Der Reiz dieses Buches liegt in der vortrefflichen Ausführung. In Scenen
voll dramatischen Lebens erkennen wir die Macht des Rabbi über die
verblendeten Geister -- eine Macht, der selbst der christliche Edelmann
im Falle der Bedrängniß huldigt; aber wir erkennen auch die ganze --
Tiefe dieses Aberglaubens, indem wir Einblick in den Charakter des Rabbi
erhalten, der ein wunderliches Gemisch von Selbstsucht, Aberglauben und
Zelotismus ist. Dann führt uns die Dichterin mit gleicher Kunst in das
elende, vom Unglücke erfüllte Haus seiner tragischen Gegner, und so reiht
sich Bild an Bild, Scene an Scene, die uns -- die Handlung immer weiter
leitend -- in den Charakter und Geist jener eigenthümlichen Menschen
hineinblicken lassen. In einzelnen Capiteln erreicht die Dichterin eine
tragische Größe; in anderen entfaltet sie herrlichen Humor. Ueberall aber
verräth sie eine ganz intime Kenntniß nicht blos der Sitten und Gebräuche
jener Menschen, sondern auch ihres eigenthümlichen Geistes, jener
spiritualistischen Denkweise, die aus der völligen Durchdringung des Lebens
durch den Glauben entstammt. Sind doch alle die Geschichten und Schicksale,
die sie erzählt, mehr oder weniger thatsächliche Geschehnisse. Und selbst
aus der Darstellung athmet der Geist des Volkes, der so einseitig sich
nur dem Menschengeiste und dem Glauben zuwendete, der Natur jedoch,
ihrer Schönheit, ihrem Genusse sich so fernhielt. In diesem Sinne ist
es charakteristisch, daß im ganzen Buche nur zwei kleine landschaftliche
Schilderungen vorkommen, die aber freilich recht hübsch sind. Kurz, es
ist ein Buch, das ein männlicher Geist in einem dichterischen Frauenkopfe
ersonnen.
»Neue Freie Presse.«
Verlag von L. Rosner in Wien.
Der Wunderrabbi.
Roman von #J. Thenen#.