An diese Arten der Gährung schliesst sich an

4) die =Fäulniss=, insofern die technische Chemie Mittel an die Hand

giebt, die Fäulniss zu verhindern oder die bereits eingetretene

aufzuhalten. Auf der Kenntniss und Anwendung dieser Mittel beruht die

Conservation der Nahrungsmittel.

[Sidenote: Geistige Gährung.]

Die =geistige= oder =Alkoholgährung= bewirkt das Zerfallen gewisser

Zuckerarten, und zwar der Dextrose (Glycose, Traubenzucker), der Levulose

(Chylariose, Schleimzucker) und der Galaktose (Lactose) in eine Anzahl

von Produkten, unter denen Alkohol und Kohlensäure als Hauptprodukte

auftreten. Insofern Rohrzucker und Milchzucker im Stande sind, in

intervertirten Zucker (ein Gemenge von Dextrose und Levulose) und in

Galaktose überzugehen, rechnet man auch diese Zuckerarten zu den

gährungsfähigen. In gewisser Hinsicht schliesst sich ihnen das Stärkemehl

an. Nach den Untersuchungen von =Lermer= und v. =Liebig= (1870) geht

Dextrin, bei Gegenwart von Zucker, gleichfalls in Alkohol und Kohlensäure

über. Sieht man einen Augenblick von allen solchen Gährungsprodukten ab,

die nur in geringerer Menge auftreten, so erzeugen 100 Gewichtstheile:

Alkohol. Kohlensäure.

krystallis. Dextrose C_{6}H_{14}O_{7} 46,46 + 44,40 = 90,86

wasserfreie Dextrose C_{6}H_{12}O_{6} 51,1 + 48,9 = 100

Rohrzucker C_{12}H_{22}O_{11} 53,80 + 51,46 = 105,26

Stärkemehl C_{6}H_{10}O_{5} 56,78 + 54,32 = 111,10

1 Molek. Dextrose C_{6}H_{12}O_{6} = 180 } giebt

}

{ 2 Molek. Alkohol 2C_{2}H_{6}O = 92

{ 4 " Kohlensäure 2CO_{2} = 88

---

180

In neuerer Zeit hat =Pasteur= gezeigt, dass bei der Alkoholgährung

keine Milchsäure, deren Gegenwart früher angenommen wurde, auftritt,

dass dagegen =Bernsteinsäure= ein constantes Produkt der Gährung sei,

dessen Menge wenigstens 0,6-0,7 Proc. vom Gewicht des Zuckers beträgt.

Ferner bildet sich =Glycerin= (über 3 Proc. vom Zucker), welches in

allen gegohrenen Flüssigkeiten, namentlich im Wein enthalten ist. Die

5-6 Proc. vom Gewicht des Zuckers, welche nicht Alkohol liefern,

zerfallen bei der geistigen Gährung in:

Bernsteinsäure 0,6-0,7

Glycerin 3,2-3,6

Kohlensäure 0,6-0,7

Cellulose, Fettsubstanz u. s. w. 1,2-1,5

-------

5,6-6,5

[Sidenote: Hefe.]

Das Ferment der geistigen Gährung, die =Hefe=, deren Natur zuerst von

=Cagniard-Latour= erkannt, in neuerer Zeit von =A. de Bary=, =J.

Wiesner=, =Hoffmann=, =Bail=, =Berkley=, =Pasteur=, =Hallier=, =Béchamp=,

=Lermer= festgestellt wurde, scheidet sich während der Gährung sowol an

der Oberfläche der gährenden Flüssigkeit, als auch am Boden der

Gährungsgefässe als feine, gleichförmig thonfarbig-weissliche Masse aus.

Im ersteren Falle heisst sie =Oberhefe=, sie bildet sich unter anderem

bei der Gährung des obergährigen Bieres, was man in vielen Gegenden

Norddeutschlands, in England und in Strassburg braut; auch die in der

Bäckerei zum Aufgehen des Teiges angewendete Hefe (Bärme) ist Oberhefe;

sie macht ferner einen Bestandtheil des Sauerteiges aus, in letzterem

Falle im Gemenge mit Milchsäurehefe. Für die Gährungsgewerbe hat die

Oberhefe eine untergeordnete Bedeutung. Die =Unterhefe= ist das Ferment

der Weingährung und der Gährung der Bierwürze nach dem bayerischen und

Schwechater Brauverfahren. In der Branntweinbrennerei ist die Hefe meist

ein Gemenge von Ober- und Unterhefe.

