Gas aus Bogheadkohle

ohne mit

Wassergas

Schwere Kohlenwasserstoffe 24,50 14,12

Grubengas 58,38 22,25

Wasserstoff 10,54 45,51

Kohlenoxyd 6,58 14,34

Kohlensäure -- 3,78

Sauerstoff und Stickstoff -- --

---------------

100,00 100,00

Die Vortheile des =White='schen Hydrocarbonprocesses liegen nicht nur

darin, dass bei dem erhaltenen Gase der Gehalt an Wasserstoff weit

grösser, an Kohlenoxyd etwas und an Grubengas sehr beträchtlich

geringer ist, als bei dem gewöhnlichen Steinkohlengase, sondern sie

sind auch und zwar wesentlich in der mechanischen Wirkung der

Wasserzersetzungsprodukte zu suchen. Beim Durchströmen durch die mit

Cannelkohle beschickte Retorte führen sie die entstandenen leuchtenden

Kohlenwasserstoffe rasch aus dem Bereich der Rothglühhitze, worin diese

sonst zum Theil unter reichlichem Kohlenabsatz zerlegt würden und

bieten den derartigen Produkten im Theer überhaupt reichlich

Gelegenheit, zu diffundiren und sich so den leuchtenden Bestandtheilen

bleibend beizugesellen. Die =Frankland='schen Versuche haben folgende

Vortheile des Hydrocarbonverfahrens ergeben: a) Der Process lässt sich

in jeder Gasanstalt ohne besondere Umstände und Kosten einführen; b)

die Gasausbeute nimmt um 46 bis 290 Proc. zu; c) die Leuchtkraft wird

um 14 bis 108 Proc. vermehrt; d) die Ausbeute an Theer wird vermindert,

da ein guter Theil desselben vergast wird; e) die Hitze und

Kohlensäurebildung der Gasflammen wird vermindert, weil das Gas mehr

Wasserstoff und weniger Kohlenstoff enthält.

[Sidenote: Wassergas nach Leprince.]

2) Das Verfahren der =Bereitung von Wassergas= nach =Leprince= ist

nichts weiter als eine Abänderung des =White='schen Processes, die

darin besteht, dass Retorten, mit drei horizontalen Scheidewänden,

mithin in drei Abtheilungen gebracht, angewendet werden, in welchen die

beiden Phasen des Processes, die theilweise Wasserzersetzung durch Koks

oder Holzkohle und die Carburirung des Gases durch die flüchtigen

Zersetzungsprodukte der Steinkohle (Backkohle) vor sich gehen. Das _Gas

Leprince_ hat schon seine Verwendung gefunden wie z. B. in der

=Simonis='schen Tuchfabrik zu Verviers, auf den Zinkhütten zu

Vieille-Montagne in Belgien, namentlich auch zur Beleuchtung der Stadt

Mastricht und einiger Localitäten in Lüttich.

[Sidenote: Gas nach Isoard.]

3) Das Verfahren von =Isoard= sei hier nur beiläufig erwähnt; es

besteht im Wesentlichen darin, dass die Zersetzung des überhitzten

Wasserdampfes nicht durch Kohle, wie bei dem Verfahren von =Selligue=,

=White= und =Leprince=, sondern durch =Kohlentheer= erfolgt.

[Sidenote: Gas nach Baldamus und Grüne.]

4) Nach der Methode von =Baldamus= und =Grüne= geht die Zersetzung des

Wasserdampfes und der Kohlenwasserstoffe zu gleicher Zeit und in dem

nämlichen Raume vor sich, so dass der in dem Wasserdampf enthaltene

Wasserstoff nicht im freien Zustande, sondern in Verbindung mit

Kohlenstoff als leuchtender Kohlenwasserstoff sich entwickelt. Das

Material (Braunkohle, Torf, Schieferkohle) wird bei der Gasbereitung

völlig ausgenutzt, ohne Nebenprodukte zu erzeugen, indem diese

Materialien direct vergast und die Gase mit den Theerprodukten

gleichzeitig mit dem Wasserstoffgas des Wassers in =Hydrocarbongas=,

wie die Patentträger ihr Gas nennen, übergeführt werden.

[Sidenote: Carburirtes Gas.]

5) =Carburirtes Gas.= Das Verfahren von =Kirkham= u. A. besteht darin,

dass Wassergas einfach durch Imprägniren mit Dämpfen flüssiger

Kohlenwasserstoffe (Benzol, Photogen, Petroleum, Naphta) in Leuchtgas

übergeführt wird. Letzteres geschieht entweder dort, wo das Gas

dargestellt wird, oder zweckmässiger am Consumtionsorte unmittelbar

dort, wo es in die Brennerleitung strömt. Von den vielen Apparaten, die

man zum =Carburiren= (oder Carbonisiren) des Gases vorgeschlagen hat,

ist keiner zu einer nennenswerthen Verbreitung gelangt, trotz den

glänzenden Resultaten, die sich anfänglich herauszustellen pflegen.

Schwierigkeit in Beschaffung vollkommen geeigneter Materialien,

Ungleichmässigkeit der Wirkung derselben auf die Leuchtkraft und andere

Hindernisse sind an vielen Orten der Einführung der Carburirung von an

sich nicht leuchtenden Gasen bis jetzt hemmend entgegengetreten. Was

die Menge der flüssigen Kohlenwasserstoffe betrifft, die erforderlich

sind, um nicht leuchtenden brennbaren Gasen Leuchtkraft zu ertheilen,

so sei, um Täuschungen vorzubeugen, bei dieser Gelegenheit bemerkt,

dass wenn z. B. Benzol (C_{6}H_{6}) der flüssige Kohlenwasserstoff

wäre, der zum Carbonisiren dienen soll,

1000 Kubikfuss Gas { bei 0° 2342 Grm. } Benzol

{ bei 15° 5694 " }

erfordern, um durch Sättigen mit den Dämpfen des Benzols Leuchtkraft zu

erlangen. Die Carburirung des Leuchtgases d. h. eine Verbesserung

desselben durch Beimischung der Dämpfe von flüchtigen

kohlenstoffreichen Oelen (wie z. B. der bei der Theerölfabrikation

gewonnenen =Carburirungsnaphta=) ist dagegen (nach =G. Lunge=) an

unzähligen Orten Englands schon in Privathäusern und Fabriken

eingeführt und breitet sich immer mehr aus.

[Sidenote: Luftgas.]

6) =Luftgas.= Als Anhang zu den im Vorstehenden beschriebenen

Verfahren, Wassergas durch Imprägniren mit Dämpfen flüssiger

Kohlenwasserstoffe in Leuchtgas überzuführen, ist hier das Verfahren

von =Longbottom= zu erwähnen, =atmosphärische Luft=, nachdem sie

zunächst von Kohlensäure und Wasserdampf befreit worden ist, durch die

Dämpfe flüchtiger flüssiger Kohlenwasserstoffe (wie Petroleumäther,

Benzin etc.) in Leuchtgas überzuführen. Es haben Versuche, Luft mit

Benzindämpfen zu sättigen, herausgestellt, dass solche Luft allerdings

als Beleuchtungsmittel benutzt werden kann, dass aber zum Brennen weite

Brennermündungen und ein langsam strömendes Gas nöthig sind. Aus den

gewöhnlichen Brennern mit engen Mündungen erscheint die Flamme klein

und von sehr geringem Leuchtvermögen; durch einen schnelleren Gasstrom

wird sie aber, in Folge der abkühlenden Wirkung der Luft, alsbald

verlöschen. Apparate zur Bereitung von Luftgas sind u. A. von =Marcus=,

von =Mille= und von =Müller= und =Metheï=[185] construirt worden.

[185] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1866 p. 701; 1868

p. 763 und 765.

[Sidenote: Das Oel-, Fett- oder Harzgas.]

V. =Das Oelgas.= Die =fetten Oele= gehören unter diejenigen Materialien,

aus denen reinstes und vorzüglichstes Leuchtgas bereitet werden kann. In

Folge ihrer Zusammensetzung -- =Lefort= fand für

Rapsöl die Formel C_{10}H_{18}O_{2}

Olivenöl " " } C_{18}H_{32}O_{2}

Mohnöl " " }

Leinöl " " C_{15}H_{28}O_{2}

Hanföl " " C_{11}H_{22}O_{2}

-- liefern sie bei der trocknen Destillation hauptsächlich Elaylgas, oder

was so ziemlich dasselbe ist, ein Gemisch von Wasserstoffgas und Sumpfgas

mit den Dämpfen flüssiger Kohlenwasserstoffe, deren Leuchtkraft der des

Elaylgases gleich ist; ferner bilden sich nur geringe Mengen von

Kohlensäure und kein Schwefelwasserstoffgas, weshalb das Oelgas keiner

Reinigung bedarf, und endlich bleibt bei der Destillation so gut wie kein

Rückstand. Da es ausserdem eine grössere Leuchtkraft besitzt, als das

Kohlengas, so ist der Apparat zur Oelgasbereitung weit compendiöser, weil

man für gleichen Umfang der Beleuchtung kleinere Gasometer nöthig hat und

ferner die so lästige, wie ununterbrochene Ueberwachung erfordernde

Kalkreinigung überflüssig ist. Die Gasbereitung ist auch mit weniger

unangenehmem Geruche verknüpft und kann daher an jedem Orte vorgenommen

werden. Sie eignet sich deshalb vorzugsweise für kleinere Anlagen. Trotz

seinen unläugbaren Vorzügen hat dennoch der Kostspieligkeit wegen das

Oelgas fast überall dem Kohlengase das Feld geräumt.

Das specifische Gewicht des Oelgases beträgt im Mittel 0,76 bis 0,90;

es kann aber auch bis 1,1 steigen. Nach den vorhandenen Angaben giebt 1

Zollpfund Samenöl 22 bis 26 Kubikfuss Gas, entsprechend 90-96 Proc. vom

Gewicht des Oeles.

[Sidenote: Suintergas.]

Das =Suintergas=, welches man aus den seifehaltigen Waschwässern der

Streich- und Kammgarnfabriken, so wie der Seidenentschälung gewinnt,

schliesst sich eng an das Oelgas an. In den Spinnereien von Augsburg

und Mühlhausen wird das aus den Waschbottichen abfliessende Wasser,

welches den Schweiss der Wolle und die gebrauchte Seife enthält[186] in

cubicirte Cisternen geleitet, dort mit Kalkmilch gemischt und 12

Stunden lang der Ruhe überlassen. Es bildet sich ein Bodensatz, der,

nachdem die überstehende klare Flüssigkeit entfernt worden, auf

Seihetücher aus grober Leinwand gebracht wird. Unreinigkeiten, wie

Haare, Sand u. dergl. werden zurückgehalten, während die

durchgelaufene Masse in Kellerräume gelangt, in welchen sich nach 6-8

Tagen eine teigartige Masse bildet, die mit dem Spaten in prismatische

Stücke von der Grösse halber Ziegelsteine ausgestochen und auf Horden

getrocknet wird. Die trocknen Stücke werden ähnlich wie bei der

Gasbereitung der Destillation unterworfen und liefern ein Gas, welches

nicht gereinigt zu werden braucht und eine dreifach stärkere

Leuchtkraft besitzt, als das aus guter Gassteinkohle gewonnene. Das

Waschwasser einer Kammgarnspinnerei von 20,000 Spindeln liefert, wenn

es dem beschriebenen Processe unterworfen wird, circa 500 Kilogr.

getrocknete Masse, =Suinter= genannt, täglich; 1 Kilogr. Suinter giebt

210 Liter Gas. Jährlich werden im Durchschnitt 150,000 Kilogr. Suinter

gewonnen und im regelmässigen Betriebe können daraus 31,500,000 Liter

Gas bereitet werden. Eine Flamme consumirt in der Stunde 35 Liter, mit

der angeführten Quantität liessen sich, das Brennen einer Gasflamme auf

1200 Stunden berechnet, 750 Gasflammen speisen. Eine Fabrik von 20,000

Spindeln bedarf zu ihrer Erleuchtung nur 500 Flammen, es bleibt demnach

der noch für 250 Flammen dienende Suinter, im Ganzen 5000 Kilogr., zu

anderweitiger Verwendung bereit. In Augsburg wird ein Centner oder 50

Kilogr. der Masse mit 2-1/2-3 fl., in Mühlhausen mit 9-10 Fr. bezahlt.

[186] In Rheims wird das erste Waschwasser, welches keine Seife,

sondern nur den Wollschweiss (_suintate de potasse_) enthält, auf

Potasche und auf Gas verarbeitet (vergl. S. 142), obgleich

neuerdings (von =Havrez=) vorgeschlagen wurde, den

stickstoffreichen Wollschweiss nicht nur auf Potasche, sondern

auch auf Blutlaugensalz zu verarbeiten.

[Sidenote: Schieferöl- und Petroleumgas.]

VI. =Schieferöl=- und =Petroleumgas=. Der Posidonienschiefer des Lias aus

der Nähe von Reutlingen in Württemberg liefert bei der trocknen

Destillation etwa 3 Proc. Theer, aus welchem durch Destillation das

=Schieferöl= ausgeschieden wird. In Folge eines nicht unbedeutenden

Schwefelgehaltes ist das Schieferöl als Beleuchtungsmaterial für Lampen

nicht sehr geeignet, dagegen ist es ein vorzügliches Material zur

Gasbeleuchtung. Nach den Mittheilungen von =Haas= liefert in Reutlingen 1

Centner des Schiefergasöles im Werth von 10 fl. ungefähr 1300 engl.

Kubikfuss Gas, so dass das Tausend Kubikfuss einschliesslich des

Brennmaterials (1/12 Klafter Holz) und des Taglohns in runder Summe auf

10 fl. zu stehen kommt, was in Anbetracht der hohen Leuchtkraft sehr

billig ist.

