III. Die Beleuchtung mit Gas.

[Sidenote: Allgemeines und Geschichtliches.]

Die Beobachtung, dass aus fossiler Kohle ein brennbares Gas erhalten

werde, ist schon mehrere Jahrhundert alt, wusste man ja schon seit den

ältesten Zeiten, dass in dem grossen Haushalte der Natur in den Stein-

und Braunkohlenflötzen und auch aus Steinsalzlagern brennbare Gase in

grosser Menge sich bilden, welche als Gasquelle an die Oberfläche der

Erde gelangen.

Der Boden mancher Gegenden enthält dieses Gas in solcher Quantität,

dass es ausreicht, ein Rohr in den Boden zu stossen, um sogleich das

Ausströmen eines Gasstromes zu bewirken, der zur Beleuchtung benutzt

werden kann. In der Nähe von Fredonia im Staate New-York liefert die

Natur eine vollständige Beleuchtungsanstalt, wie wir sie in den Städten

nur mit grossem Aufwande künstlich schaffen. Beim Abbrechen einer

Mühle, deren Mauerwerk theilweise in den kleinen Fluss Canadaway

reichte, nahm man aus dem Wasser aufsteigende Blasen von

Kohlenwasserstoffgas wahr. Als man nun Bohrvorsuche anstellte und in

gewisser Tiefe eine Lage bituminösen Kalkes getroffen hatte, brach

durch die Oeffnung das Gas hervor, das gesammelt wird und, in Röhren

nach allen Theilen des Ortes geleitet, zur Beleuchtung dient. Man

erhält alle zwölf Stunden gegen 800 Kubikfuss Kohlenwasserstoffgas,

welches nach den Untersuchungen von =Fouqué= ein Gemenge ist von

Grubengas (CH_{4}) mit Aethylhydrür (C_{2}H_{6}). Im Marmaroscher

Comitate, in der Szlatinaer Steinsalzgrube entwickelt sich, ungefähr 90

Meter unter Tag, Leuchtgas aus Spalten einer Schicht thonigen Mergels,

die zwischen Steinsalzbänken eingeschlossen ist. Diese Erscheinung war

schon im Jahre 1770 bekannt. Wie in Fredonia das von der Natur

gelieferte Gas zur Beleuchtung des Ortes dient, so benutzt man dasselbe

in Szlatina, um die tiefsten Grubenräume zu beleuchten. Das Stassfurter

Steinsalzlager liefert gleichfalls, obwohl in unerheblicher Menge,

brennbare Gasarten. Der Missionär =Imbert= berichtet aus der Provinz

Szu Tchhouan in China, wo man zahllose Bohrlöcher nach Steinsalz von

1500 bis zu 1600 Fuss Tiefe niedergestossen hat, dass viele dieser

Bohrlöcher Ausströmungen von Leuchtgas zeigen, die zum Theil mit

heftigem Getöse verbunden sind. Bambusröhren leiten das Gas in jede

beliebige Entfernung. Man benutzt es zur Beleuchtung von Strassen und

grossen Hallen, sowie als Brennmaterial in den Salinen. Den

grossartigsten, hierher gehörenden Erscheinungen ist das »Feuerfeld«

bei Baku, auf der Halbinsel Apscheron an der Westküste des Caspissees

beizuzählen, wo an mehreren Punkten perennirende Ausströmungen von

Kohlenwasserstoffgas stattfinden. Das Gas steigt am häufigsten aus

einem dürren, steinigen Boden auf, wo ehemals ein Tempel stand. Der

Tradition nach soll das Gas schon mehrere Tausend Jahre gebrannt haben.

Aehnliche Feuer findet man in Kurdistan bei Arbela in Mesopotamien, zu

Chitta-Gong in Bengalen und anderen Orten des asiatischen Continents.

Was das künstlich dargestellte Gas aus Steinkohlen anbelangt, so

beobachteten schon in den Jahren 1727-1739 die Engländer =Clayton= und

=Hales= das Entweichen desselben beim Erhitzen von Steinkohlen; später

(1767) zeigte der Bischof =Landlaff=, dass sich die brennbare Luft

durch Röhren überall hinleiten lasse; es benutzte sogar der Professor

der Chemie =Pickel= in Würzburg, schon 1786, aus Knochen erzeugtes Gas

zur Beleuchtung seines Laboratoriums. Ungefähr um die nämliche Zeit

stellte der Earl von =Dundonald= auf seinem Landsitze Culross-Abtei

Versuche zur Anwendung des Steinkohlengases an. Ursprünglich handelte

es sich um die Gewinnung von Steinkohlentheer als Nebenprodukt der

Koksbereitung. Die Arbeiter hatten in die Kühlvorlage, in welcher sich

der Theer absetzt, eiserne Röhren eingekittet und pflegten das aus

diesen Röhren entweichende Gas des Nachts anzuzünden und die Flamme des

Gases zur Beleuchtung zu benutzen. Der Lord selbst verbrannte das Gas

in der Abtei als Gegenstand der Curiosität. Alle diese Versuche waren

nur vereinzelt dastehende Vorläufer der englischen Erfindung der

Leuchtgasfabrikation, welche man dem Engländer =William Murdoch=

verdankt. Der Anfang der eigentlichen Gasbeleuchtung datirt sich vom

Jahre 1792, wo =Murdoch= sein Haus und seine Werkstätte zu Redruth in

Cornwall mit _aus Steinkohlen_ erhaltenem Gase erleuchtete. Sein

Verfahren wurde aber erst etwa zehn Jahre später bekannt, weshalb denn

die Franzosen ihrem Landsmann =Lebon=, der 1801 mit einem aus Holz

gewonnenen Gase seine Wohnung nebst Garten erleuchtete, diese

Erfindung zuschreiben. Die erste Gasbeleuchtung im Grossen wurde 1802

von =Murdoch= in der Maschinenfabrik von =Watt & Bolton= in Sohofoundry

bei Birmingham und 1804 in einer bedeutenden Spinnerei zu Manchester

ausgeführt. Von nun an fand die Gasbeleuchtung immer weitere und

grossartigere Anwendung und ist in London unter allen Städten am

umfassendsten geworden. Lange Zeit wurde die neue Beleuchtungsart

ausschliesslich auf Fabriken und ähnliche Etablissements angewendet,

ehe sie in dem eigentlichen bürgerlichen Leben Eingang fand. Dies war

der Fall im Jahre 1812, in welchem Londons Strassen mit Gas beleuchtet

wurden. Im Jahre 1820 wurde in Paris die Gasbeleuchtung eingeführt.

Nach dem Vorgange der beiden Metropolen machte die Verbreitung der

Gasbeleuchtung in Städten rasche Fortschritte und in wenigen Jahren

wird sie ihren Lauf um die civilisirte Welt vollendet haben, da die

Verbesserungen in der Fabrikation, namentlich die von =v. Pettenkofer=

eingeführte Leuchtgasfabrikation aus Holz und Torf, ferner die mit

Erfolg gekrönten Bestrebungen =H. Hirzel='s, die Petroleumrückstände

zur Leuchtgasbereitung zu verwenden, den Preis des Gases

ausserordentlich ermässigt haben und die Einführung dieser

Beleuchtungsart selbst in kleineren Städten gestatten. Es ist sogar mit

Sicherheit zu erwarten, dass in nicht ferner Zeit das Gas wie jetzt als

Leuchtmaterial, so als Heizmaterial den Wohnungen zugeführt werden

wird. Von der Einführung des Wassergases ist in dieser Richtung noch

sehr viel zu hoffen.

