe werden, wenn dem
alten Kameraden solche noch nützen mochte. Sollte Nils Nielsen, der
herabgestiegen war, um mir beizustehen, wirklich sein Leben verloren
haben? Der Gedanke ließ mich nicht los und stimmte mich natürlich so
traurig, daß ich kaum fähig war, noch das letzte Werk hier unten zu tun.
Dennoch durchschritt ich eilig die Kajüten, denn ich gedachte nicht
länger als zehn Minuten auf Grund zu verweilen, selbst wenn ich die
Staatspapiere der Herren in Lissabon nicht nach oben bringen konnte. Und
ich fand jenen Senor Cabrella in der Tat in der vornehmsten Kabine. Er
lag zwischen Sessel und Stühlen, alles war umgestürzt in dem wilden
Wirrwarr, da der Mann in der Dunkelheit von den hereinbrechenden
Wassermassen aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich erkannte ihn nach dem
Bilde, das man mir gezeigt. Auch trug er einen Ordensstern auf der
Brust. -- Nach längerem Suchen fand ich endlich eine dicke, versiegelte,
schweinslederne Tasche in seinen Kleidern, die wohl jene Papiere
enthielt. In der Tat hat man sie dann darin gefunden.
Ich hielt mich keine Minute länger auf, denn schon brauste es wieder in
meinen Ohren. Ich stieg zur Luke hinaus, ergriff ein schweres
Eisenstück, schlug damit den Riegel an der Falltür, der mir das Leben
gerettet, los, und gab das Aufstiegsignal. -- Langsam schwebte ich höher
und höher, bis mein blanker Kupferhelm im Sonnenlicht der
Meeresoberfläche glänzte.
Ich kletterte an Bord, man befreite mich von meiner Kleidung. Da lag der
arme Nielsen als ein toter Mann in der Morgensonne auf den nassen
Planken, von den Kameraden umgeben, die sich vergeblich abgemüht hatten,
ihn wieder zum Leben zu erwecken. Ein Herzschlag hatte ihn im dunklen
Kajütengang des gesunkenen Seglers schnell und schmerzlos von allen
Sorgen und Freuden der Zeitlichkeit befreit.
Was war zu tun! Der Seemann sieht den Tod oft an sich vorbeischreiten,
und trifft seine Sense einen Kameraden, so zieht er seinen Ölhut, betet
für das Seelenheil des Entschlafenen und gedenkt seiner noch lange, wenn
er bei seiner Pfeife Tabak und seinem Grog von Wind und Wellen spricht
und von alten Freunden, mit denen er so manches Mal gewirkt und fröhlich
gezecht.
Das Meer ist grausam. Einmal fallen wir ihm alle zum Opfer, wenn wir
nicht beizeiten unsere Gebeine auf dem Lande verstauen. Wir alle
trauerten ehrlich um unsern Freund. Reiche Belohnung ward uns allen
zuteil, und ich verwendete ein hübsches Sümmchen, um Nils Nielsen einen
würdigen Grabstein zu setzen. Auf dem Friedhof zu Funchal, wo hohe
Zypressen zum Wellenschlag des Meeres rauschen und die weißen Grabsteine
weithin in der blendenden Sonne leuchten, schläft Nils Nielsen den
langen Schlaf. Jene beiden Kinder, denen ich damals ihr Erbe aus dem
gesunkenen Schiff heraufholte, und die noch einen guten Teil meiner
Belohnung durch die portugiesische Regierung abbekamen, sind inzwischen
große und verständige Menschen geworden. Noch heute schmücken sie am
Jahrestage des Unterganges der >Isabella< das Grab des Tauchers, und
auch mir haben sie ein treues Andenken bewahrt. Dann und wann kommt von
da unten, wo die Sonne heißer ist und der Wein feuriger, eine Kiste
herüber in die kalte, neblige Seestadt da oben an der deutschen Küste,
wo ich nun hause, und allemal ist sie gefüllt mit einem Wein, der des
alten John Dolland Herz wieder erwärmt. Dann fülle ich zwei Gläser,
rücke zwei Sessel an den Tisch in meiner kleinen Stube und trinke und
plaudere mit dem alten Nielsen, als ob er mir gegenüber säße!«
Damit schloß der Taucher seine Erzählung, und mein Vater stieß mit ihm
an, und sie sprachen noch lange von Jugendtagen. Der eiserne Riegel aber
blieb in unserem Hause. Nun habt ihr seine Geschichte gehört und wißt,
warum ihn der alte Ulebuhle in seinem Raritätenkasten aufbewahrt.
Menschenschicksale hängen daran. Ja, so ist es zuweilen mit den toten
Dingen, Sie greifen ein in das Leben der Menschen, bringen Glück und
Unglück, wie dieses rostige Eisenstück, für das der Lumpenmatz keinen
Dreier zahlen würde!»