=W. Reissig= fand bei der (1862 ausgeführten) Analyse von Reutlinger

Schieferölgas:

Schwere Kohlenwasserstoffe 25,30

Grubengas 64,80

Kohlenoxydgas 6,65

Wasserstoffgas 3,05

Kohlensäure 0,20

Sauerstoff und Stickstoff Spuren

------

100,00

Nach Versuchen, die in Stuttgart zur Ermittelung der Leuchtkraft des

Schieferölgases angestellt wurden, hat sich ergeben, dass die

Leuchtkraft des Schieferölgases 2,5 bis 3,5 mal grösser sei als die des

Kohlengases.

[Sidenote: Petroleumgas.]

Das =Petroleum= ist seit einigen Jahren ebenfalls zur Darstellung von

Leuchtgas angewendet worden. Die Bereitung des Petroleumgases geschieht

auf zweierlei Weise, entweder durch blosses Vergasen des Petroleums oder

durch Mischen des so erhaltenen Gases mit Wassergas (letzteres Verfahren

kommt zum Theil auf eine Carburirung des Wassergases zurück).

Nach dem Verfahren von =Thompson= und =Hind= (1862) wird das aus dem

Petroleum durch Destillation über glühenden Eisenplatten oder

Ziegelsteinen gewonnene Gas mit denjenigen gemischt, welche durch die

Einwirkung von Wasserdämpfen auf glühende Kohlen erhalten wird. Das

Gasgemisch wird mit Salzsäure gewaschen und geht dann durch eine Reihe

von Reinigungsgefässen, so dass es im Gasometer rein und geruchlos

ankommt. Der Zersetzungsapparat für das Petroleum ist eine eiserne, auf

einem Rost liegende Retorte, an deren Deckel ein hohler, mit Koks oder

Holzkohlen gefüllter Cylinder befestigt ist. In dem Zwischenraume

zwischen dem Cylinder und der Retortenwand liegt eine schlangenförmig

gewundene, den Cylinder umgebende Blechplatte. Durch den Retortendeckel

gehen zwei Röhren, eine für das rohe Oel, die andere für das Wasser

bestimmt; erstere ist mit dem Schlangengange verbunden, welcher selbst

in dem oberen Theile des Cylinders mündet, letztere durchschneidet

diesen Gang und mündet in den unteren Boden des Cylinders. Das

Petroleum zersetzt sich, indem es durch die Schlange geht; das Wasser

verdampft in der Röhre und setzt sich mit den glühenden Kohlen um. Eine

dritte Röhre führt die sämmtlichen Gase aus dem oberen Theile des

Apparates ab und leitet sie nach dem Reiniger. Wird nun das Petroleum

vergast (ohne Beimischung von Wassergas), so erhält man aus 1 Ctr.

pennsylvanischen Oeles 1590 Kubikfuss Gas. Nach =Bolley= war die

Zusammensetzung des reinen Petroleumgases:

I. II.

Schwere Kohlenwasserstoffe 31,6 33,4

Leichter Kohlenwasserstoff 45,7 40,0

Wasserstoff 32,7 26,0

-------------

100,0 100,0

[Illustration: Fig. 300.]

=H. Hirzel= stellt Leuchtgas aus den schwerflüssigsten Theilen und den

Rückständen, welche beim Raffiniren des Petroleums gewonnen werden,

oder aus Petroleum selbst dar. Der =Hirzel='sche Petroleumgas-Apparat,

welcher bereits in Deutschland, Oesterreich, Russland und anderen

Ländern eine grosse Verbreitung gefunden hat und sich besonders zur

Einrichtung von Beleuchtungsanlagen in Fabriken, Kasernen, Spitälern,

Bahnhöfen etc. eignet, liefert ein Gas, welches keiner Reinigung bedarf

und alle übrigen Gasarten an Leuchtkraft übertrifft.

Die Aufstellung, sowie der Betrieb des =Hirzel='schen Apparates ist mit

Hülfe beistehender Skizze (Fig. 300) leicht verständlich. _D_ ist ein

schmiedeeiserner Behälter, welcher mit Petroleum oder den

Petroleumrückständen gefüllt wird. In diesem Behälter befindet sich

eine Saug- und Druckpumpe _E_, deren Kolben durch Aufziehen des

Uhrwerks mit Petroleum gefüllt werden kann. Sobald die Retorte zum

Rothglühen erhitzt ist, wird der Kolben durch Gewichte beschwert und

darauf das Uhrwerkpendel in Bewegung gesetzt. In Folge davon wickelt

sich die Schnur von der Rolle des Uhrwerks ab und lässt den beschwerten

Kolben langsam in den Pumpenstiefel sinken, wobei das Petroleum durch

das Rohr _i_ in gleichförmigem Strahle in die zum Rothglühen gebrachte

Retorte _A_ eingedrückt wird. Das Petroleum wird dabei sofort vergast,

und die Gase treten nun vom Kopfe _a_ der Retorte durch das Steigrohr

_d_ empor und gelangen so durch die Vorlage _B_ und den mit Backsteinen

angefüllten Condensator _C_ in den Gasometer. In der Vorlage _B_ ist

ein Oelverschluss, welcher das Zurücktreten des Gases aus dem Gasometer

in die Retorte verhindert. Damit das Niveau dieses Oelverschlusses

dasselbe bleibe, und damit die Vorlage, sowie der Condensator durch die

Oeltheile, welche das Gas beim Erkalten absetzt, nicht überfüllt

werden, befindet sich am unteren Ende des Condensators das _U_-Rohr

_c_, durch welches das überflüssige Oel, welches wieder in das

Reservoir zurückgegeben werden kann, abläuft. In der Mitte des

Aufsteigerohres _a_ ist ein nur 1,5 Centim. weites Rohr _b_ nach einem

an der Wand aufgehängten Manometer hingeleitet, der den Druck in der

Retorte, der während der Gasbereitung gewöhnlich 8-12 Centim.

Wassersäule beträgt, anzeigt. Der obere Raum des Condensators, der

durch einen mit Wasserverschluss versehenen Deckel _e_ verschlossen

ist, wird mit einem porösen Material, mit Koksstücken oder Backsteinen

angefüllt. Der Betrieb des Apparates ist ein höchst einfacher,

vollständig gefahrlos und kann von jedem verständigen Arbeiter geleitet

werden. Bei regelmässigem Betriebe läuft die Uhr ungefähr eine Stunde,

und durch Aufzug der Pumpe wird so viel Petroleumrückstand aufgesaugt,

dass man ca. 200 Kubikfuss Gas davon erhält. Beim Verstopfen der

Röhren, welches sich jedoch leicht zu erkennen giebt durch den

Manometer sowie durch Heben des Deckels am Condensator, oder endlich

durch Nachlassen des regelmässigen Ablaufens des Uhrwerks, tritt, wenn

der Apparat alle 5 bis 6 Wochen gereinigt wird, nicht ein. Nach

zwölfmaligem Gebrauch ist es jedoch zweckmässig, den Deckel der Retorte

zu öffnen und mittelst eines scharfen Eisens die Kokskrusten zu

entfernen, welche sich am Boden der Retorte angesetzt haben. Das

mittelst dieses Apparates erzeugte Gas ist jedenfalls das reinste

Leuchtgas, welches im grösseren Maassstabe dargestellt werden kann,

denn es besteht ausschliesslich nur aus Kohlenwasserstoffgasen, welche

sich selbst bei grösster Winterkälte, sowie unter starkem Druck und in

ausgedehnten Röhrennetzen nicht verdichten und sich, ohne eine

Veränderung zu erleiden oder an Leuchtkraft einzubüssen, aufbewahren

lassen. Das Petroleumgas setzt in den Röhrenleitungen keine öligen oder

theerigen Theile ab, ist vollkommen frei von schwefelhaltigen oder

ammoniakalischen Verbindungen und von Kohlensäure, weshalb es direct

ohne weitere Reinigung in dem Gasometer angesammelt werden kann.

Das Petroleumgas hat ein spec. Gewicht von 0,69, ist frei von Schwefel

und Ammoniak, besteht hauptsächlich aus Acetylen (C_{2}H_{2}) und wird

aus Brennern gebrannt, welche stündlich nur 1/4, 1/2, 3/4, 1 bis

höchstens 2 Kubikfuss Gas consumiren. Der Apparat liefert stündlich 200

Kubikfuss Petroleumgas, welches äquivalent ist 1000 Kubikfuss

Steinkohlengas. (Auf Veranlassung von =L. Ramdohr= (1866) wird das in

den Paraffin- und Mineralölfabriken in grosser Menge abfallende

Natrium-Carbolat (Kreosot-Natron) auf Leuchtgas (=Kreosotgas=)

verarbeitet.)

[Sidenote: Harzgas.]

VII. =Harzgas.= Wenn man das unter dem Namen Terpentin bekannte Gemenge

von Terpentinöl und Harz der Destillation unterwirft, so bleibt das

Colophonium zurück, welches wesentlich aus zwei verschiedenen Säuren von

gleicher Zusammensetzung, nämlich der Sylvinsäure und der Pininsäure

besteht. Sie sind nach der Formel C_{20}H_{30}O_{2} zusammengesetzt. Das

Colophonium nun wurde, als es massenhaft, und ziemlich wohlfeil aus

Nordamerika nach Europa kam, vorübergehend in mehreren Städten Englands

und des Continentes zur Gasbeleuchtung verwendet.

Bei seiner Zersetzung in der Hitze liefert das Colophonium eine

ölähnliche Flüssigkeit, das Harzöl, welches in der Rothglühhitze

vergast wird. Das Harzöl ist ein complicirt zusammengesetzter Körper

und enthält Bestandtheile, die weit unter der Rothglühhitze sich

verflüchtigen; dieses ist für die Fabrikation des Harzgases ein grosser

Uebelstand, weil diese Bestandtheile sofort nach ihrer Entstehung und

zwar weit eher sich verflüchtigen werden, als sie die zur Vergasung

geeignete Temperatur annehmen können. Wenn daher bei der Bereitung des

Harzgases das Harzöl in möglichst geringer Menge auftreten soll, so

müssen die Zersetzungsprodukte des Harzes durch mehrere Retorten

getrieben werden, wodurch der Apparat complicirt und die Feuerung

kostspielig wird. Bei Anwendung einer einzigen Retorte erhält man

grosse Mengen von Harzöl. Ein anderer Uebelstand bei der Bereitung des

Harzgases liegt in dem Umstande, dass das Colophonium ein fester Körper

ist, welcher, damit die Retorte sicher und regelmässig gespeist werden

kann, vorher flüssig gemacht werden muss. Bei einigen der in Vorschlag

gebrachten Gasapparate geschieht dies durch vorheriges Auflösen des

Harzes in Harzöl (oder Terpentinöl), bei anderen wird das Harz einfach

geschmolzen und tröpfelt im geschmolzenen Zustande in die Retorte, in

welcher sich Koksstückchen befinden. Die entstandenen flüchtigen

Produkte werden zunächst in einen mit kaltem Wasser umgebenen Behälter

geleitet, in welchem sich der grösste Theil des unzersetzt gebliebenen

Harzöles niederschlägt. Das Gas wird dann in den Condenser und von da,

um die bis zu 8 Proc. darin enthaltene Kohlensäure abzuscheiden, durch

eine Lösung von Aetznatron geleitet. 100 Pfund Colophonium geben

ungefähr 1300 Kubikfuss (engl.) Gas. Wendet man das

=White-Frankland='sche Verfahren der Gaserzeugung auf das Harz an, so

ist die Ausbeute eine weit grössere. Dessenungeachtet ist das Harzgas

nirgend mehr in Gebrauch.

An die Beleuchtungsmittel schliessen sich an das =Kalklicht=, die

Beleuchtung =Tessié du Motay='s, das =Magnesiumlicht= und die

=elektrische Beleuchtung=.

[Sidenote: Kalklicht.]

Wenn man das Knallgas, das aus zwei Volumen Wasserstoffgas und einem

Volumen Sauerstoffgas besteht, im Augenblicke des Zusammenströmens

anzündet und das Fortbrennen durch Nachströmen der getrennten Gase aus

zwei verschiedenen Gasometern unterhält, so hat man den unter dem Namen

=Knallgas= oder =Hydro-Oxygen-Gebläse= bekannten Apparat, dessen Flamme

eine solche Hitze erzeugt, dass vermittelst derselben Platin mit

Leichtigkeit geschmolzen werden kann. Die Flamme dieses Gasgemenges,

welche auch mit Vortheil durch eine mit Sauerstoffgas angefachte

Leuchtgasflamme ersetzt werden kann, ist nur wenig leuchtend, lässt man

aber die Flamme gegen einen Cylinder aus Aetzkalk brennen, so

verbreitet der Kalk dadurch, dass er darin die höchste Weissglut mit

blauweissem Lichte annimmt, ein Licht, dessen Glanz das Auge kaum zu

ertragen vermag. Die Idee, eine solche Flamme zur Beleuchtung von

Städten anzuwenden, erwies sich als unausführbar, ebenso verhinderte

der hohe Preis der Darstellung des Sauerstoffs bis auf die neueste Zeit

die Einführung dieses Lichtes als Signal auf Leuchtthürmen, dagegen

benutzt man es häufig bei öffentlichen Darstellungen von Nebelbildern,

von mikroskopischen Objekten, Chromatropen u. s. w. Im letzten

amerikanischen Kriege spielte es in der Unionsarmee bei der Belagerung

einiger Forts eine grosse Rolle. Man nennt dieses Licht =Siderallicht=,

=Kalklicht= oder =Drummond's Licht=[187].