Das Princip der Gasbeleuchtung ist, wie schon im Eingange gesagt worden

ist, ganz dasselbe wie das der übrigen Beleuchtungsmethoden, da es,

wissenschaftlich gesprochen, keine andere Beleuchtung als

Gasbeleuchtung giebt. Wenn man in Erwägung zieht, dass in dem

brennenden Dochte das Leuchtgas aus dem Leuchtmaterial erzeugt und fast

in demselben Augenblicke verbrannt wird, so ist es einleuchtend, dass

die Beleuchtung mit Oel (Rüböl, Solaröl und Petroleum), Wachs, Paraffin

oder Stearinsäure sich von der Gasbeleuchtung nur durch den Ort der

Gaserzeugung und durch die Zeit der Verbrennung unterscheidet. In

dieser Beziehung könnte man die Gasbeleuchtung einen Rückschritt und

folgende Bemerkung eines bekannten Chemikers eine sehr treffende

nennen. »Wäre die Gasbeleuchtung die ursprüngliche, oder hätte man

später die Kerze oder die Lampe erfunden, in welcher die complicirten

Operationen der Gasfabriken gewissermaassen zu einem Mikrokosmos

selbstthätig und selbstregulirend verschmolzen sind, so würde man diese

Erfindung sicher zu den grössten unseres Jahrhunderts rechnen und als

einen Triumph der Intelligenz preisen.« Wollte man Leuchtgas aus Oel

oder aus Wachs oder aus Stearinsäure und Paraffin darstellen, so wäre

der citirte Ausspruch gerechtfertigt, so aber wendet man Materialien

wie Steinkohle, Holz, Torf, Fabrikrückstände u. s. w., überhaupt

Substanzen zur Gaserzeugung an, die für sich nie als Leuchtmaterialien

benutzt werden können. Ausserdem ist wohl zu berücksichtigen, dass bei

dem gegenwärtigen Stand der Dinge die Steinkohlengasanstalten, sowie

die Holzgasfabriken auch Verkokungsanstalten sind, welche durch den

Verkauf von Koks und Kohle und die Verarbeitung der Nebenprodukte

(Theer, Ammoniakwasser, Schwefel der Laming'schen Masse) häufig einen

erklecklichen Nebengewinn beziehen.

[Sidenote: Rohmaterialien der Gasbeleuchtung.]

Die =Rohmaterialien zur Gaserzeugung= sind Steinkohlen, Holz, Harz, Fett,

Oel, Petroleum und Wasser. Das aus diesen Materialien erzeugte Gas wird

je nach der Substanz, die zu seiner Darstellung diente, =Steinkohlengas=,

=Holzgas=, =Harzgas=, =Oelgas=, =Petroleumgas=, =Wassergas= genannt.

[Sidenote: Steinkohlengas.]

I. =Steinkohlengas=[178]. Die Steinkohlen bestehen aus Kohlenstoff,

Wasserstoff, Sauerstoff, kleinen Mengen von Stickstoff,

Aschebestandtheilen und grösseren oder geringeren Mengen Schwefelkies. In

technischer Beziehung unterscheidet man =Backkohlen=, die sich beim

Erhitzen erweichen und aufblähen, =Sandkohlen=, die beim Erhitzen nur

eine Volumenverminderung zeigen, und endlich =Sinterkohlen=, welche beim

Erhitzen zusammensintern und zusammenfallen. Die Backkohlen zeichnen sich

durch grossen Wasserstoffgehalt aus und sind deshalb die zur

Leuchtgasfabrikation geeignetsten Kohlen. Nach =H. Fleck= enthalten die

besten derartigen Kohlen auf 100 Th. Kohlenstoff 2 Th. gebundenen und 4

Th. disponiblen Wasserstoff. Unter denjenigen Backkohlen, die man

schlechtweg =Gaskohlen= nennt, zeichnet sich wieder die Cannelkohle aus,

die nur in einigen Gegenden des britischen Reiches, so z. B. in

Lancashire im Norden Englands und auch in Schottland in der Nähe von

Glasgow gefunden wird. Der Name rührt von der hellen Flamme her, mit

welcher sie brennt. Aermere Volksklassen verrichten beim Scheine

derselben ihre häuslichen Geschäfte; nun heisst _Candle_ eine Kerze, also

Kerzenkohle. Der Cannelkohle stehen die Kohlen von Newcastle und die

=Bogheadkohle= und die böhmische Blattelkohle, von der weiter unten die

Rede sein wird, sehr nahe. In Frankreich und Belgien wendet man die Kohle

von Mons und Commentry, in Deutschland sächsische, schlesische, englische

und rheinische oder westphälische Kohlen an. Die zur Gasfabrikation sich

eignenden Kohlen dürfen nur wenig Schwefel enthalten und nach dem

Verbrennen nur sehr geringe Mengen Asche hinterlassen.

[178] 1 Kubikmeter = 35,31 engl. Kubikfuss

40,22 bayer. "

32,34 rhein. "

31,65 Wiener "

1000 Kubikfuss englisch = 28,31 Kubikmeter

= 1138 bayer. Kubikfuss

915 rhein. "

896 Wiener "

1 Zollcentner deutsche Steinkohlen giebt im Durchschnitt 14 Kubikmeter

oder 500 englische Kubikfuss Gas und 35 Kilogr. oder 150

Volumenprocente Koks. Die englischen Kohlen, namentlich die Kohlen von

Newcastle geben durchschnittlich 550 Kubikfuss, die Bogheadkohle giebt

824 Kubikfuss Gas.

Die Zersetzung der Gaskohle lässt sich durch folgendes Schema

veranschaulichen: 100 Th. Steinkohle bestehend aus

Kohlenstoff 78,0 } {

Wasserstoff 4,0 } {

Stickstoff 1,5 } { Koks 70-75

Schwefel 0,8 } geben { Leuchtgas }

chem. gebundenem Wasser 5,7 } { Theer } 30-25

hygroskop. Wasser 5,0 } { Ammoniakwasser }

Asche 5,0 } { ------

----- { 100,0

100,0

[Sidenote: Produkte der Kohlendestillation.]

Die Bestandtheile der =vier= Produkte der Kohlendestillation sind

folgende:

{ Kohlenstoff 90-95

I. =Koks.= { Schwefeleisen (Fe_{7}S_{8}) }

{ Erdige Bestandtheile } 10- 5

-----

100

{ {Kohlensaur. Ammon

{ { 2(NH_{4})_{2}CO_{3} + CO_{2}

II. =Ammoniak- {Hauptbestandtheile{Schwefelammon (NH_{4})_{2}S

wasser.= {Accessorische {Chlorammon NH_{4}Cl

{ Bestandtheile {Cyanammon NH_{4}CN

{ {Schwefelcyanammon NH_{4}CNS

{ { {Benzol C_{6}H_{6}

{ { {Toluol C_{7}H_{8}

{ { {Xylol C_{8}H_{10}

{ {flüssige{Cumol C_{9}H_{12}

{ { {Cymol C_{10}H_{14}

{ { {Propyl C_{3}H_{7}

{Kohlen-{ {Butyl C_{4}H_{9} u. s. w.

{wasser {

{stoffe { {Naphtalin C_{10}H_{8}

{ { {Acetylnaphtalin C_{12}H_{10}

{ { {Fluoren (?)

{ { feste {Anthracen C_{14}H_{10}[179]

{ { {Methylanthracen C_{15}H_{12}

{ { {Reten C_{16}H_{12}

{ { {Chrysen C_{18}H_{12}

{ { {Pyren C_{16}H_{10}

III. =Theer.= {

{ {Carbolsäure C_{6}H_{6}O

{ {Kresylsäure (Cresol) C_{7}H_{8}O

{ {Phlorylsäure (Phlorol) C_{8}H_{10}O

{Säuren{Rosolsäure C_{20}H_{16}O_{3}

{ {Oxyphensäure C_{6}H_{6}O_{2}

{ {Kreosot, bestehend {C_{7}H_{8}O_{2} }

{ {aus den drei {C_{8}H_{10}O_{2} }

{ {homologen Körpern {C_{9}H_{12}O_{2} }

{ Verbindungen der Oxyphensäure

{ und damit homologer Säuren

{ mit Methyl.

