Stärkemehl }
Kleber } in Wasser unlöslich,
Hülle }
Salze }
Albumin } in Wasser löslich sind,
und Dextrin }
und dass von den drei erstgenannten unlöslichen Weizenbestandtheilen der
Kleber von Milchsäure und verdünnter Essigsäure gelöst wird, während sich
Stärkemehl und Hülle darin nicht lösen. Man wählt zur Stärkefabrikation
einen Weizen, der auf mässig cultivirtem Boden gebaut wurde und arm an
Kleber, reich an Stärkemehl ist. Man zieht deshalb einen weissen mehligen
Weizen einem braunen kornartigen vor.
Man unterscheidet verschiedene Arten der Gewinnung der Weizenstärke,
nämlich
A. mit Gährung (älteres Verfahren),
[Greek: a]) aus ungeschrotetem } Weizen,
[Greek: b]) aus geschrotetem }
B. ohne Gährung (neueres Verfahren).
Die =Gewinnung der Stärke aus Weizen mit Gährung= ist, obgleich
keineswegs ein rationelles Verfahren, doch in Deutschland noch immer
das gebräuchlichste; man unterscheidet dabei folgende vier Operationen:
1) das Einquellen und Gähren des Weizens,
2) das Auswaschen der Stärke (das Austreten) aus der gegohrenen Masse,
3) das Auswaschen und Reinigen der gewonnenen Stärke,
4) das Trocknen derselben.
Wird =ungeschroteter Weizen= verarbeitet, so übergiesst man den Weizen
in Quellbottichen mit Wasser und lässt ihn weichen, bis er zwischen den
Fingern mit Leichtigkeit zerdrückt werden kann. Zur Absonderung der
Hüllen zerquetscht man die Körner entweder durch Treten in Säcken, die
in einer flachen Kufe mit Wasser übergossen sind, oder zerdrückt sie
zwischen Walzen und verdünnt den erhaltenen Brei mit Wasser, in welchem
sich der grösste Theil der Stärkemehls und des Klebers aufschwemmt,
zieht das milchige Wasser von den zurückbleibenden Hüllen ab und
schlämmt so lange ab, bis das Wasser klar abläuft. Das milchige Wasser
überlässt man in Sammelbottichen sich selbst. Es lagert sich eine
Schicht ziemlich reiner Stärke ab und darüber eine Lage durch Kleber
verunreinigter Stärke. Nach einigen Tagen ist das darüber stehende
Wasser sauer und ein Theil des Klebers in der entstandenen Milchsäure
und Essigsäure gelöst worden; man ersetzt es durch frisches Wasser,
lässt auch dieses sauer werden und fährt so einigemal fort. Darauf wird
die Stärke mit frischem Wasser angerührt, absetzen gelassen und zum
Trocknen gebracht.
Wendet man =Weizenschrot= zur Darstellung der Stärke an, so rührt man
dasselbe mit _Sauerwasser_, d. h. dem von einer vorhergehenden
Operation herrührenden, sauer gewordenen Wasser zu einem dünnen Brei
ein und überlässt die Masse in Bottichen der Gährung. Unter Mitwirkung
eines Theiles des Klebers, der in Hefe übergegangen ist, erleidet die
durch das Einweichen in Wasser in dem Weizen entstandene kleine Menge
Zucker die geistige Gährung; es findet reichliche
Kohlensäureentwickelung statt und es bildet sich eine Decke, die
gehoben und später durchbrochen wird. Nun geht die Alkoholgährung in
die Essig- und später auf Kosten eines kleinen Theiles Stärke in die
Milchsäuregährung über; durch die so entstandenen Säuren löst sich der
Kleber, während Stärkemehl und Hülle ungelöst zurückbleiben. Sobald die
Flüssigkeit in den Gährungsgefässen ziemlich klar erscheint und beim
Kneten in der Hand die Stärke leicht abgiebt, ist die Masse zum
Auswaschen geeignet. Je nach der Temperatur sind 12-30 Tage
erforderlich, um allen Kleber zu lösen. Das =saure Wasser= enthält
ausser dem Kleber Essigsäure, Milchsäure, Buttersäure (kleine Mengen
von Bernsteinsäure), Ammoniaksalze, etwas Schwefelwasserstoff und die
mineralischen Bestandtheile des Weizens, namentlich phosphorsaure
Erden. Nachdem die Masse durch Gährung den erforderlichen Grad der
Reife erlangt hat, schreitet man zum Auswaschen oder Austreten
derselben. Zu diesem Behufe bringt man die gut umgerührte Masse in
hanfene Säcke (Tretsäcke) und tritt sie in dem Tretfasse mit den Füssen
aus. Die so gewonnene milchige Flüssigkeit wird in die Absüsswannen
gebracht. Der Inhalt in den Säcken wird ein zweites und dann ein
drittes Mal mit Wasser ausgetreten; der auf diese Weise von dem
Stärkemehl befreite Rückstand ist ein Gemenge von Hüllen und Kleber und
dient als Mastfutter. Die ausgetretene milchige Flüssigkeit enthält
Stärkemehl, kleine Mengen feinzertheilten Klebers und etwas
Hüllensubstanz, und zwar suspendirt in einer sauren Lösung von Kleber
und anderen Eiweisssubstanzen und mineralischen Salzen; man lässt sie
durch ein feines Haarsieb gehen und schreitet dann zum Absüssen und
Abschlämmen der Stärke. Das Austreten der gegohrenen Masse ist in den
grösseren Stärkefabriken gegenwärtig durch ein anderes Verfahren
ersetzt, nach welchem die Masse in eine siebähnlich durchlöcherte
Trommel, die sich um ihre Axe dreht, kommt und darin unter Zufluss von
Wasser ausgewaschen wird. Die nach der einen oder der andern Methode
erhaltene milchige Flüssigkeit wird in den Sammelbottichen sich selbst
überlassen; hier setzen sich nun die suspendirten Stoffe und zwar nach
ihrem specifischen Gewichte ab, am Boden bildet sich eine feste Schicht
von ziemlich reiner Stärke, dann kommt ein Gemenge von Stärke mit
Hüllen und Kleber, und obenauf als oberste Schicht ein Schlamm, fast
nur aus Kleber und Hüllen und nur kleiner Menge von Stärkemehl
bestehend. Die über dem Absatz stehende Flüssigkeit ist das
Sauerwasser, welchem zum Theil frisches Gemenge von Weizenschrot und
Wasser zur Beschleunigung der Gährung zugesetzt wird, der übrige Theil
wird mit den ausgetretenen Rückständen als Viehfutter verwendet. Die in
den Sammelbottichen zurückbleibende Stärke wird mit Wasser angerührt
und abermals absetzen gelassen; die durch Abzapfen von dem darüber
stehenden Wasser befreite Stärkeschicht wird durch Abschaben von der
oberen kleber- und hüllehaltigen Schicht befreit und dann nochmals mit
Wasser angerührt u. s. w., bis das darüber stehende keine saure
Reaction mehr besitzt. Um die Stärke aus den Absatzbottichen
herausnehmen zu können, wird ihr ein Theil des Wassers durch aufgelegte
Tücher entzogen; darauf entfernt man die Stärke aus den Kufen mit Hülfe
eines spatenähnlichen Instruments und trocknet sie auf die bereits
angegebene Art. Wenn es sich um die Herstellung von =Waschstärke=
handelt, so setzt man der Stärke während des Reinigungsprocesses eine
kleine Menge von Ultramarin zu, die sich in dem Stärkemehl vertheilt
und mit demselben absetzt. In neuerer Zeit hat man den Vorschlag
gemacht, das Austrocknen der Stärke durch Anwendung der
Centrifugalmaschine zu beschleunigen.