[187] Nach dem »_Journal of Gaslighting_« (1869) hat das englische

Kriegsministerium beschlossen das Kalklicht statt des Gaslichts

in den Casernen und den Ställen der Regimenter einzuführen, seit

man durch Versuche zu der Gewissheit gelangt ist, dass das

erstere ebensoviel Nutzen schafft wie das letztere, und zwar mit

weniger Unkosten. Die Versuche mit dem Kalklicht wurden theils im

Hafen »_The Queen's Barrack_«, theils in einem Winkel eines

Casernenflügels, theils in den Sälen der Casernen gemacht. Auf

einem 6 Meter hohen Gestell befand sich der Lichtapparat und der

Reflexionsspiegel. Als das Kalklicht angezündet und der Spiegel

auf den Hof gerichtet wurde, war derselbe fast ebenso hell

erleuchtet wie zur Zeit der Mittagssonne, und in einem Abstand

von 100 Yards von der Lichtquelle vermochte man bei deren Schein

die feinste Schrift zu lesen. In dem einen Ende des Winkels

setzte man ein kleineres Licht auf, das, von einer Glaskugel

umgeben, stark genug war in einem Abstand von 30 Yards eine auf

der Erde liegende Knopfnadel finden zu lassen. Der in einem der

Säle aufgestellte Apparat war noch kleiner, erleuchtete aber

dennoch denselben weit klarer als es sonst mit Gas zu geschehen

pflegt.

[Sidenote: Beleuchtung von Tessié du Motay.]

Seit einigen Jahren macht die von dem Techniker =Tessié du Motay= (aus

Metz) herrührende Beleuchtung mit =Hydro-Oxygen-Gas= viel von sich

reden. Trotz aller Reclame ist es dem neuen Licht noch nicht gelungen,

sich irgendwo auf die Dauer Eingang zu verschaffen. Das Gasgemisch ist

entweder Wassergas (ein Gemenge von Wasserstoffgas und Kohlenoxydgas),

oder Wasserstoffgas oder auch Leuchtgas, welches im Momente der

Verbrennung mit einem regulirten Strom Sauerstoffgas zusammen kommt.

Der hierzu erforderliche Sauerstoff wird entweder durch Zersetzen von

Schwefelsäuredämpfen, oder durch Zersetzen von Natriummanganat oder

endlich durch Zersetzen von Kupferoxychlorür gewonnen. Die Flamme des

Hydro-Oxygen-Gases wird auf einen kleinen Cylinder von =Magnesia=

(=Magnesialicht=) oder von =Zirkonerde= (=Zirkonlicht=) geleitet. In

neuester Zeit (1869) hat =Tessié du Motay= seine Methode in der Weise

abgeändert, dass er den Sauerstoff zu einer Flüssigkeit (einer Lösung

von Naphtalin in Petroleum) führt, welche den intensiv leuchtenden

Körper beim Brennen abscheidet. -- Für den Mann vom Fache ist die

Bemerkung fast überflüssig, dass =Tessié='s Vorschläge unreife Dinge

sind, die aber wohl das grosse Publikum blenden können!

[Sidenote: Magnesiumlicht.]

Das intensive Licht, welches beim Verbrennen von Magnesium (vergl. S.

120) erscheint, ist unter dem Namen =Magnesiumlicht= in der neuesten

Zeit vielfach beim Photographiren in Anwendung gekommen. Die

Magnesiumlampen -- wie sie auf der allgemeinen Industrieausstellung zu

Paris 1867 auftraten -- sind entweder für Magnesiumdraht oder für

Magnesiumstaub eingerichtet. In beiden Fällen sichert eine

Spiritusflamme das unzeitige Unterbrechen des Verbrennungsprocesses.

Bei der _ersten_ Art wird der bandartige (seltener runde) Draht von

einem mittelst Windflügel regulirten Uhrwerke vorwärtsgezogen. Bei der

_zweiten_ Art fällt beim Oeffnen eines Hahnes der Magnesiumstaub aus

einem Reservoir vermöge seiner Schwere in die Spiritusflamme. Der zu

verbrennende Magnesiumstaub ist mit feinem Sande gemischt (1/3

Magnesium und 2/3 Sand), um genügenden Luftzutritt zum Magnesium

herbeizuführen und dadurch eine vollständige Verbrennung zu

ermöglichen. (In dem Kriege Englands gegen Abyssinien scheint das

Magnesiumlicht eine gewisse Rolle zur Beleuchtung gespielt zu haben,

wenigstens sind bei Mr. =Mellor=, dem Director der

Magnesium-Metal-Company in Manchester mehrere Centner Magnesium

bestellt worden).

[Sidenote: Chathamlicht.]

Mit dem Namen =Chathamlicht= bezeichnet man in England eine durch

Einblasen von Harz oder eines Gemenges von Harz mit gepulvertem

Magnesium verstärkte Lichtquelle, welche für telegraphische Zwecke oder

für Nachtsignale mit Nutzen verwendet werden kann.

[Sidenote: Elektrisches oder Kohlenlicht.]

Die =elektrische Beleuchtung= (Kohlenlicht) hat zwar noch keine

allgemeine Anwendung gefunden, verdient aber in jeder Beziehung

beachtet zu werden. Man weiss, dass sich starke Licht- und

Wärmeentwickelung zeigt, wenn man die Entladung einer galvanischen

Batterie oder durch die =Siemens='sche magnetelektrische Maschine

erregten Ströme durch aneinander gestellte Kohlenstücke gehen lässt. Es

werden dabei die Spitzen erhitzt und leuchten mit blendend weissem

Lichte. Ist der Strom im Gange, so kann man die Kohlenspitzen von

einander entfernen, und indem die glühenden Kohlentheilchen von dem

einen Stabe zu dem anderen überspringen, erhält man die herrliche

Erscheinung eines Lichtbogens. Anstatt der Kohlenspitzen (Kohlenlicht)

kann man auch einen dünn herabfallenden Faden (Quecksilberlicht)

anwenden. In der neueren Zeit machte =Jacobi= in Petersburg, in

Verbindung mit =Argeraud= aus Paris, höchst interessante Versuche mit

der elektrischen oder galvanischen Strassenbeleuchtung. Von dem

Admiralitätsthurme aus wurden die drei grössten Strassen Petersburgs,

Newsky Prospect, Erbsenstrasse und Wosnesensky Prospect Abends 7-10 Uhr

beleuchtet. Das Licht selbst war so hell, dass es die Augen kaum einige

Secunden lang vertragen konnten; trotzdem, dass ganz reine Luft und

sternenhelle Nacht war, sah man seitwärts stehend in der Luft von dem

Lichte die Strahlen ausgehen, gerade so als wenn Sonnenlicht durch ein

kleines Loch in eine finstere Kammer fällt. Das Licht der Gaslaternen

erschien roth und russig. Die Batterie, welche den Strom lieferte, war

eine Kohlenbatterie von 185 Elementen. -- Dasselbe Kohlenlicht findet

gegenwärtig bereits in Frankreich und England ausgedehnte Anwendung zur

Beleuchtung, so wurden unter Anderem im Jahre 1854 die Napoleon-Docks

in Rouen monatelang jeden Abend 3-4 Stunden lang beleuchtet, bei

welcher Beleuchtung 800 Arbeiter in mehr als 100 Meter Entfernung von

dem Lichte arbeiteten. Die dabei benutzten Apparate bestanden in 100

Bunsen'schen Elementen grossen Formates. Die Kosten für einen Abend

betrugen 38,08 Francs. Die Kosten des Lichtes beliefen sich hiernach

auf 4-3/4 Centimes für einen Arbeiter. Das Licht kam also sehr wohlfeil

zu stehen, während andererseits die Arbeit ohne alle Gefahr und mit

einer Regelmässigkeit stattfand, wie sie mit keiner anderen

Beleuchtungsart zu erreichen ist. In neuerer Zeit benutzt man die

elektrische Beleuchtung auf Leuchtthürmen so z. B. auf dem Leuchtthurme

des Cap La Hève bei Havre, bei Illuminationen, im Theater (die Sonne im

»Prophet«), für optische Vorstellungen (Chromatropen, _Dissolving

views_, Vorzeigen von mikroskopischen Objekten), zur Beleuchtung

öffentlicher Gärten in Paris, London, Wien und anderen grossen Städten,

zur Beleuchtung gewerblicher Etablissements z. B. der Schieferbrüche zu

Angers. Auch hat man nicht ohne Erfolg versucht, das elektrische Licht

zum Photographiren zu benutzen (beispielsweise in dem

Reliefdrucketablissement von Goupil u. Co. in Asnières bei Paris),

ferner hat man die elektrische Beleuchtung unterseeisch für den

Fischfang und zur Korallen-, Badeschwamm- und Perlenfischerei zu

verwerthen gesucht. Mit Hülfe eines von dem russischen Oberst von

=Weyde= erfundenen Apparates lässt sich das Meer bis in seine äusserste

Tiefe hell erleuchten, was wichtig ist für Kriegszwecke -- wie der

deutsch-französische Krieg 1870 bewiesen hat, wo die französischen

Schiffe, die in der Ost- und Nordsee zu operiren den Auftrag hatten,

mit elektrischen Leuchtapparaten versehen waren -- und für die Bergung

gesunkener Schiffe und Güter. Bei der Belagerung von Paris ward das

elektrische Licht von den Forts vielfach zu Recognoscirungszwecken

verwendet. Im nördlichen Spanien wurden die Eisenbahnarbeiten während

des Sommers 1862 und 1863 wegen der grossen Hitze bei Nacht ausgeführt,

wobei die galvanische Beleuchtung mit grossem Erfolg zur Anwendung

gebracht wurde.[188]

[188] Die von =Siemens= (1867) construirte magnetelektrische Maschine

möchte in der Beleuchtungsfrage noch eine hervorragende Rolle zu

spielen berufen sein, da in ihr mechanische Arbeit in

Elektricität übergeführt wird. Der Technik sind durch diese

Maschine die Mittel geboten, elektrische Ströme von unbegrenzter

Stärke auf wohlfeile und bequeme Art überall da zu erzeugen, wo

Arbeitskraft disponibel ist. Man sagt, =Siemens= habe bereits den

Auftrag erhalten, die entfernter vom Lande liegenden

Leuchtsignalapparate, welche rings um die schottische Küste die

gefährlichsten Stellen bezeichnen, mit elektrischem Lichte zu

speisen, das ihnen mit Hülfe eines submarinen Kabels vom Lande

aus zugeführt werden soll. Die am 2. März 1867 in

Burlington-House in London mit der =Siemens='schen Maschine (die

zu ihrem Betriebe eine 8pferdige Dampfmaschine erfordert)

erzielten Resultate gaben grossen Hoffnungen hinsichtlich der

Anwendbarkeit der Maschine für die Beleuchtung, ferner für die

Galvanotechnik, für Wasserzersetzung, für Ozonbereitung zum

Betriebe grosser Bleichanstalten u. s. w. Raum.

Vergleichende Zusammenstellung der Leuchtkraft der hauptsächlichsten

Leuchtmaterialien.

[Greek: a] [Greek: b] [Greek: g] [Greek: d] [Greek: e]

Art des Consumtion Lichtstärke Helligkeit Leuchtkraft

Leuchtstoffes per Stunde (1 Wachskerze von 10 Grm. (Wachskerzen

in Grm. = 100) Material = 100)

Wachs 9,02 102,0 111,02 100

Stearinsäure 9,94 95,5 96,03 84

Wallrath 8,87 108,3 123,17 108

Talg 8,87 90,25 101,70 90

Paraffin

(I. Qualität) 8,83 -- 94,69 83

Paraffin

(II. " ) 8,49 -- 139,87 123

Rüböl

(Federlampe) 40,69 694 170,07 159

Rüböl

(Küchenlampe) 7,33 45,67 62,30 55

Rüböl

(Studirlampe

ohne Zugglas) 9,86 114,1 115,80 102

Photogen 20,02 -- 149,03 131

Solaröl 26,82 -- 225,64 199

Petroleum 15,6 -- 174,40 180

Petroleum 8,9 -- 186,1 195

Nach den Versuchen von =Frankland= (1863) geben folgende Quantitäten

der Leuchtmaterialien gleiche Leuchtkraft:

Paraffinöl (d. i. Solaröl aus Bogheadkohle) 4,53 Liter

Amerikanisches Petroleum No. 1. 5,70 "

" " No. 2. 5,88 "

Paraffinkerzen 8,42 Kilogr.

Wallrathkerzen 10,37 "

Wachskerzen 11,95 "

Stearinkerzen 12,50 "

Talgkerzen 16,30 "

Die Paraffin- und Solarölindustrie.

[Sidenote: Allgemeines.]

Das =Paraffin=, im Jahre 1830 von =Karl= Freiherrn =v. Reichenbach= (in

Blansko in Mähren und gestorben zu Leipzig am 19. Januar 1869) unter den

Produkten der trocknen Destillation des Holzes, zuerst namentlich im

Buchenholztheer aufgefunden, hat seinen Namen von _parum_, wenig, und

_affinis_, verwandt, um anzudeuten, dass es sich mit anderen Stoffen

nicht verbindet; es wird weder durch Alkalien, noch durch Säuren, noch

durch Glühhitze zersetzt. Später wurde gefunden, dass das Paraffin sich

auch bei der trocknen Destillation von Torf, Braunkohle, Bogheadkohle

etc. (nicht aber aus der eigentlichen Steinkohle) bildet. Es kommt aber

natürlich und zwar in sehr grossen Mengen vor, so 1) in dem Steinöl oder

Petroleum, welches mitunter 6-40 Proc. Paraffin enthält; 2) in den unter

dem Namen Ozokerit, Neft-gil oder Erdwachs vorkommenden Substanzen, die

gänzlich oder theilweise aus Paraffin bestehen; 3) in dem =Bitumen=

(Erdpech, Erdtheer), welches in schieferigen Gesteinsmassen (bituminöser

Schiefer) sich findet.