{ {Pyridin C_{8}H_{5}N Iridolin C_{10}H_{9}N

{ {Anilin C_{6}H_{7}N Cryptidin C_{11}H_{11}N

{Basen {Picolin C_{6}H_{8}N Acridin C_{12}H_{9}N

{ {Lutidin C_{7}H_{9}N Coridin C_{10}H_{15}N

{ {Collidin C_{8}H_{11}N Rubidin C_{11}H_{17}N

{ {Leukolin C_{9}H_{7}N Viridin C_{12}H_{19}N

{Anthracen

Asphalt bildende Bestandtheile {Brandharze

{Kohle

{ { {Acetylen C_{2}H_{2}

{ {Gase {Elayl C_{2}H_{4}

{ { {Trityl C_{3}H_{6}

{ { {Ditetryl C_{4}H_{8}

{ {

{[Greek: a]) { {Benzol C_{6}H_{6}

{Leuchtende { {Styrolen C_{8}H_{8}

{Bestandtheile { {Naphtalin C_{10}H_{8}

{oder Lichtgeber{Dämpfe{Acetylnaphtalin C_{12}H_{10}

{ { {Fluoren ?

{ { {Propyl C_{3}H_{7}

{ { {Butyl C_{4}H_{9}

IV. =Leucht- {

gas.= {[Greek: b])

{Verdünnende {Wasserstoff H_{2}

{Bestandtheile {Methylwasserstoff CH_{4}

{oder {Kohlenoxyd CO

{Lichtträger

{

{ {Kohlensäure CO_{2}

{ {Ammoniak NH_{3}

{[Greek: g]) {Cyan CN

{Verunreinigende{Schwefelcyan CNS

{Bestandtheile {Schwefelwasserstoff SH_{2}

{ {Geschwefelte Kohlenwasserstoffe,

{ {ferner auch Schwefelkohlenstoff S_{2}C

{ {Stickstoff N

[179] Das Anthracen hat insofern eine ungeahnte Wichtigkeit erlangt,

als es =Graebe= und =Liebermann= (1869) gelungen ist, aus dem

Anthracen Alizarin darzustellen. (Vergl. Seite 667).

[Sidenote: Die Bereitung des Kohlengases.]

Die =Bereitung des Leuchtgases aus Kohlen= (ebenso wie die aus anderen

Materialien wie Holz, Harz, Oel u. dergl.) geschieht in drei auf einander

folgenden Operationen, diese sind a) die Darstellung des rohen

Leuchtgases durch Destillation der Steinkohlen in Retorten; b) die

Verdichtung des grössten Theiles der flüssigen Destillationsprodukte in

besonderen Condensationsapparaten; c) die Reinigung der gasigen Produkte

von allen die Leuchtkraft und andere Eigenschaften des Gases

beeinträchtigenden Bestandtheilen.

[Sidenote: Retorten.]

a) Die =Darstellung des rohen Leuchtgases=. Die Darstellung des rohen

Leuchtgases geschieht durch trockene Destillation der Steinkohlen, hierzu

gehört Glühhitze einerseits und andererseits möglichster Abschluss der

Luft. Die Erfüllung dieser beiden Bedingungen, an welche der Vorgang bei

der trockenen Destillation ganz besonders geknüpft ist, führte zur

Construction derjenigen Apparate, in welchen man die Destillation der

Kohle ausführt. Diese Destillationsapparate, deren sich die Gastechnik

zur Gasbereitung bedient, heissen =Retorten=. Die ersten

Leuchtgasretorten waren Cylinder von =Gusseisen=. Der Umstand aber, dass

sich die eisernen Retorten zu leicht abnutzten, auch kostspielig in der

Anschaffung waren, gab die Veranlassung der Einführung der =thönernen=

Retorten, die man (wie die Charmotte-Gasretorten) mit oder ohne

Porcellanglasur darstellt. Was die =Dimensionen= derselben betrifft, so

verwendet man meist solche, welche ungefähr 100 Kilogr. Kohlen zu fassen

vermögen und von diesem Quantum etwa zur Hälfte bis zu 0,6 des inneren

Raumes angefüllt werden. Derartige Retorten haben in der Regel 54

Centimeter Durchmesser der grossen, 43 bis 45 Centimeter Durchmesser der

kleinen Axe und eine Länge von 2,5-3 Meter. An dem Ende ist die Retorte

meist durch eine feste, senkrecht auf die Länge stehende Wand, seltener

gewölbeartig geschlossen.

In London bedient man sich neuerdings zur Destillation der Kohlen

eigenthümlicher Retorten, die weder von Eisen sind, noch von Thon, auch

nicht aus einem Stück, sondern aus einzelnen nach dem Modell der

Retorten geformten Steinen oder Plattenstücken aus einem feuerfesten

Material, den =Dinasteinen= (vergl. S. 375) aufgemauert sind. Diese

Steine bestehen aus einem feuerfesten Sand (fast reinem Quarzsand)

welchen man nach dem Zerkleinern und Anfeuchten mit 1 Proc. Kalk mengt,

zu Platten presst, trocknet und brennt. Als Mörtel beim Aufbauen der

Retorten aus Dinasteinen benutzt man einen eisenhaltigen, im

Gasofenfeuer etwas erweichenden oder sinternden Thon. Genannte Retorten

sind bedeutend wohlfeiler als die Retorten aus einem Stück und sollen

nach der Erfahrung der Ingenieure der _Chartered-Gas-Company_ bis zu

fünf Jahren stehen. Ausser den Retorten von Gusseisen, Dinasteinen und

Thon hat man auch deren aus =genietetem Eisenblech=; sie sind von der

Form flacher breiter Backöfen, werden meist einzeln in eine Feuerung

gelegt, auf der unteren Seite häufig aus einer gusseisernen Platte

bestehend und mit Backsteinen armirt.

[Sidenote: Der Verschluss der Retorte.]

Der Deckel, welcher zum Verschluss des offenen Retortenendes dient, wird

nicht an die Retorte, sondern an ein Mundstück oder einen Kopf aus

Gusseisen befestigt, der mit der Retorte durch Flantschen und Schrauben

verbunden ist. Auch bei den thönernen Retorten ist das Mundstück von

Gusseisen. Die Wand der Thonretorte ist am Rande verstärkt und in diesem

Theile sind in die Thonmasse 6 oder 8 eiserne Bolzen eingesenkt, deren

aus dem Thon hervorragende Theile Schraubenspindeln vorstellen. Letztere

werden durch Oeffnungen in den Flantschen des eisernen Kopfes

hindurchgesteckt und auf der anderen Seite durch Schraubenmuttern

angezogen. Zum Dichten der Fugen zwischen Retorte und Kopf dient eine

Mischung aus Eisenfeile und Gyps, welche mit Salmiaklösung zu einem Brei

angerührt wird. Auf dem oberen Theile des Mundstückes ist ein Stück

Gasrohr mit der dazu gehörigen Flantsche aufgegossen, auf welchen das

Rohr zur Leitung des Gases in die Vorlage aufgesetzt wird. Da das

Mundstück ausserhalb der Feuerung sich befindet, mithin eine weit

grössere Dauer hat als die im Feuer liegende Retorte, so wird es beim

Auswechseln der Retorte immer wieder gebraucht, daher die Retorten immer

nach dem nämlichen Modell gegossen werden müssen.

[Illustration: Fig. 282.]

[Illustration: Fig. 283.]

[Illustration: Fig. 284.]

[Illustration: Fig. 285.]

[Illustration: Fig. 286.]

[Illustration: Fig. 287.]

