Johann der Wunderbare

«Zu Basel,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «lebte vor

Jahren ein berühmter Uhrmacher, der war ein Meister in seiner Kunst, wie

ihn die Welt noch nicht gesehen. Er baute wundervolle Uhren mit allerlei

beweglichen Figuren, die zu jeder Stunde aus dem Gehäuse herauskamen,

ihre Verbeugung machten und mit einem Stab die Stunde wiesen. Dann

drehten sie sich um, schlugen mit einem kleinen Hämmerchen auf silbernen

Glocken die Zeit, und dann verbeugten sie sich wieder und verschwanden.

Von weit und breit kamen die Leute herbei, um die Kunstuhren des

Meisters zu sehen, und Fürsten und hohe Herren ließen sich für teures

Geld da prunkvolle Werke bauen. Aber der Meister schuf immer

wunderbarere Sachen. Da war ein Reiter aus purem Golde, der alle Mittag

um zwölf eine Trompete zum Munde führte, ein lustiges Stücklein blies

und dann eine Pistole abfeuerte. Das Pferd aber konnte wiehern und mit

dem rechten Vorderhuf scharren. Schließlich baute er eine künstliche

Ente, die auf dem Wasser schwimmen konnte und so natürlich schnatterte,

daß alle Welt voll Staunen war. Setzte man sie aufs Trockene, so

watschelte sie dahin und schlug auch zuweilen mit den Flügeln. Man ließ

sie in der ganzen Welt sehen, als einen Beweis menschlicher

Kunstfertigkeit, und endlich kaufte sie ein reicher Mann für viele

tausend Gulden.

Aber der Meister, verwöhnt durch die Gunst hoher Herren, wollte immer

höher hinaus. Er wollte etwas schaffen, das seinen Namen bis in die

fernsten Zeiten berühmt machte, und darüber grübelte er Tag und Nacht.

Endlich hatte er den richtigen Gedanken gefunden. Er beschloß einen

künstlichen Menschen zu bauen, einen Mann aus Eisen, in Lebensgröße, der

täuschend Menschenart und Menschentun nachahmen sollte.

Er schloß sich in seine Werkstatt ein, rechnete und zeichnete und ließ

niemand vor. Als er endlich das große Werk auf dem Papier fertig vor

sich hatte, ging er daran, es wirklich auszuführen. Alles machte er

selber, denn mit niemand wollte er seinen Ruhm teilen. Er goß die Form

in Eisen und Bronze, er schmiedete und hämmerte, feilte und bohrte,

schuf tausend Räder und Hebel, Gelenke und Lager, Wellen und Kurbeln,

Federn und Gewichte. Aber nur langsam ging das schwierige Werk

vonstatten, und da er keinerlei andere Arbeit annahm, so verbrauchte

sich schnell das früher erworbene Geld, und seine Familie kam in Not.