[Sidenote: Fabrikation des Paraffins.]

Die Methode der Darstellung des Paraffins ist verschieden, je nachdem

dasselbe als Edukt oder Produkt auftritt. Als Edukt erscheint es bei der

Verarbeitung des Petroleums, des Ozokerits und des Neft-gils, als Produkt

dagegen bei der trocknen Destillation der Braunkohle, des Torfes, des

Abraumes der Steinkohlenfelder (sogenannte Schale, _coal shale_), der

Bogheadkohle etc.

[Sidenote: Aus Petroleum.]

I. =Die Abscheidung des Paraffins= (Belmontin), a) aus dem =Petroleum=.

Dass in dem Petroleum Paraffin enthalten sei, ist schon längst bekannt;

so fand =A. Buchner= bereits im Jahre 1820 in dem Erdöl von Tegernsee in

Oberbayern eine Fettsubstanz, welche =v. Kobell= später als Paraffin

erkannte (weshalb =Buchner= in Münchner Kreisen zuweilen als der

Entdecker des Paraffins angesehen wird), so ergaben Untersuchungen des

Erdöles von Baku am caspischen Meere und des Erdöles von Amiano unweit

Parma, dass dasselbe nicht unbeträchtliche Mengen von Paraffin enthält.

Der Gedanke, das Steinöl auf Paraffin zu verarbeiten, entstand jedoch

erst im Jahre 1856, als das Steinöl und zwar paraffinreiche Sorten

desselben massenhaft auf den Markt kamen. Die amerikanischen Steinöle

enthalten nur wenig Paraffin, grosse Mengen dagegen die aus Indien

stammenden, namentlich die Naphta von Burmah oder der Rangoontheer,

welcher nach =Gregory=, =de la Rue= und =H. Müller= bis zu 10 Proc. und

das Petroleum von Java, welches nach den Untersuchungen von =Bleekerode=

bis zu 40 Proc. Paraffin enthält. Auch die Bergnaphta in Ostgalizien wird

mit Vortheil auf Paraffin verarbeitet. (Nach =Jicinsky= wurden 1866 gegen

45,000 Ctr. Paraffin aus der Bergnaphta in Galizien abgeschieden.)

Nach dem Patent, welches =de la Rue= im Jahre 1854 auf die Verarbeitung

des Erdöles auf Paraffin und Hydrocarbüre in England sich ertheilen

liess, wird der Rangoontheer, welchen man aus in der Nähe des Flusses

Irawadi in Burmah gegrabenen Brunnen gewinnt, auf folgende Weise

verarbeitet. Das rohe Erdöl wird zunächst destillirt, indem man durch

dasselbe in einer Destillirblase, welche auch von aussen erhitzt werden

kann, Wasserdampf von 100° leitet. Hierbei gehen ungefähr 25 Proc. vom

Gewicht der Substanz über, welche durch fractionirte Destillation in

verschiedene Kohlenwasserstoffe, deren Dichte von 0,62 bis 0,86 und

deren Siedepunkt von 26,7 bis 200° C. variirt, zerlegt werden. Der

leichteste dieser Kohlenwasserstoffe findet unter dem Namen

_Sherwood-Oil_ als Anästheticum Anwendung, die schwersten

Kohlenwasserstoffe werden als Solaröl verbrannt. Der Rückstand von der

Destillation, gegen 75 Proc. vom Gewicht des ursprünglich angewendeten

Theeres betragend, wird in einer eisernen Blase einer zweiten

Destillation unterworfen, wobei man Wasserdampf von 150 bis 300° C.

anwendet. Die Produkte verschiedener Flüchtigkeit werden getrennt

aufgefangen. Die zuletzt übergehenden Portionen enthalten hauptsächlich

Paraffin, welches man durch Abkühlung sich möglichst daraus ausscheiden

lässt und dann absondert. Die schweren flüchtigen Oele werden als

Schmieröl verwendet. Das gereinigte Paraffin führt, wie schon oben

bemerkt, den Namen =Belmontin=.

[Sidenote: Darstellung des Paraffins aus Ozokerit und Neft-gil.]

b) Aus dem =Ozokerit= und =Neft-gil= wird auf der Insel =Swätoi-Ostrow=

im caspischen Meere, etwa eine Werst von der Halbinsel Apscheron am

Kaukasus entfernt, Paraffin fabricirt. Das Material, das Neft-gil, wird

aus Truchmenien per Schiff nach der Insel transportirt. Aus dem

=galizischen Erdwachse=, welches bei Drohobicz und Boryslaw in Galizien,

ferner am Nordabhange der Karpathen und des Siebenbürgischen Hügellandes

bis in die Donauniederungen der Moldau, hauptsächlich in Sand, Lehm und

Mergel gefunden wird, stellt man grosse Mengen Paraffin dar, so in

Aussig, in Florisdorf, in Mährisch-Ostrau, in Wien, in Neupest, in

Temesvar, in Stocknau und in Hermannstadt. Auch in Texas findet sich

Erdwachs in reichlicher Menge.

=Fr. Rossmässler= verarbeitete in der oben erwähnten Fabrik den

Neft-gil auf folgende Weise: In eisernen Destillirblasen mit bleiernen

Schlangen und Kühlfässern wurde das Rohmaterial in der Menge von 15

Ctr. auf eine Füllung der fractionirten Destillation unterworfen. Es

wurden 68 Proc. Destillat erhalten (8 Proc. Oel und 60 Proc.

Paraffinmasse). Das Oel diente zur Darstellung von Photogen. Es war

gelb, opalisirte und roch nur sehr wenig und zwar angenehm ätherisch

und hatte ein specifisches Gewicht von 0,750 bis 0,810. Von jeder Blase

wurden die ersten 4 oder 5 Eimer besonders aufbewahrt, um das leichte

fast geruchlose und unter 100° C. siedende Oel zur Paraffinreinigung zu

verwenden. Das bei der ersten Destillation des Rohmaterials erhaltene

Paraffin war ein anderes Produkt als das aus dem Braunkohlentheer

resultirende Paraffin, denn es war wachsgelb und erstarrte schon an den

Wänden des Eimers, so lange er noch voll lief. Der grösste Theil des

erstarrten rohen Paraffins wurde sogleich in der hydraulischen Presse

ausgepresst. Das von den Centrifugen und Pressen ablaufende Oel wurde

erst noch einmal der fractionirten Destillation unterworfen, um das in

demselben enthaltene Paraffin zu trennen, und dann eben so behandelt,

wie oben angegeben ist. Die Presskuchen wurden geschmolzen und mit 5

Proc. Schwefelsäure behandelt, bis die Säure ausgewirkt hatte, was bei

170 bis 180° C. der Fall war. Die Säure wurde in den Kesseln mit Kalk

abgestumpft und das Paraffin auf die Destillationsblase gefüllt und so

rasch wie möglich destillirt. Das auf diese Weise behandelte,

destillirte Paraffin wurde in der Grösse der Presssäcke der liegenden

hydraulischen Pressen entsprechende Tafeln gegossen und abgepresst; die

Presskuchen wurden mit 25 Proc. des vorher erwähnten leichten Oeles

verschmolzen, wieder gegossen und zum zweiten Male gepresst. Die so

erhaltenen, vollständig weissen, durchsichtigen und harten Presskuchen

wurden behufs der Entfernung des Geruchs mit Wasserdämpfen behandelt.

Das nach dieser Methode aus Ozokerit dargestellte Paraffin war

vollständig farb- und geruchlos, hell durchscheinend, hatte in grossen

Tafeln fast metallischen Klang und schmolz bei 63° C. Von der

ausserordentlichen Ergiebigkeit des Rohmaterials giebt folgendes

Zahlenverhältniss Zeugniss. Nachdem =Rossmässler=, ehe er die

Paraffinreinigung anfing, etwa zwei Monate destillirt hatte, lieferten

die Pressen so viel Presskuchen, dass er vom 12. bis 19. September 3690

Pud (gleich 148-1/2 Ctr.) einmal gepresstes Paraffin zur Behandlung mit

Säure erhielt. -- Aus dem =galizischen Erdwachse= erhält man durch

Destillation 24 Proc. Paraffin und 45 Proc. Leuchtöle.

[Sidenote: Paraffin aus Bitumen.]

c) Aus dem unter dem Namen Asphalt, Erdpech oder Erdtheer vorkommenden

=Bitumen= stellt man ebenfalls in England Paraffin dar. Schiefrige

Gesteinmassen z. B. Schieferthon, Mergelschiefer mit Bitumen

durchdrungen, führen den Namen =bituminöse Schiefer=.

Das auf der Insel Trinidad, ferner auf Cuba, in Californien, Nicaragua,

in Peru und in Canada vorkommende Bitumen bildet eine ergiebige Quelle

für die Darstellung von Paraffin und flüssigen Leuchtstoffen. Der

Asphalt von Cuba und das von Trinidad liefert 1,75 Proc. Paraffin. Der

in grosser Ausdehnung im Banat und in Ungarn vorkommende bituminöse

Schiefer wird in der Stadt Oravicza verarbeitet. Derselbe giebt (nach

=Wünschmann=) durch Schwelen und Destillation des Theeres 5 bis 6 Proc.

Paraffin, 49 Proc. Lampenöl und 6 Proc. Schmieröl.

[Sidenote: Darstellung des Paraffins durch trockne Destillation.]

II. =Die Darstellung des Paraffins durch trockne Destillation= des

Torfes, der Braunkohle, des Blätterschiefers, der Bogheadkohle, der _coal

shale_ u. s. w. zerfällt in zwei Hauptarbeiten, nämlich 1) in die

Bereitung des Theeres, 2) in die Verarbeitung des Theeres auf Photogen,

Solaröl und Paraffin. Es ist hier hervorzuheben, dass der

Steinkohlentheer, der in so grosser Menge in den Kohlengasfabriken

abfällt, kein Paraffin, sondern nur Naphtalin und Anthracen enthält.

[Sidenote: Bereitung des Theeres.]

1) Was die =Bereitung des Theeres= betrifft, so gehört dieselbe zu den

wichtigsten und schwierigsten Arbeiten der Paraffin- und

Solarölindustrie. Bei vielen auf die Verarbeitung fossiler Brennstoffe

auf Leuchtmaterialien basirten Unternehmungen, welche Ausgangs der 50er

Jahre entstanden und eben so schnell als sie auftauchten, wieder

verschwanden, lag die Ursache des Scheiterns lediglich in der

unvortheilhaften Theererzeugung.

Die Theerbereitung geht in =Theerschwelöfen= oder in =Retorten= --

entweder mit oder ohne Anwendung überhitzter Wasserdämpfe -- vor sich.

Die Gewinnung des Theeres in den Schwelöfen ist die älteste und roheste

Methode. Das Princip des Schwelofens ist einfach. Man beabsichtigt

durch eine untere brennende Schicht von fossilem Brennstoff, dass die

darüber befindlichen Schichten der trocknen Destillation unterworfen

werden, wobei sie unter Bildung von Theer und gasförmigen Produkten

verkohlen. Der nach unten abfliessende und an den Wandungen der

Thonlage, womit der zu schwelende Brennstoff bedeckt ist, sich

verdichtende Theer sammelt sich in einer Rinne an und wird dort

aufgefangen, während die gasigen Produkte verloren gehen. Obgleich nun

die Schwelöfen den Vortheil darbieten, dass der Betrieb continuirlich

stattfinden kann, so haben doch die Erfahrungen des verwichenen

Jahrzehends gezeigt, dass das Theerschwelen der bituminösen Brennstoffe

mit grossen Schwierigkeiten verknüpft und zum Zweck der Bereitung eines

Theeres als Material zur weitern Verarbeitung auf Paraffin und Photogen

unpraktisch ist, selbst wenn man den Schwelofen in Gestalt eines

kleinen Schachtofens construirt und mit Ventilatoren zum Aufsaugen der

flüchtigen Produkte der trocknen Destillation versieht. Ein im Jahre

1859 von =L. Unger= (technischer Dirigent einer Paraffinfabrik in

Döllnitz bei Halle) construirter Theerschwelofen soll die Uebelstände,

die mit dem Schwelen der fossilen Brennstoffe nach gewöhnlicher Art

verknüpft sind, beseitigen, dabei die Vortheile einer billig

herzustellenden Anlage mit grösserer Produktionsfähigkeit und

geringerem Aufwande an Arbeitskräften und Brennmaterial in sich

vereinigen, so wie die Leitung des Betriebes so vereinfachen, dass es

weniger von der Einsicht und Sorgfalt der Arbeiter abhängt, einen guten

Erfolg mit Sicherheit zu erzielen.

Die =Retorten=, namentlich die =horizontalen= Retorten werden ebenfalls

häufig zur Theerbereitung benutzt. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt,

dass die Anlage von Retortenöfen, in denen, wie bei der Fabrikation von

Leuchtgas, welche ja auf ganz entgegengesetzten Principien beruht, eine

grössere Anzahl von Retorten z. B. vier oder acht, über einem Feuer

liegen, selbst bei sorgfältig geleiteter Operation ungünstige Resultate

liefert. Am zweckmässigsten erscheint es, für jede Retorte eine

besondere Feuerung anzulegen, besonders dann, wenn man sich einer

grossen eisernen Retorte von 10 Fuss Länge, 30 Zoll Breite und 15 Zoll

Höhe bedient, welche im Durchschnitte ein flaches Oval bilden, da diese

Form dem nachtheiligen Einflusse ungleichmässiger Spannung am besten

widersteht. In neuerer Zeit ist zuerst in Böhmen und später auch

anderwärts ein ganz aus Charmotte- oder gut gebrannten Backsteinen

construirter, einem flachgewölbten Backofen ähnlicher Ofen mit ziemlich

günstigem Erfolge angewendet worden, derselbe kann jedoch einmal

ausser Betrieb gekommen, ohne vorherigen Umbau nicht wieder in Gang

gebracht werden, da eine Reparatur nur sehr schwierig zu bewirken ist,

wenn er auch andererseits den Vortheil einer billigen Anlage bietet.