Fig. 282 zeigt das Mundstück einer D förmigen Gasretorte in der

Vorderansicht, Fig. 283 im Durchschnitt. _B_ ist die Oeffnung, durch

welche die Retorte beschickt und entleert wird; sie wird mit dem Deckel

_n_ mit Hülfe von Riegeln verschlossen, zu deren Aufnahme angegossene

Oehren _s s_ vorhanden sind. _o o_ ist die Flantsche mit vier

Schraubenmuttern, _D_ das angegossene Stück Rohr. Der =Deckel= aus

Gusseisen hat die Form des Querschnittes der Retorte (Fig. 284 und

285). Auf der inneren Seite befindet sich längs dem Rande eine

Verstärkung, welche in die Oeffnung _B_ des Mundstückes passt, auf der

Aussenseite ist der Deckel mit einer kreuzförmigen Verstärkung

versehen. Die gasdichte Befestigung des Deckels, nachdem die Retorte

mit Kohlen beschickt worden ist, geschieht auf zweierlei Art. Nach der

ersten Methode, durch Fig. 286 in der Seitenansicht veranschaulicht,

werden durch die am Mundstück seitlich angegossenen Röhren _m m_

schmiedeeiserne Schienen eingeschoben und hinten durch Splinte oder

Keile festgehalten. Die beiden Schienen haben vorn correspondirende

Oehren, durch welche die Querschiene _p_ gesteckt wird, welche letztere

in der Mitte eine Schraubenmutter hat, durch welche die mit der

Handhabe _a_ versehene Schraubenspindel geht; durch Anziehen der

Schraube presst man den Deckel _n n_ gegen das Mundstück an. Vor dem

Auflegen des Deckels wird dessen Rand, sowie der Rand des Mundstücks

mit einem Kitt überstrichen, der aus Lehm und Sand oder aus gebrauchtem

Reinigungskalk oder dergleichen besteht. Die andere Art der Befestigung

des Deckels auf der Retorte ist in Fig. 287 in der Seitenansicht

dargestellt. Die durch die Oehren _m m_ des Mundstückes gesteckten

eisernen Schienen bilden am vorderen Ende gekrümmte Haken, welche eine

Querschiene _a_ aufzunehmen bestimmt sind. Letztere trägt in der Mitte

und rechtwinkelig zu ihr eine zweite Eisenstange _H_, die an ihrem Ende

mit einer Kugel belastet ist, am anderen aber Kniegestalt hat und mit

dem kürzeren abgerundeten und gebogenen Hebelarme nach dem Principe des

Kniehebels, indem der lange Arm die Kugel nach abwärts zieht, den

Deckel _n_ festdrückt.

[Sidenote: Retortenofen.]

=Retortenofen.= Die mit dem Mundstück oder dem Retortenkopf versehenen

(armirten) Retorten werden horizontal in den =Retortenofen= (Gasofen)

(Fig. 288) in der Art eingemauert, dass der Hals der Retorten frei

bleibt. Die Anzahl der Retorten in einem Ofen beträgt in grösseren

Gasfabriken 5-7, doch giebt es auch Oefen mit 12 und 13 Retorten.

[Sidenote: Chargiren der Retorten und Destillation der Kohlen.]

Das =Chargiren= (oder Laden) der =Retorten= geschieht meist mittelst

einer muldenförmigen Schaufel aus Eisenblech, welche die Länge der zu

beschickenden Retorte hat und die Gesammtmenge Kohlen fasst, welche die

Retorte zu einer Charge braucht. Man führt die mit Kohlen gefüllte

Schaufel einfach in die Retorte ein, wendet sie um und zieht sie leer

wieder heraus. Die Steinkohlen oder Bogheadkohlen bleiben in ziemlich

gleichmässiger Schicht auf dem Boden der Retorte liegen und füllen

dieselbe höchstens bis zur Hälfte an. Nach dem Schliessen der beschickten

Retorte findet sogleich lebhafte Entwickelung von Gas statt, welche nach

und nach schwächer und nach Ablauf von 4-5 Stunden so schwach wird, dass

man mit der Destillation aufhört. Zu diesem Behufe öffnet man den

Retortendeckel und zündet zuvörderst die entweichenden Gase an, um einer

Explosion derselben vorzubeugen. Der in der Retorte befindliche

Rückstand, die =Koks= (bei Anwendung von Bogheadkohle die Schieferasche),

welche gewöhnlich zu einer Masse zusammengebacken sind, werden mit Hülfe

einer eisernen hakenförmigen Vorrichtung herausgezogen, entweder im

glühenden Zustande sofort zur Heizung verwendet, oder, wie es fast immer

der Fall ist, in eisernen Karren aufgesammelt, auf den Hof oder einen

besonderen Platz gefahren und durch Wasser abgelöscht. Sofort nach dem

Entleeren wird die Retorte von neuem beschickt. Es werden nie alle

Retorten eines Ofens zu gleicher Zeit beschickt. Zum Heizen der Retorten

dienen in der Regel Koks. Man nimmt an, dass zum Heizen der dritte Theil

der in der Gasfabrik erzielten Koks verbraucht wird.

[Illustration: Fig. 288.]

[Sidenote: Die Vorlage.]

Ein jeder Gasofen ist mit einer =Vorlage= (Hydraulik, Trommel) versehen,

durch welche die =Aufsteigröhren= mit den Retorten in Verbindung stehen.

Sie ist in der Regel auf den vorderen Theil des Ofens gelegt. Die

Gasabzugsröhren haben einen Durchmesser von 12-18 Centimeter und steigen

senkrecht nahe der Retortenmündung auf. Die Vorlage selbst ist ein weites

horizontal liegendes Rohr (vergl. Fig. 288 _B_; in letzterer ist die

Vorlage im Durchschnitt, rechtwinklig zur Längenaxe abgebildet) von

Gusseisen oder von genietetem Eisenblech und von 30-60 Centimeter

Durchmesser. Gewöhnlich läuft eine einzige Vorlage über eine ganze

Ofenreihe und selten giebt man jedem einzelnen Gasofen seine eigene

Vorlage. Die Vorlage ist entweder cylindrisch oder von [D liegend] förmigem

Querschnitte.

[Illustration: Fig. 289.]

[Illustration: Fig. 290.]

Der Zweck der Vorlage ist, aus sämmtlichen Retorten des Gasofens die

flüchtigen Produkte der trockenen Destillation aufzunehmen und zu

gleicher Zeit eine hydraulische Absperrung der einzelnen Retorten in

der Art herbeizuführen, dass die in der Vorlage nicht condensirten

Produkte zwar weiter nach den Verdichtungen und Reinigungsapparaten

gehen, aber nicht rückwärts in die Retorte treten können. Die Art der

Verbindung der Gasabzugsröhren mit der Vorlage ist gewöhnlich der Art,

dass Sattelröhren zur Anwendung kommen, wie in Fig. 289, wo _A_ das

Aufsteigrohr, _B_ das Sattelrohr, _C_ das in die Vorlage hinabreichende

Rohr, _D_ die Vorlage selbst darstellt, _m_ ist die Sperrflüssigkeit.

Eine andere Verbindungsweise der Vorlage mit dem Aufsteigrohr ist in

Fig. 290 abgebildet. Wie aus den beiden Zeichnungen ersichtlich ist,

tauchen die Rohre _C_ in die Vorlage ein, in welcher sich eine

Flüssigkeit befindet, welche, wie in der Woulff'schen Flasche, die

untere Mündung dieser Röhren absperrt. Bei Beginn der Thätigkeit eines

Gasofens mit Wasser in die Vorlage gebracht, ist es nach kurzer Zeit

durch Theer und Theerwasser ersetzt. Damit sich aber die Vorlage nicht

zu hoch damit fülle, ist eine Theerabflussröhre der Art an der Vorlage

angebracht, dass letztere stets bis über die Höhe der Mündung des

Gasrohres mit Theer und Theerwasser angefüllt bleibe. Die abgeleiteten

Flüssigkeiten gehen nach der Theercisterne.