»Mann,« sagte seine Frau, »es ist bald kein Pfennig mehr im Hause. Seit

Jahr und Tag sitzt du bei deiner geheimnisvollen Arbeit in deiner

Werkstatt, niemand, nicht einmal ich weiß, was du da für ein Kunstwerk

baust, und da du alle alten Kunden mit ihren Aufträgen abweisest, so

wird bald niemand mehr kommen, und wir wissen nicht mehr, wovon wir

leben sollen.«

»Geht zum Teufel mit eurem Plunderzeug,« sagte wütend der Meister. »Für

die nichtige Schusterarbeit sind genug andere Uhrmacher da, die nichts

weiter verstehen, aber ich will etwas bauen, daß alle Gelehrten und

Künstler der Welt vor Neid erblassen sollen, etwas, das Fürsten und

Könige aus aller Welt nach Basel locken wird. Dann werde ich berühmt

werden auf der ganzen Erde, man wird mich zum Ober-Hofmechanikus

ernennen, und es wird Gulden regnen.«

»Es wird aber noch lange dauern,« entgegnete die Frau, »und inzwischen

ergeht es uns elender als dem kleinsten Uhrmacher, der die Schwarzwälder

Uhren repariert. Es ist kein Brot mehr im Hause und kein Fleisch für

dich und die Kinder.«

»So nimm die Tauben, mit denen Jung-Heinrich spielt,« sagte der Mann,

»das hilft einen Tag weiter!«

»Das bringe ich nicht über das Herz, Mann, sie sind seine liebsten

Gefährten, sie sitzen auf seinen Schultern und picken ihm die Erbsen aus

dem Munde, sie schmiegen sich an seine Wangen, er hängt mit ganzem

Herzen an ihnen, und es wäre grausam, dem Knaben die beiden weißen

Täubchen zu nehmen. Was hülfe es auch, nur _einen_ Tag Rat zu schaffen!«

»So laß mich in Ruh! Geh borgen und warte die Zeit ab. Ich schaffe ein

Kunstwerk, das Scheffel Goldes bringt, und man wird mich feiern wie

einen Großen!«

»Mann, sieh dich vor! Dich hat der Hochmutsteufel beim Kragen! Versuche

Gott nicht!«

»Hol euch alle der Fuchs!« schrie wütend der Meister und stürzte davon

in seine Werkstatt, die Tür donnernd hinter sich zuschlagend. Er schloß

sich ein, Frau und Kinder sahen ihn kaum mehr, denn er schlief auch dort

in seiner verborgenen Klause, und selbst die Mahlzeiten nahm er da ein.

So verging noch ein Jahr und noch ein halbes. Die Frau borgte sich

überall den Lebensunterhalt zusammen, verkaufte, was in der Wirtschaft

entbehrlich, und bald stak des Künstlers Familie so tief in Schulden,

daß niemand mehr eine Semmel leihen wollte. Die Frau des Künstlers und

seine Kinder wurden blaß und mager, und es flossen viel Tränen im Hause.

Aber der Mann sah das alles nicht. Eine unstete Hoffart, eine

unbezwingliche Ruhmsucht flackerte aus seinen Augen. Er sah zuweilen

aus, als sei sein Geist verwirrt.

Aber eines Tages war er mit dem Werk fertig. Mitten in der Nacht, als

alles schlief, beschloß er, es zu probieren. Er stand auf und machte

Licht, und dann nahm er die schwarzen Decken, die das Kunstwerk

verhüllten, ab.

Es war wirklich ein Kunstwerk! Da stand ein leibhaftiger Mensch, ein

hochgewachsener, kräftiger Mann. Er hatte eine dunkelblaue Livree an,

mit blanken Knöpfen, wie ein vornehmer Bedienter. Das Gesicht war, da

die äußere Hülle aus feinster Emaille bestand, so natürlich, daß man auf

den ersten Blick einen wirklichen lebenden Menschen vor sich zu haben

glaubte. Ein schwarzer Vollbart floß vom Kinn lang hernieder, die Augen,

obwohl von Glas, blickten durchaus nicht starr, die Hände waren

wohlgeformt, nur die Füße, die in hohen Stiefeln mit flachen Sohlen

steckten, sahen ein wenig plump aus, aber das mußte so sein, denn der

Mann war ganz aus Eisen, und er mußte auf diesen mit Blei beschwerten

Füßen sicher stehen.

Der Künstler knöpfte die Livree auf und öffnete die eiserne Tür, die die

Brust des künstlichen Menschen verschloß. Himmel, wie sah es darin aus!

Ein Gewirr von Hebeln und Rädern und Drähten und Magneten und

Drahtspulen, es konnte einem schwindlig werden, und kein Mechaniker der

Welt hätte diesen verwickelten Apparat auseinandernehmen und wieder

zusammensetzen können. Nicht anders sah es in den Armen und Beinen aus.

Da waren Laufwerke und Gewichte und elektrische Batterien, Zugfedern und

kunstvolle Gelenke, und alles bewegte sich wie am Schnürchen.