Die =Gewinnung der Weizenstärke ohne Gährung= ist ein von =E. Martin=
eingeführtes Verfahren, welches die ältere Methode zum Theil schon
verdrängt hat. Nach diesem Verfahren knetet man =Weizenmehl= mit Wasser
zu einem Teige an und nimmt auf 100 Th. Mehl ungefähr 40 Th. Wasser.
Der Teig bleibt vor dem Auswaschen 1/2-2 Stunden liegen, damit der
Kleber gehörig Wasser anziehe. Behufs des Auswaschens bringt man den
Teig auf ein feines Drahtsieb, das über einem mit Wasser angefüllten
Bottich liegt. Ueber dem Sieb befindet sich eine Brause, welche feine
Wasserstrahlen über den Teig giesst, der Teig wird in der Quantität von
etwa 10 Pfd. geknetet, bis das Wasser nicht mehr milchig abläuft. Man
lässt die Stärke aus dem Wasser sich absetzen, zapft das darüber
stehende Wasser ab, rührt die am Boden des Bottichs befindliche Stärke
mit etwas Wasser an und lässt die Flüssigkeit an einem warmen Orte
leicht gähren, um den mit durchgegangenen Kleber leicht aufzulösen. Die
Reinigung und Trocknung geschieht auf die gewöhnliche Weise. Um der
Weizenstärke die im Handel beliebte Form von Stängelchen oder Schäfchen
zu geben, wickelt man die feuchten Stärkekuchen in Papier und schnürt
das Packet mit Schnüren fest zu, ehe man es trocknet; während des
Trocknens zieht sich die Masse zusammen und zertheilt sich in ziemlich
gleichartige Stängelchen. Die Bildung derselben ist eine Folge der
linsenförmigen Form der Weizenstärke, weshalb die Körnchen leicht
aneinander haften und die so entstandenen Massen beim Trocknen daher
nur in gewissen Richtungen sich spalten. Nach der Methode von =Martin=
erhält man aus 100 Th. Weizenmehl ungefähr 25 Proc. =Kleber= (_Gluten_,
_gluten granulé_) mit 38 Proc. Wasser. Man verwendete ihn zuerst zur
Fabrikation der Macaroni, der Nudeln u. s. w., indem man denselben mit
gewöhnlichem Mehl und Wasser zu einem Teig knetete. Später schlug man
vor, ihn statt des Albumins und Caseïns beim Zeugdruck oder im
gefaulten Zustande als vegetabilischen Leim in Anwendung zu bringen. Da
der frische Kleber leicht fault und deshalb in diesem Zustande nicht
versendet werden kann, so haben die Gebr. =Véron= und =R. Günsberg=
vorgeschlagen, den Kleber zu granuliren und dann zu trocknen. Dazu wird
der frische Kleber mit der doppelten Gewichtsmenge Mehl
zusammengeknetet, der Teig in lange Streifen ausgerollt und diese
sodann in die Form von Körnchen (Klebergraupen) gebracht, welche bei
30-40° getrocknet werden. Durch dazwischen gestreutes Mehl werden die
Körner am Zusammenkleben verhindert. Nach dem Trocknen werden die
Körner durch Sieben sortirt. Der gekörnte Kleber ist ein
Nahrungsmittel, welches weit mehr nährende Bestandtheile enthält, als
eine gleiche Menge Mehl oder Schiffszwieback.
[Sidenote: Zusammensetzung der käuflichen Stärke und Anwendung
derselben.]
Die Zusammensetzung der käuflichen Stärke ist nach =J. Wolff= folgende:
1. 2. 3. 4. 5. 6.
Wasser 17,83 15,38 14,52 17,44 14,20 17,49
Kleber -- -- 0,10 Spur 1,84 4,96
Faser 0,48 0,50 1,44 1,20 3,77 2,47
Asche 0,21 0,53 0,03 0,40 0,55 1,29
Stärkemehl 81,48 83,59 83,91 81,32 79,63 73,79
---------------------------------------------------
100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00
1. Feinste weisse Patentstärke in Stengeln, hatte ein sehr weisses,
glänzendes, dem Krystallinischen fast ähnliches Aussehen und erwies
sich als reine Kartoffelstärke; 2. Feinste blaue Patentstärke; mit
Ultramarin gemischte Kartoffelstärke; 3. Reiner Weizenpuder; 4. Feine
Weizenstärke in Brocken; 5. Mittelfeine Weizenstärke in gelblich
weissen Brocken; 6. Ordinäre Weizenstärke in graulichgelben groben
Brocken, die sich unter dem Mikroskop als ein Gemenge von Kartoffel-
und Weizenstärke erwiesen. Der Wassergehalt der Stärke lässt sich (nach
=C. Scheibler='s Verfahren) mit Leichtigkeit durch die
Dichtigkeitsveränderung bestimmen, welche Alkohol erleidet, wenn er mit
einer gewissen Menge wasserhaltiger Stärke digerirt wird.
