IV. Abschnitt.

Die Pflanzenstoffe und ihre technische Anwendung.

Die Technologie der Pflanzenfaser.

[Sidenote: Pflanzenfaser.]

Die =Pflanzenfaser= oder die =Cellulose= C_{6}H_{10}O_{5} ist derjenige

Stoff, der das Gewebe der Vegetabilien bildet und in den verschiedensten

Formen in den Pflanzen vorkommt. In grösster Menge findet er sich mit

incrustirender Substanz durchdrungen im Holze und bildet die =Holzfaser=,

in langen Faden oder Büscheln bildet er den =Flachs= (Lein), den =Hanf=,

die =Brennnesselfäden= und die =Baumwolle=, welche Substanzen die

technisch so überaus wichtige Gruppe der =Gespinnstfasern= bilden und zur

Fabrikation der Gespinnste und Gewebe, des Papiers und der

Schiessbaumwolle dienen. Mit Schwefelsäure behandelt, geht er in Dextrose

(Glycose) über, worauf die Verwendung der Cellulose zur

Spiritusdarstellung beruht. Dass der reine Pflanzenzellenstoff von

gleicher Zusammensetzung in dem Holze, der Baumwolle, dem Flachse und dem

Papier vorkommt, geht aus folgenden Analysen dieser verschiedenen

Substanzen hervor:

======================+=========+============+=========+==========

Zellenstoff aus: | Holz. | Baumwolle. | Flachs. | Papier.

======================+=========+============+=========+==========

| | | |

Kohlenstoff | 43,87 | 43,30 | 43,63 | 43,87

Wasserstoff | 6,23 | 6,40 | 6,21 | 6,12

Sauerstoff | 49,90 | 50,30 | 50,16 | 50,01

+---------+------------+---------+----------

| 100,00 | 100,00 | 100,00 | 100,00

| | | |

Diejenigen Pflanzentheile, welche als Gespinnstfaser verarbeitet werden,

stellen Faserbündel dar, die fest, geschmeidig, spaltbar und wo möglich

bleichbar sein müssen. Diesen vier Eigenschaften entsprechen in

hervorragendem Grade zunächst der Flachs, der Hanf und die Baumwolle,

dann, wiewohl in schwächerem Maasse, einige der unten zu erwähnenden

Flachs- und Hanfsurrogate, die erst durch die internationalen

Industrieausstellungen der beiden letzten Decennien in weiteren Kreisen

bekannt geworden sind.

[Greek: a]) _Der Flachs._

[Sidenote: Flachs.]

[Sidenote: Rösten desselben.]

Der =Flachs= ist die zum Spinnen vorgerichtete Faser der =Leinpflanze=

(_Linum usitatissimum_), einer Pflanze aus der Familie der Caryophylleen.

Die Ernte des Leins geschieht, indem die Pflanzen aus dem Boden gerauft,

in Bündel gebunden, und zum Trocknen auf das Feld gestellt werden. Nach

dem Trocknen werden die Pflanzen auf der Flachsraufe, einem Kamme mit

eisernen Hakenzähnen (dem Riffelkamm oder Reffkamm), =geriffelt=, d. h.

die Samenkapseln abgerissen, dann aber der Flachs in handdicke Bündel

gebunden und der Rotte übergeben. Die in dem Lein enthaltenen Fasern,

welche den Flachs bilden, liegen unter der Rinde der Pflanze und zwar

durch eine gummiartige Substanz (die nach =J. Kolb= Pektose ist)

zusammengeleimt, welche daraus entfernt werden muss, so dass durch die

nachfolgende mechanische Behandlung die spinnbaren Fasern isolirt werden

können, ohne übermässig beschädigt zu werden. Dies geschieht durch das

=Rösten= oder =Rotten=, deren Zweck nach =J. Kolb= das Hervorrufen der

Pektingährung ist, wodurch das Pektin in Pektinsäure übergeht. Behufs des

Röstens bringt man die Flachsstengel in Bäche oder in stehendes Wasser,

und hält sie durch aufgelegte schwere Körper unter der Oberfläche des

Wassers, bis eine Art von Fäulniss eingetreten ist, welche diejenigen

Stoffe, von welchen die Faser zusammengehalten wird, nicht aber die Faser

selbst zerstört. Man nennt diese Art der Röste die =Wasserröste=. Nach

einer andern Methode setzt man die geriffelten Stengel, in dünnen Lagen

auf Feldern ausgebreitet, den Einflüssen der Atmosphäre aus und ersetzt

den fehlenden Regen durch fleissiges Begiessen mit Wasser (=Thauröste=,

Landrotte, Luftrotte). Beide Methoden sind langwierig und ungesund, weil

durch die bei der Fäulniss sich entwickelnden Gasarten die Umgegend

vergiftet, durch die Wasserröste ausserdem das Wasser verdorben und zur

Erhaltung des Lebens von Fischen untauglich wird.