Am großartigsten aber war es im Kopfe des eisernen Mannes bestellt! Der

Uhrmacher nahm ihm die Perücke ab und öffnete den Schädel, um noch

einmal nachzusehen, ob alle Schrauben am rechten Fleck. Die Glasaugen

konnten wirklich sehen. Ein photographischer Apparat war an ihnen

angebracht. Ein Uhrwerk bewegte langsam den Film weiter, auf dem die

Aufnahmen entstanden, und was die Glasaugen sahen, das wurde so auf dem

abrollenden Photographenfilm festgehalten und abgebildet. Auch hören

konnte dieser eiserne Mensch. In den Ohren steckten Schallkapseln, wie

bei einer Sprechmaschine, und der eingebaute Phonograph grub in eine

Wachswalze ein, was die Ohren hörten. Drückte man auf einen verborgenen

Knopf, dann wiederholte die Figur, was sie gehört hatte, denn dann fing

die Sprechmaschine an zu schnurren, und aus dem Munde kamen deutlich

alle Worte wieder. Dabei bewegten sich die Lippen so naturgetreu, daß

man einen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Da war außerdem

noch eine besondere Walze, die mancherlei alltägliche Redensarten

enthielt, wie »Guten Tag«, »Gute Nacht«, »Schlafen Sie wohl!«, »Wie geht

es Ihnen?«, »Ich danke, mir geht es gut!«, »Ich heiße Johann der

Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher

Cornelius!«, »Hatschi, es zieht, schließen Sie das Fenster!« Dies und

ähnliches konnte das Kunstwerk sprechen.

Die Figur drehte den Kopf, nickte, hob Arme und Beine, grüßte wie ein

Soldat, und vor allem konnte sie auch gehen. Freilich, sie ging ein

wenig schwerfällig, und der Gang war langsam, aber im ganzen sah es doch

recht natürlich aus, denn es gibt ja auch Menschen, die sich ein wenig

langsam und unbeholfen fortbewegen. Durch ein Uhrwerk und einige

einstellbare Hebel konnte man erreichen, daß der Mann soundso viele

Schritte geradeaus ging, dann links oder rechtsum machte, wieder eine

bestimmte Zahl Schritte tat und dann stehen blieb.

Aber er konnte auch ein treuer Wächter sein. Trat ein unberufener

Eindringling auf einen elektrischen Draht, der von ihm ausging, so schoß

er eine Pistole auf jenen Platz hin ab. Diese Pistole mußte man ihm

natürlich zuvor in die Hand schrauben.

Ja, es war wirklich ein Kunstwerk.

Es kam der große Tag, an dem der eiserne Mann öffentlich gezeigt werden

sollte. An allen Straßenecken war das Wunder in großen Plakaten

angekündigt, alle Zeitungen hatten davon berichtet. Der Meister

Cornelius wolle ein nie dagewesenes Kunstwerk zeigen, einen künstlichen

Menschen: »_Johann den Wunderbaren._« Tausende und Abertausende liefen

herzu. Die armen Leute gingen, die Vornehmeren fuhren im Wagen, und die

ganz Hochgeborenen saßen zu Pferde. Es war ein Geschiebe und Gedränge

vor dem Hause des Meisters, daß es beängstigend wurde, und die

Polizisten liefen mit blauroten Köpfen umher, ihre Schnurrbärte waren

gesträubt, und sie fuchtelten mit weißbehandschuhten Händen gewaltig in

der Luft herum.

Es war angekündigt, daß Johann der Wunderbare ganz allein von seinem

Geburtshause bis zu der großen Ausstellungshalle laufen sollte, in der

er sich der Menge und den hohen Herrschaften vorstellen würde. Das war

ein schöner glatter Weg bis dahin und ging zweimal um eine Ecke.