[Sidenote: Die Verdichtung der flüssigen Destillationsprodukte.]

b) =Die Verdichtung der Produkte der Destillation.= Die flüchtigen

Destillationsprodukte, welche in der Vorlage oder der Hydraulik nicht

verdichtet wurden und deshalb aus dem Abzugsrohre der Vorlage strömen,

bestehen aus einem Gemisch von Gas-, Wasser- und Theerdämpfen; in den

Wasserdämpfen sind Ammoniaksalze (Cyanammon, kohlensaures Ammon,

Schwefelammon u. s. w.) gelöst. Das Gemisch gelangt nun zunächst in die

=Condensatoren=, in welchen sich die Theer- und Wasserdämpfe in

tropfbarflüssigem Zustande absetzen sollen. Die Ueberführung in den

flüssigen Zustand lässt sich auf verschiedene Art herbeiführen, so durch

Erniedrigung der Temperatur, wobei man das Gemisch bei abgekühlten

festen Körpern herbeiführt oder das Gemenge durch kalte Flüssigkeiten

leitet; es lässt sich aber auch die Verdichtung bewirken durch längeres

Verweilen des Gemisches in einem von aussen abgekühlten Röhrensysteme.

[Illustration: Fig. 291.]

Anfänglich wendete man die Abkühlung mit Wasser an, wobei man auf

ähnliche Weise verfuhr, wie bei der Verdichtung der Branntwein- und

Spiritusdämpfe in den Kühlapparaten der Brennereien. Die

Luftcondensation, die später an die Stelle der Verdichtung mit Hülfe

von Wasser trat, verfuhr und verfährt auf die Weise, dass man die

Destillationsprodukte einen langen Weg durch ein Röhrensystem aus

Gusseisen zurücklegen lässt, wobei die Produkte ihre Wärme in Folge der

guten Leitung des Gusseisens an die Luft abgeben; die dem Gase

beigemengten Wasser- und Theerdämpfe werden dadurch in Flüssigkeiten

übergeführt. Der gegenwärtig übliche Condensator besteht, wie er Fig.

291 im Vertikaldurchschnitte abgebildet ist (auch Fig. 288 zeigt in _D_

einen ähnlichen Verdichtungsapparat), aus einer Reihe vertikaler

Röhren, welche oben durch Bogenröhren untereinander verbunden sind und

unten auf dem viereckigen Kasten _P_ stehen. Letzterer, von Gusseisen,

ist der Länge und der Quere nach durch Zwischenwände in Fächer

getheilt. Jedes Fach trägt ein Zuleitungsrohr _m_ und ein

Ableitungsrohr _n_. Zwischenwände _r_, _r_, _r_ gehen nicht ganz bis

auf den Boden hinunter, die zum Absperren dienende Flüssigkeit, welche

die einzelnen Abtheilungen abschliesst, kann somit durch den ganzen

Kasten frei sich bewegen. In diesem Kasten sammelt sich das Gaswasser

und der Theer. Der Stand der Sperrflüssigkeit wird durch Abflussröhren

_d_ (oder durch ein heberförmig gebogenes Rohr _H_ in Fig. 288)

regulirt; die condensirte Flüssigkeit wird in den ausgemauerten Kasten

_Q_ geleitet und geht von da durch ein vom Boden des Kastens

abführendes Rohr nach der Theercisterne. Die abwärts führenden

Zuleitungsröhren tauchen ein wenig in die Sperrflüssigkeit ein, wodurch

das Gas gezwungen wird, durch letztere hindurchzugehen. Die Wirkung des

so construirten Kühlapparates wird beträchtlich erhöht, wenn man aus

einem oberhalb desselben angebrachten Wasserreservoir Wasser über

denselben strömen lässt, welches an den Röhren herabrinnend, zum Theil

verdunstet und dadurch das Röhrensystem abkühlt. Die Anzahl, die Länge

und die Weite der Kühlröhren ist von der Gasmenge abhängig, welche

innerhalb einer bestimmten Zeit abzukühlen ist. Im Allgemeinen rechnet

man 50-90 Quadratfuss Röhrenoberfläche für je 1000 Cubikfuss Gas pro

Stunde.

[Sidenote: Scrubber.]

Der =Scrubber= (Kokscondensator), welcher zur bessern Condensation neben

den Röhrencondensers häufig Anwendung findet, bietet das Eigenthümliche,

dar, dass das Gas mit der Kühlflüssigkeit in unmittelbare Berührung

gebracht wird. Der Scrubber gründet sich auf das Princip, das Gas in

einem nicht zu grossen Raume mit einer möglichst grossen Oberfläche in

Berührung zu bringen, und besteht aus eisernen, aus genieteten Blechen

zusammengesetzten Cylindern (auch, wie in englischen Gasanstalten häufig

aus Tonnen), welche mit Koksstückchen (oder Steinen oder groben

Holzspänen oder auch Reissigbündeln, auch zuweilen Drainröhren) angefüllt

sind, welche durch herabträufelndes Wasser feucht erhalten werden. Der

Scrubber, welchen man auch =Wascher= nennt, weil in der That das Gas in

ihm gewaschen wird, hat den Zweck, dem rohen Gas vor seinem Eintritt in

die Reinigungsapparate schon einen Theil des Schwefelwasserstoffes und

Schwefelammons zu entziehen, ferner aber auch die Absonderung der

mechanisch durch den Gasstrom mit fortgerissenen Theertheilchen zu

vervollständigen.

[Illustration: Fig. 292.]

Fig. 292 zeigt die Durchschnittszeichnung eines Scrubbers (auch in Fig.

288 ist die Scrubbervorrichtung _o o_ eingeschaltet). Der Cylinder hat

einen Durchmesser von 1-1/3-1-1/2 Meter und 3-4 Meter Höhe und ist,

wie erwähnt, mit Koksstücken gefüllt, über welche sehr häufig ein

hohles Drehkreuz _H_, wie man es in den englischen Brauereien zum

Befeuchten der in Malz überzuführenden Gerste anwendet, unablässig

Wasser sprengt. Das zu waschende Gas tritt durch das Rohr _i_ in

den Waschapparat ein, bewegt sich zwischen den nassen Koks hinauf,

geht durch das Rohr _m_ abwärts und tritt dann in einen zweiten

Scrubber. Am untersten Theile des Leitungsrohres ist für den Abzug des

Waschwassers und des Theeres Sorge getragen, welche in dem Reservoir

_M_ sich ansammeln. Der Durchgang des Gases durch einen Scrubber

erfordert einen sehr geringen, kaum bemerkbaren Druck, bringt aber

die Gaspartikelchen mit so grosser feuchter Fläche in Berührung, dass

durch die Anwendung des Kokscondensators der Aufwand an Kalk und

anderen Reinigungsmaterialien in dem Reinigern beträchtlich vermindert

wird.

[Sidenote: Exhaustor.]

Der =Exhaustor= (Aspirator) ist eine Vorrichtung, welche zwischen dem

Condenser und dem Reinigungsapparat eingeschaltet ist und den Zweck hat,

den Druck in den Retorten, welcher, wie man annimmt, der Hauptgrund zur

theilweisen Zersetzung des Gases und des Kohlenabsatzes an den

Retortenwänden ist, zu vermindern und somit dem Entweichen von Gas durch

Poren und Risse der Retorten entgegenzuwirken. Besonders seit der

Einführung der Thonretorten, deren Masse an sich schon nicht gasdicht ist

und in welcher ausserdem leicht sich Sprünge bilden, durch welche bei

einem Druck von mehreren Fuss Wasserhöhe grosse Mengen von Gas entweichen

würden, und seitdem man erkannt hat, wie wichtig es für die Gasausbeute

und für die Beschaffenheit des Gases sei, die flüchtigen Produkte der

trocknen Destillation der zur Gasbereitung dienenden Materialien

möglichst schnell aus den Retorten zu entfernen, um sie aus dem Bereiche

der zersetzenden Einwirkung der glühenden Retortenwände zu bringen,

wendet man die von =Grafton= im Jahre 1839 in die Gasindustrie

eingeführten Exhaustoren an.