Die Beobachtung =Vohl='s, dass ein Wassergehalt von 20-25 Proc. in dem

auf Theer zu verarbeitenden Material die Theerausbeute merklich fördere

und zwar, wie es scheint dadurch, dass die überhitzten Wasserdämpfe

einer Ueberhitzung des Materiales, wodurch ein Theil des Theeres in

gasige Produkte übergeführt werden würde, vorbeugen, und ferner die

Wasserdämpfe die Destillationsprodukte möglichst schnell aus dem

zersetzenden Bereiche der Retorte oder des Schwelapparates entfernen,

mag die Veranlassung zur Construction des =Lavender='schen

Theerbereitungsapparates gegeben haben, welcher im Principe mit dem von

=Violette= construirten Holzverkohlungsapparate übereinstimmt. Der

Apparat =Lavender='s ist ein horizontaler eiserner Cylinder, an seiner

unteren Seite mit Oeffnungen versehen, durch welche überhitzter

Wasserdampf eintritt; am oberen Ende des Cylinders befindet sich ein

Abzugsrohr für die Destillationsprodukte. Zweckmässiger scheint =L.

Ramdohr='s Braunkohlentheergewinnung _mittelst Wasserdampf_ zu sein,

wobei ein Theer (=Dampftheer=) erhalten wird, der 22-24 Proc. Paraffin

und 36-38 Proc. Oel enthält.

[Sidenote: Condensation der Theerdämpfe.]

Die =Kühlung= oder =Condensation= der Destillationsprodukte ist von

grösster Wichtigkeit für die Theerausbeute. =Vohl= hat neuerdings

gezeigt, dass selbst bei mangelhafter Construction der Retorten bei

vortheilhafter Kühlung eine ziemlich günstige Theerausbeute möglich ist.

Die vollständige Verdichtung der Theerdämpfe ist eine der schwierigsten

Aufgaben der Paraffin- und Mineralölfabrikation und die gewöhnlich zur

Condensation angewendeten Mittel wie starke Kühlung, grosse

Condensationsflächen, Luft- und Erdkühlung, Einspritzen von kaltem

Wasser u. dgl. haben sich im Allgemeinen ungenügend erwiesen und grosse

Verluste an Dämpfen nicht zu verhindern vermocht. Häufig wollte man

Theerdämpfe condensiren, wie man Alkohol- und Wasserdämpfe verdichtet.

Betrachtet man aber einerseits die Destillation von Flüssigkeiten,

andererseits die trockne Destillation genauer, so findet man zwischen

beiden einen wesentlichen Unterschied. Während des Siedens der

Flüssigkeiten, wie z. B. beim Abdestilliren des Alkohols aus der

weingaren Maische (vergl. Seite 520) verdrängen die sich bildenden

Dämpfe nach und nach die in der Blase und in dem Kühlapparat enthaltene

Luft und erfüllen endlich den ganzen Raum. Sobald die Dämpfe mit den

kalt gehaltenen Flächen der Kühlapparate in Berührung kommen, schlagen

sie sich nieder und machen, indem der durch die Condensation

entstandene leere Raum saugend wirkt, anderen eben solchen Dämpfen

Platz, welche ebenfalls sogleich in den flüssigen Zustand übergehen.

Findet hinreichende Kühlung statt, so wird der Verlust, wie die

Spiritusfabriken lehren, auf das Minimum reducirt sein, denn auch das

letzte Dampfbläschen kann der Condensation nicht entgehen. Bei der

trocknen Destillation ist der Verlauf dagegen ein ganz anderer. Mit den

Dämpfen bilden sich zugleich Gase in reichlicher Menge. Gelangt nun das

Gemisch von Gasen und Dämpfen in den Kühlapparat, so schlagen sich die

Dampftheilchen, welche unmittelbar mit den Wänden der Kühlvorrichtung

in Berührung kommen, nieder und werden durch eine Schicht von Gasen

ersetzt, welche die übrige Dampfmasse einhüllt, und als schlechter

Wärmeleiter die fernere Einwirkung des Condensators verhindert. So kann

in der Mitte der Kühlröhren ein Dampfstrom, welchem permanente Gase

beigemengt sind, trotz starker Abkühlung, unverändert weiter gehen, und

daraus erklärt sich auch, wie bei ungenügender Condensation aus dem

Condensator Oel- und Paraffintheilchen in Gestalt eines dicken Nebels

entweichen, die sich an einem davorgehaltenen Wergballen als gelbe

schmierige Massen absetzen. Zu einer genügenden Verdichtung der

Theerdämpfe gehört mithin, dass alle Theilchen derselben mit den

Condensationsflächen in Berührung kommen, und diese brauchen weder

gross zu sein, noch bedürfen sie einer starken Abkühlung, denn

bekanntlich ist die latente Wärme der Theerdämpfe eine sehr geringe,

und eine mässige Temperaturerniedrigung hinreichend, um sie in

flüssigen Zustand überzuführen. Das Gemisch von Dämpfen und Gasen kann

mit einer Emulsion verglichen werden, und gleichwie man die

Fetttheilchen durch rasches Durcheinanderschlagen von der Buttermilch

trennt, kann die Ausscheidung der Dämpfe durch Anwendung von

Exhaustoren in Form von Flügelventilatoren wesentlich befördert werden.

Man muss bei der Condensation der Theerdämpfe also hauptsächlich

bedacht sein, dass die Dampfmoleküle ihre Lage beständig ändern und mit

den Wandungen des Kühlers unmittelbar in Berührung gerathen. Leitungen,

bei denen die Dämpfe in gerader, ununterbrochener Richtung fortströmen,

sind somit zu vermeiden.

Auf die Ausbeute an Theer und dessen Gehalt an Paraffin und Mineralöl

ist die Temperatur beim Destilliren von grossem Einflusse, ferner, wie

schnell den entstandenen Gasen und Dämpfen durch zweckmässige

Kühlvorrichtung der Abzug gestattet wurde. Wie gross der Einfluss der

Form und der Art des Destillirgefässes auf die Ausbeute an Theer ist,

zeigte =H. Vohl= durch vergleichende Destillationen von französischem

und schottischem Torf in horizontalen, in verticalen Retorten und in

Schwelöfen. No. I sind die Ergebnisse der Horizontalretorte, No. II.

die der Verticalretorte, No. III. die der Schwelöfen. 100 Th. Torf

ergaben an Theer

I. II. III.

französischer Torf 5,59 4,67 2,69

schottischer Torf 9,08 6,39 4,16

Der Theer, in den verschiedenen Apparaten erzeugt, hatte folgende

specifische Gewichte:

I. II. III.

französischer Torf 0,920 0,970 1,006

schottischer Torf 0,935 0,970 1,037

Aus diesen Resultaten ist ersichtlich, dass die Horizontalretorte die

grösste und der Schwelofen die geringste Ausbeute liefert. In der

Horizontalretorte ist ferner die Destillationszeit die kürzeste und die

Gasmenge die geringste. Beim Schwelofen werden Theer und kohliger

Rückstand durch eine zu grosse Sauerstoffzufuhr verbrannt.

[Sidenote: Eigenschaften des Theeres.]

Der =Theer=, so wie er durch trockne Destillation des Torfes, der

Braunkohle, des Blätterschiefers, der Bogheadkohle und ähnlicher

Rohmaterialien gewonnen wird, ist von kaffeebrauner Farbe, besitzt (als

=Retortentheer=) meist eine alkalische, in wenigen Fällen eine saure

Reaction und zeichnet sich durch einen durchdringenden und

charakteristischen Theergeruch aus. Durch längeres Verweilen an der Luft

geht die hellbraune Farbe des Theeres durch Sauerstoffaufnahme in eine

dunkelbraune, ja zuweilen fast schwarzbraune, über. Bei 9 bis 6° erstarrt

er häufig durch seinen Paraffingehalt zu einer butterähnlichen Masse. Er

schwimmt auf dem Wasser und hat ein specifisches Gewicht von 0,85 bis

0,93. Der mittelst überhitzter Wasserdämpfe aus Braunkohlen erhaltene

=Dampftheer= ist (nach =Ramdohr= -- 1869 --) stets sauer und mit Alkalien

vollständig verseifbar. Er erstarrt bereits bei 55-60° C. und kann selbst

im Sommer in Form von Tafeln oder Blöcken, ohne zu erweichen, aufbewahrt

werden. Sein spec. Gew. beträgt 0,875.

Die Ausbeute an Theer (Retortentheer) betreffend, so gaben 100 Th.

Rohstoff:

Theer. Spec. Rohes

Gewicht. Paraffin.

Blätterschiefer (Siebengebirge) 20 0,880 0,75 Proc.

" (Hessen) 25 0,880 1,0 "

Braunkohlen (Provinz Sachsen) 7 0,910 0,50 "

" " 10 0,920 0,75 "

" " 6 0,915 0,50 "

" " 5 0,910 0,25 "

" (Böhmen) 11 0,860 -- "

" (Westerwald) 5,5 0,910 -- "

" " 3,5 0,910 -- "

" (Nassau) 4 0,910 -- "

" " 3 0,910 -- "

" (Frankfurt) 9 0,890 -- "

Lignit (Schlesien) 3 0,890 0,25 "

Liasschiefer (Vendée) 14 0,870 1,0 "

" (Westphalen) 5 0,920 0,05 "

Posidonienschiefer (Württemberg) 9,63 0,975 0,124 "

Torf (Neumark) 5 0,910 0,33 "

" (Hannover) 9 0,920 0,33 "

" (Erzgebirge) 5,7 0,902 0,35 "

" " 5,3 0,905 0,40 "

" (Russland) 5,86 -- -- "

" " 7,00 -- -- "

Boghead-Kohle (Schottland) 33 0,860 1,0-1,4 "

Cannel-Kohle " -- -- 1,0-1,3 "

Peltonmain-Kohle " -- -- 1,0 "

Grove-Kohle " 9 0,910 1,0-1,25 "

[Sidenote: Verarbeitung des Theeres.]

Die =Verarbeitung des Theeres= beginnt mit der =Entwässerung= desselben.

Zu dem Ende wird der Theer aus dem Theerbassin mittelst Pumpen in die

=Entwässerungsapparate= (Decantirständer) gepumpt. Diese Apparate

bestehen aus grossen Kästen von Kesselblech und sind in einem Abstande

von 10 Centimeter mit gleichen Mänteln umgeben. In dem Zwischenraume

befindet sich Wasser, welches durch Dämpfe 10 Stunden lang auf einer

Temperatur von 60-80° gehalten wird. Nach dieser Zeit hat sich das

Ammoniakwasser, welches ungefähr 1/3 des ganzen Rohtheeres ausmachte,

sowie ein grosser Theil der Unreinigkeiten, die aus Kohlenstaub bestehen,

von dem Theer abgeschieden. Die geringe Menge Wasser, welche dann noch in

dem Theer geblieben ist, übt auf die nun folgende Destillation keinen

nachtheiligen Einfluss mehr aus. Der Entwässerungskasten ist mit zwei

Hähnen versehen, von welchen einer dicht am oberen Boden, der andere

einen Fuss höher angebracht ist. Mittelst des unteren Hahnes zapft man

das Ammoniakwasser ab, mittelst des oberen Hahnes erhält man den

entwässerten Theer.

Leichte Theere von geringem spezifischem Gewichte lassen sich schnell

und in kurzer Zeit entwässern, schwere Theere, deren spezifisches

Gewicht das des Ammoniakwassers fast erreicht, bereiten

begreiflicherweise der Trennung grosse Schwierigkeiten. Nach der Angabe

von =Vohl= hat man, wenn es sich um die Entwässerung sehr schwerer

Theersorten handelt, den Unterschied der specifischen Gewichte des

Theeres und des Wassers dadurch zu vergrössern, dass man in dem Wasser

Kochsalz, Glaubersalz, Chlorcalcium u. dergl. löst; dadurch werde die

Entwässerung des Theeres, resp. die Abscheidung des Wassers

beschleunigt. Nach =Dullo= haben sich dagegen alle diese Mittel zur

schnelleren und vollständigeren Abscheidung des Wassers aus dem Theer

entweder als zu kostspielig oder als überflüssig nicht bewährt. Auf die

Entwässerung des Theeres ist grosse Sorgfalt zu verwenden, indem sonst

die Destillation sehr bald durch Uebersteigen des Theeres unterbrochen

wird; auch ist dieses Uebersteigen in der Regel die Veranlassung zu

Feuersbrünsten in den Paraffin- und Mineralölfabriken.

[Sidenote: Destillation des Theeres.]

Der entwässerte Theer wird der =Destillation= unterworfen. Dies geschieht

in Destillirblasen, welche gewöhnlich 20 Centner fassen. Sie sind meist

von Gusseisen. Vor dem zu schnellen Durchbrennen schützt man sich auf die

Weise, dass man durch einen, zwischen dem Feuerraum und dem Boden der

Blase aus feuerfesten Steinen gemauerten Bogen die Spitzflamme

verhindert, den Boden der Blase zu treffen. Ausserdem wendet man

vortheilhaft eine aus zwei Theilen bestehende Blase an, deren unterer,

den Boden bildender Theil an dem oberen angeschraubt und die

Verbindungsstelle mit feuerfestem Thon verstrichen wird. Brennt hier auch

der Boden durch, so braucht nur der untere Theil der Blase erneuert zu

werden.

Die Destillirblasen sind mit sehr flachen Helmen und weiten Mündungen

versehen. Die Dämpfe der verschiedenen Oele haben ein sehr hohes spec.

