Vom Doktor Ulebuhle

Meine lieben jungen Freunde! Ehe ihr nun die Geschichten des Doktor

Ulebuhle lest, wollt ihr sicher auch wissen, wie sie denn zustande

gekommen sind, und was es mit dem Ulebuhle für eine Bewandtnis hat.

Eigentlich hieß er gar nicht so, und wie in Wahrheit sein Name war, das

haben die Kinder nie erfahren, oder sie hatten es wieder vergessen, aber

so viel weiß ich, daß er ein schnurriger Kerl war, so schnurrig wie der

Name, den ihm die Leute gegeben hatten.

Da unten im Harzgebirg mit seinen dunklen Tannenbergen liegt die alte

Kaiserstadt Goslar, mit ihren uralten spitzen Türmen, seltsamen Torbogen

und engen Gassen mit wunderlichen, jahrhundertealten Häusern am Fuße des

Rammelsberges, in dem tief, tief unter der Erde die Bergleute pochen.

Vor vielen Jahren lebte da der Doktor Ulebuhle. Er bewohnte ganz allein

eines jener etwas windschiefen, mittelalterlichen Häuser, die verwundert

aus ihren vom Alter fast erblindeten winzigen Fensterchen in die neue

Zeit hineinblinzeln. Oben auf dem Hause war ein Turm, gedeckt mit lauter

Schiefertafeln, fast so wie die, mit denen wir Buben zur Schule zogen,

und da oben hatte Ulebuhle ein großes Fernrohr stehn, mit dem man den

Mond und die Kometen betrachten konnte. Und dann waren da im Hause ein

paar ganz einfache Zimmerchen, mit alten Möbeln und seltsamen Uhren und

allerlei Schnickschnack, und eines davon war ganz mit Büchern

vollgestopft, daß man nicht wußte, wohin man treten und wohin man sich

setzen könnte. Nebenan sah es noch viel toller aus! Das wahre Museum.

Ausgestopfte Tiere, versteinerte Fische und Schnecken, Tiergeripp und

Totenbein, und Schmetterlingssammlungen und seltene Käfer. Erdglobus und

Himmelsglobus, Elektrisiermaschinen und Mikroskope, hundert Instrumente

und weiß der Teufel was noch für Krimskrams.

Und da hauste der alte Ulebuhle ein Leben lang wie ein Maulwurf in

seinem Bau. Er hatte keine Frau und keine Kinder; ein ganz altes

Weiblein mit einer großen schwarzen Haube besorgte alles und war der

einzige Mensch, mit dem sich Ulebuhle vertrug, denn er war ein rechter

alter Knurrhahn.

Und wenn ihr nun fragt, wie er ausgesehen hat, der Doktor Ulebuhle, so

muß ich sagen, höchst schnurrig! Er war so groß, daß er kaum durch die

niederen Türen des alten Hauses ging, und dürr wie ein Pfeifenrohr. Das

Alter hatte sein Gesicht in tausend Runzeln zerrissen, es war bartlos

und von vielem Tabakrauch gebräunt wie eine alte Meerschaumpfeife, und

eisengraues Haar bedeckte das Haupt. Was aber ganz putzig aussah und uns

Kindern als das Sonderbarste vom Sonderbaren erschien, das war das

kleine Zöpfchen, das dem guten Ulebuhle hinten über den Rockkragen

baumelte. Ein Zöpfchen, nicht länger und kaum dicker als ein

Rattenschwanz, eisengrau, und mit einer winzigen schwarzen Schleife nahe

der Spitze. Mein Vater sagte mir zwar, und aus alten Büchern könnt ihr

das ja auch an den Bildern sehen, früher hätten die Männer _alle_ so

kleine Zöpfchen getragen, und der gute alte Ulebuhle, der schon fast

siebenzig Jahre alt war, habe es sich nur nicht mehr abgewöhnen wollen,

als die neue Mode kam und eines Tages schnipp-schnapp die ganzen Zöpfe

von der großen Schere der Zeit weggeputzt wurden, aber das ist egal, es

sah doch zu schnurrig aus. Zudem trug er auch noch eine mächtige

Hornbrille, mit großen runden Gläsern, und wenn er dann so bedächtig mit

den Augendeckeln klappte, dann sah das in Verbindung mit der Brille und

der scharfen Hakennase aus wie bei einer Eule oder »Ule«, wie die Leute

da unten sagen. So aber war auch sein seltsamer Name entstanden.