[Sidenote: Warmwasserröste.]

[Sidenote: Dampfröste.]

Nach vielen Versuchen, die schon seit langer Zeit mit verschiedenen

chemischen Substanzen (Kalilauge, verdünnter Schwefelsäure) angestellt

worden sind, war endlich vor wenigen Jahren das seither unter dem Namen

=Warmwasserröste= bekannt gewordene Verfahren zuerst von =Schenck= in

Irland eingeführt worden. Gegenwärtig hat sich dieses Verfahren auf dem

Continente eingebürgert. Das Rösten geht nach dieser Methode in grossen

Bottichen vor sich, in welchen das Wasser mittelst Dampf auf 25-30°

erhitzt wird, nach 60-90 Stunden ist das Rösten beendigt. Die

Vortheile, welche die Warmwasserröste darbietet, sind: 1) dass die

Arbeit des Röstens dem Leinbauer gänzlich abgenommen wird und in eigene

Anstalten übergeht, wodurch ein besseres und gleichmässigeres Produkt

erzielt wird; 2) dass in Folge eines um etwa 10 Proc. geringeren

Gewichtsverlustes nach der Röste, verglichen mit dem

Wasserröstverfahren, der Ertrag ein weit grösserer ist; 3) dass bei dem

fabrikmässigen Betriebe dieser Röstart die Unkosten verhältnissmässig

gering sind. In neuerer Zeit hat man auch angefangen, heisse

Wasserdämpfe zum Rösten des Flachses anzuwenden. Diese Dampfröste, von

=Watt= und =Buchanan= eingeführt, soll vor der Warmwasserröste grosse

Vorzüge besitzen.

[Illustration: Fig. 187.]

[Sidenote: Brechen des Flachses.]

Im gerotteten Zustande besteht der Flachs aus Cellulose und

Pektinsäure. Nach beendigtem Rösten und Dörren sucht man die Fasern von

der Hülse und dem durch das Rösten mürbe gewordenen Kern zu trennen,

was durch das Brechen, Schwingen und Hecheln geschieht. Durch das

=Brechen= werden die holzigen Theile zerklopft (gebrochen), das Bast

widersteht durch seine grössere Zähigkeit und bleibt fast unversehrt.

Das Werkzeug, dessen man sich zum Brechen bedient, besteht (Fig. 187)

aus zwei ineinandergreifenden Theilen; der obere _B_ (der Deckel oder

Schlegel) wird aus zwei Holzschienen gebildet, die an dem einen Ende so

mit einem Untergestell verbunden sind, dass sie sich wie in einem

Charniere bewegen lassen. Diese beiden Holzschienen laufen nach unten

messerschneidenartig zu und vereinigen sich in dem Handgriffe _C_. Das

Untergestell _A_ ist der ganzen Länge nach in zwei durchgehende Rinnen

ausgeschnitten, die so beschaffen sind, dass die Latten des Deckels

bei der niedergehenden Bewegung sich genau in die Rinnen des unteren

Theiles (der Lade) hineinlegen. Indem der Arbeiter abwechselnd den

Deckel aufhebt und schnell wieder niederstösst, bringt er zu gleicher

Zeit ein Büschel Flachs quer über die Lade, welches zwischen den Latten

des Deckels und den Rinnen der Lade zerknickt und zerquetscht wird, da

es allmälig der Länge nach fortgezogen wird. Die holzigen Theile, die

Schebe oder Ahne fallen theils von selbst, theils werden sie nach

beendigtem Brechen zum grossen Theil durch Ausschütteln entfernt.

Bei dem Handbrechen ist ein ziemlicher Verlust an Flachs schwer zu

vermeiden, weshalb gut construirte Flachsbrechmaschinen den Vorzug

verdienen.

[Illustration: Fig. 188.]

[Illustration: Fig. 189.]

[Illustration: Fig. 190.]

[Illustration: Fig. 191.]

[Illustration: Fig. 192.]

[Sidenote: Botten oder Blaueln.]

[Sidenote: Schwingen des Flachses.]

[Sidenote: Ribben.]