Der von =Grafton= construirte Exhaustor, durch welchen das Gas aus den

Retorten gesaugt und der Druck auf ein Minimum reducirt werden sollte,

besteht aus einem Kasten, in welchem sich ein Schöpfrad mit vier

Schaufeln befindet, das reichlich zu drei Viertheilen im Wasser steht;

die vier Schaufeln sind nach Form der Kreisevolente gebogen. Wird das

Rad in der Richtung der Schaufeln gedreht, so sinkt das Gas, das

zwischen je zwei Schaufeln oben aufgenommen wird, nach und nach bis zum

Mittelpunkte des Rades hinab und entweicht von hier aus durch zwei

Seitenöffnungen. Der Unterschied des Wasserstandes giebt den Druck an,

welcher von dem Apparate aufgehoben wird. Es gelang dem =Grafton='schen

Exhaustor nicht, sich Eingang in die Gasfabriken zu verschaffen, doch

verdient er als der erste Saugapparat immerhin Erwähnung. Zunächst

entstanden nun die =Glocken-Exhaustoren=, die in der That nichts

anderes waren als hydraulische Luftpumpen, wie man sie z. B. auch

verwendet in der Papierfabrikation bei der Entwässerung des endlosen

Papierblattes durch Luftdruck und in der Essigfabrikation zur

Entfernung der entsauerstofften Luft und zur Verdichtung der Dämpfe in

dem Sperrwasser. Bei den Glocken-Exhaustoren wurden zwei an einem

Balancier befestigte eiserne Glocken, welche mit den Gasleitungsröhren

in Verbindung standen, in einem mit Wasser angefüllten Reservoir auf-

und niederbewegt und so ein Saug- und Druckapparat mit hydraulischem

Verschluss gebildet. Die Wasserschlussventile waren bei einer Art von

Glockenexhaustor durch Klappventile vertreten. Der von =Anderson=

construirte Kolben-Exhaustor stimmt in seiner Wirkungsweise mit einem

Cylindergebläse überein und wird durch eine Dampfmaschine in Thätigkeit

versetzt. Dasselbe gilt von dem Exhaustor von =G. Kuhn= (in Berg bei

Stuttgart), welcher in seiner Einrichtung einer doppelt wirkenden Pumpe

ähnlich ist, beim Auf- und Niedergange des Kolbens aus der Vorlage das

in den Retorten producirte Gas durch Klappöffnungen ansaugt und es

durch Oeffnungen nach den Reinigern drückt. Die Wirkung ist mithin mit

der einer gewöhnlichen Pumpe für den Fall übereinstimmend, dass die

Gaserzeugung in den Retorten gleich der Leistungsfähigkeit des

Exhaustors ist. Kann aber in Folge zu grosser Gasentwickelung der

Exhaustor die entstehenden Gase nicht bewältigen, so öffnen sich in

Folge des Druckes in den Retorten die Saug- und Druckklappen so lange

unabhängig von der Kolbenbewegung, bis der Druck sich verändert hat.

[Sidenote: Reinigung des Leuchtgases.]

c) =Die Reinigung des Leuchtgases.= Durch den Exhaustor wird das Gas nun

aus dem Condensator und Scrubber in den =Reinigungsapparat= oder

=Epurateur= geführt, um hier von gewissen Verunreinigungen wie

Schwefelwasserstoff und Kohlensäure und verschiedenen Ammonverbindungen

wie kohlensaurem Ammon, Cyanammon, Schwefelammon (sowie auch den das

Ammoniak in dem nicht gereinigten Leuchtgas begleitenden organischen

Basen, dem Anilin, Iridolin und dergl.) befreit zu werden. Zwar ist in

dem Condensator und noch mehr in dem Scrubber ein grosser Theil dieser,

das Leuchtgas verunreinigenden Bestandtheile auf =mechanischem Wege= aus

dem Gase entfernt worden, ein Theil davon hat sich jedoch der Verdichtung

und der Wirkung des Wassers in dem Scrubber entzogen und muss nun auf

=chemischem= Wege in den Reinigern auf das Vollständigste entfernt

werden.

Als chemisches Reinigungsmittel des Leuchtgases verwendete man vom

Anfange an =Aetzkalk=, dessen Anwendung theils in nasser Form als

Kalkmilch, theils in trockner Gestalt als feuchtes Kalkhydrat erfolgt.

Der =Reiniger mit Kalkmilch=, so wie er von =Clegg= in die Gasindustrie

eingeführt und länger als 10 Jahre der allein angewandte

Reinigungsapparat war, bestand aus cylindrischen Gefässen aus Gusseisen

mit Kalkmilch angefüllt, durch welche das zu reinigende Gas strömte.

Die Kalktheilchen mussten durch eine Rührvorrichtung in steter Bewegung

erhalten werden. Ein heberförmig gebogenes Rohr, welches mit einem Hahn

oder mit einem Ventil versehen war, diente zum Ablassen der gesättigten

Kalkmilch und zur neuen Füllung des Apparates. Die Kalkmilch nahm die

Kohlensäure und den Schwefelwasserstoff, und auch einen namhaften Theil

des Ammoniaks auf. Die nasse Reinigung hat indessen in den meisten

Gaswerken der =trocknen Reinigung= durch trockenes oder angefeuchtetes

Kalkhydrat weichen müssen, weil letztere in Folge der vollkommeneren

Reinigung, ohne dass der Druck bedeutend sich steigert, grosse

Vortheile darbietet. Um den pulverförmig gelöschten Kalk zu lockern und

den Durchgang des zu reinigenden Gases durch denselben zu erleichtern,

vermengt man ihn mit Häcksel, Sägespänen, erschöpfter Gerberlohe,

erschöpften Farbholzspänen, Moos u. s. w. Solche Mischungen sind so

locker, dass man sie in Schichten von 15-20 Centimeter Dicke auf die

Siebe bringen kann, ohne dass sie einen namhaften Widerstand leisten,

und dass sie, in fünf Schichten, eine jede von 20 Centimeter Dicke

innerhalb eines Reinigers ausgebreitet, nicht viel mehr als einen

Wasserzoll Druck in Anspruch nehmen. Was die Menge Kalk betrifft,

welche zum Reinigen eines bestimmten Quantums Gas erforderlich ist, so

beträgt dieselbe auf 1000 Cubikfuss (engl.) Gas aus Newcastle-Kohlen

durchschnittlich 2,6 Kilogramm (im ungelöschten Zustande). Der

=Gaskalk= dient als Düngemittel oder als Wegbaumaterial. Er enthält

neben unverändertem Kalkhydrat Calciumsulfhydrat in so bedeutender

Menge, dass der Gaskalk in neuerer Zeit in der Gerberei zum Enthaaren

der Felle angewendet wird, wobei das Calciumsulfhydrat durch geringe

Mengen von Calciumcyanür in seiner Wirkung unterstützt wird.