Die Stärke wird in Substanz angewendet zum Steifen der Wäsche, zum
Leimen des Papieres, in der Leinen- und Baumwollindustrie zur Bereitung
der Schlichte und zur Appretur, zur Darstellung des Stärkegummis, des
Stärkesyrups und Stärkezuckers, zur Fabrikation von Nudeln, künstlichem
Sago u. s. w. Ausserdem ist sie das gebräuchlichste Nahrungsmittel, das
wir in Gestalt von Brot und den sogenannten Mehlspeisen geniessen. Sie
bildet ferner denjenigen Körper, aus welchem sich durch die Einwirkung
gewisser Agentien Zucker und daraus Alkohol erzeugt, sie ist mithin das
Rohmaterial zur Erzeugung von Branntwein, Bier u. s. w. Für die
Haushaltungszwecke findet, wenn es sich um die Stärke als
Nahrungsmittel handelt, nur die Kartoffelstärke (als Kartoffelmehl oder
Kraftmehl) Anwendung; zum Steifen der Wäsche und zur Bereitung von
Buchbinderkleister giebt man dagegen der Weizenstärke mit Recht den
Vorzug; in dem Kleister sind die Stärkekörner in Form gallertartiger
Klümpchen enthalten, die in der Kartoffelstärke weit grösser sind als
in der Weizenstärke; daraus ergiebt sich der Uebelstand, dass beim
Bügeln der mit Kartoffelstärke gesteiften Gewebe durch das Bügeleisen,
die Klümpchen zuweilen sich zusammenballen und fortschieben, was bei
der Weizenstärke nie vorkommt. Der Kleister der Weizenstärke bleibt,
der Luft ausgesetzt, längere Zeit unverändert, während der
Kartoffelkleister nach einigen Tagen schon eine gallertartige Masse
ausscheidet, über welcher eine wässerige und saure Flüssigkeit
schwimmt; die durch Umrühren hergestellte Mischung der Masse mit der
Flüssigkeit besitzt aber bei weitem nicht mehr das Klebevermögen des
frischen Kleisters. Die Weizenstärke ist daher der Kartoffelstärke
vorzuziehen und würde letztere längst schon aus dem Handel verdrängt
haben, wenn sie ihr hinsichtlich der Weisse und Reinheit und des
billigen Preises gleich käme. Einen wesentlichen Unterschied zeigen die
beiden genannten Stärkearten in Beziehung ihrer Umwandlung in Zucker
durch Malz. Nach den Versuchen von =Lüdersdorff= brauchen
100 Pfd. Kartoffelstärke 25,6 Pfd. trockenes Malz,
100 " Weizenstärke 90,5 " " "
um vollständig in Stärkezucker übergeführt zu werden. Was das
Steifungsvermögen der Stärkesorten betrifft, so fand =C. Wiesner=
(1868), dass Maisstärke am wirksamsten steife, hierauf folgt
Weizenstärke und am schlechtesten steift Kartoffelstärke. In Bezug auf
Gleichmässigkeit der Steifung ist gefunden worden, dass Kartoffel- und
Maisstärke die Weizenstärke bei weitem übertrifft.
[Sidenote: Reisstärke, Kastanienstärke, Cassavastärke, Arrow-root.]
Seit einigen Jahren wird in England, Frankreich, Belgien und dem
Zollverein viel =Reisstärke= fabricirt. Zur Abscheidung des Klebers
wendet man schwache Natronlauge an (im Hektoliter 287 Grm. Aetznatron
enthaltend). Der ungeschälte Reis wird damit 24 Stunden macerirt,
darauf gewaschen, zwischen Walzen zerquetscht oder zwischen Mühlsteinen
gemahlen und dann durch Siebe mit Hülfe von Bürsten getrieben, auf
welchen die Kleie zurückbleibt. Die aus dem Waschwasser erhaltene
Reisstärke wird nochmals gesiebt, gewaschen, getrocknet und in die vom
Handel gewünschte Form gebracht. Aus der Lauge, die zum Maceriren des
Reis gedient hat, schlägt man den Kleber durch Neutralisation mit
Schwefelsäure nieder, welcher nach dem Waschen, Trocknen und Mahlen als
Viehfutter verwendet wird[104]. In neuerer Zeit hat auch die
Fabrikation von =Stärkemehl aus Rosskastanien= in Frankreich eine
gewisse Ausdehnung gewonnen. Die Fabrikationskosten sind nicht nur
niedriger, sondern der Ertrag ist reichlicher als aus Kartoffeln; die
Kastanienstärke ist ferner ebenso schön als die aus Getreide bereitete.
100 Th. frische Kastanien geben 19-20 Proc. trockene Stärke, die sich
jedoch durch einen bitteren Geschmack auszeichnet. Das =Arrow-root=
oder Pfeilwurzelmehl ist das Stärkemehl von _Maranta arundinacea_ und
_M. indica_, zweier in Westindien wachsenden Cannaceen, aus deren
Wurzelsprossen auf dieselbe Weise, wie aus den Kartoffeln, 7-20 Proc.
Stärkemehl abgeschieden werden; es kommt in Fässern, Büchsen oder
Kasten von verzinntem Eisenblech in den Handel; die Gefässe sind mit
dem Namen der Insel bezeichnet, auf der das Arrow-root gefunden wurde.
Die =Cassavastärke= stammt aus den Wurzelknollen von _Jatropha Manihot_
oder _Manihot utilissima_ und _M. Aipin_, zweier Pflanzen aus der
Familie der Ricineen, welche in Westindien und Südamerika, namentlich
in Brasilien cultivirt werden. Die Wurzelknollen selbst führen den
Namen =Maniok=. Die rohen Knollen enthalten Blausäure. Der Teig daraus
wird aber für Menschen und Thiere geniessbar, wenn man ihn kocht oder
röstet. Er ist in diesem Zustande eines der wichtigsten Nahrungsmittel
in den Tropenländern. Die Darstellung der aus dem Maniok bereiteten
Nahrungsmittel ist folgende: die Knollen werden grob zerrieben, wobei
ein Theil des Saftes ausfliesst. Der durch Abtropfen von einem grossen
Theile Flüssigkeit befreite Teig wird in irdenen Gefässen bis zum
gelinden Rösten der mit den Gefässwänden in Berührung kommenden Theile
erhitzt und bildet dann die =Cassava=, welche das Brot bei den
Eingebornen des Landes ersetzt. Die kleine Menge Stärke, welche sich
aus dem Safte absetzt, wird gewöhnlich in Form von Körnern
(=Cassava-Sago= oder =Mandioka=) gebracht, indem man die feuchte Masse
auf Platten erhitzt, wahrscheinlich um die Blausäure zu verflüchtigen.
Das nach Europa eingeführte Luxusnahrungsmittel =Tapioka= ist nichts
weiter als Cassava-Sago.
[104] Die Reisstärkefabrik von J. und J. =Colman= in London beschäftigt
an tausend Personen und liefert ausser gewöhnlicher Waschstärke
auch intensivgefärbte Reisstärke in den verschiedenen durch
Theerfarben bewirkten Nüancen, welche zur Färbung von
Ballkleidern, Fenstervorhängen etc. dient. =Colman='s Fabrik
liefert ferner Reisstärke für Papierfabriken, in welchen sie erst
zwischen den Fasern des Papiers in Kleister verwandelt wird,
wodurch das so geleimte Papier einen grossen Grad von Festigkeit
erhält.