[Sidenote: Hecheln des Flachses.]

Anstatt des Brechens bedient man sich in Belgien des =Botthammers=,

womit der Flachs gleichsam gedroschen wird. Der Botthammer (Fig. 188)

ist ein flacher viereckiger Holzblock, auf der unteren Seite (Fig. 189)

mit querlaufenden, parallelen Einkerbungen versehen, und an einem

langen, gekrümmten Stiele befestigt. Der Arbeiter tritt mit der

Fussspitze auf das eine Ende des Flachses, hält ihn so fest, und

schlägt mit dem Botthammer kräftig auf die freie Stelle, wendet von

Zeit zu Zeit um und durchschüttelt ihn, bis der Flachs gleichmässig

gebrochen ist. Der gebrochene oder gebottelte Flachs enthält immer noch

fest anhängende, beim Schütteln sich nicht absondernde Schebetheile,

welche durch das Schwingen entfernt werden. Der hierbei benutzte

Apparat besteht aus dem =Schwingstock= und aus dem =Schwingmesser=.

Ersterer (Fig. 190) ist ein auf einem Fussgestell aufrecht befestigtes

Brett mit einem Einschnitte an der Seite, in welchen man ein Büschel

Flachs so legt, dass es an der vordern Seite des Brettes herabhängt,

während es hinter demselben festgehalten wird. Das Schwingmesser (Fig.

191) ist aus hartem, dünnem Holze, an den Kanten zugeschärft und mit

einem Handgriffe versehen. Der Arbeiter schlägt damit den längs des

Brettes herabhängenden Flachs, dann dreht er denselben herum und fährt

fort zu schlagen, bis der Flachs völlig von der Schebe befreit ist.

Anstatt des Schwingens oder auch nach demselben wendet man in einigen

Flachsgegenden das Ribben an, das in einem kräftigen Ausstreichen mit

dem =Ribbenmesser= (Fig. 192), einer dünnen Klinge _o_ aus Eisenblech,

welche in einem hölzernen Griff _p_ gefasst ist, besteht. Der sitzende

Arbeiter fasst ein Bündel Flachs (eine Riste) mit der linken Hand,

breitet dasselbe auf einem über die Knie gebreiteten Schurzfell aus und

führt mit der Rechten das Messer. Trotz dem sorgfältigsten Schwingen

oder Ribben wird der Flachs nicht in den zum Spinnen erforderlichen

Zustand übergeführt. Abgesehen von noch vorhandenen Schebeüberresten,

ist der Bast noch nicht vollständig in seine Fasern zertheilt, sind

auch noch kurze Fasern mit langen gemengt, liegen endlich auch

zahlreiche Fasern verwirrt und gekrümmt. Die letzte Arbeit der

Flachszurichtung, das Hecheln, soll demnach: 1) die Schebeüberreste

vollständig entfernen; 2) den Bast in die einzelnen, zum grössten Theil

noch bänderartig zusammenhängenden Flachsfasern spalten; 3) die zu

kurzen Fasern absondern; 4) die langen Fasern glatt und parallel legen.

Die =Hechel=, das Werkzeug, dessen man sich zum Hecheln bedient,

besteht aus feinen, spitzen Stahlzinken, welche auf einem festen

Holzboden befestigt sind. Man bedarf mehrerer Sorten Hecheln, bei

welchen die Zinken dichter oder entfernter, feiner oder gröber sind.

Der Arbeiter schlägt den Flachs handvollweise durch die Hecheln und

zwar zuerst durch die gröberen, zuletzt durch die feinsten.

[Sidenote: Gewirre oder Hede.]

Die von den Zähnen der Hechel zurückgehaltenen kürzeren Fasern nennt

man das =Gewirre= (daraus verdorben die Worte Werrig oder Werg) oder

die =Hede=, die zur Seilerarbeit oder zu geringerem Gespinnst verwendet

werden kann. Gewöhnlich ist die Zurichtung der Flachsfaser mit der

Arbeit des Hechelns beendigt, in speciellen Fällen, wo besondere

Reinheit und Feinheit der Fasern erforderlich ist, vervollständigt man

die Wirkung der Hechel durch Klopfen und Bürsten und durch Kochen mit

Seifenlösung.

[Sidenote: Ausbeute an Flachs.]

Der durchschnittliche Ertrag an geschwungenem Flachs und Leinsamen

beträgt pro Hektare 492 Kilogr. Flachs und 440 Kilogr. Leinsamen

100 Kilogr. gerösteter und gedörrter Flachs

wiegen nach dem Brechen 45-48 Kilogr.

