Der Weltuntergang

«Hier,» sagte der alte Ulebuhle und putzte seine mächtige Hornbrille,

«ist das Allerwelts-Vergrößerungsglas, das die Leute ein Mikroskop

nennen. Jetzt stellt euch alle um mich herum, und dann wollen wir

hineinsehen. Seht, da steht ein Gläschen mit trübem Wasser, das hat die

alte Christine aus dem kleinen Teich im Garten heraufgeholt, und nun

wollen wir einen Tropfen von diesem Wasser unter das Vergrößerungsglas

bringen und ihn viele hundert Male vergrößern.

Schaut her, das ist getan, und jetzt guckt hinein.

Oh, welch eine schnurrige Welt ist doch so ein Wassertropfen. Hui, wie

es da wibbelt und kribbelt. Tausend winzige Tierchen schießen hin und

her, tauchen auf und nieder, jagen sich und plagen sich, wirbeln

durcheinander wie die Menschen in einer großen Stadt. Seht, da sind die

winzigen Schiffchen, glasdurchsichtig sind sie alle. Mit ihren feinen

Wimperhärchen rudern sie pfeilschnell dahin, als ob sie wer weiß was für

wichtige Geschäfte zu vollführen hätten. Sie jagen nach Beute, sie

hetzen einander, sie gebärden sich so närrisch wie die Menschen und sind

für ihre kleine Welt vielleicht doch eben so gescheit wie die.

Da kommen andere, das sind die Rädertierchen. Sie haben am Kopfe so

einen drolligen Kranz von winzigen Fingerchen, die sind in ständiger

Bewegung, und es sieht aus, als ob es ein feines kleines Zahnrad wäre

aus einer ganz kleinen Uhr. Wenn sie es drehen, so entsteht ein kleiner

Wirbel im Wasser, und allerlei winziges Zeug wirbelt heran, gerade

hinein in ihr aufgesperrtes Maul. Ja, so ist es, und die Rädchen müssen

immer fleißig kreisen, sonst bleibt der Magen leer.

Seht, da ist mitten in der Wasserkugel eine Insel. Ein ganz kleines

Teilchen eines verwesenden Blattes ist es, mit dem freien Auge kann man

es gar nicht sehen, aber für diese kleine Welt ist es eine große Insel,

und all die Wasserwichte, die so klein sind, daß ein paar Hundert von

ihnen in einem Nähnadelöhr wohnen könnten, eilen aus allen Richtungen

des Wassertropfens herbei, denn hier gibt es Nahrung für viele Tausende

dieser schnurrigen Kerle. Seht ihr sie eilen, sich stoßen und drängen?

Seht, da tanzen welche in einem wilden Knäuel umeinander herum, wie die

Menschen auf einem Jahrmarkt, und es ist ein Gedränge bei der Nahrung

spendenden Insel wie bei der Würstelbude auf dem Schützenfeste. Ha,

welch eine wilde Jagd kommt daher! Seht, sie verfolgen einander, sie

fliehen und jagen nach wie Räuber und Polizeisoldaten, quer durch die

ganze Weltkugel von Wasser, vom Nordpol zum Südpol. Jetzt sind sie

verschwunden am Rande des Glases, vielleicht untergetaucht in dem weiten

Weltmeer des Wassertropfens.

Ja, wer hätte das gedacht, daß so ein winziger Wassertropfen, nicht

größer als eine halbe Erbse, eine ganz richtige Weltkugel ist, voll von

Bewohnern, die ein Leben führen wie wir. Hätten wir nicht unser

Vergrößerungsglas, wir wüßten gar nichts von ihrem Vorhandensein. Seht,

Kinder, wenn die Leute, die auf den fernen Sternen leben, nicht ganz

mächtige Vergrößerungsgläser haben, dann wissen sie gar nichts von der

Erdkugel, und daß wir Menschen darauf leben. Ja, die kleine Erde ist

unter den vielen Millionen Sternen auch nur so eine Art Wassertropfen.