[Sidenote: Sago.]
Auf den Molukken und Philippinen bereitet man aus dem Marke der
=Sagopalme= (_Sagus Rumphii_) den =Sago=. Der Sago von Guadeloupe rührt
(nach =J. Wiesner=) von _Raphia farinifera_, gewisse ostindische Sorten
angeblich von _Caryota urens_ her. Behufs der Sagobereitung werden die
Stämme gespalten, wird das darin befindliche Mark herausgenommen, mit
Wasser durchknetet und die Stärke dann auf Sieben von Cocospalmenfasern
ausgewaschen. Nachdem die Palmenstärke aus dem Wasser sich abgesetzt
hat, wird sie ausgewaschen, auf Tücher zum Abtropfen gebracht und im
noch feuchten Zustande durch Reiben durch Metallsiebe gekörnt. Die
Körner lässt man auf eine heisse Kupferplatte fallen, wodurch die
Stärke grösstentheils in Kleister verwandelt wird und nach dem Trocknen
die bekannten regelmässigen und harten Körner bildet, welche beim
Kochen in Wasser gallertartig werden, aber zum Theil ihre Form
beibehalten. Ein grosser Theil der gegenwärtig im Handel vorkommenden
Sago ist aus Kartoffelstärke dargestellt und mit Eisenoxyd oder
gebranntem Zucker gefärbt.
[Sidenote: Dextrin.]
Das =Dextrin=, Gommeline, Dampfgummi, Stärkegummi, Gomme d'Alsace oder
Leiokom ist eine dem arabischen Gummi sowol seiner Zusammensetzung (beide
sind nach der Formel C_{6}H_{10}O_{5} zusammengesetzt), als auch seinen
übrigen Eigenschaften nach, nahestehende Substanz, welche sich durch
kurze Zeit fortgesetzte Einwirkung verdünnter Säuren oder eines
Malzaufgusses (Diastase) auf Stärkemehl und auch durch Rösten des
letzteren bildet. Es ist im reinen Zustande vollkommen farblos und dem
arabischen Gummi ähnlich, gewöhnlich indessen gelblich gefärbt, leicht
und vollkommen in Wasser zu einer klaren dickflüssigen, klebenden Lösung
löslich, unlöslich in absolutem Alkohol, etwas löslich in schwachem
Weingeist. Seinen Namen erhielt es von seiner Eigenschaft, die
Polarisationsebene der Lichtstrahlen kräftiger als irgend eine bekannte
organische Substanz nach Rechts (_dexter_) abzulenken. Durch Jod wird es
nicht blau wie die Stärke, sondern schwach amaranthroth gefärbt. Durch
verdünnte Säuren geht das Dextrin in Traubenzucker (=Dextrose=) über.
Eine mit Bierhefe versetzte Dextrinlösung geht nicht in Gährung über; bei
einem Zusatz von Zucker zu dieser Mischung zersetzt sich aber ein grosser
Theil des Dextrins ganz wie Zucker in Alkohol und Kohlensäure. Da das
Dextrin in vielen Fällen ein wohlfeiles und brauchbares Surrogat des
arabischen Gummi abgiebt, so ist seine Fabrikation zu einem nicht
unbedeutenden Industriezweig geworden. Die Zusammensetzung des käuflichen
Dextrins ist eine höchst wechselnde, wie aus folgenden Analysen =R.
Forster='s (1868) folgt:
1. 2. 3. 4. 5. 6.
Dextrin, Dunkel Hell
prima von gebrannte Dextrin, Gommeline Dextrin, gebrannte
Langensalza Stärke braunes älteres Stärke
Dextrin 72,45 70,43 63,60 59,71 49,78 5,34
Zucker 8,77 1,92 7,67 5,76 1,42 0,24
Unlösliches 13,14 19,97 14,51 20,64 30,80 86,47
Wasser 5,64 7,68 14,23 13,89 18,00 7,95
------------------------------------------------------
100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00
Als Material der Dextrinbereitung wendet man fast überall Stärkemehl
aus Kartoffeln, seltener aus Weizen an, da die erstere bei billigerem
Preise weit reiner ist als die letztere.
Man stellt das Dextrin dar:
a) durch gelindes Rösten,
b) " vorsichtige Einwirkung von Salpetersäure,
c) " Erhitzen von verdünnter Schwefelsäure,
d) " Behandeln mit Malzaufguss (Diastase).
Die Bereitung von Dextrin =durch gelindes Rösten= (Röstgummi) ist eine
sehr einfache Operation; es wird nämlich das Stärkemehl auf geeignete
Weise so weit erhitzt, dass es eine gelbbraune Farbe annimmt. Benutzt
man =Getreidestärkemehl=, so nimmt man das Rösten in grossen Cylindern
aus Kupfer- oder Eisenblech vor, durch welche, ähnlich wie bei einer
Kaffeetrommel, eine eiserne, mit Kurbel versehene Axe geht, deren Lager
sich in dem vierseitigen Mauerwerk des Ofens befinden. In diesen in
steter Bewegung erhaltenen Trommeln wird das Stärkemehl erhitzt, bis es
sich aufbläht und einem scharfgebackenen Brot ähnlich riechenden Dampf
entwickelt. =Kartoffelstärkemehl= lässt sich nicht auf diese Weise
behandeln, da dasselbe die nachtheilige Eigenschaft besitzt, in der
Hitze zu Pulver zu zerfallen, das sich an die Wände der Trommel
ansetzen und zum Theil verkohlen würde. Um diesem Uebelstande zu
begegnen, ersetzt man die Cylinder durch Kessel mit flachem Boden, in
denen ein mit Bürsten versehener Rührapparat sich befand. Es ergab sich
indessen, dass die Bürsten auch verkohlten. Man construirte dann grosse
Oefen, ähnlich den Backöfen, in welchen das Stärkemehl unter
ununterbrochenem Umrühren geröstet wurde. Häufig befanden sich mehrere
Metallplatten übereinander, auf denen das Stärkemehl in dünner Lage
liegt. Da sowol in den Trommeln als auch in den Oefen sehr leicht ein
Ueberhitzen der Stärke stattfinden kann, so empfiehlt sich ein Oelbad
zum Erhitzen der Stärke. Ein flacher Kessel ist mit einem doppelten
Boden versehen, in dessen Zwischenraum sich Oel befindet, dessen
Temperatur durch ein eingesetztes Thermometer genau ermittelt werden
kann. Durch vorsichtiges Erhitzen kann man die Temperatur völlig
constant erhalten. Ein ununterbrochen thätiger Rührapparat bringt nach
und nach alle Stärke mit der Kesselfläche in Berührung und somit auf
die zur Dextrinbildung erforderliche Temperatur. Die geeignetste
Temperatur ist 225-260°. Die gelbe oder bräunliche Farbe des durch
Rösten erhaltenen Dextrins schliesst das Röstgummi von gewissen
Anwendungen, wie z. B. in dem Zeugdruck bei hellen Farben, total aus.