Die Frau des Künstlers und seine Kinder hatten Johann den Wunderbaren

schon einen Tag vorher zu sehen bekommen. Da stand nun die Figur, wegen

der sie zwei Jahre lang so viel hatten leiden und dulden müssen. Johann

der Wunderbare hatte einen bösen Zug um den Mund, und auf der Stirn

hatte er eine düstere Falte. Dazu sein langer dunkler Bart ... ja, so

kunstvoll er war, die Frau konnte keine Freude empfinden. Er kam ihr vor

wie ein böser Dämon. Auch die Kinder fürchteten sich fast vor diesem

künstlichen Menschen; am meisten aber Heinrich, des Meisters Jüngster.

Er haßte diesen eisernen kalten Mann, wegen dessen die Mutter so viel

geweint. »Er sieht so böse aus,« sagte Heinrich zur Mutter, »so wie ein

Mensch, der kein Herz hat.« -- »Da hast du recht, mein Junge,« meinte

die Mutter, »aber er hat ja auch kein Herz, und deshalb ist er auch kein

richtiger Mensch. Aber wir dürfen dem Vater seinen Stolz und seine

Freude über sein Werk nicht verderben. Gebe Gott, daß er uns wieder

besseren Zeiten zuführe und Geld bringe und wieder Frieden im Hause.«

Da ging Jung-Heinrich wieder hinweg, um mit seinen beiden weißen

Täubchen zu spielen, denn das war sein größtes Vergnügen auf der Welt,

und er liebte nichts so wie diese Täubchen.

Die Menge vor dem Hause wuchs immer mehr. Endlich aber kamen in

Begleitung des Bürgermeisters und der gelehrten Herren der Stadt die

hohen fürstlichen Gäste an, und man benachrichtigte den Meister

Cornelius, daß es an der Zeit sei.

Da tat sich die Tür auf, Meister Cornelius erschien, und hinter ihm kam

langsam und bedächtig, sorgsam die Beine hebend und senkend, Johann der

Wunderbare. Hurra, schrie die Menge, als sie seiner ansichtig wurde. Er

legte ein paarmal die Hand an die Mütze, und dann lief er kerzengerade

die glatte Straße hinunter. Vor ihm her ging sein Verfertiger. Weiter

hinten folgten des Meisters Frau und die Kinder.

Im Winde wehte der dunkle Bart Johanns. Hin und wieder drehte er den

Kopf nach rechts und nach links, und zuweilen hob er die Hand und

grüßte.

Die Leute staunten und schrien durcheinander, und alle rühmten laut, wie

er daherkam. Das Erstaunen wuchs aber, als Johann der Wunderbare im

richtigen Augenblick linksum machte und um die Ecke bog, in die

Seitenstraße, und der Jubel und das Verwundern nahm zu, als er richtig

an der nächsten Ecke wieder einschwenkte und dann geradenwegs auf die

große Halle zulief.

»Bei Gott, er ist wie ein lebendiger Mensch,« sagten die Leute,

»hoffentlich betrügt uns der Meister Cornelius nicht, und es ist nicht

wirklich ein Mensch, der nur eine Figur vortäuscht!«

Die vornehmen Leute aber sagten, es wäre »pyramidal«, und die Gelehrten

meinten, es wäre »ein exorbitantes Phänomen«. Die kleinen Bürger, die

das hörten, wußten zwar nicht, was das zu bedeuten hätte, aber sie

bekamen noch mehr Respekt vor Johann dem Wunderbaren, über den die hohen

Herren so seltene Worte sagten.

Mitten in der weiten Halle lag ein Teppich, und als der eiserne Mann

diesen Platz erreicht hatte, machte er Halt. Nun setzten sich die

Vornehmen auf Sesseln ringsum, und alles Volk füllte die weite Halle bis

auf den letzten Platz.

Meister Cornelius hob die Hand, und alles wurde mäuschenstill.