Frische Hefe erscheint als ein schmutzig gelbgrauer oder röthlicher

Schlamm von unangenehmem Geruche und saurer Reaktion. Unter dem

Mikroskope lassen sich beide Hefenarten leicht unterscheiden. Die

=Oberhefe= (von obergährigem Weizenbier) besteht aus kugelförmigen oder

ellipsoïdischen Zellen von ziemlich gleicher Grösse, deren Durchmesser

höchstens 0,01 Millimeter beträgt; sie schwimmen theils einzeln, theils

mit anderen Zellen von gleicher Grösse zusammenhängend, theils mit

kleineren Nebenzellen verbunden, die so mit der grösseren Zelle

zusammenhängen, dass zwischen ihnen kein Trennungsstrich zu bemerken

ist, in der Flüssigkeit herum. Die Oberhefe erscheint als eine mit der

Zellenwand versehene Zelle, die so durchsichtig ist, dass eine

darunter befindliche Zelle deutlich wahrgenommen werden kann; in ihrer

Mitte befindet sich ein dunkler Kern (Protoplasmakörner), der aus einem

oder mehreren Stücken besteht. Die =Unterhefe= (von bayerischem

Lagerbier) besteht wol auch aus Zellen, von denen einige ihrer Grösse

nach den Oberhefenzellen ähneln, sie sind aber nicht zusammenhängend

wie jene; die meisten der Unterhefenzellen sind bei weitem kleiner und

von den verschiedensten Dimensionen; diese kleineren Zellen hängen

theils in Gruppen an den grösseren, theils unter sich zusammen, theils,

und es ist dies bei dem grössten Theile der Fall, schwimmen sie isolirt

in der Flüssigkeit herum. Die Unterhefenzellen hängen nur mechanisch

aneinander, eine Erschütterung ist hinreichend, sie zu trennen. In dem

Innern der grösseren Zellen bemerkt man deutlich kleinere Zellchen, die

sich dem Ansehen nach wie die grosse Zelle verhalten; man zählt deren

drei, vier und mehrere, oder es sind dieselben in solcher Anzahl

vorhanden, dass sie durch ihre Menge zu einer nebelartigen Masse

verschwimmen.

Ich fand durch Versuche (deren Resultate in einer 1847 von der

philosophischen Facultät der Universität Leipzig gekrönten Abhandlung

veröffentlicht wurden) die Angabe =Mitscherlich='s bestätigt, dass die

=Fortpflanzung der Oberhefe= durch Ausdehnung der Zellenhülle (durch

Knospung oder Sprossung) stattfindet und dass eine neu gebildete Zelle

erst dann sich fortpflanzen kann, wenn sich im Innern ein Kern gebildet

hat, der aber nicht von der Mutterzelle herrührt. Es geschieht fast

immer, dass ausgewachsene Zellen mit einem Theil ihrer Brut sich von

der ursprünglichen Zelle trennen. Zur Beobachtung der =Fortpflanzung

der Unterhefe= brachte ich eine ausgewachsene Unterhefenzelle, in deren

Innerem sich ein körniger Kern zeigte, mit concentrirter Bierwürze

gemischt unter das Mikroskop. Die Temperatur blieb constant 7-10°. Es

gelang nicht, die grosse Zelle von einigen nebenschwimmenden kleinen

Zellchen zu befreien, ebensowenig, die Art der Fortpflanzung zu

beobachten. Der Inhalt der Zellen bewegte sich und mit der Zeit wurde

der verschwommene Inhalt körnig; die neben der Zelle befindlichen

Zellchen und Sporen wuchsen und ihre Anzahl nahm zu, bis sich

mindestens 30-40 kleine Zellchen entwickelt hatten. Diese Zellen

(Leptothrix-Körner) waren entweder aus der Mutterzelle durch Platzen

der Zellenhülle geschlüpft oder sie hatten sich aus in der Bierwürze

bereits vorhandenen, mikroskopisch jedoch nicht wahrnehmbaren Sporen

entwickelt.