" " " Schwingen oder Ribben 15-25 "

" " " Hecheln 10 "

Dabei erhält man 5-10 Kilogr. Schwingwerg und 5-15 Kilogr. Hechelwerg.

[Sidenote: Spinnen des Flachses.]

Das =Spinnen des gehechelten Flachses= bezweckt dessen Umwandlung in

Garn. Das Spinnen kann geschehen auf dem Spinnrade (Handspinnerei), oder

auf Maschinen (Maschinenspinnerei). Die Aufgabe der Spinnerei ist, die

Fasern des gehechelten Flachses so auszuziehen und anzuordnen, dass sie

einen Faden von möglichst gleicher Dicke bilden, und dann diesem Faden

die Drehung zu geben. Das Spinnen auf dem Spinnrade ist allgemein

bekannt. Die Verarbeitung in den mechanischen Spinnereien zerfällt in

folgende Abtheilungen: 1) der gehechelte Flachs wird in ein Band von

ziemlich gerade und parallel liegenden Fasern, die Grundlage des

künftigen Garnfadens verwandelt; 2) dieses Band wird gestreckt; dadurch

wird dasselbe verfeinert und die parallele Lage der Fasern vollkommen

bewirkt; 3) das gestreckte Band wird durch weiteres Strecken und geringes

Drehen in den Vorgespinnstfaden verwandelt; 4) der Vorgespinnstfaden geht

durch fortgesetztes Strecken und verstärktes Drehen in das Feingespinnst,

in das Garn über. Das Werg wird ebenfalls auf Maschinen zu Gespinnst

verarbeitet; indem dasselbe zuerst ähnlich der Baumwolle gekratzt, auf

der Kratzmaschine in Bänder verwandelt und übrigens wie der Flachs

behandelt wird. Das Leingarn wird gehaspelt, dann entweder roh, oder

gebleicht zu Geweben verarbeitet. Die durch Drehen (Zwirnen) vereinigten

Fäden irgend eines Gespinnstes bilden den =Zwirn=.

[Sidenote: Weben des Leingarnes.]

[Sidenote: Leinene Zeuge.]

Beim =Weben= des Garnes werden Fäden parallel neben einander aufgespannt

(die =Kette=) und durch dieselben Fäden so rechtwinklig geführt (der

=Einschuss=, =Schuss=, =Einschlag=), dass dichte Gewebe entstehen, die

man mit dem Namen =leinene Zeuge= zusammenfasst. Durch die Umkehr des

Einschusses an den beiden Rändern des Gewebes, wobei derselbe die

äussersten Kettenfäden umschlingt, entsteht die =Kante= oder

=Sahlleiste=.

[Sidenote: Arten der Leingewebe.]

Die wichtigsten Leinwandsorten sind ohne Zweifel die =glatten= weissen,

welche die Namen =Leinwand=, =Leinen= oder =Linnen= führen. Doch werden

auch =geköperte= und =gemusterte= sehr häufig angewendet. Zur

Verfertigung =farbigen= Zeuges muss das dazu bestimmte gefärbte Garn

schon beim Aufbäumen geordnet werden, und beim Weben selbst, welches

allerdings mühsamer als das der gewöhnlichen glatten weissen Zeuge ist,

muss der Arbeiter ebenso viele Schützen haben, als beim Einschlage

Fäden von verschiedener Farbe vorhanden sein sollen. Der zu Tafelzeugen

bestimmte =leinene Damast=, welcher grosse Muster wie Blumen,

Landschaften, Porträts u. s. w. enthält, wird ebenso wie der =Drell=

oder =Zwillich=, auf dem Jacquard-Stuhl gewebt. Der Zwillich ist auf

=beiden= Seiten rechts, während der leinene Damast dies bloss auf

=einer= Seite ist. Beim Zwillich bildet der Einschlag die Figuren,

während dies beim Damast durch die Kette geschieht. Der =Batist= ist

eine aus dem feinsten Gespinnst nicht sehr dicht gewebte Leinwand. Der

Flachs dazu wird mit besonderer Sorgfalt gebaut, damit er eine

bestimmte Länge erreiche, und das Weben des Zeuges verrichtete man

früher in sehr hellen und feuchten Kellern, um das Zerreissen der

zarten Fäden möglichst zu verhüten; jetzt ist dies nicht mehr der Fall,

sondern man wendet zum Beleuchten eine Lösung von Chlorcalcium oder

eine glycerinhaltige Mischung an. Das =Kammertuch=, welches man oft mit

Batist verwechselt, ist ebenso fein wie der Batist, aber weniger dicht.