Die Anwendung des Kalkes als Reinigungsmittel des Gases erwies sich,

wie die Erfahrung bald zeigte, als nicht genügend. Werden auch durch

den Kalk Schwefelwasserstoff und Kohlensäure entfernt, so bleibt doch

das Ammoniak zurück, welches in den Verbrennungsprodukten des

Leuchtgases in störender Weise sich bemerklich macht. Die beim

Verbrennen von ammoniakhaltigem Leuchtgase sich bildende salpetrige

Säure übt auf gewisse metallene Gegenstände in kurzer Zeit einen

merklichen nachtheiligen Einfluss aus. Man wurde deshalb zur

vollständigeren Reinigung des Leuchtgases gezwungen. Es lag ziemlich

nahe, zur Absorption des Ammoniaks, so wie zur Zersetzung der

Ammoniakverbindungen =Säuren= oder =Metallsalze= anzuwenden. Bis gegen

das Jahr 1840 hat man jedoch die Vorschläge, Säuren zum Reinigen des

Gases anzuwenden, wenig beachtet und zwar hauptsächlich wol deshalb

nicht, weil man auf die hierbei sich bildenden Ammoniaksalze ein zu

geringes Gewicht legte. Obgleich schon im Jahre 1835 der =Eisenvitriol=

zur Entfernung des Schwefelammons aus dem Leuchtgase vorgeschlagen und

angewendet wurde, so wurden doch erst von =Mallet= 1840 die

=Metallsalze= und besonders das in den Chlorkalkfabriken in grosser

Menge sich bildende Manganchlorür, ferner das Eisenchlorür und der

Eisenvitriol zum Reinigen des Gases in die Gastechnik eingeführt. Weit

wichtiger indessen als alle vorstehenden Reinigungsmethoden und

wahrhaft epochemachend ist das von =R. Laming= im Jahre 1847 in die

Gasbeleuchtungstechnik eingeführte =Laming='sche =Mittel=. Die

ursprüngliche Vorschrift bestand in einer Mischung von Eisenchlorür mit

Aetzkalk oder Kreide, welche, um die Masse lockerer zu machen, mit

Sägespänen versetzt werden sollte. Das Eisenchlorür zerlegt sich mit

dem Kalk oder der Kreide zu Eisenoxydul (reinem oder kohlensaurem) und

Chlorcalcium; die zuerst schwarzgrüne Farbe der Mischung geht durch

Oxydation an der Luft in Roth über und man hat dann ein Gemisch von

Eisenoxyd und Chlorcalcium. Anstatt des Eisenchlorürs wendet man bei

der Bereitung der Mischung jetzt allgemein Eisenvitriol an, welchen man

mit gelöschtem und gesiebtem Kalk und mit 1/5 bis 1/4 des ganzen

Volumens der Masse an Sägespänen mengt. Hierauf wird die Masse flach

ausgebreitet und mit Wasser benetzt. Man überlässt nun die Masse sich

selbst 24 Stunden lang, nach welcher Zeit sie zum Gebrauche geeignet

ist. Die Anwendung der Masse erfolgt in trocknen Reinigern. Nach einer

Untersuchung von =A. Wagner= in München (1867), die im wesentlichen mit

den 1862 von =Gélis= erhaltenen Resultaten, ferner mit den Arbeiten von

=E. Brescius=, =Deicke= und Anderen übereinstimmt, soll das Eisenoxyd

der =Laming='schen Masse durch den Schwefelwasserstoff in

Eisensesquisulfuret (Fe_{2}S_{3}) verwandelt werden und diese

Verbindung dann an der Luft unter Ausscheidung seines =ganzen=

Schwefelgehaltes in Eisenoxyd übergehen. Ist das =Laming='sche Mittel

längere Zeit im Gebrauche gewesen, so nimmt seine Wirkung ab, was darin

seinen Grund hat, dass der Schwefel sich darin bis zur Menge von 40

Proc. ansammelt, ferner die einzelnen Theilchen mit der Zeit mit einer

schmierigen Hülle überkleidet werden, welche den Zutritt des Gases

absperrt. Aus der erschöpften =Laming='schen Mischung kann jedoch auch

(nach =Max Schaffner='s Verfahren; vergl. Seite 202) der Schwefel in

Substanz durch Ausschmelzen unter Wasser bei Hochdruck, oder durch

Extraction mit Theeröl gewonnen werden. Wie Seite 217 ausführlich

geschildert, röstet man, nachdem das Ammoniaksalz und das Cyaneisen

(letzteres in Form von Ferrocyancalcium) daraus durch Auslaugen

entfernt wurden, das schwefelhaltige Gemenge, um schweflige Säure für

die Schwefelsäurefabrikation und andererseits Eisenoxyd zu erzeugen,

welches von Neuem zur Entschwefelung des Kohlengases dienen kann. Die

Gewinnung von Berlinerblau und Blutlaugensalz aus der =Laming='schen

Mischung wird in Paris von =Gauthier-Bouchard= im Grossen betrieben. In

Marseille stellt =Menier= beim Reinigen des Gases jährlich gegen

12-15,000 Kilogr. Schwefelcyanammonium dar.

Es ist in neuester Zeit (1869) der Vorschlag gemacht worden, dem

Leuchtgas vor der Verwendung das (für die Theerfarbendarstellung

unentbehrliche) Benzol durch schwere Theeröle zu entziehen und daraus

durch fractionirte Destillation das Benzol wieder abzuscheiden. Nach

der Abscheidung des Benzols aus dem Leuchtgas soll man letzteres mit

Dämpfen von Petroleumäther sättigen, um ihm die ursprüngliche

Leuchtkraft wieder zu geben.

[Sidenote: Gasometer.]

Der =Gasbehälter= oder =Gasometer= hat nicht nur den Zweck, als

Sammelapparat für eine grössere Quantität fertigen und gereinigten

Leuchtgases zu dienen, sondern auch, um durch den gleichförmigen Druck

auf das in ihm enthaltene Gas, ein gleichförmiges Ausströmen aus den

Brennern und in Folge dessen eine ruhige und gleich grosse Flamme

hervorzubringen. Der Gasbehälter besteht aus drei Theilen, nämlich: 1)

dem Wasserbehälter oder Bassin, einem runden wasserdichten Becken mit

vertikalen Wänden, zur Aufnahme des als Sperrflüssigkeit dienenden

Wassers bestimmt; 2) der Glocke oder der Kuppel, dem eigentlichen

Gasbehälter, welcher durch angebrachte Führungen in dem Bassin frei auf-

und abbewegt werden kann; 3) den beiden Gasleitungsröhren und zwar eine

für die Zufuhr, die andere für die Ableitung des Gases.

[Illustration: Fig. 293.]

[Illustration: Fig. 294.]

Der =Wasserbehälter= wurde früher gewöhnlich aus gusseisernen Platten

hergestellt, deren Ränder mit durchlöcherten Flantschen versehen waren,

mittelst deren sie aneinander gefügt und durch Schrauben

zusammengezogen wurden, nachdem Eisenkitt dazwischen gelegt worden war.

Gegenwärtig sind die gemauerten (aus Back- oder Sandsteinen mit Cäment

verbunden) Bassins allgemein eingeführt. Der Boden des Reservoirs

besteht entweder aus einer Ziegelsteinlage mit Cäment, unter welcher

sich eine Lage Thon oder Lehm befindet, oder es wird ein Kegel von Erde

darin stehen gelassen, welcher aber ebenfalls von einer Thonschicht

oder mit einer mittelst Cäment verbundenen Ziegelsteinlage überkleidet

sein muss. Letztere Einrichtung hat den Zweck, die Masse des Wassers im

Behälter zu vermindern. Die =Glocken= oder =Kuppeln= werden stets aus

zusammengenieteten Tafeln von Eisenblech hergestellt, die Nietfugen

sind durch Theer gedichtet und die Oberfläche der Glocke allenthalben

mit Theeranstrich versehen. Die Führung der Glocke suchte man früher

dadurch zu bewirken, dass man die im Wasserbehälter frei sich bewegende

Glocke im Mittelpunkte des Deckels an einer über Rollen laufenden Kette

aufhing, an deren anderem Ende ein Gegengewicht befindlich war, um das

Gewicht des Gasometers so weit auszugleichen, dass er beim Einsinken in

das Wasser nur den erforderlichen Druck auf das Gas ausübte, nicht mehr

und nicht weniger. Gegenwärtig sieht man von der Balancirung ab und

giebt einer durch Leitrollen bewirkten Führung den Vorzug. Die

Seitenwände der Glocken hat man dadurch zu erhöhen gesucht, dass man

diese nach Art der aus in einander schiebbaren Röhren gefertigten

Teleskope in einander geschoben und so Gasometer construirt hat, die

man mit dem Namen =Teleskop-Gasometer= bezeichnet hat. Durch diese

Einrichtung hat man einen grossen Raum für das Gas geschaffen, ohne

dass bei der ersten Füllung desselben mit Gas ein entsprechend tiefes

Wasserbassin nöthig wäre. Von den beiden Gasleitungsröhren führt die

eine, die Zuleitungsröhre das Gas zu, die andere, das Abführungsrohr,

das Gas nach dem Consumtionsorte ab. Die Röhren sind von Gusseisen und

münden entweder beide über dem Niveau der Sperrflüssigkeit (wie in Fig.