Der von der Zellenwandung getrennte Zelleninhalt gab:

aus Bieroberhefe aus Bierunterhefe

Kohlenstoff 44,37 49,76

Wasserstoff 6,04 6,80

Stickstoff 9,20 9,17

Sauerstoff, Schwefel und Asche 40,38 34,26

Die Oberhefe enthielt 2,5 Proc., die Unterhefe 5,29 Proc. Asche. Der

Schwefelgehalt beträgt durchschnittlich 0,5-0,8 Proc. Die Hefenasche

besteht wesentlich aus Kali, Phosphorsäure, Kieselerde und Magnesia.

Ueber die =Rolle der Hefe bei der geistigen Gährung= sind (ungeachtet

der neueren Untersuchungen von =v. Liebig=, =Pasteur=, =Lemaire= u. A.)

die Ansichten der Chemiker noch ziemlich getheilt. Soviel lässt sich

jedoch annehmen, dass die chemische Action bei der geistigen Gährung

mit den Lebensvorgängen der Hefe in unmittelbarster Beziehung steht und

die geistige Gährung wesentlich auf der Bildung von Hefenzellen, auf

der Entwickelung organisirter Substanz beruhe. Hierbei hat man zwei

Fälle zu unterscheiden. Die Hefe, speciell die Bierhefe, mit ihrem

botanischen Namen _Saccharomyces cerevisiae_ oder _Hormiscium

cerevisiae_ -- ein Abkömmling der Schimmelpilze _Penicillium glaucum_,

_Ascophora Mucedo_, _A. elegans_ und _Periconia hyalina_, deren Sporen

allenthalben in der Atmosphäre vorkommen -- wirkt nämlich entweder auf

reine Zuckerlösung, ohne dass Proteïnkörper vorhanden sind, oder sie

wirkt in Gegenwart von Eiweisssubstanzen. Der letztere Fall tritt ein,

wenn eine mit Eiweisskörpern versetzte Lösung von gährungsfähigem

Zucker sich selbst überlassen bleibt, so dass der Zutritt der

atmosphärischen Luft nicht ganz abgeschnitten ist. Die überall und

namentlich in Gährungslokalen in der Luft verbreiteten Hefensporen

finden in dieser Lösung einen zur Vegetation geeigneten Boden, und

indem sie sich darin zu Hefenzellen ausbilden, bewirken sie die

geistige Gährung, die in diesem Falle =Selbstgährung= genannt wird.

Möge nun in dem zweiten Falle die Hefenkultur durch künstliche

Verjüngung (zu vergleichen der Pflanzmethode der Landwirthe) oder durch

die Sporen der Luft (Saatmethode) eingeleitet worden sein, so wird man

nach beendigter Gährung immer ernten können, d. h. man wird mehr davon

sammeln, als man angewendet hat. Im ersteren Falle, wobei Zuckerwasser

mit Hefe zusammengebracht wurde, ohne dass die als Nahrungsmittel der

Hefenpflanze nothwendige Proteïnsubstanz vorhanden war, ist die Hefe

nach beendigter Gährung erschöpft und nicht ferner im Stande, Gährung

zu erzeugen. Während der geistigen Gährung wird demnach Hefe consumirt;

mithin auch in dem zweiten erwähnten Falle, wo Hefe geerntet wird; da

sich aber in Folge der vorhandenen reichlichen Nahrung grosse Massen

von neuen Hefenzellen bilden, so wird das Gewicht der verschwundenen

Hefe durch die Gewichtszunahme der regenerirten Hefe verdeckt.

[Sidenote: Bedingungen der geistigen Gährung.]

Die =Bedingungen der geistigen Gährung= fallen zusammen mit den

Bedingungen der Vegetation der Hefenpflanze, mit dem Unterschiede jedoch,

dass man bei der geistigen Gährung die grösstmöglichste Menge Alkohol

erzeugen will. Ist nicht die Alkoholproduktion, sondern die

Hefenerzeugung der Zweck der geistigen Gährung, so kann es vorkommen,

dass nur eine geringere Menge Alkohol sich bildet.

Es müssen folgende Bedingungen erfüllt sein, wenn Alkoholgährung

stattfinden soll:

1) eine _wässerige Lösung von Zucker_ und zwar von 1 Th. Zucker in 4-10

Th. Wasser. Der Zucker kann sein entweder eine gährungsfähige Zuckerart

wie Dextrose und Levulose, oder eine nicht gährungsfähige wie

Rohrzucker oder Milchzucker; in letzterem Falle muss zugleich eine

Säure oder ein anderes Agens vorhanden sein, welches den Uebergang

dieser Zuckerarten in gährungsfähige bewirkt.