Eigentlich hieß er nur Doktor Buhle, für uns aber war er nur der

Ule-Buhle, und dabei blieb es!

In einem langen grauen zugeknöpften Rock, Sommer und Winter mit

buntkarrierten Filzschuhen an den Füßen, saß der Doktor Ulebuhle so, aus

der langen Pfeife blaue Rauchwolken von sich stoßend, über seinen

Büchern, seinen Instrumenten, und kümmerte sich um keinen Menschen in

der weiten Welt.

Aber wenn er auch wunderlich aussah, und wenn die Leute auch verstohlen

über ihn lachten, sie zogen doch tief den Hut vor ihm, wenn er mal aus

dem Fenster schaute oder in seinem Garten die Bäume beschnitt, denn er

war ein Mann, der so viel wußte wie keiner in weiter Runde, die Lehrer

und den Pfarrer, die Ärzte und den Bürgermeister mit eingeschlossen, und

das will was heißen, denn von denen wollte doch auch einer immer mehr

wissen wie der andere. Er hatte viele gelehrte Bücher geschrieben, und

aus fernen Ländern schickten berühmte Professoren, die so weise waren,

daß sie sich Tonnenbänder um den Kopf legen lassen mußten, damit er

nicht vor lauter Wissen auseinandersprang, Briefe an unseren Ulebuhle

und baten um seinen Rat.

Wie aber, so werdet ihr fragen, kam nun der Doktor Ulebuhle dazu, diese

Geschichten zu erzählen?

Das ging so zu: Da, wo das Haus des Doktor Ulebuhle stand, war ein

freier Platz, und ein Brunnenbecken stand darauf. Hier aber versammelten

wir Kinder uns am liebsten und lärmten da umher, wie eine Schar Spatzen

im Kirschenbaum. Das aber war schrecklich für den Alten! Es störte ihn

ganz gräßlich bei seinem gelehrten Tun, und als all sein Schimpfen

nichts half, da versuchte er es auf einem anderen Wege. Er ließ uns

einst, als wir an einem Sommerabend wieder um den Brunnen jagten, von

der alten Dienerin heraufholen, was ihm aber nur bei den Mutigsten

zunächst gelang. Mit einem seltsamen Schauder und mit einer noch

größeren Neugierde betraten wir das sonst so fest für jedermann

verschlossene Haus. Ulebuhle aber hielt uns eine lange Rede. Wir wären

zwar allesamt Taugenichtse, die noch einmal ein übles Ende nehmen

würden, sagte er in einem seltsam knurrigen Ton, aber er wolle uns alle

Sonntagabend bei Kuchen und Tee schöne Geschichten erzählen, durch sein

Fernrohr den Mond und die Sterne zeigen und andere Dinge, wenn wir

versprächen, künftig nicht mehr um den Brunnen zu tollen und Bälle in

den Garten zu werfen.

Und so geschah's! Erst kamen nur wenige, dann mehr, und schließlich

alle. Und die Geschichten waren sehr interessant, der Kuchen voller

Rosinen, und um den Brunnen war es still geworden, denn keiner wollte es

mit Ulebuhle verderben. Dieser aber war ein kluger Mann! Das waren

_keine gewöhnlichen Märchen_, die er da erzählte, keine von Hexen und

Menschenfressern, von Prinzessinnen und verwunschenen Froschkönigen und

all solchen Dingen, die es gar nicht gibt, sondern es waren Geschichten,

aus denen wir Kinder viel lernen konnten und viel gelernt haben, und nur

_scheinbar_ waren es Märchen. So wie der Apotheker eine bittere Pille,

die uns kurieren soll, mit einer Zuckerhülle umgibt, damit wir sie

bereitwilliger schlucken, umgab der gelehrte Doktor seine _Erzählungen

von all den wunderbaren Dingen der Natur_ mit einem Märchenkleid.

Was ich behalten habe von diesen Geschichten, das habe ich hier

niedergeschrieben, und wenn ihr sie alle gelesen haben werdet, so habt

ihr eine ganze Masse gelernt von Sonne, Mond und Sternen, von Wolken,

Regen, Schnee und Wind, von Feuerbergen und Meerestiefen.

Wenn ihr aber etwas nicht verstanden habt oder mehr davon wissen

möchtet, dann schreibt mir nur und denkt, ich wäre der Ulebuhle selber,

und dann will ich mir die Hornbrille aufsetzen, es sorgfältig lesen und

euch antworten, wenn auch nicht so knurrig und brummig wie Doktor

Ulebuhle.

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 5 / 38 题