Der alte Baum

«Höret nun die Geschichte von dem alten Baum, ihr Kinder, der da wohl

ein Jahrhundert im stillen Walde stand und ein merkwürdiges Ende nahm.

Kerzengerade war er gewachsen, denn das ist für eine rechtschaffene

Fichte eine Ehrensache. Sein dunkelgrünes Nadelkleid war dicht und voll,

und wenn der Wind durch den Wald fuhr, dann rauschte er durch das Geäst

des alten Baumes und klapperte mit dürren Zweigen wie ein Storch mit

seinem Schnabel. Die kleinen Vögel saßen auf den breiten Fächern von

Nadeln, die so schön nach Harz dufteten, und sangen ihre Lieder. Der

Specht hämmerte, daß ihm der Kopf brummte, und die Eichkätzchen jagten

auf und nieder und spielten Verstecken in dem Dunkel des dichten

Geästes.

Im Winter lagen mächtige Schneewuchten auf den breiten Armen der Fichte,

und im Frost knackten ihre mit tausend Diamanten behangenen Zweige, daß

man es weithin schallen hörte. Dann kamen Hirsche und Rehe und

schnoberten an der Rinde, denn sie litten Hunger. Reineke, der Fuchs,

schnürte mit gespitzten Ohren vorüber, wartete hinter dem breiten Stamm

auf Lampe, den Hasen, und nachts saß zuweilen eine Eule auf dem Wipfel

und schrie und miauzte wie ein Wickelkind.

Aber am schönsten war es doch im Sommer, wenn die Sonne so warm schien

und die Vögel sangen. Einmal kam ein alter Mann und ein altes

Mütterchen. Sie gingen Hand in Hand. Sie blieben vor dem alten Baum

stehen.

»Dieser war es,« sagte der alte Mann und putzte seine Brille.

Und dann suchte er ringsum am Stamm und betastete die rissige Rinde.

»Ja,« rief er plötzlich fröhlich, »da ist es! Oh, wie lange ist es her,

und wie jung waren wir damals!«

Richtig, da war ein Herz in die Rinde des alten Baumes eingeschnitten,

und zwei Buchstaben standen darunter, aber man konnte sie kaum noch

lesen, denn die Zeit hatte sie zernagt und verwischt. Ja, vierzig Jahre

sind eine lange Zeit, und so lange war es her, daß der alte Mann, der

damals ein ganz junger war, die Zeichen hier eingegraben in die Rinde.

-- Lange standen die beiden Alten vor dem Baum und redeten kein Wort,

und dann gingen sie Hand in Hand weiter.

Ja, so ein alter Baum ist wie ein treuer Freund, und der junge Jäger,

der oft in seinem Schatten ruhte, wenn die Mittagshitze über der Welt

lag, liebte ihn wie einen Menschen.

Aber eines Tages nahm das alles ein Ende. Da kamen die Holzfäller mit

blanker Säge und scharfer Axt, und viele Bäume mußten sterben. Der

Förster kam und machte mit Kreide drei Kreuze an den Stamm der alten

Fichte, und das war ihr Todesurteil.

»Es tut mir leid, alter Bursche,« sagte der Grünrock, »aber es ist nicht

zu ändern, die Welt braucht Holz!«

Ach, es war nicht zu ändern! Da kamen die Männer und sägten den Stamm

durch. Die Vögel hörten den alten Baum ächzen und stöhnen, erschreckt

flogen sie weit fort. Der Star, der da oben im Wipfel eine Dachkammer

bewohnt hatte, mußte schleunigst ausziehen. Er setzte sich auf den

nächsten Baum und schnatterte und schimpfte stundenlang auf die Störer

des Waldfriedens.

Dann legten die Männer ein Seil um den Baum, riefen ziehend »Hoh-Ruck

... Hoh-Ruck«, und krachend stürzte die Fichte nieder auf den moosigen

Waldboden.

Äste und Zweige wurden abgeschlagen, die dicke braune Rinde abgelöst,

und der lange, kahle Stamm lag wie ein Leichnam im Walde. Nach ein paar

Tagen aber kam ein riesiger Wagen mit vier Pferden daher, und der Stamm

wurde davongefahren, fort aus der grünen Heimat, herunter in die Stadt,

zum Sägewerk.