2) _Gegenwart von Hefe_, und zwar von Pflanzen (Stellhefe) oder Sporen.

Im ersteren Falle nimmt man an, dass 1 Th. Hefe auf 5 Th. Zucker

hinreichend sei, um eine kräftige, normal verlaufende Gährung zu

bewirken. Soll durch Sporen die Gährung vor sich gehen (Selbstgährung),

so müssen die Bedingungen der Entwickelung der Sporen -- Proteïnkörper

und phosphorsaure Erden und Alkalien -- vorhanden sein. Ist demnach

=keine= Hefe vorhanden, so treten zu den Bedingungen der geistigen

Gährung

3) _atmosphärische Luft_, insofern dieselbe die zum Einleiten der

Gährung erforderlichen Keime liefert;

4) eine gewisse Temperatur, deren Grenzen 5° und 30° sind. In der Regel

geht die geistige Gährung jedoch bei einer Temperatur zwischen 9° und

25° vor sich. Je niedriger die Temperatur, desto langsamer verläuft die

Gährung, und umgekehrt. Bei einer Temperatur, die höher ist als 30°,

geht die Alkoholgährung leicht in andere Gährungsarten, namentlich in

Buttersäure über.

Die =vier Gewerbe=, die sich auf die geistige Gährung gründen, sind:

die =Weinbereitung=, bei welcher man nicht allen, sondern nur einen

Theil des Zuckers des Mostes in Alkohol und Kohlensäure überzuführen

sucht. Der Alkohol wird von der vergohrenen Flüssigkeit nicht getrennt.

Der grösste Theil der Kohlensäure entweicht. Ein kleiner Theil

derselben bleibt in der gegohrenen Flüssigkeit und ist zu deren

Haltbarkeit nothwendig. Bei unterdrückter Gährung wird ein Theil der

durch eine regulirte Gährung gebildeten Kohlensäure von der Flüssigkeit

absorbirt und entweicht nach Beseitigung des Druckes unter Schäumen

(Schaumweine);

die =Bierbereitung=, bei welcher die alkoholbildende Substanz meist

Stärkemehl ist; ein Theil desselben geht in nicht gährungsfähiges

Dextrin, ein anderer und grösserer Theil in Dextrose über, deren

Zersetzung in einer kräftigen Gährung bewirkt wird. Ein kleiner Theil

der Dextrose wird reservirt und dient zur Unterhaltung der Nachgährung,

welche durch Temperaturerniedrigung möglichst verlangsamt wird und in

Folge der dabei stattfindenden Kohlensäureausscheidung das Bier zum

Aufbewahren geeignet macht. Ebenso wie bei dem Weine wird der Alkohol

von der gegohrenen Flüssigkeit nicht abgeschieden.

Während man bei der Bierbrauerei nur einen Theil des als Rohmaterial

angewendeten Stärkemehls in Dextrose überführt und dasselbe nur nach

und nach in Alkohol und Kohlensäure verwandelt, ist es dagegen die

Aufgabe der =Spiritusfabrikation=, aus dem gegebenen Material --

Stärkemehl oder Zucker -- in der kürzesten Zeit die grösstmöglichste

Menge Alkohol zu erzeugen, welcher von der gegohrenen Flüssigkeit durch

Destillation getrennt wird. Der Zweck der Weinbereitung ist stets die

Erzeugung von Wein, der der Brauerei die Fabrikation von Bier, bei der

Spiritusfabrikation ereignet es sich dagegen häufig, dass die Erzeugung

der Brennereirückstände, als Mastfutter, als Hauptprodukt in den

Vordergrund, die des Spiritus als Nebenprodukt in den Hintergrund

tritt. Die Spiritusfabrikation ist oft ein Mittel zum Zweck der

Herstellung eines concentrirten Viehfutters.

Die =Bäckerei= gehört bei dem gegenwärtigen Betriebe des Gewerbes in

gewisser Beziehung auch zu den Gährungsgewerben, insofern beim Aufgehen

des Teiges geistige Gährung stattfindet. Nur kommt hierbei nicht der

Alkohol, sondern nur die Kohlensäure in Betracht, deren Erzeugung der

Zweck der durch Sauerteig oder Hefe eingeleiteten Gährung ist.