Man begann deshalb an bessere Darstellungsarten zu denken. Eine
derartige, jetzt allgemein übliche ist die von =Heuzé=. Nach dieser
verdünnt man 2 Kilogr. Salpetersäure von 1,4 spec. Gewicht mit 300
Liter Wasser und rührt in diese verdünnte Säure 1000 Kilogr. (= 20
Ctr.) Stärke, worauf die Masse in Kuchen geformt an freier Luft
getrocknet wird. Nach dem Trocknen erhitzt man sie in dem angegebenen
Trockenapparat bei langsam steigender Temperatur, bis bei etwa 80°
Alles entwichen ist. Hierauf wird die Masse fein gemahlen, gesiebt und
wieder in den Trockenapparat zurückgebracht, in welchem die Temperatur
nun bis auf 100-110° gesteigert wird. In höchstens 1-1/2 Stunde ist
alle Stärke in Dextrin übergeführt. Das auf diese Weise =mit Hülfe von
verdünnter Salpetersäure dargestellte Dextrin= lässt sich äusserlich
von dem Stärkemehl nicht unterscheiden, es ist vollkommen weiss und in
Wasser löslich. Auch =vermittelst verdünnter Schwefelsäure= stellte man
früher Dextrin dar. Auch mit =Salzsäure= kann man Stärkemehl in Dextrin
überführen, ebenso mit =Milchsäure=. Da das Dextrin bei seiner
Anwendung immer in Wasser gelöst sein muss, so zieht man es bisweilen
vor, das Dextrin sogleich als Lösung (=Dextrinsyrup=, =Gummisyrup=),
und zwar aus Stärkemehl und Malzauszug (Diastase) zu bereiten. Obgleich
diese Methode bei weitem einfacher ist, als die im Vorstehenden
beschriebene, so stehen doch ihrer allgemeinen Einführung einige
Schwierigkeiten im Wege, 1) der grosse Wassergehalt der Lösung
erschwert ihren Transport, 2) es ist bei der Anwendung des Malzes
unvermeidlich, dass nicht auch ein Theil Stärkemehl in Zucker
übergeführt werde, durch diese Beimengung verliert der Dextrinsyrup
einen grossen Theil seiner Haltbarkeit und geht, unterstützt durch die
nicht abscheidbaren Klebertheilchen des Malzes sehr bald in Gährung
über.
Die =Anwendung des Dextrins= ist eine mannichfaltige, an der Stelle des
Senegalgummi und arabischen Gummi dient es in dem Zeugdruck, zum
Drucken von Tapeten, zum Appretiren und Steifen von Zeugen, als
Kettenschlichte, zum Glasiren von Karten und Papier, als Mundleim, in
der Chirurgie, um feste Bandagen bei Knochenbrüchen zu erhalten, zu
feinerem Backwerk, bei der Bier- und Obstweinfabrikation, bei der
Darstellung von einer Art englischem Pflaster u. s. w. Das Dextrin
macht ferner einen nothwendigen Bestandtheil des Bieres aus und
entsteht beim Backen des Brotes auf der Oberfläche; es bildet zum Theil
die Kruste des Gebäckes. Bei seiner Anwendung in der Zeugdruckerei als
Verdickungsmittel ist nicht zu übersehen, dass es durch Säuren sich
verflüssigt und in Zucker übergeht.
Die Zuckerfabrikation.
[Sidenote: Geschichtliches und Allgemeines.]
Der Zucker ist in Ostindien und China schon seit den ältesten Zeiten
bekannt. In Europa benutzte man in früheren Zeiten statt seiner den
Honig, und obschon Rom und Griechenland Kunde vom Zucker hatten, kam er
doch bei dem geringen Verkehr mit Indien nicht oder nur als Seltenheit
zu ihnen, zuerst, wie es den Anschein hat, zur Zeit Alexander's des
Grossen. Mit den Eroberungen der Araber verbreitete sich der Zucker im
westlichen Asien, in Afrika und Südeuropa, zur Zeit der Kreuzzüge lernten
ihn die Kreuzfahrer kennen und die Venetianer brachten ihn bald nach
Europa und Nordafrika. Man baute auf Malta, Cypern, Candia und Aegypten
Zuckerrohr und von da kam es nach Sicilien. Von Sicilien brachten die
Spanier und Portugiesen das Zuckerrohr nach den Azoren, den canarischen
und den Inseln des grünen Vorgebirges (1420). Einer sehr verbreiteten,
doch auch widersprochenen Ansicht zufolge, soll das Zuckerrohr von den
canarischen Inseln aus nach Westindien und Brasilien verpflanzt worden
sein, nach =Hayti= (Hispaniola) sei es im Jahre 1506 gekommen. In den
späteren Jahrhunderten ist das Zuckerrohr auf vielen Inseln des stillen
Oceans von Reisenden aufgefunden worden.
War auch vielleicht das Zuckerrohr in Südamerika und auf den Antillen
ursprünglich zu Hause, so ist es doch als ausgemacht zu betrachten,
dass die ersten Entdeckungen von seinem Vorhandensein nichts wussten
und es als eine eingeführte Culturpflanze im Grossen bauten. =Ritter=
wies in seiner Schrift über die geographische Verbreitung des
Zuckerrohrs nach, dass sich letzteres von seiner eigentlichen Heimath
Ost- und Mittelasien in drei Richtungen über die Erde verbreitet habe;
ostwärts von Bengalen in einem Arme nach Cochinchina und China, in
einem zweiten Arme über die Inseln der Südsee innerhalb der Tropen bis
zu den Osterinseln; westwärts längs des Indus nach Vorderasien,
Nordafrika, Südeuropa bis nach Amerika. Nach Einführung des
Sklavenhandels nahm der Zuckerrohrbau auf den Antillen so zu, dass der
europäische und ostindische Zuckerbau verdrängt wurde. Nordamerika nahm
erst im 18. Jahrhundert den Zuckerrohrbau auf. Die Cultur des
Zuckerrohrs nahm immer mehr überhand und der Zucker, anfänglich nur in
den Apotheken als Curiosität und als Medicament aufbewahrt, nahm seine
Stelle unter den nothwendigen Lebensbedürfnissen ein, als man im 15.