Gewicht und können deshalb nur mit Mühe zu einer gewissen Höhe erhoben

werden; auch ist die geringe Menge latenter Wärme, welche diese Dämpfe

besitzen und weshalb sie sich so leicht condensiren und zurückfliessen,

eine störende Eigenschaft, weshalb man die Hüte der Destillationsblase

mit einem schlechten Wärmeleiter, mit Sand oder Asche, bedecken muss.

Ist der Theer gut entwässert, so geht die Destillation ruhig, ohne

irgend eine Störung ihren Gang; enthält derselbe jedoch mechanisch

eingemengte Wasserpartikel, so findet ein starkes Aufschäumen und

Uebersteigen der Theermasse statt. Der Theer beginnt scheinbar schon

unter 100° C. zu sieden, doch ist dies nichts weiter, als ein

Entweichen des sehr flüchtigen Schwefelammoniums und der Pyrrolbasen.

Die im Anfang entweichenden Gase müssen durch geeignete Vorrichtungen

aus dem Destillirhause entfernt werden. Bei 100° C. beginnt erst die

eigentliche Destillation. Im Anfang erhält man noch eine geringe Menge

sehr starken Ammoniakwassers nebst leichten Oelen. Nach einer kurzen

Zeit liefert die Destillation kein Wasser mehr und das Oel läuft in

einem ununterbrochenen starken Strahl in die Vorlage. Der Siedepunkt

des Theeres ist nicht constant und variirt alle 5 bis 10 Minuten; erst

nachdem eine grosse Menge Oel abdestillirt ist und die Temperatur 200°

C. überschritten hat, stellt sich der Siedepunkt in etwas fest und man

erhält nun eine neue Portion Wasser gleichzeitig mit dem Oel. Dieses

Auftreten von Wasser ist nicht das Ergebniss der Zersetzung von Oelen,

sondern ist das chemischgebundene Wasser des Kreosots und der

Carbolsäure, welches bei dieser Temperatur frei wird. Wenn die

Wasserentwickelung aufgehört hat, entsteht eine Pause in der

Destillation und nur durch verstärktes Feuer kann man dieselbe wieder

in Gang bringen. Die Oele, welche nun erhalten werden, erstarren beim

Erkalten durch ihren Paraffingehalt und werden für sich aufgefangen.

Man kann nun die Destillation bis zur Trockne fortsetzen, wobei man auf

den Asphalt Verzicht leisten und die Destillirblase nach der vierten

bis fünften Operation von dem Rückstand gereinigt werden muss, oder

aber man nimmt Proben mit einem kleinen, eisernen Löffel und überzeugt

sich von der Härte des Asphalts. Hat er die geeignete Härte, so lässt

man das Feuer ausziehen, die Blase einige Stunden erkalten, und

entleert dieselbe durch einen am Boden des Kessels befindlichen Krahnen

oder Stopfen. Wird die Destillation bis zur Trockne getrieben, so

erhält man zuletzt wieder Wasser, welches durch Zersetzung, resp.

Oxydation entstanden ist. Eine Blase von 500 Liter Inhalt braucht 12

bis 14 Stunden Destillationszeit bis zur Trockne, und 8 bis 10 Stunden,

wenn man den Asphalt gewinnen will.

Zwischen den Blasen und den Condensationsgefässen ist eine massive Wand

gezogen, durch welche die Helme der Blasen hindurchgehen. Die

Condensationsapparate sind Bleischlangen, die sich in grossen

Holzfässern befinden, in welch' letztern kaltes Wasser fliesst. Wenn

das Paraffin anfängt überzugehen, hemmt man den Zufluss des kalten

Wassers und lässt das Kühlwasser warm werden, damit das Paraffin die

Schlange nicht verstopft. Man destillirt, wie bereits oben angegeben,

bis in der Blase reine Kohle übrig bleibt, und um die zuletzt in

grosser Menge auftretenden, sich durch die Zersetzung der Oele bei der

sehr hohen Temperatur bildenden permanenten Gase nicht in den

Arbeitsraum treten zu lassen, ist eine sinnreiche Vorrichtung

angebracht, durch welche die Flüssigkeit nicht verhindert wird, aus der

Mündung der Schlange in das untenstehende Gefäss zu tröpfen, wodurch

jedoch die gasigen Produkte gezwungen werden, durch ein Rohr zum Dache

hinaus zu entweichen.

[Sidenote: Behandlung der Destillationsprodukte.]

Das Gemenge der =Destillationsprodukte= kommt nun in grosse, geschlossene

Cylinder von Gusseisen, und wird mit einer Lösung von =Aetznatron= in der

Weise behandelt, dass die Lauge in innige Berührung mit den Oelen kommt.

Es hat diese Behandlung den Zweck, die sauren Körper, z. B. die der

homologen Carbolsäurereihe angehörigen Stoffe (die man in den Fabriken

kurzweg als =Kreosot= bezeichnet) und die sauren holzessigartigen Körper,

die den Oelen den unangenehmen Geruch und die dunkle Farbe geben, an

Natron zu binden.

Ist der Zweck erreicht, so wird die Mischung in einen eisernen Kasten

abgelassen, in dem sich das =Kreosot-Natron= (Natrium-Carbolat) und die

übrigen Verbindungen des Natrons absetzen. Dieselben werden abgelassen

und das Oel so lange mit Wasser gewaschen, bis es nicht mehr alkalische

Reaction zeigt. Dann kommt das Oel wieder in einen dem früheren

gleichen Cylinder von Gusseisen und wird hier in derselben Weise mit

=Schwefelsäure= behandelt, wie früher mit Natron. Die Schwefelsäure hat

den Zweck, alle basischen Körper, die zum Theil auch den rohen Oelen

den unangenehmen Geruch und Farbe verleihen, zu binden. Die Zeit der

Einwirkung der Schwefelsäure, von welcher Concentration man dieselbe

anzuwenden hat, und wie viel, ferner, ob man die Oele während der

Einwirkung erwärmen muss oder nicht, hängt wieder ganz von der Natur

der Rohöle ab. Mitunter sind 5 Proc. Schwefelsäure vom spec. Gewicht

1,70 und die Einwirkung einer Minute genügend, mitunter braucht man 25

Proc. Schwefelsäure und muss 3 Stunden einwirken lassen. Diese

Behandlung ist sowol auf die Qualität wie Quantität der Ausbeute an

reinen Oelen von grossem Einfluss. Bei längerer Einwirkung der

Schwefelsäure bilden sich immer grosse Mengen von schwefliger Säure,

womit ein Schwererwerden der Oele verbunden ist, denn indem sich

einerseits schweflige Säure, andererseits Wasser bildet, geben zur

Bildung des letztern gerade die leichtesten Produkte, in diesem Falle

als die zersetzbarsten, den Wasserstoff her, und werden dadurch in

kohlenstoffreichere, also schwerere Produkte umgewandelt. Ist die

Einwirkung der Schwefelsäure beendet, so wird das Gemisch aus dem

Mischgefäss wieder in eiserne Kasten abgelassen, und, wenn sich die

sauren Verbindungen abgeschieden haben, letztere abgezogen, die Oele

mit vielem Wasser und zuletzt mit einer sehr schwachen Natronlauge

gewaschen, und dann dieselben auf die grossen Blasen zur Rectification

gebracht. Die früher erhaltene Lösung von Kreosot-Natron wird mit der

schwefelsauren Lösung neutralisirt, wodurch einerseits rohe

=Carbolsäure= (Kreosot) gewonnen wird, die entweder zum Desinficiren

oder zum Imprägniren von Eisenbahnschwellen, oder zur Darstellung

gewisser Theerfarben (vgl. Seite 663) Anwendung findet, andererseits

aber Natriumsulfat, das an Sodafabriken abgegeben wird. Neuerdings wird

(auf Anregung von =L. Ramdohr=) das Kreosot-Natron mit vielem Erfolge

auf Leuchtgas (=Kreosotgas=) verarbeitet, wobei natronhaltige Koks

zurückbleiben, aus denen durch Auslaugen fast alles Natron wieder

erhalten werden kann.

[Sidenote: Rectification der Oele.]

Bei der =Rectification der Theeröle= wird genau so verfahren, wie bei der

Destillation des Theers. Die übergehenden Oele werden nach ihrem

specifischen Gewicht in Photogen und Solaröl getrennt oder bis zum

Gewicht von 0,833 gemischt als =Solaröl= in den Handel gebracht. Wenn die

überdestillirten Oele anfangen, in der Kälte zu erstarren, oder ein

specifisches Gewicht von 0,880 bis 0,900 haben, werden sie gesondert

aufgefangen, und diese bis zu Ende übergehende Masse zur =Krystallisation

des Paraffins= in einen Keller gestellt.

Die hierzu verwendeten Gefässe sind entweder grosse viereckige, eiserne

Kasten, die unten einen Abzugshahn haben, oder nach unten spitz

zulaufende, 1,6-2 Meter hohe, oben 1 Meter breite Gefässe von

Eisenblech oder Holz, die unten eine mit einem Holzstopfen zu

verschliessende Oeffnung haben. Nach beendigter Krystallisation, also

nach ungefähr 2-4 Wochen, wird das flüssig gebliebene dicke Oel langsam

abgezogen, während die glänzenden Krystallblättchen von Paraffin im

Gefäss zurückbleiben. Dieses dicke Oel wird nun aufgehoben und der

Winterkälte ausgesetzt, wobei noch grosse Mengen fester

Kohlenwasserstoffe herauskrystallisiren, die zwar nicht Paraffin sind,

aber doch in Stearinfabriken sehr gute Verwendung finden und daher an

diese mit Vortheil abgesetzt werden. Das von dieser zweiten

Krystallisation zurückbleibende Oel findet verschiedene Anwendung. Hat

es ein mässig niedriges spec. Gewicht, so wird es einer Destillation

unterworfen und giebt dabei Solaröl, hat es jedoch ein höheres Gewicht,

z. B. von 0,925-0,940, so giebt es bei der Destillation kein Solaröl

mehr, sondern dieses dicke Oel kommt als Maschinen- oder Wagenschmiere

in den Handel. Je nach der Natur der angewandten Rohstoffe erhält man

mehr oder weniger dieser dicken Oele. Die unter dem Namen =belgische

Wagenschmiere= in den Handel kommende Masse ist aus diesen Oelen

dargestellt.

[Sidenote: Reinigen des Rohparaffins.]

Die erhaltenen Krystalle von =Rohparaffin= werden nun in England =zur

weiteren Reinigung= an besondere Fabriken abgegeben, während in

Deutschland sich jede Fabrik ihr Paraffin selbst reinigt, ja

meistentheils auch selbst Kerzen daraus fertigt. Der erstere Weg scheint

der rationellere zu sein, da es sich ja in allen Industriezweigen

herausgestellt hat, dass bei vorgeschrittener Fabrikation eine selbst

weitgetriebene Arbeitstheilung sowol zum Vortheil der Fabrikation, wie

der Consumtion gereicht.

In den deutschen Fabriken wird das Rohprodukt, die sogenannte

=Paraffinbutter=, insofern auf verschiedene Weise behandelt, als einige

Fabrikanten dieselbe ohne Weiteres in einen kühlen Raum zur

Krystallisation bringen, andere aber dieselbe zunächst mit Aetzlauge

und Schwefelsäure behandeln und sie dann erst nochmals destilliren oder

auch mit Umgehung dieser letzteren Manipulation zur Krystallisation der

Ruhe überlassen. Die erstere Methode möchte zwar einfacher und minder

kostspielig erscheinen, sie hat aber zunächst den Nachtheil, dass dem

Paraffin ein grosser Theil seines Lösungsmittels, des schweren Oeles,

gelassen wird, in Folge dessen das Auskrystallisiren des Paraffins in

geringerem Maasse erfolgt; bei einer Verwendung des von dem Paraffin

getrennten Oeles muss natürlich eine Reinigung desselben ebenfalls

erfolgen, sodass also diese Manipulation keineswegs erspart, sondern

nur verschoben wird, und da endlich die aus gereinigter Paraffinbutter

erhaltenen Paraffinkrystalle weit reiner, weisser und fast geruchfrei

sind, so muss die Unterlassung der Reinigung der Paraffinbutter als

unrationell jedenfalls verworfen werden. Bei der Behandlung der

Paraffinbutter mit Natronlauge nimmt diese letztere alle sauren

Bestandtheile der ersteren (die Phenole und das Kreosot) und andere in

sich auf. Die nach dem Absetzenlassen und Trennung der Lauge von der

Paraffinbutter folgende Behandlung derselben mit Schwefelsäure, wozu

nach Umständen 6-10 Proc. Säure erfordert werden, entfernt die

alkalischen und harzigen Bestandtheile und bedingt dadurch eine

Volumenverminderung um nahezu 5 Procent, sodass man nach Anwendung

dieser chemischen Agentien eine weit concentrirtere Lösung von Paraffin

vor sich hat, welche bei der Krystallisation auch jedenfalls mehr

Paraffin ausscheiden lässt. Die so behandelte Paraffinbutter wird nun

in kühle Räume zur Krystallisation hingestellt und ihr dazu mindestens

3 bis 4 Wochen Zeit gelassen, worauf die entstandenen Krystalle von dem

schweren Oele durch einfache Filtration, Absaugung, Centrifugalmaschine

oder eine andere Vorrichtung getrennt werden. Für grosse Fabriken, wo

es sich um schnelle Verarbeitung grosser Mengen handelt, ist die

Centrifugalmaschine zum Ausschleudern des Oeles unentbehrlich, welcher

Apparat die Trennung des Oeles von den Krystallen überhaupt nicht

allein am schnellsten, sondern auch am vollkommensten bewerkstelligt.

Die erhaltenen Krystalle werden zusammengeschmolzen und in zollstarke

Kuchen ausgegossen, welche das Rohparaffin darstellen; die Oele aber

werden durch Destillation über freiem Feuer in Solaröl und

Paraffinbutter getrennt.