Bei den vorstehenden Gährungsgewerben sieht man auf die Erzeugung von

Alkohol oder von Kohlensäure, oder von beiden zugleich. Aber auch die

Bildung von Hefe kann der Zweck der geistigen Gährung sein, wobei der

zugleich mit erzeugte Alkohol kaum in Frage kommt. Aus diesem Grunde

schliesst sich die =Hefenfabrikation= den auf geistige Gährung sich

stützenden Gewerben an.

Die Weinbereitung.

[Sidenote: Wein.]

Unter dem Namen =Wein= versteht man in der engeren Bedeutung des Wortes

eine alkoholische Flüssigkeit, welche durch Selbstgährung des

Traubensaftes und ohne Destillation gewonnen wurde. In der weiteren

Bedeutung rechnet man zu den Weinen eine jede durch Gährung eines

Obstsaftes entstandene geistige Flüssigkeit.

[Sidenote: Der Weinstock und seine Hauptarten.]

Der =Weinstock=, eine Pflanze aus der Familie der Sarmentaceen, gedeiht

weder in der kalten, noch in der tropischen Zone und in den gemässigten

nur unter gewissen Bedingungen, die sich auf das Klima und die

Bodenbeschaffenheit erstrecken. Im Allgemeinen geräth er auf dem

Festlande Europas noch bis zum 50° n. B. und giebt cultivirt in besonders

günstigen Lagen noch bis zum 51-52° n. B. (Sachsen und Schlesien)

trinkbaren Wein. Er erfordert eine mittlere Jahrestemperatur von 10-11°

und eine mittlere Temperatur der Sommermonate von 18-20°. Die

Jahrestemperatur ist weniger maassgebend, weil die Bildung des Zuckers

unter Mitwirkung der Sommerwärme und intensiven Sonnenlichtes vor sich

geht. Ein Klima mit strengem Winter und heissem Sommer ist daher dem

Weinbau günstiger, als ein Klima mit gemässigtem Sommer und mildem

Winter. England mit einer mittleren Jahrestemperatur von 11° ist folglich

zum Weinbau gänzlich ungeeignet. Von grossem Einfluss auf die Qualität

des Weins ist die Jahreswitterung; während der Periode des Wachsthums ist

Feuchtigkeit, während des Reifens Sonnenhitze am zuträglichsten.

Der Weinstock gedeiht fast auf allen Bodenarten, sofern dieselben nur

die zur Vegetation der Rebe erforderliche Menge von Kali enthalten; am

besten sagt ihm ein warmer, lockerer Boden zu, weniger ein kiesiger, am

wenigsten ein schwerer, feuchter Lehmboden mit nassem Untergrund.

Besonders gut kommt der Weinstock auf verwitterten Feldspathgesteinen

(Granit, Syenit, Gneuss) und auf vulkanischem Boden fort. Thonschiefer,

Thonmergel, Gyps, Kalk- und Kreideboden sind dem Weinbau sehr

förderlich. Die Benutzung der Weintraube ist eine höchst mannigfache,

ausser zur Bereitung von Most und Wein, wird sie zum unmittelbaren

Genusse verwendet; ausserdem dient sie zur Bereitung des ächten

Traubenzuckers, des Franzbranntweins (Cognacs), des Weinessigs u. s. w.

Die Weintrester (Treber) finden zur Darstellung eines Fermentöles, des

Marköles (huile de marc), die Kerne zur Bereitung von Oel, die Weinhefe

zur Fabrikation von Potasche Anwendung. Durch Trocknen so zubereitet,

dass sie einer längeren Aufbewahrung fähig sind, heissen die

Weintrauben =Cibeben= und =Corinthen=.

[Sidenote: Traubenlese.]

Die Zuckerbildung beginnt in der Traube schon früh und in dem Maasse wie

der Zuckergehalt steigt, tritt die Säure zurück. Mit dieser Abnahme geht

eine stetige Zunahme der Mineralbestandtheile Hand in Hand. Die von =C.