Jahrhundert den Saft auf rationelle Weise aus dem Rohre zu extrahiren
und daraus festen Zucker darzustellen lernte, als es ein Jahrhundert
später gelang, das rohe Produkt durch Raffination zu verfeinern.
[Sidenote: Vorkommen und Eigenschaften des Zuckers.]
Der Zucker kommt in der Natur vor als sogenannter =Rohrzucker=, ferner
als =Traubenzucker= (Dextrose, Glycose, Krümelzucker, Stärkezucker,
Kartoffelzucker) und als =Schleimzucker= (Levulose, Chylariose,
Fruchtzucker). In grösserer und in solcher Menge, dass die Darstellung
des Zuckers im Grossen vortheilhaft ist, kommt der Rohrzucker vor in dem
Zuckerrohr, dem Mais, der Zuckerhirse (_Andropogon glycichylum_), in dem
Safte mehrerer Ahornarten, namentlich des Zuckerahorns, der Birke, in der
Zuckerrübe, der Mohrrübe, in der Krappwurzel (in der nach =W. Stein= bis
zu 8 Proc. sich finden sollen), in den Kürbissen, Melonen, Bananen,
vielen Palmenarten u. s. w. Der Rohrzucker ist noch nicht künstlich
dargestellt worden. Der krystallisirte Rohrzucker hat die Formel
C_{12}H_{22}O_{11}. Die Zuckerkrystalle (Kandiszucker) gehören dem
monoklinoëdrischen Systeme an, sind hart und haben ein spezifisches
Gewicht von 1,6. An trockener Luft bleiben sie unverändert. Beim Erhitzen
bis auf 180° schmelzen sie zu einer klebrigen farblosen Flüssigkeit,
welche nach raschem Erkalten zu einer durchsichtigen, amorphen Masse
(Gerstenzucker) erstarrt, die nach längerem Aufbewahren undurchsichtig
wird (abstirbt) und ein krystallinisches Gefüge zeigt. Bei 210-220°
verwandelt sich der Zucker in gebrannten Zucker oder Caramel. Der Zucker
löst sich in dem dritten Theile seines Gewichtes in kaltem Wasser,
in allen Verhältnissen in siedendem Wasser. Wenn man die Zuckerlösung auf
einer Temperatur erhält, die ihrem Siedepunkte nahe liegt, so verliert
sie nach und nach die Eigenschaft zu krystallisiren und zwar um so
leichter, je concentrirter die Lösung ist. Er ist unlöslich in absolutem
Alkohol und Aether; löslich aber in wässerigem Alkohol, besonders in der
Wärme. Die wässerige Lösung ist von rein süssem Geschmack. In
concentrirtem Zustande lässt sie sich in verschlossenen Gefässen
unverändert aufbewahren und conservirt selbst andere Gegenstände, wie z.
B. Früchte, worauf sich das Einmachen derselben gründet. Folgende von
=Gerlach= (1864) herrührende Tabelle giebt das spec. Gewicht und den
Gehalt an Rohrzucker einer Zuckerlösung bei 17,5° C. an:
===============++==========
Procentgehalt. | Spec.
| Gewicht.
================+==========
|
75 | 1,383342
74 | 1,376822
73 | 1,370345
72 | 1,363910
71 | 1,357518
70 | 1,351168
69 | 1,344860
68 | 1,338594
67 | 1,332370
66 | 1,326188
65 | 1,320046
64 | 1,313946
63 | 1,307887
62 | 1,301868
61 | 1,295890
60 | 1,289952
59 | 1,284054
58 | 1,278197
57 | 1,272379
56 | 1,266600
55 | 1,260861
54 | 1,255161
53 | 1,249500
52 | 1,243877
51 | 1,238293
50 | 1,232748
49 | 1,227241
48 | 1,221771
47 | 1,216339
46 | 1,210945
45 | 1,205589
44 | 1,200269
43 | 1,194986
42 | 1,189740
41 | 1,184531
40 | 1,179358
39 | 1,174221
38 | 1,169121
37 | 1,164056
36 | 1,159026
35 | 1,154032
34 | 1,149073
33 | 1,144150
32 | 1,139261
31 | 1,134406
30 | 1,129586
29 | 1,124800
28 | 1,120048
27 | 1,115330
26 | 1,110646
25 | 1,105995
24 | 1,101377
23 | 1,096792
22 | 1,092240
21 | 1,087721
20 | 1,083234
19 | 1,078779
18 | 1,074356
17 | 1,069965
16 | 1,065606
15 | 1,061278
14 | 1,056982
13 | 1,052716
12 | 1,048482
11 | 1,044278
10 | 1,040104
9 | 1,035961
8 | 1,031848
7 | 1,027764
6 | 1,023710
5 | 1,019686
4 | 1,015691
3 | 1,011725
2 | 1,007788
1 | 1,003880
0 | 1,000000
Die wässerige Rohrzuckerlösung lenkt den polarisirten Lichtstrahl nach
rechts ab. Verdünnte Schwefelsäure, Salzsäure und die meisten anderen
organischen und Mineralsäuren verwandeln den Rohrzucker in ein Gemenge
von Dextrose (Glycose) und Levulose (Chylariose), nach der Gleichung:
C_{12}H_{22}O_{11} + H_{2}O = C_{6}H_{12}O_{6} + C_{6}H_{12}O_{6}
Rohrzucker Dextrose Levulose
Eine Folge davon ist, dass der Rohrzucker im Pflanzenreiche nur in
neutralen Pflanzensäften sich vorfindet, während in Säften, die wie z. B.
der Traubensaft, freie Säuren (Weinsäure, Aepfelsäure, Citronensäure)
enthalten, niemals Rohrzucker, sondern Glycose und Chylariose sich
findet. Unter der Mitwirkung von Hefe spaltet sich der Zucker und giebt
die gewöhnlichen Produkte der geistigen Gährung: Alkohol, Kohlensäure,
Glycerin und Bernsteinsäure; bevor er sich spaltet, verwandelt er sich
aber in Chylariose. Der Rohrzucker verbindet sich mit den Hydroxyden des
Calciums und Bariums, ohne sich zu zersetzen, und bildet mit demselben
die =Saccharate=, die für die Darstellung des Zuckers im Grossen von
vielem Interesse sind.