Das Rohparaffin wird in allen Fällen zunächst durch mechanische

Pressung von dem grössten Theile des noch anhaftenden Oeles befreit,

wozu man sich hydraulischer Pressen bedient. Die Presskuchen werden

dann bei 180° mit 10 Proc. Schwefelsäure gemischt, nach 2 Stunden das

Paraffin von der Säure abgelassen, gewaschen, in Kuchen gegossen und in

einer hydraulischen Presse abermals gepresst; die Presskuchen werden

nach dem Schmelzen mit einer Sodalösung gewaschen.

Da der Zweck der Schwefelsäurebehandlung des Paraffins der ist, die

letzten Theile des schweren Oeles zu entfernen, welche dem Paraffin

gewissermaassen als Mutterlauge noch anhängen, so lag wohl die Idee

nahe, diesen Zweck durch eine Art Waschung und mittelst Agentien zu

erreichen zu suchen, welche in keinem Falle zerstörend auf das Paraffin

zu wirken vermöchten. Als besonders dazu geeignet zeigten sich das

Benzol und überhaupt alle leichten weissen Theeröle, das Petroleum und

der Schwefelkohlenstoff, und man verfährt damit folgendermaassen: Das

Rohparaffin wird zunächst einer starken, warmen Pressung unterworfen

und die Presskuchen dann mit 5-6 Proc. von einer der obigen

Flüssigkeiten zusammengeschmolzen und abermals in Kuchen ausgegossen.

Jetzt presst man abermals und wiederholt im Nothfalle die ganze

Operation noch einmal. Das Paraffin ist jetzt völlig rein und weiss,

der noch anhaftende Geruch des Lösungsmittels aber muss mittelst

Einleiten gespannten Wasserdampfes verflüchtigt werden. Das abgeblasene

Paraffin wird durch Seidenpapier filtrirt und in Tafeln von 3-5

Centimeter Dicke gegossen. Der Schwefelkohlenstoff, von =Alcan= (1858)

zuerst zum Reinigen des Paraffins vorgeschlagen, wird auf folgende

Weise angewendet: Man schmilzt das Paraffin bei möglichst niedriger

Temperatur, mischt dann 10-15 Proc. Schwefelkohlenstoff hinzu, lässt

erkalten und presst das erhaltene Gemisch stark aus; meist ist es

nothwendig, den Process 2-3mal zu wiederholen. Die ausgepressten

Flüssigkeiten unterwirft man der Destillation, um den

Schwefelkohlenstoff daraus abzusondern. Das mittelst

Schwefelkohlenstoff gebleichte Paraffin wird geschmolzen, einige Zeit

in geschmolzenem Zustande erhalten und dann mit Steinkohle behandelt,

um es vollkommen rein zu erhalten.

[Sidenote: Hübner's neues Verfahren der Paraffingewinnung.]

Ein =neues= Verfahren der Paraffingewinnung ist in neuerer Zeit von =B.

Hübner= aufgekommen. Bisher wurde das Paraffin auf folgende Weise

gewonnen. Der Theer wurde destillirt und das Destillat in einen

flüssigbleibenden und einen erstarrenden Theil zerlegt. Der letztere

wurde entweder, ohne weitere Behandlung, roh in möglichst kühlen Räumen

zur Krystallisation bei Seite gesetzt; nachdem diese erfolgt, wurden

die festen Kohlenwasserstoffe, denen er seine Consistenz verdankt,

durch Centrifugen und Pressen von den beigemengten Paraffinölen

getrennt, einer Behandlung mit Natron und Schwefelsäure unterworfen,

dann abermals destillirt, das erstarrende Destillat durch Pressungen

mit den flüchtigsten, farblosen, flüssigen Kohlenwasserstoffen aus dem

Braunkohlentheer gereinigt, resp. entfärbt, oder aber, der erstarrende

Antheil des Destillats aus dem Theer wurde direct mit kaustischem

Natron und Schwefelsäure behandelt, einer erneuten Destillation

unterworfen, das Destillat zur Krystallisation gestellt und die aus den

krystallisirten Massen ebenfalls durch Centrifugen oder Pressen

abgeschiedenen festen Kohlenwasserstoffe wurden durch Pressungen mit

den oben gedachten flüssigen Kohlenwasserstoffen gereinigt. In beiden

Fällen ging der Paraffingewinnung eine zweifache Destillation desselben

voraus. Verschiedene Erscheinungen deuten darauf hin, dass jede

derselben insofern einen nachtheiligen Einfluss auf die festen

Kohlenwasserstoffe ausübt, als ein sehr grosser Theil davon bei den

hohen Destillationstemperaturen in weniger werthvolle, flüssige

Kohlenwasserstoffe, ein anderer in zwar wiederum feste zerfällt, die

aber einen niedrigeren Schmelzpunkt haben als diejenigen, aus welchen

sie entstanden, und deshalb gleichfalls von geringerem Werthe sind.

Um diese Umbildungen und Zersetzungen wenigstens theilweise zu

vermeiden, hat nun =Hübner= anstatt der aus dem Theer ausgeschiedenen

Paraffinmassen diesen selbst einer geeigneten Behandlung mit

Schwefelsäure und nach Trennung von der letzteren einer Destillation

über einige Procente gelöschten Aetzkalkes unterworfen, die dabei

gewonnene Paraffinmasse zur Krystallisation bei Seite gesetzt, die von

dem Oel getrennten Paraffinkrystalle aber durch Pressungen mit weissem

Braunkohlentheer sofort gereinigt. Bei diesem Verfahren werden also

=eine= Destillation und die damit verbundenen Zersetzungen vermieden;

die Folgen davon sind:

[Greek: a]) grössere Ausbeute an Paraffin,

[Greek: b]) Gewinnung eines bedeutend härteren Paraffins, als nach

dem erstgedachten Verfahren.

Neben dem Paraffin und gleichzeitig mit diesem werden aus dem

Braunkohlentheer Mineralöle gewonnen, die hauptsächlich als Material zur

Beleuchtung dienen. Das wichtigste und werthvollste Ergebniss desselben

waren früher die letzteren. In neuerer Zeit sind dieselben durch die

überaus massenhafte Gewinnung und Verwendung der zu gleichem Zweck

benutzten natürlichen Mineralöle, insbesondere des amerikanischen

Petroleums, derart entwerthet worden, dass die Industrie, die sich mit

ihrer Herstellung beschäftigt, in empfindlichster Weise davon berührt

wird und sich ernstlich nach Mitteln umsehen muss, um die ihr zugefügten

Nachtheile auszugleichen. In dieser Beziehung wird auch eine

Mehrgewinnung von den festen Kohlenwasserstoffen, dem Paraffin, die

bedeutend werthvoller sind, als die flüssigen, die Mineralöle, und dessen

Verwendung immer grössere Dimensionen annimmt, von Wichtigkeit sein und

somit auch die vorerwähnten Ergebnisse. Durch die besprochene

Destillation über Kalk werden 40-50 Procent der Unreinigkeiten aus dem

Theer (insbesondere Brandharze und dem Kreosot verwandte Stoffe)

entfernt, die nach dem älteren Verfahren auf kostspieligere Weise durch

Aetznatron aus den Destillaten desselben genommen werden mussten.

[Sidenote: Ausbeute an Paraffin.]

Ueber die =Ausbeute an Paraffin=, Mineral- und Schmieröl aus den

verschiedenen Sorten von Theer und den verschiedenen Rohmaterien mögen

folgende Angaben genügen:

=Torf.= In der Fabrik in Bernuthsfelde bei Aurich erhält man aus dem

dortigen recht guten Torf 6-8 Proc. Theer und aus dem Theer 20 Proc.

Solaröl von 0,830 spec. Gewicht und 0,75 Proc. Paraffin. =H. Vohl=

erhielt aus 100 Th. Theer aus Torf:

Mineralöl Schmieröl

von 0,820 von 0,860

Torf von spec. Gewicht spec. Gewicht Paraffin

Celle 34,60 36,00 8,01

Coburg 20,62 26,57 3,12

Damme 19,45 19,54 3,31

Zürich 14,40 8,66 0,42

Russland 20,39 20,39 3,36

Westphalen 11,00 19,48 2,25

=Braunkohle.= In den Fabriken der Weissenfelser Braunkohlenreviere

liefert 1 Tonne (= 275-300 Pfund) einer hellen Braunkohle 35-50 Pfd.

Theer. 100 Pfd. dieses Theeres geben 8-10 Pfd. hartes Paraffin für

Kerzenguss, 8-10 Pfd. weiches Paraffin, welches an

Stearinkerzenfabriken zur Verdünnung der Stearinsäure abgegeben wird,

20 Pfd. Photogen und 23 Pfd. Solaröl.

In der Fabrik von =B. Hübner= in Rehmsdorf bei Zeitz werden jährlich

verarbeitet 360,000 Ctr. Braunkohle auf circa 40,000 Ctr. Theer. Daraus

werden dargestellt 18,000 Ctr. Mineralöle, 4000 Ctr. Paraffinöle und

6000 Ctr. Paraffin.

Man erhielt aus 100 Th. =Theer= (Retortentheer) aus Braunkohle:

Mineralöl Schmieröl

von 0,820 von 0,860

Braunkohle von spec. Gewicht spec. Gewicht Paraffin

Aschersleben 33,50 40,00 3,3 }

Frankenhausen 33,41 40,06 6,7 }

Münden 17,50 26,21 5,0 }

Oldisleben 17,72 26,60 4,4 } Untersucht

Cassel 16,42 27,14 4,2 } von

der Rhön (Bayern) 10,62 19,37 1,2 } =H. Vohl=.

Tilleda 16,66 18,05 4,4 }

Stockheim bei Düren 17,50 26,63 3,2 }

Bensberg bei Cöln 16,36 19,53 3,4 }

Tscheitsch in Mähren 9,04 28,86 3,2 }

Eger in Böhmen 9,14 54,00 5,2 } von

Herwitz in Böhmen 22,00 48,32 5,2 } =C. Müller=.

Schöbritz in Böhmen 21,68 46,33 4,3 }

Aus Dampftheer (aus Braunkohlen) erhielt =Ramdohr= (1869) im

Durchschnitt:

22-24 Proc. Paraffin, davon {15 Proc. bei 56-58° schmelzend,

{7-9 " " 38-47° "

36-38 " Mineralöle.

Bei vorsichtiger Behandlung soll der Dampftheer 28-30 Proc. Paraffin

liefern können.

Die Angaben über die Ausbeute aus =Cannelkohle= und =Bogheadkohle=

gehen weit auseinander. Aus 100 Th. =Theer= aus =Blätterschiefer=

wurden erhalten:

Mineralöl Schmieröl Paraffin

Englischer Blätterschiefer 24,28 40,00 0,12

Blätterschiefer von Romerickberge 25,68 43,00 0,11

" aus Westphalen 27,50 13,67 1,11

" von Oedingen am Rhein 18,33 38,33 5,00

100 Th. galizisches Erdwachs geben nach =Müller= in Aussig (1867) 24

Proc. Paraffin und 40 Proc. Leuchtöl.

[Sidenote: Eigenschaften des Paraffins.]

Das Paraffin im gereinigten Zustande hat folgende Eigenschaften: Es ist

eine weisse, wachsähnliche, geruch- und geschmacklose, im geringen Grade

fettig anzufühlende Substanz von 0,877 specifischem Gewichte, härter als

Talg, aber weicher als Wachs. Je nach seinem Ursprunge besitzt das

Paraffin sehr abweichende Eigenschaften. Paraffin aus Bogheadkohle war

einerseits nach dem Schmelzen sehr krystallinisch und schmolz bei 45,5°,

andererseits körnig wie gebleichtes Wachs und von 52° Schmelzpunkte. Das

Paraffin aus Rangoontheer schmolz bei 61°, das aus Torf bei 46,7°. Der

Schmelzpunkt der aus sächsischer Braunkohle gewonnenen Paraffinsorten

liegt bei Theer-Paraffin bei 56°, bei Oel-Paraffin bei 43°; der des

Paraffins aus galizischem Erdwachs bei 60°, doch besitzt ein Theil davon

einen niedrigen Schmelzpunkt, der zuweilen bis auf 45° herabsinkt. Das

aus Ozokerit dargestellte natürliche Paraffin schmilzt erst bei 65,5. Die

Zusammensetzung der verschiedenen Paraffinsorten ist folgende:

Aus sächs. Aus Aus Aus Aus

Braunkohle Ozokerit Bogheadkohle Torf Petroleum

Kohlenstoff 85,02 85,26 85,00 84,95-85,23 85,15

Wasserstoff 14,98 14,74 15,36 15,05-15,16 15,29

Aus diesen Untersuchungen lässt sich der Schluss ziehen, dass nicht der

gewöhnlichen Annahme zufolge alle Paraffinsorten Gemenge

Kohlenwasserstoffe der Formel C_{n}H_{n} seien, sondern dass das Paraffin

(gleichviel ob aus Braunkohle, Torf, Ozokerit oder Petroleum gewonnen)

ein Gemisch ist von dem Sumpfgas homologen Kohlenwasserstoffen, von denen

mehrere nicht weniger als C_{27} enthalten. Das Paraffin ist unlöslich im

Wasser, löst sich dagegen in Alkohol, Aether, Terpentinöl, Olivenöl,

Benzol, Chloroform, Schwefelkohlenstoff; 100 Th. siedenden Alkohols lösen

nur 3 Th. Paraffin. Es siedet über 300° und destillirt unverändert über.