Neubauer= ausgeführten Analysen von Trauben vom Neroberg bei Wiesbaden

(1868) zeigten

am 27. Juli 0,6 Proc. Zucker und 2,7 Proc. freie Säure,

" 9. Aug. 0,9 " " " 2,9 " " "

" 17. " 2,3 " " " 2,8 " " "

" 28. " 8,2 " " " 1,9 " " "

" 7. Sept. 11,9 " " " 1,2 " " "

" 17. " 18,4 " " " 0,95 " " "

" 28. " 17,5 " " " 0,8 " " "

" 5. Oct. 16,9 " " " 0,8 " " "

" 12. " 18,6 " " " 0,9 " " "

" 22. " 17,9 " " " 0,6 " " "

Da die Trauben um so mehr Zucker enthalten, je reifer sie sind, und da

sie um so alkoholreicheren Wein geben, je mehr Zucker sie enthalten, so

darf die =Traubenlese= (der Herbst) nur im möglichst reifen Zustande der

Beeren stattfinden. Die Reife erkennt man daran, dass die Beeren der

weissen Trauben an der Sonnenseite nicht mehr grün, sondern bräunlichgelb

und durchscheinend sind, die der rothen und blauen Trauben schwarz

erscheinen und beide schon anfangen welk zu werden, die Kerne sich leicht

vom Fleisch lösen und die Traubenstiele braun und welk geworden sind und

am Gelenk leicht abbrechen.

Die Trauben werden entweder abgebeert oder sie werden nicht abgebeert.

Das =Abbeeren= (Ablösen, Rappen) von den Traubenstielen (Kämmen oder

Trappen) geschieht entweder mit der blossen Hand, oder mittelst eines

Weidengeflechtes, welches 8-9 Linien weite Oeffnungen hat, durch die

man die abgerissenen Beeren in eine untergestellte Kufe fallen lässt,

oder mittelst der Raspel, einem hölzernen oder messingenen Gitter,

dessen Stäbe oben scharfe Kanten haben und Zwischenräume zwischen sich

lassen, welche den Beeren, aber nicht den Kämmen Durchgang gestatten,

oder endlich mit Hülfe der Gabel, einem 0,5-0,6 Meter langen Holze, das

sich in der Mitte in drei Aeste oder Zinken theilt. Die Kämme enthalten

viel Gerbsäure, es ist daher im Ganzen zu empfehlen, alle Beeren, bevor

sie zerdrückt werden, von den Stielen zu trennen, selbst bei rothen

Weinen, damit die Weine zarter und früher geniessbar werden. In

einzelnen Fällen, wenn die Beeren zu wenig Gerbsäure und zu viel

schleimige Bestandtheile haben, ist es rathsam, die Kämme nicht von den

Beeren zu trennen; die Weine klären sich dann leichter und schneller

und werden haltbarer.

[Sidenote: Das Pressen der Trauben.]

Die noch an ihren Kämmen befindlichen oder von denselben getrennten

Beeren werden nun zerdrückt, dadurch geöffnet und der Saft aus denselben

blosgelegt. Gewöhnlich zerdrückt man sie vorher nur und presst sie erst

später. Das Zerdrücken (Zerstampfen, Austreten) geschieht meist sofort in

dem Weinberg in einer Beute (Bottich, Hotte, Mostelschaff) entweder durch

Zerstampfen mit einer hölzernen Keule (dem Moster), oder durch Mühlen

oder durch Zertreten mit den Füssen. Eine sehr zweckmässige Vorrichtung

zum Zerdrücken der Beeren ist eine Quetschmaschine mit zwei cannellirten,

locker an einander gestellten Walzen, welche mit Hülfe von Kurbeln in

entgegengesetzter Richtung gedreht werden. Will man den erhaltenen Saft

(=Most=, =Weinmost=, =Traubensaft=) sogleich von den Kämmen, Kernen und

Schalen trennen, so wendet man eine an dem Boden und den Seitenwänden

durchlöcherte Butte, in welcher, nachdem der Most abgeflossen ist, die

Kämme und Häute zurückbleiben, an. Die Butte ist über dem Gährbottich

angebracht. Man hat darauf zu sehen, dass alle Beeren geöffnet und

zerdrückt werden, um allen Saft bloszulegen und zur Selbstgährung zu

bringen. Soll der Most über den Kämmen und Häuten gähren, so lässt man

die ganze Masse beisammen und presst den Saft erst von den Trestern ab,

sobald die Gährung mehr oder weniger vorgeschritten ist. Für sich allein

gegohren, giebt der Most einen minder gefärbten, reiner schmeckenden,

aber weniger haltbaren Wein. Lässt man ihn mit den Schalen gähren, so

gewinnt der Wein, wenn die Trauben blau und roth sind, eine rothe Farbe

und aromatische Bestandtheile, welche in den Schalen enthalten sind und

erst während der Gährung in Folge der Entstehung von Alkohol sich lösen;

ein solcher Wein wird weit eher trinkbar, da die Gerbsäure, die aus den

Kernen sich löste, eine schnellere Abscheidung der trübenden

Proteïnkörper bewirkt. Man erreicht dasselbe Resultat, wenn man die

ausgepressten Trester entweder ganz oder nur zum Theil unter den

gährenden Most mischt.