»Meine hohen Herrschaften, hochgelehrte Herren, verehrtes Publikum,«

sagte er und machte eine tiefe Verbeugung, »hier stelle ich Ihnen mein

neuestes Kunstwerk vor, an dem ich zwei und ein halbes Jahr gearbeitet

habe. Es ist etwas noch nie Dagewesenes, ein künstlicher Mensch. Ich

darf mich rühmen, der erste Mensch auf Erden zu sein, dem es gelang, ein

solches fast vollkommenes Wesen herzustellen. Der von mir geschaffene

Johann der Wunderbare handelt so natürlich, daß vielleicht manche

glauben, es sei ein wirklicher Mensch, und sie würden betrogen. Ich

werde daher meinem Kunstwerk den Kopf abnehmen, werde seinen Körper

öffnen, damit sich jeder überzeugen kann, daß es eine Maschine ist.«

Das tat der Meister dann, und alle sahen, es ist wirklich ein Kunstwerk.

Dann brachte der Künstler sein Werk wieder in Ordnung, und als er

abermals die Hand hob und Schweigen gebot, begann die Figur ihre

Vorstellung. Sie machte eine kleine Verbeugung, legte die Hand an die

Mütze und sagte mit deutlicher Stimme: »Guten Tag! Ich heiße Johann der

Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius!

Hatschi!! Es zieht, schließen Sie das Fenster!«

Erstaunen ging durch die Menge. Die Leute lachten vergnügt über den

spaßigen Kerl, und einige schlossen wirklich das Fenster. Ja, das ist

ein großes Kunstwerk, sagten die Leute. Die Vornehmen aber meinten, es

wäre wirklich pyramidal, und die gelehrten Herren schüttelten die Köpfe

und sagten einmal über das andere Mal: »In der Tat, ein exorbitantes

Phänomen!«

Dann sang Johann der Wunderbare ein kleines Lied, und als die Leute

klatschten, verbeugte er sich und sagte: »Ich danke, mir geht es sehr

gut!«

»Jetzt,« meinte der Meister, »wird der künstliche Mann zeigen, daß er

auch hören und verstehen kann. Einer von den Herrschaften wird ihm mit

lauter Stimme etwas zurufen, und er wird es wiederholen.«

Einer der gelehrten Herren, der berühmte Professor Konfusemathesius,

trat heran und sagte laut zu dem wunderbaren Johann: »Kannst du mir

sagen, wer Amerika entdeckt hat?«

Der Meister, der neben der Figur stand, drückte auf den Knopf, der den

Phonographen in Tätigkeit setzte, und so nahm er die Worte auf.

»Johann,« sagte er dann, »was sagte der berühmte Professor

Konfusemathesius zu dir?« Da schnurrte die Walze wieder ab, und die

Figur sprach deutlich: »Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?«

Die Leute klatschten und waren ganz aus dem Häuschen. Inzwischen aber

rief der Meister in das andere Ohrhinein: »Christoph Kolumbus.« Und als

die Figur nun den Namen des Entdeckers Amerikas aussprach, da war alles

des Lobes voll.

»Jetzt,« rief Meister Cornelius, »wird der künstliche Mann zeigen, daß

er auch sehen kann. Er wird an das Fenster treten, Sie werden ihm irgend

etwas zeigen, und nachher werde ich Ihnen sagen, was Sie ihm gezeigt

haben. Ich aber werde hier ruhig stehen bleiben, Sie sollen mir die

Augen verbinden, damit ich es selbst nicht sehen kann, was meiner Figur

vorgeführt wird.«

Man verband dem Künstler fest die Augen und führte ihn in eine dunkle

Ecke. Johann stand am Fenster. Draußen auf dem Platz standen zwei

Schimmel. Man setzte auf jeden einen Knaben und führte die Pferde vor

das Fenster. Dann führte man sie wieder weit fort und nahm dem Meister

die Binden ab. Er brachte sein Kunstwerk wieder auf den Teppich zurück,

griff hinein in das Hinterhaupt, zog den photographischen Film hervor,

ging in eine dunkle Ecke, goß eine Flüssigkeit darüber, die das Bild

sichtbar machte, und kam wieder zurück.