Da kreischten die Sägen von früh bis spät, schnitten den Stamm in lauter

kleine Scheiben, und dann hackte die Hackmaschine das alles in tausend

Trümmer. Ja, das Sägewerk war schrecklich. Ganze Wälder hatte es schon

gefressen, und die Leute, die den grünen Wald liebten, mochten die

blanken Sägen mit ihren tausend Raubtierzähnen nicht leiden.

Als die beiden alten Leute nach Monaten, im Frühlingssonnenschein wieder

durch den Wald schritten, da fanden sie den alten Baum nicht mehr. Nur

ein breiter Stumpf ragte noch aus dem Boden. Lange standen sie da, und

als sie fortgingen, glänzten Tränen im Auge des alten Mütterchens.

Der junge Jäger aber schimpfte und wetterte, als er seinen Liebling

nicht mehr fand, und mißmutig warf er die Flinte über die Schulter und

ging heimwärts.

Die Trümmer des Baumes waren inzwischen weiter gewandert. Sie kamen in

eine große Fabrik, da machte man Papier. Man warf sie in mächtige

Kessel, in denen kochte ein scharfer Teufelssaft, und schließlich wurde

ein dicker Brei aus dem Holz der alten Fichte. Der Brei wurde weiß

gefärbt, kam auf mächtige Siebe, das Wasser wurde verdampft, und da war

ein dünner feuchter Filz aus dem Holzbrei geworden. Der ging dann durch

viele Walzen und Pressen, wurde immer dünner und dünner, und endlich

wurden schöne glatte Papierbogen daraus.

Ja, es ist eine tolle Geschichte, was die Menschen alles aus so einem

alten Baume machen können! Aber was nutzt das ganze schöne Papier, wenn

es nicht beschrieben oder bedruckt wird, sagten sich die Leute. Das

sagte auch der langgelockte Dichtersmann, der da drinnen in der großen

Stadt hauste, und so nahm er ein paar von den schönen weißen Bogen,

tauchte die Feder in die Tinte und schrieb lauter Reime und Gedichte auf

das Papier. Ja, da besang er den Wald mit seinen grünen Bäumen, und die

Vögel, die da in den Zweigen wohnen, und sagte, daß es nichts Schöneres

gebe in Gottes weiter Welt als den stillen Wald mit den rauschenden

Wipfeln. -- Ach, er dachte nicht daran, daß der alte Baum sterben mußte,

damit der Dichter auf dem Papier seine Lieder über den Wald

niederschreiben konnte.

Aber das meiste Papier, das aus dem Fichtenstamm entstanden, kam in eine

große Druckerei, und da wurden die Gedichte über den Wald zehntausendmal

abgedruckt, und aus dem Baum waren zehntausend Bücher geworden, die

hinaus wanderten in alle Welt.

Eines kam auch hinauf in das Forsthaus im Walde, wo der junge Jäger

wohnte. Der nahm es mit sich in die grüne Einsamkeit der Tannen und

Buchen. Er lagerte sich unter einem hohen Baum und las darin.

»Schnedderengteng!« sagte er ärgerlich. »Da hauen die Städter die Bäume

um und machen Papier daraus, und aus dem Papier machen sie Bücher, und

in den Büchern schreiben sie, daß man in den grünen Wald gehen soll, und

ihn heilig halten muß. -- Es ist ein verrücktes Zeug, und es ist schade

um den Baum, der deswegen sterben mußte!«

Da nahm er das Buch und warf es weit fort in das grüne Walddunkel.

Lange lag es da! Die Ameisen krochen zwischen den Seiten. Reineke, der

Fuchs, beschnoberte es mißtrauisch und konnte über das seltsame Ding

nicht klug werden, und der Starmatz pfiff darauf und benahm sich noch

weiterhin unanständig, denn er verstand nichts von Gedichten. Die Sonne

vergilbte das Papier, dörrte es aus; der Regen durchweichte es, der

Frost zerriß es, die Mäuse knabberten daran, der Schnee des Winters

löste es auf in einen Brei. Der Brei sickerte langsam in den Erdboden

hinein, gerade da, wo ein ganz winziges Fichtenzweiglein wuchs. Seine

feinen Wurzeln saugten die Nahrung ein, und das zerstörte Buch gab der

jungen Fichte wieder, was es dem alten Baum genommen hatte.»

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 11 / 38 题