Die =Weinpressen= oder =Kaltern= (Keltern) sind sehr verschieden

construirt; eine gewöhnliche, doch unzweckmässig eingerichtete Presse

ist die =Baumpresse=, in welcher der Druck mittelst einer langen Stange

(eines Hebebaums) bewirkt wird; öfters hat diese Stange eine Länge von

12-16 Meter und ist aus 4-6 eichenen Balken zusammengesetzt. Diese

Pressen üben einen sehr bedeutenden Druck aus, arbeiten aber äusserst

langsam und sind unreinlich und unbehülflich. Die =Hebelkalter=, bei

welcher der den Druck bewirkende Balken durch Hebel niedergedrückt

wird, ist zwar einfacher, als die Baumpresse, aber auch minder wirksam.

Bei den in Ungarn gebräuchlichen =Schlittenpressen= wird der Druck

durch einen mit Steinen belasteten Schlitten hervorgebracht. Der

Presskasten selbst besteht aus vier durchlöcherten, von aussen

befestigten Holzwänden, zwischen welche der Druck nicht wie bei einer

Spindel- oder Kartenpresse mittelst einer Schraubenspindel, sondern mit

Hülfe eines Querbalkens ausgeübt wird, der mit seinem hinteren Ende

zwischen zwei Holzpflöcken seinen Stützpunkt hat, mit dem vorderen Ende

aber etwas über den mit Steinen beschwerten Schlitten hervorragt. Sehr

gebräuchlich sind ferner die =Schraubenpressen= mit Schrauben, die

durch lange Hebel bewegt werden; sie sind entweder von Holz oder

zweckmässiger von Gusseisen; eine der besten Pressen der Art ist die

von =Orthlieb=, bei welcher der zu pressende Körper in die Form einer

langen Säule gebracht wird, weil derselbe in dieser Richtung die

grösste Nachgiebigkeit zeigt und das Abfliessen des Saftes von Innen

nach Aussen auf kürzestem Wege geschehen kann. 100 Gewichtstheile

Trauben geben 60-70 Gewichtstheile Most. Was zuerst in den Pressen

abfliesst, ist der Saft der reifsten Trauben; der später bei stärkerem

Pressen abfliessende Theil ist immer reicher an Säure und Gerbstoff,

welche theils von den unreifen harten Beeren herrühren, die jetzt erst

zerdrückt werden, theils aber auch von den Kämmen und Hülsen. Man

unterscheidet hiernach =Vorwein=, =Presswein=, =Tresterwein= u. s. w.

Die Pressrückstände, die Trester, die ausser Weinsäure, Gerbsäure, auch

noch bouquetbildende Substanzen enthalten, übergiesst man mit etwas

Wasser und presst sie nochmals, wodurch eine Art Nachwein, =Lauer=,

gewonnen wird. Neuerdings übergiesst man, nach =Petiot='s Vorschlage,

die Trester mit Zuckerwasser und lässt letzteres über den Trestern

gähren; die so erhaltene weinähnliche Flüssigkeit heisst =petiotisirter

Wein=.

[Sidenote: Gewinnung des Traubensaftes mit Centrifugalmaschinen.]

Im Jahre 1862 ist durch =v. Steinbeis= in Stuttgart unter Mitwirkung von

=Reihlen= zur Gewinnung des Traubensaftes die =Centrifugalmaschine=

(statt der Presse) in Vorschlag gebracht worden[109]. Es hat sich bei

Versuchen im Grossen herausgestellt, dass mit einer Centrifuge binnen 8

bis 10 Minuten (einschliesslich Füllen und Leeren) 100-120 Pfd.

zerdrückte Trauben in Most und Trester getrennt werden können. Nach den

1869 von =Balard= und =Alcan= angestellten vergleichenden Versuchen über

das Ausschleudern und das Auspressen des Saftes ergaben sich folgende

Zahlen:

Centrifuge Presse

Most 79,141 77,086

Trester 20,214 18,601

Verlust 0,645 4,313

-----------------

100,000 100,000

[109] Ueber die Anwendung der Schleudermaschine zur Saftgewinnung aus

der Traube verbreitet sich ausführlich =L. Rösler= in den sehr

empfehlenswerthen Annalen der Oenologie 1869 Bd. I p. 69.