Von Interesse ist besonders das Verhalten des Calciumhydroxydes gegen
Zuckerlösungen, weil bei der Fabrikation und Raffination des Rohr- und
Rübenzuckers fast durchweg Kalk zur Anwendung kommt. Calciumhydroxyd
wird durch Rohrzuckerlösung in einer grossen Menge zu einer klaren
Flüssigkeit gelöst, in welcher sich die Verbindung:
C_{12}H_{22}O_{11},CaO befindet. Die Lösung trübt sich beim Erhitzen
und gerinnt endlich vollständig, gerade so wie Eiweiss. Der
Kalkniederschlag (aus einer Verbindung C_{12}H_{22}O_{11},3CaO
bestehend) verschwindet aber in dem Maasse, als die Temperatur abnimmt
und die Flüssigkeit ist schon vollständig klar, ehe sie selbst gänzlich
erkaltet ist. Leitet man durch die Zuckerkalklösung einen Strom
Kohlensäuregas, so wird der Kalk gefällt und der Zucker ist unverändert
und ungefärbt in der Lösung enthalten. Eine Rohrzuckerlösung verändert
sich, wenn sie 48 Stunden lang mit 1/2 Atom Kalk gekocht wird, nicht im
Geringsten, während eine ähnliche Lösung ohne Kalk, unter denselben
Bedingungen gekocht, fast allen Zucker eingebüsst hat. Der Kalk ist
mithin ein ausgezeichnetes Mittel, dem Zucker bei den Arbeiten in der
Fabrikation Stabilität zu ertheilen. Die Verbindung des Rohrzuckers mit
dem Bariumhydroxyd, der =Zuckerbaryt= C_{12}H_{22}O_{11},BaO ist
insofern erwähnenswerth, als sie im Wasser fast unlöslich ist und man
in Folge dieser Unlöslichkeit eine Methode der Abscheidung des
Rohrzuckers als Rübensaft und Melasse mit Hülfe von Aetzbaryt
vorgeschlagen hat, die alle Beachtung verdient. Auch der Zuckerbaryt
ist durch Kohlensäure leicht zu zersetzen. Salpetersäure verwandelt den
Zucker je nach ihrer Concentration und der Dauer ihrer Einwirkung in
Zuckersäure oder in Oxalsäure. Ein Gemisch von Salpetersäure und
concentrirter Schwefelsäure führt den Zucker in eine explosive
Verbindung (Nitrozucker) über. Rohrzucker reducirt mit Aetzalkali
versetzte Kupfervitriollösung nicht; Glycose und Chylariose scheiden
unter denselben Umständen schon in der Kälte Kupferoxydul ab.
A. Rohrzucker.
[Sidenote: Aus dem Zuckerrohr.]
Das =Zuckerrohr= (_Saccharum officinarum_) ist eine perennirende Pflanze
aus der Familie der Gräser. Aus der faserigen, stellenweise filzartigen
Wurzel steigen mehrere walzenrunde, mit Knoten versehene Halme empor,
welche je nach der Bodenbeschaffenheit eine Höhe von 2,6-6,6 Meter und
eine Dicke von 4-6 Centimeter erreichen. Das Aeussere der Halme ist
gelblichgrün oder blau, oder auch gelb und violett gestreift. Das Innere
bildet ein safterfülltes, weissliches Zellenmark. Die schilfähnlichen
Blätter erreichen eine Länge von 1,6-2 Meter und gehen in zwei Reihen von
den Knoten aus. Die Blüte erscheint an der Spitze des Rohres in einer
konisch ausgebreiteten Rispe, ähnlich dem Blütenstande unseres
gewöhnlichen Schilfes. Man pflanzt das Zuckerrohr sowol durch Samen, wie
auch durch Stecklinge fort. Das letztere ist das gewöhnlichere.
Eine Hektare Land giebt an Zucker (Rohzucker):
Bei 15 Mon. Vegetationszeit In 1 Jahre
Auf Martinique 2500 Kilogr. 2000 Kilogr.
" Guadeloupe 3000 " 2400 "
" Reunion und Mauritius 5000 " 4000 "
in Brasilien 7500 " 6000 "
[Sidenote: Zusammensetzung des Zuckerrohrs.]
Keine Pflanze enthält eine so grosse Menge Zucker wie das Zuckerrohr, und
keine liefert ihn auch so rein. Unter den gewöhnlichen Bedingungen
cultivirt, enthält das Zuckerrohr 90 Proc. Saft, welche nach der
Untersuchung von =Péligot= 18-20 Th. krystallisirbaren Zucker enthalten.
Tahitisches Zuckerrohr von Martinique (a), von Guadeloupe (b) und von
Mauritius (c) zeigte sich nach =Péligot=, =Dupuy= und =Icery= (1866)
folgendermaassen zusammengesetzt:
(a) (b) (c)
Péligot. Dupuy. Icery.
Zucker 18,0 17,8 20,0
Wasser 72,1 72,0 69,0
Cellulose 9,9 9,8 10,0
Salze -- 0,4 0,7-1,2
Von den 18 Proc. Zucker, die im Zuckerrohre sich finden, kommen in der
Regel nicht viel mehr als 8 Proc. als krystallinischer Zucker in den
Handel. Dieser grosse Verlust wird durch folgende Umstände veranlasst:
1) presst man von den 90 Proc. Saft, welche das Zuckerrohr enthält,
gewöhnlich nur 50-60 Proc. aus, es bleibt mithin ein Drittel des
Zuckers in dem gepressten Stroh, in der Bagasse, zurück, welches als
Brennmaterial zum Einkochen des Zuckersaftes dient; 2) geht wenigstens
der fünfte Theil des in dem Safte enthaltenen Zuckers durch das
unvollkommene Läuterungsverfahren und während des Einkochens in Gestalt
von Schaum verloren; 3) krystallisirt nur die Hälfte bis höchstens zwei
Drittheile von dem Zucker, der in dem eingekochten Safte sich befindet,
während der Rest in der Melasse zurückbleibt. Die 18 Proc. Zucker des
Rohres zertheilen sich demnach auf folgende Art:
In der Bagasse bleiben etwa 6 Proc.
Durch die Läuterung und durch das Abschäumen gehen verloren 2,5 "
In der Melasse bleiben zurück 3 "
Als Rohzucker werden gewonnen 6,5 "
----------
18 Proc.
[Sidenote: Darstellung des Rohzuckers aus dem Zuckerrohre.]
Die Fabrikation des Rohzuckers aus dem Zuckerrohre zerfällt 1) in das
Auspressen, 2) in das Klären und Einkochen des Saftes.
[Illustration: Fig. 210.]