»Man hat Johann dem Wunderbaren zwei Schimmel vorgeführt. Knaben saßen

darauf. Einer hatte eine Fahne in der Hand. Ja, er hat das alles

deutlich gesehen und mir verraten.«

Eine Bewegung ging durch die Menge. Viele sagten, daß es eine tolle

Sache sei, eine Art Hexerei, und ein paar Frauen meinten, es sei

unheimlich, und man könnte sich fürchten vor dem eisernen Kerl mit dem

schwarzen Bart.

Aber den Meister Cornelius, den das Staunen über sein Werk immer

hoffärtiger machte, plagte der Teufel. Er wollte immer mehr und mehr von

ihm zeigen.

»Geben Sie Obacht,« rief er, und sein Gesicht war vor Eifer feuerrot,

»jetzt wird sich Johann der Wunderbare als Kunstschütze produzieren.

Dort vor dem Fenster ist ein Pfahl aufgestellt, und auf ihm ist eine

Taube angebunden, die wird er herabschießen. Er ist ein treffsicherer

Schütze.«

Damit schraubte er seinem Mann eine Pistole in die Hand und drehte ihn

dem Fenster zu. Richtig, da draußen war ein Pfahl, und auf dem Pfahl

saß, an einem Band befestigt, das ihr Davonfliegen verhinderte, eine

niedliche weiße Taube. Die machte Gurr-Gurr und langweilte sich, denn

sie war gewöhnt, mit ihrer Schwester zu spielen und auf der Schulter des

kleinen Knaben zu sitzen, der Erbsen in der Tasche hatte und auch kleine

süße Kuchen. Sie liebte den kleinen Knaben, und er liebte sie. Sie

pickte mit ihrem rosa Schnäbelchen vorsichtig Erbsen von seinen Lippen,

sie saß oft mit ihrer Schwester stundenlang auf seiner Schulter, wenn er

in seinen Märchenbüchern las.

Heut aber war er nicht gekommen, sie aus ihrem Wohnkäfig zu befreien.

Ein harter Mann kam, der fest zufaßte und sie in einen Sack steckte. Nun

saß sie hier auf der Stange, sagte unablässig Gurr-Gurr, denn sie hatte

Sehnsucht nach der Schwester, nach dem kleinen Jungen und nach Erbsen

und Wasser.

Johann der Wunderbare stand mit finsterem Gesicht und starren Augen da.

Sein schwarzer Bart stand weit ab vom Kinn, sein Mund schien zu lächeln,

es war, als läge ein böser Zug auf seinem Antlitz. Er hatte den Arm

erhoben und zielte auf das Täubchen.

Es entstand ein Murmeln in der Menge. Einige Kinder und Frauen sagten,

es sei schade um das niedliche Täubchen, und es sei nicht recht, es von

dem Eisernen töten zu lassen. Plötzlich drängte sich ein kleiner Knabe

vor. Jung-Heinrich war es. Er hatte ganz hinten mit der Mutter und den

Geschwistern gestanden, und nun drangen die Worte vom Schießen und von

dem Täubchen an sein Ohr. Da packte ihn ein düsteres Ahnen. Sollte es

gar sein Täubchen sein? Er zwängte sich durch die Menschen hindurch, um

das Fenster und den Pfahl sehen zu können und erblickte seinen Liebling

mit dem blauen Band um den weißen Hals. Ein heftiger Zorn faßte ihn. Er

sprang vor, geradewegs auf den eisernen Menschen zu, der ihm so großen

Schmerz antun wollte. Er sah den Vater kaum, er stand plötzlich neben

Johann dem Wunderbaren auf dem Teppich, und viele tausend Menschen

blickten erstaunt auf ihn.