Der Most kann durch die Centrifugalmaschine mithin wenigstens ebenso

vollständig und jedenfalls weit rascher entfernt werden als durch die

Presse.

[Sidenote: Chemische Bestandtheile des Mostes.]

Die Traube besteht aus den Kämmen, den Schalen oder Hülsen, den Kernen

und dem Traubensafte. Unsere Kenntniss über die Zusammensetzung aller

dieser Substanzen ist, mit alleiniger Ausnahme des Traubensaftes, eine

mangelhafte. Von den Kämmen ist nur bekannt, dass sie neben Cellulose

viel Gerbsäure und eine stark sauer schmeckende Säure enthalten, von den

Schalen, dass in ihnen der Farbstoff der Trauben -- das Oenocyanin --

neben kleinern Mengen von Gerbsäure sich befindet, von den Kernen, dass

sie neben grossen Mengen einer eigenthümlichen Gerbsäure auch viel fettes

Oel (Traubenkernöl) enthalten, dessen fette Säuren mit Aether verbunden

zur Bildung des Bouquets des Weines beitragen.

[Sidenote: Zuckergehalt der Trauben.]

Die Beeren der Weintraube enthalten unter allen Obstsorten den meisten

Zucker; der Gehalt an Zucker -- ein Gemenge von Dextrose und Levulose

-- sinkt selten unter 12 Proc., steigt aber auch zuweilen bis zu 26-30

Proc. Das Verhältniss zwischen Säure und Zucker gestaltet sich nach

=Fresenius= in guten Jahren und bei guten Sorten wie 1 : 29, in

mittleren Jahren und bei leichten Traubensorten dagegen wie 1 : 16.

Wird das Verhältniss zwischen Säure und Zucker noch ungünstiger, z. B.

wie 1 : 10, so sind die Trauben unreif und schmecken sauer. Der grosse

Zuckergehalt und der Umstand, dass die Säure des Traubensaftes zum

grössten Theile von zweifach weinsaurem Kali herrührt, das sich mit der

Zeit aus dem Weine grösstentheils unlöslich als sogenannter Weinstein

abscheidet, machen die Trauben zur Weinbereitung weit geeigneter, als

jedes andere Obst, dazu kommt noch, dass die bei der Gährung sich

bildenden Aetherarten alle übrigen an Lieblichkeit des Geruches

übertreffen. Das Verhältniss zwischen Säure und Zucker im Moste einer

und derselben Traubensorte charakterisirt besser als jedes andere

Kennzeichen die Jahrgänge; so zeigten nach =Fresenius= Sylvanertrauben:

in dem höchst geringen Jahre 1847 das Verhältniss wie 1 : 12,

im besseren Jahre 1854 " " " 1 : 16,

im guten Jahre 1848 " " " 1 : 24.

Der Traubensaft oder Most (1 Kilogr. reifer Beeren gab =Al. Classen= --

1869 -- 577 bis 688 Grm. Saft) enthält alle in den Weinbeeren

enthaltenen löslichen Theile und ist durch darin suspendirte

Pflanzentheile trübe. 1 Liter Traubensaft enthält:

Gramme.

Wasser 860 bis 830

Zucker (Dextrose und Levulose) 150 " 300

Uebrige Stoffe (Pektin, Gummi, sogenannte

Extractivstoffe, Proteïnsubstanzen, organische

Säuren und Mineralstoffe) 30 " 20

----------------

1040 bis 1150

Nach einer Untersuchung von =Al. Classen= enthielten 1000 Th. Saft aus

reifen (rheinischen) Beeren (Jahrgang 1868):

1. 2. 3.

Feste Bestandtheile 164,4 189,7 204,6

Zucker 149,9 162,4 174,0

Freie Säure 7,2 6,8 4,8

Asche 2,7 3,0 4,0

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 93 / 167 题