1) _Das Auspressen des Saftes._ Das gesammelte Zuckerrohr muss so
schnell als möglich nach der Zuckermühle gebracht werden; die kleinste
Vernachlässigung in dieser Beziehung würde sich bei der hohen
Temperatur durch Abnahme des Zuckers in dem Rohre rächen. Die zum
Auspressen des Rohres dienenden =eisernen Walzenpressen= sind durch
Fig. 210 versinnlicht. Sie bestehen aus drei hohlen gusseisernen Walzen
_a_, _b_, _c_, welche horizontal in einem gusseisernen Gestelle liegen.
Mittelst der Schrauben _i i_ lassen sich die Presswalzen nähern oder
von einander entfernen. Die eine Walze wird mit Hülfe eines grossen,
mit Getriebe versehenen Rades in Bewegung gesetzt und dreht dann
mittelst dreier Zahnräder, welche auf den Axen der Walzen sitzen, auch
die übrigen Walzen. Das Zuckerrohr wird durch ein endloses Band über
die schiefe Ebene _d d_ zu den Walzen geführt, gelangt zuerst zwischen
die beiden Walzen _a c_, wo es nur eine geringe Pressung erleidet, und
kommt dann über das gebogene Blech _n_ hinweg zwischen die dichter
gestellten Walzen _c_ und _b_. Damit der Saft die erforderliche Zeit
zum Ausfliessen habe, dürfen die Cylinder sich nur langsam umdrehen.
Bei 6 Decimeter Durchmesser ist die geeignetste Drehungsgeschwindigkeit
etwa 1 Meter in der Secunde in der Peripherie. Das gekelterte Rohr
fällt über die Rinne _f_ hinaus. Der ausgepresste Saft sammelt sich in
_g g_ und läuft durch _h_ ab. Die Walze _a_ ist auf der Oberfläche
cannellirt; zuweilen sind auch alle Walzen cannellirt. Auf den
dänischen Inseln Westindiens heisst die mittlere Walze der =König=, die
eine Seitenwalze der =Seitenroller=, die andere der =Makasroller=.
2) und 3) _Das Klären und Einkochen des Saftes_. Der ausgepresste Saft
gelangt in die Siederei, in welcher er in einem Systeme von fünf
eisernen oder kupfernen Kesseln, die in einer Reihe eingemauert sind
und eine gemeinschaftliche Feuerung besitzen, verarbeitet wird. In die
erste Pfanne, die als Läuterungskessel dient, kommt der Saft sogleich
von der Presse; sie ist am entferntesten vom Feuer. Das Läutern
geschieht mit Kalkmilch; zu 15,000 Liter Saft setzt man 5-9 Liter. Dass
man genug Kalkmilch zugesetzt hat, erkennt man daran, dass ein dicker
und fester Schaum sich bildet, in welchem durch das Kochen Sprünge und
Risse entstehen, durch welche eine farblose Flüssigkeit dringt. Der
Kalk neutralisirt die Aepfel- und andere Pflanzensäuren und bildet mit
dem Albumin und anderen Saftbestandtheilen eine dichte schmutzig grüne
Schaumdecke. Sobald der Saft bis zum Siedepunkte erhitzt ist, entfernt
man den Schaum mit Hülfe eines Schaumlöffels und bringt den geläuterten
Saft in die zweite Pfanne zum Abdampfen. Hier bildet sich unablässig
neuer Schaum, der in die erste Pfanne zurückgebracht wird. In der
dritten und vierten Pfanne, welche immer kleiner und kleiner sind, wird
der Saft durch Abdampfen bis auf 30° B. gebracht, in der fünften und
letzten Pfanne endlich bis zum Krystallisationspunkte eingekocht. In
den Kesseln setzt sich ein Kesselstein in Krusten von 3-4 Linien Dicke
ab, deren Bildung das Sieden des Saftes beträchtlich verzögert, weil
dieser Ueberzug ein sehr schlechter Wärmeleiter ist. Um ihn zu
entfernen, erwärmt man den Kessel im geleerten Zustande; der
Kesselstein erleidet eine angehende Verkohlung und lässt sich leicht
ablösen. Die zum Krystallisiren erforderliche Consistenz des
eingekochten Zuckersaftes erfährt man durch die Fingerprobe, indem man
einen Tropfen zwischen Daumen und Zeigefinger auseinanderzieht, je
dicker die Lösung ist, desto länger die Fäden; eine Länge von 3
Centimeter hält man für ein Zeichen genügender Concentration. Ehedem
brachte man den verkochten Syrup von der Kochpfanne zuerst in die
=Kühler=, grosse hölzerne Gefässe, ein jedes von etwa 16 Ctr.
Capacität, in welchen sich der Zucker in Körnern abschied, und dann in
grosse Fässer, in welchen die Melasse vom Zucker so gut als möglich
abfloss. Diese Methode zog aber in Folge von Gährung so bedeutende
Verluste nach sich, dass man sie zum Theil aufgegeben und die Kühler
durch Krystallisirgefässe aus Holz, von etwa 36 Centimeter Tiefe, 1,3
bis 1,6 Meter Breite und 2-2,6 Meter Länge, ersetzt hat. In dem Boden
dieser Bottiche befinden sich Löcher, die mit Zuckerrohrstückchen
verstopft sind. Wenn nach Verlauf von 24 Stunden die Masse körnig
geworden ist, rührt man sie um und lässt durch die Löcher den nicht
krystallisirten Theil, den =Syrup= oder die =Melasse=, abfliessen. Nach
5-6 Wochen ist die Melasse abgetropft und die in den Gefässen
zurückbleibende Masse führt den Namen =Rohzucker=, =Moscovade= oder
=Puderzucker=. In anderen Districten bringt man den in den
Krystallisirgefässen abgeschiedenen Zucker in grosse Abtropffässer, die
über Cisternen stehen. Die Melasse tropft zwischen den Fugen der Dauben
und des Bodens ab und fliesst in die Cisternen, welche 15-20,000 Liter
und darüber fassen. Etwa 14 Tage nach dem Einfüllen ist der Zucker
ziemlich gereinigt. In den französischen und englischen Colonien pflegt
man den Rohrzucker an Ort und Stelle mit feuchtem Thon zu =decken= und
die gereinigten Rohrzuckerbrote unter dem Namen =Cassonade= oder
Terrezucker in den Handel zu bringen.
[Sidenote: Sorten des Rohzuckers.]
Im europäischen Handel finden sich als die hauptsächlichsten folgende
Rohzuckersorten:
1) =westindische=: Cuba, San Domingo oder Haiti, Jamaica, Portorico,
Martinique, Guadeloupe, Sainte Croix, St. Thomas, Havanna;