»Was willst du tun, eiserner Mann?« schrie er. »Warum willst du mein

Täubchen töten? Du bist ein böser Mensch, du hast kein Herz, du bist ein

grausamer Mensch, ein herzloser Mensch!«

Aber schon hatte der Vater auf den Mechanismus gedrückt, der den Schuß

auslöste, und als der Knall verhallt war, sah man das Täubchen an der

Schnur niederfallen. Johann hatte gut getroffen, oh, er war ein

trefflicher Schütze, ja er war wirklich ein Kunstwerk.

Es ging ein Murren durch die Menge.

Der kleine Knabe aber brach in Tränen aus. Er war außer sich. Wütend

sprang er auf den Verhaßten zu. »Herzloser, böser Mensch! Mörder,

Mörder!« schrie er ihm zu, und dann stieß er mit der ganzen Kraft seines

Körpers nach ihm. Die Figur, die den einen Arm weit vorgestreckt hielt

und auf einer Kante des Teppichs stand, war nicht im Gleichgewicht. So

wankte sie, drehte sich und es war, als ob sie den Knaben erschlagen

wollte. Sie neigte sich vornüber, ihm zu, stürzte mit ihm, über ihn zu

Boden.

Das ging alles so schnell, daß der Künstler, der verblüfft daneben

stand, gar nicht Zeit hatte, einzugreifen.

Erschreckt drängten sich die Menschen hinzu, zogen den Knaben unter der

eisernen Figur hervor. Es war ihm weiter nichts geschehen, nur eine

blutige Schramme ging quer über die Stirn. Aber das Murmeln der Menge

wuchs drohend an, es wurde zu wildem Schreien, zu brausendem Rufen.

»_Er hat kein Herz, nein, er hat kein Herz,_« so schrie es von allen

Seiten. »Er kann Tiere und Menschen töten, er würde auch uns ohne

Erbarmen töten, wenn es ihm befohlen wird. Er ist ein Bösewicht, ein

Mörder!«

»Mörder, Mörder, herzloses Ungeheuer,« tobte die Menge. Man nahm den

Knaben auf den Arm, führte ihn der Mutter zu, man versprach ihm neue

Täubchen. Empört und wütend, schreiend und tobend schob und drängte sich

die Menge aus der Halle.

»Ja,« sagten die Vornehmen, »er ist ein pyramidales Kunstwerk, aber ein

Herz, nein, ein Herz hat er nicht!« -- »In der Tat, ein exorbitantes

Phänomen,« sagten die Gelehrten und wiegten die Köpfe, »aber _cum venia_

zu sagen, gewissermaßen herzlos!« Darauf verschwanden auch sie.

»Er kann alles,« brüllten die erregten Massen, »er kann sich bewegen wie

wir, er kann sehen und hören, sprechen und singen, aber er tötet, _denn

er hat kein Herz, kein Herz, kein Herz_!«

In der Ferne verlor sich das Toben und Schreien, schließlich war es nur

noch ein fernes Brausen, und dann wurde es ganz stille.

Einsam stand in der weiten Halle Cornelius der Künstler. Er war

leichenblaß. Unheimlich funkelten seine Augen. Neben ihm lag sein Werk.

Da faßte ihn eine namenlose Wut. Er ergriff eine schwere eiserne Stange,

die in der Ecke der. Halle lehnte, er hieb wie ein Rasender mit

wuchtigen Schlägen auf den wunderbaren Johann ein, der ihn mit starren

Augen und offenem Munde höhnisch anblickte. Er zerschmetterte ihn mit

wahnsinnigem Eifer, er trat mit den Füßen in das kunstvolle Gewirr von

Rädern und Hebeln, Walzen und Gelenken, Drähten und Federn, bis alles

ein wüster Trümmerhaufen war.

Dann hüllte er sich in seinen Mantel, und als der Abend hereinbrach,

eilte er aus der Stadt, wanderte ohne Ruh und Rast durch Wälder und

Felder in die unbekannte Ferne.

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 12 / 38 题