Säuren und Alkalien greifen das Paraffin bei gewöhnlicher Temperatur

nicht an, Chlor gleichfalls nicht; wirkt aber Chlorgas längere Zeit auf

durch Erwärmen flüssiges gemachtes Paraffin ein, so bilden sich gechlorte

Produkte unter Entwickelung von Salzsäure. Mit Wachs, Stearin- und

Palmitinsäure, so wie mit Harz kann das Paraffin in allen Verhältnissen

zusammengeschmolzen werden.

Die Hauptanwendung des Paraffins ist bekanntlich die zu

=Paraffinkerzen=, von welchen Seite 708 bei der Kerzenfabrikation die

Rede war. Ausserdem ist es vorgeschlagen worden als Schmiermittel, zum

Conserviren von Holz, zum Dichten der Wein- und Bierfässer, zum

Verhüten des Schäumens und Uebersteigens beim Verkochen des

Zuckersaftes in den Vacuumpfannen, zum Conserviren von Fleisch, zum

Einfetten des Leders, zum Wasserdichtmachen von Geweben (=Stenhouse=),

zum Ersatz des Wachses bei der Bereitung des Wachspapieres und der

Stearinsäure zum Tränken von Gypsgegenständen, zur Bereitung der Masse

der feineren Zündrequisiten; so wie seiner chemischen Beständigkeit

wegen bei gewissen chemischen Operationen.

[Sidenote: Solaröl.]

=Fabrikation des Solaröles.= Bei der trockenen Destillation der

Bogheadkohle, des Blätterschiefers, der Braunkohle und des Torfes bildet

sich, wie in den vorhergehenden Abschnitten erörtert worden ist, =Theer=,

dessen Menge je nach der Natur des angewendeten Rohmaterials variirt.

Ueber die Natur des Theeres schwebte bis in die jüngste Zeit ein

eigenthümliches Dunkel, von dem man auch gegenwärtig bei weitem noch

nicht zu behaupten berechtigt ist, dass es vollständig aufgehellt sei.

Bis zum Jahre 1830 nahm man die Theerfrage auf die leichte Achsel, indem

man den Theer einfach als eine Auflösung eines kohlenstoffreichen

Brandharzes in einem flüchtigen Brenz- oder Brandöle ansah, wobei die

grosse Verschiedenheit der Brandöle zwar nicht übersehen, aber doch fast

unerörtert gelassen wurde. Die erste und ernstliche Untersuchung des

Theeres ist die von =Reichenbach=, welche zur Entdeckung des =Paraffins=

und des steten Begleiters desselben im Theer, des =Eupion=, einer sehr

dünnen und leichten Flüssigkeit, die sich leicht entzünden lässt und mit

leuchtender Flamme brennt, führte. Der Siedepunkt des Eupions variirte

von 47-169°. Es ist einleuchtend, dass eine Flüssigkeit von so

veränderlichem Siedepunkt nur ein Gemenge sein kann. =Reichenbach='s

Arbeit, so verdienstlich dieselbe auch war, stellte jedoch keineswegs

alle Punkte in der Constitution der einzelnen Theerarten klar hin, eben

so wenig ist es späteren Forschern gelungen, die chemische Seite der

Theerfrage in vollkommen befriedigender Weise zu beleuchten.

Dagegen fand der Theer in der empirischen Technik eine warme

Vertreterin, die unter den Bestandtheilen des Theeres eine reichhaltige

Quelle von Leuchtmaterialien wahrnahm, geeignet als billige Surrogate

der dem Thier- und Pflanzenreiche entnommenen Fette und Oele zu dienen.

Einer rectificirenden Destillation unterworfen, liefert der Theer das

=Theeröl=, welches durch weitere Rectification in den festen

Leuchtstoff, das Paraffin, und in die flüssigen, ölähnlichen Körper

zerlegt werden kann, welche, nachdem die sauren und schweren

Bestandtheile, die Carbol- oder Phenylsäure abgeschieden worden, als

Gemenge unter den Benennungen =Photogen=, =Mineralöl=, =Hydrocarbür=,

=Lig-ro-ine=, =Solaröl=, =Paraffinöl= (worunter man in England das aus

der Bogheadkohle gewonnene Brennöl versteht) u. dgl. im Handel

vorkommen. Diese Oele sind dem =Petroleum= oder =Erdöl= nahe verwandt,

welches gleich ihnen nur aus Kohlenstoff und Wasserstoff besteht. Im

möglichst reinen Zustande sind sie fast farblos und besitzen nur einen

geringen Geruch.

Die =Mineralöle=[189], wie sie gegenwärtig der Handel liefert, müssen

in folgender Weise unterschieden werden. Das =Photogen=, so wie es in

den Fabriken der Provinz Sachsen dargestellt wird, besteht aus einem

Gemisch von Oelen, deren Siedepunkte zwischen 100° und 300° liegen; es

ist eine klare und sehr dünne Flüssigkeit von charakteristischem und

ätherischem Geruche und einem specifischen Gewichte von 0,800-0,810; es

ist aus verschiedenen Oelen von 0,760-0,865 spec. Gewicht

zusammengesetzt. Die früher im Handel vorkommenden leichten Photogene

von 0,780 spec. Gewichte erhalten grossentheils Essenzen von nur 0,720

spec. Gewichte, welche noch unter 60° zu sieden beginnen und daher

ihrer Feuergefährlichkeit wegen längst als Leuchtmaterialien beseitigt

sind. Seitdem das Photogen, d. h. die leichteren Sorten desselben, als

Leuchtstoff seinen Credit zum Theil verloren, kommt es unter dem Namen

=Benzol= (Benzin, Benzolin, Naphta, Ligroïne) von Neuem auf den Markt,

um als Fleckwasser, zum Entfetten der Wolle, als Surrogat des

Terpentinöles, zum Carburiren des Leuchtgases u. s. w. Verwendung zu

finden. Das =Solaröl= oder =deutsche Petroleum=, welches die Photogene

und die fetten Oele als Leuchtmaterialien derart verdrängt hat, dass es

im Vereine mit dem Petroleum in der Beleuchtungsfrage bereits eine

dominirende Stellung einnimmt, ist ein klares, farbloses oder schwach

gelblich gefärbtes Oel von einer Consistenz, welche der des Rüböles

zuweilen nicht viel nachsteht. Sein spec. Gewicht ist 0,830 bis 0,835,

sein Siedepunkt zwischen 255 und 350° C. Bei -10° darf es noch kein

Paraffin ausscheiden; in einer Flasche geschüttelt, darf es die Blasen

nicht schneller aufsteigen lassen, als Rüböl. Die Entzündungstemperatur

des Solaröles liegt gewöhnlich erst über 100°. An das Solaröl schliesst

sich das von =Breitenlohner= dargestellte =Pyrogen= an, welches

insofern grosse Beachtung verdient, als es aus den =rückständigen

Rohölen=, aus Carbolsäure, Paraffin und anderen Stoffen bestehend und

eine Dichte von 0,895-0,945 zeigend, die sich in den Theerfabriken zu

grossen, fast unverwerthbaren Massen anhäufen, auf einfache, weiter

unten zu beschreibende Weise gewonnen wird. Das Pyrogen ist ein

leicht weingelbes Oel von 0,825 bis 0,845 specifischem Gewichte.

[189] Eine vortrefflich geschriebene Schilderung der Entwickelung der

Industrie der Mineralöle giebt =K. Müller= (von Halle) in =M.

Wirth='s Gewerbekalender pro 1869, p. 18-34.

Das =Maschinenschmieröl= (_lubricating oil_), in neuerer Zeit auch

unter dem Namen =Vulkanöl=, in ganz enormen Mengen aus Nordamerika

kommend, ist ein dickflüssiges Oel von 0,840-0,977 spec. Gewicht und

setzt in der Kälte viel feine Paraffinkrystalle ab. Es bildet sich in

den Paraffin- und Solarölfabriken und Petroleumraffinerien in grosser

Menge. Das amerikanische Vulkanöl ist nach der Beschreibung von =Ad.

Ott= kein destillirtes Oel, sondern einfach eine specifisch schwere

Sorte von durch Kohle entfärbtem Petroleum, wie es aus der Erde

hervorquillt, aus welchem einfach die Naphta abgeblasen worden ist;

zuweilen ist es mit einigen Procenten thierischer oder pflanzlicher

Fette vermischt. Die im Steigen begriffene Erzeugung von Wagenfetten,

Maschinenschmieren und ähnlichen Antifrictionsmitteln absorbirt zwar

einen nicht geringen Theil des genannten Oeles, und namentlich werden

in England diese Schmieröle, welche weder dem Verharzen, noch dem

Erstarren in der Winterkälte unterliegen, zum Schmieren der Spindeln in

den Baumwollspinnereien und in anderen Etablissements mit Vortheil

verwendet. Ihr Verkauf ist jedoch mehr durch die Nothwendigkeit und den

Mangel anderer Verwendungsarten geboten, als dass den betreffenden

Fabriken ein besonderer Vortheil daraus erwüchse. Die Verarbeitung

dieser Schmieröle auf das dem Solaröl ähnliche Pyrogen ist deshalb

unter Umständen von Wichtigkeit. Auch zur Bereitung von Leuchtgas ist

das Schmieröl verwendet worden.

[Sidenote: Fabrikation des Mineralöles.]

=Die Fabrikation des Mineralöles= geht mit der des Paraffins Hand in

Hand. Die Produkte der Destillation des Theeres werden in geeigneten

=Mischapparaten= mit einer Lösung von Aetznatron in der Weise behandelt,

dass die Natronlösung in innigste Berührung kommt. Diese Behandlung hat

den Zweck, die Carbolsäure und die sauren, holzessigähnlichen Körper,

welche den Oelen den unangenehmen Geruch und die dunkle Farbe ertheilen,

zu binden. Zuweilen erreicht man schon ohne Erwärmen mit 5-6 Proc. Natron

in 2 Minuten seinen Zweck, mitunter erst bei Erwärmung mit 20 Procent in

2 Stunden. Nach beendigter Einwirkung der Natronlauge lässt man die

Mischung in einen grossen eisernen Sammelkasten laufen, in welchem sich

das carbolsaure Natron am Boden abscheidet. Letzteres wird abgelassen und

das Oel bis zum Verschwinden der alkalischen Reaction mit Wasser

gewaschen. Darauf wird das Oel mit concentrirter Schwefelsäure behandelt;

zuweilen genügen 5 Proc. Schwefelsäure von 1,70 spec. Gewicht und die

Einwirkung von einer Minute, mitunter braucht man 25 Proc. Schwefelsäure

und muss 3 Stunden einwirken lassen. Die Behandlung mit Schwefelsäure ist

auf die Güte und sonstige Beschaffenheit der Oele von grossem Einfluss,

denn es kann sich ereignen, dass Oele, die von Hause aus schwefelfrei

waren, erst während der Reinigung mittelst Schwefelsäure schwefelhaltig

wurden, denn die flüchtigeren Bestandtheile der Mineralöle sind im

Wesentlichen Gemische von Aldehyden und Ketonen, mithin Körpern, die sich

leicht mit schwefliger Säure vereinigen. Nach beendigter Einwirkung der

Schwefelsäure bringt man das Gemisch aus dem Mischkasten in eiserne

Kästen, in denen man die sauren Verbindungen sich abscheiden lässt; die

oben aufschwimmenden Oele werden mit vielem Wasser, zuletzt mit schwacher

Natronlauge gewaschen und dann der Rectification unterworfen. Nach einer

Angabe von =H. Vohl= sollen die Paraffinöle mitunter durch Behandeln mit

Fluorwasserstoffsäure gebleicht werden, was den Nachtheil hat, dass Fluor

in das Oel eintritt und beim Verbrennen der Gesundheit schädliche

Fluorverbindungen gebildet werden.

Die =Alkalien= und =Säuren=, so wie die Stoffe, welche sich bei der

Reinigung mit denselben verbunden haben, verwerthet man auf folgende

Weise: Die unreine Lösung von Rohcarbolsäure in Natron wird entweder

mit der schwefelsauren Flüssigkeit neutralisirt, wodurch die

Carbolsäure sich abscheidet, welche Anwendung finden kann zur

Conservirung von Holz, von Segel- und Tauwerk, als Desinfectionsmittel,

zur Darstellung von Theerfarben, oder endlich, indem man ihr den

Sauerstoff auf geeignete Weise entzieht, zur Ueberführung in das dem

Solaröl ähnliche =Pyrogen=. Behufs der Darstellung dieser letzteren

werden die Rohöle in Dampfgestalt bei stürmischer Destillation durch

ein hellglühendes Rohr getrieben; die condensirten Oele sind nach dem

Behandeln mit Lauge und Schwefelsäure in ein zum Brennen in Lampen

völlig geeignetes Oel übergegangen. Nach =Perutz= wird die =alkalische=

Flüssigkeit, welche Natriumcarbolat enthält, in einer gusseisernen

Blase bis zur Trockne destillirt. Als Destillationsprodukte erhält man

ein Gemenge von Carbolsäure mit flüssigen und leichten

Kohlenwasserstoffen; will man die Carbolsäure rein darstellen, so

sammelt man das zwischen 140 und 240° übergehende Produkt und reinigt

dasselbe in bekannter Weise. Die in der Blase zurückbleibenden, die

Alkalien enthaltenden Koks werden calcinirt, bis aller Kohlenstoff

verbrannt ist; die zurückbleibende Asche, alles Natron als

Natriumcarbonat enthaltend, wird mit Wasser ausgelaugt, die Lösung

mittelst Aetzkalk kaustisch gemacht und dann bis zu der Concentration

gebracht, die ihre Anwendung zum Reinigen der Mineralöle erheischt. Die

Nutzbarmachung der gebrauchten =Schwefelsäure= geschieht dadurch, dass

man dieselbe zur Fabrikation von Eisenvitriol verwendet. Bei der

Rectification der Oele wird genau so verfahren, wie bei der

Destillation des Theeres beschrieben worden ist.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 134 / 167 题