288 und 293), oder wie bei dem von =Pauwels= construirten =Gasometer

mit gegliederten Röhren=, wie ihn Fig. 294 zeigt, in dem Deckel der

Glocke. Dadurch entgeht man der Gefahr, dass die im Wasserbehälter

aufsteigenden, nur wenig über das Niveau der Sperrflüssigkeit sich

erhebenden Röhren (_s_ und _s'_ in Fig. 288), durch zufällige Umstände

mit Wasser sich füllen könnten, wodurch dann der Gasabfluss gehemmt

wäre und alle Gasflammen plötzlich verlöschen würden. Wie die

Zeichnung, zu deren Verständniss eine nähere Beschreibung nicht nöthig

ist, zeigt, wird hier der Zu- und Abfluss des Gases durch gegliederte

Röhren vermittelt, welche von der oberen Decke des Gasometers aus mit

den übrigen Röhrenleitungen communiciren. Für den Abschluss der Röhren

werden hydraulische Abschlusshähne angewendet.

Eine Scala, mit welcher jeder Gasbehälter versehen ist, giebt den Stand

der Glocke und mithin auch den Gasinhalt derselben an. Der kubische

Inhalt des Gasometers ist sehr verschieden und variirt von 1000-2000

Kubikfuss bis zu solchen von über 45 Meter Durchmesser und 20 Meter

Höhe, welche über 1 Million Kubikfuss Gas fassen. Nach der von

=Riedinger= aufgestellten Regel soll der kubische Inhalt der Glocke dem

2 bis 2-1/2fachen Betrag des täglichen Mittels aus dem Jahresconsum

entsprechen. Das Füllen des Gasometers geht auf folgende Weise vor

sich. Ist das Austrittsrohr des Gasbehälters geschlossen und strömte

durch das Zufuhrrohr Gas ein, so sammelt sich dasselbe zwischen dem

Niveau des Wassers und der gewölbten Decke des Gasbehälters an und

erleidet eine Pressung, welche auf die Oberfläche des Wassers wirkt, in

deren Folge das Wasser in der Glocke sinkt und ausserhalb derselben in

dem Wasserbehälter steigt. Hat das Wasser in dem Raume zwischen der

Wandung des Wasserbehälters und der Glocke die Höhe erreicht, bei

welcher der Wasserdruck dem Gewichte der im Wasser stehenden Glocke

gleich ist, so hebt sich, ferneres Zuströmen des Gases vorausgesetzt,

die Glocke und wird mit Gas gefüllt. Das Füllen wird fortgesetzt, bis

die Glocke so hoch gestiegen ist, dass ihr unterer Rand nur noch etwa

20 Centimeter von der Wasseroberfläche entfernt ist. Wird, nach

beendigtem Füllen der Glocke das Austrittsrohr geöffnet, so sinkt die

Glocke in dem Verhältniss, als das Gas ausströmt, in den Wasserbehälter

ein, bis sie den Boden des letzteren erreicht hat. Das Gewicht der

Glocke bestimmt den Druck, unter welchem das Gas in den Röhrenleitungen

den Brennern zugeführt wird.

Um die täglich producirte Gasmenge in der Fabrik zu messen, bedient man

sich grosser Gaszähler, die man =Fabrikations-Gasuhren= nennt; sie

haben dieselbe Construction im Wesentlichen wie die nassen Gasuhren der

Consumenten, von welchen später die Rede sein wird.

[Sidenote: Statik der Gasbereitung.]

Für eine =Statik der Gasbereitung=, welche das Gas, sein Volumen und

seine Zusammensetzung verfolgt von dem Austritt der Retorte an durch die

Vorlage, den Condenser, den Scrubber und die chemisch wirkenden Reiniger,

bis es endlich aus dem Gasbehälter durch die Röhrenleitungen dem

Consumenten zugeführt wird, sind nur wenige Materialien vorhanden. Die

werthvollsten Resultate haben die im Jahre 1860 von =Firle= in Breslau

angestellten Versuche geliefert, wobei jedoch nicht übersehen werden

darf, dass die Zahlenwerthe nur für den speciellen Fall, keineswegs aber

allgemein gültig sind.

Das Gas, um welches es sich bei den von =Firle= angestellten

Untersuchungen handelte, war Steinkohlengas; es wurde analysirt nach

dem Austritt aus dem Röhrencondenser (_a_), nach dem Austritt aus dem

Kokscondenser (_b_), nach dem Austritt aus der Waschmaschine (_c_),

nach dem Austritt aus dem mit dem =Laming='schen Mittel beschickten

Reiniger (_d_), endlich nach dem Austritt aus dem Kalkreiniger (_e_);

letzteres ist mithin vollständig gereinigtes Gas.

a. b. c. d. e.

Wasserstoff 37,97 37,97 37,97 37,97 37,97

Grubengas 39,78 38,81 38,48 40,29 39,37

Kohlenoxyd 7,21 7,15 7,11 3,93 3,97

Schwere Kohlenwasserstoffe 4,19 4,66 4,46 4,66 4,29

Stickstoff 4,81 4,99 6,89 7,86 9,99

Sauerstoff 0,31 0,47 0,15 0,48 0,61

Kohlensäure 3,72 3,87 3,39 3,33 0,41

Schwefelwasserstoff 1,06 1,47 0,56 0,36 --

Ammoniak 0,95 0,54 -- -- --

Bezieht man diese Zahlen auf absolute Mengen und nimmt dabei als

Volumeinheit den Kubikfuss an, so ergeben sich (von 1000 Kubikfuss

rohem Gas ausgegangen) nachstehende Zahlen:

Kubikfuss.

a. b. c. d. e.

Wasserstoff 380 380 380 380 380

Grubengas 390 388 384 403 394

Kohlenoxyd 72 71 71 39 30

Schwere Kohlenwasserstoffe 42 46 45 46 43

Stickstoff 48 50 69 79 100

Sauerstoff 3 5 2 5 6

Kohlensäure 40 39 34 33 4

Schwefelwasserstoff 15 15 5 3 --

Ammoniak 10 5 -- -- --

------------------------

1000 999 990 988 966

Aus vorstehender Tabelle ergeben sich die Veränderungen, welche die

Zusammensetzung des Gases während des Reinigungsprocesses erfährt,

sowie die Wirkung der verschiedenen zur Reinigung dienenden Apparate.

Strömen z. B. 1000 Kubikfuss Gas von der oben sub a angegebenen

Zusammensetzung in die Reinigungsapparate, so wird in jedem einzelnen

Apparat von den absorbirbaren Gasen, hauptsächlich von der Kohlensäure,

dem Schwefelwasserstoff und dem Ammoniak ein Bruchtheil davon

aufgenommen und zwar folgende Mengen:

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 129 / 167 题