Die kleinen Kerle in dem Wassertropfen wissen gar nicht, daß sie in

unserer Hand sind, daß wir über ihnen thronen wie der liebe Gott über

der ganzen Welt. Wenn wir mit dem Finger über das Glas wischen, dann,

Schrumm! ist die ganze Herrlichkeit in dem Wassertropfen zu Ende, und er

ist weggewischt und verschwunden. Ja, wenn die Bewohner des Tropfens uns

sehen könnten und wüßten, daß sie von unserer Gnade abhängen, so

glaubten sie wohl, wir wären der Herrgott selber.

Aber schaut her, es ist eine Veränderung mit der kleinen Welt vor sich

gegangen! Ja, seht, sie ist kleiner geworden. Die Wärme des Zimmers hat

langsam ein wenig von dem Wasser des Tropfens verdunstet. Es ist eine

schlimme Geschichte. Nun müssen sich die Bewohner der Wasserwelt auf

einen immer kleineren Raum zusammendrängen, die Welt ist für sie zu eng

geworden, und es gibt Mord und Totschlag da unten. Ja, es würde auf

Erden mit den Menschen nicht anders sein, wenn der Erdball plötzlich auf

die Hälfte zusammenschrumpfte. Nun drängen sich die armen Teufel alle

bei der kleinen Insel zusammen. Seht, wie sie kämpfen, wie sie einander

verjagen. Alles strömt der Mitte des Tropfens zu, denn keiner will aufs

Trockne geraten und sterben. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, Krieg

und Revolution ist in der Wasserwelt ausgebrochen.

Aber die Natur kümmert sich nicht um das Elend im Wassertropfen. Die

Wärme trocknet den Tropfen immer mehr zusammen. Jetzt ist er nur noch

ganz winzig. In einem wilden Knäuel wirbeln die Bewohner durcheinander,

immer mehr sieht man eingetrocknet und bewegungslos als winzige

Stäubchen am Rande im Trockenen liegen, indes die andern noch immer um

ihr Leben ringen. Es hilft ihnen doch nichts, und wenn sie auch noch

eine Minute länger im letzten Tümpelchen sich halten. Der Gevatter Tod

hat auch hier in dem kleinen Wassertropfen Allmacht und erwischt sie

alle, die flinken Schiffchen und die zierlichen Rädertiere.

Schluß und aus! Seht, das ist das Ende. Nun ist der Tropfen

eingetrocknet. Nur ein graues Staubfleckchen sieht man noch im

Allerwelts-Vergrößerungsglas. All die munteren Burschen, die da hausten,

sind nur noch Stäubchen. Kein Schiffchen schießt mehr durch den Ozean

des Wassertropfens, kein Rädchen kreist mehr und wirbelt Nahrung herbei.

Es war ein kurzes Vergnügen.

Ja, da sahen wir nun einen Weltuntergang!

Freilich, es war nur eine kleine Welt, nur ein Wassertropfen, aber für

seine Bewohner war er doch die ganze Welt. Kein Hahn kräht danach, daß

die Geschichte dieser Welt ein Ende genommen hat, aber wenn morgen die

Erdkugel untergehen würde, dann würden sich die Menschen auf den anderen

Sternen auch weiter nicht darum kümmern, denn die Erde ist auch nur eine

kleine Welt, die Sonne ist viele millionenmal größer, und des Abends

seht ihr viel hunderttausend Sterne und Erden da oben am Himmel blinken,

mindestens soviele, wie es Wassertropfen gibt im Gartenteich. Der liebe

Gott taucht einen Finger ein und spritzt einen neuen Erdenstern in den

Himmelsraum, und wenn der alte Ulebuhle will, taucht er seinen Finger in

das Kribbel-Krabbelwasser und tupft eine neue Wasserwelt unter das

Vergrößerungsglas, aber das tut er nicht, denn ein Weltuntergang am Tage

ist genug!»

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 15 / 38 题