Aus der Picardie erhalten wir Kammertuch von so grosser Feinheit, dass

ein Stück von 7 Meter kaum 180-240 Grm. wiegt. =Schleier=, =Klar= oder

=Schier= unterscheidet sich von dem Batist nur durch grössere

Lockerheit des Gewebes. Fast ebenso locker ist =Linon=, welches das

Mittel zwischen Batist und Schleier hält. Die =leinene Gaze=, ein

dünnes, florartig gewebtes Zeug, ist dem Linon ähnlich. =Creas=, eine

ursprünglich spanische feine Leinwand, aus vorher schon gebleichtem

Garn gewebt, nimmt nach dem Mangen und Glätten ein sehr angenehmes,

seidenartiges Ansehen an. Der =Tüll= (den man auch aus Baumwollengarn

macht) ist ein aus gebleichtem Leingarn durchbrochen gewebtes Zeug,

welches stark gesteift und unter Anderem zum Durchnähen der Zierrathen

benutzt wird. Die gröbste, meistens hänfene Leinwand ist des

=Segeltuch=, das =Matrosenlinnen= und die =Pack=- und =Sackleinwand=.

Das sogenannte =Bleichtuch= ist eine Art grober Leinwand, welche in den

Wachsbleichen zu der Unterlage des zu bleichenden Wachses gebraucht

wird.

[Sidenote: Appretur.]

Die fertigen Zeuge werden gebleicht und dann, um ihnen ein gefälliges

Ansehen zu geben, =appretirt=. Die Appretur zerfällt in das =Stärken=,

=Glätten= und =Pressen=. Durch das Stärken wird die Leinwand steif und

zur Annahme des Glanzes geeignet. Das Glätten und Pressen geschieht

entweder auf Mangen oder Rollen, oder vermittelst eines aus 3-5 Walzen

bestehenden Kalanders. -- Von dem Bleichen der leinenen Zeuge wird

weiter unten die Rede sein.

[Greek: b]) _Der Hanf und andere weniger wichtige Gespinnstpflanzen._

[Illustration: Fig. 193.]

[Illustration: Fig. 194.]

[Sidenote: Hanf.]

Der =Hanf= (_Cannabis sativa_) wird hauptsächlich wegen des Bastes

seiner Stengel angebaut. Der daraus gewonnene Faden ist zwar etwas

grob, hat aber dafür ganz besondere Festigkeit und lässt sich daher

kaum durch ein anderes Material zu Tauwerk und Segeltuch ersetzen.

Nicht minder wird aber auch das Hanfgespinnst zu häuslichem Gebrauch

vielfach verwendet. Die Verarbeitung der Hanfstengel stimmt im

Wesentlichen mit jener des Flachses überein. Der Hanf wird nämlich im

Wasser geröstet, getrocknet, gebrochen und auf der =Hanfreibe=

zerquetscht. Die ältere Art derselben (Fig. 193) besteht aus einem

grossen Steinkegel, der mit Hülfe einer Achse an einer verticalen Welle

angebracht ist und sich mit dieser in einer Kreisbahn bewegt.

Vortheilhaft sind die neuen Hanfreiber (Fig. 194), deren Construktion

aus beistehender Zeichnung erhellt. Der geriebene Hanf heisst Reinhanf,

der seiner Länge wegen beim Spinnen Schwierigkeiten darbietet und

deshalb in 2 bis 3 Theile zerrissen wird, was man =Stossen= nennt.

Hierauf folgt das Schwingen und Hecheln.

[Sidenote: Andere Gespinnstpflanzen.]

In neuerer Zeit sind verschiedene, meist ausländische Faserstoffe als

=Stellvertreter des Flachses und Hanfes= in die europäische Industrie

eingeführt worden. Die hauptsächlichsten derselben sind folgende:

[Greek: a]) _Stengelfasern_:

1) =Chinesisches Gras= (Chinagras, Tschuma), die Faser von _Urtica s.

Boehmeria nivea_ und _heterophylla_, welche in China und Ostindien, in

Mexico und dem Mississippithale, auf Cuba, in der Wolgaebene Russlands,

im südlichen Frankreich und in Algier angebaut werden. Die in China

gebräuchliche Herstellung der Fäden ist insofern bemerkenswerth, als

die Fäden nicht gesponnen, sondern durch Aneinanderstückeln einzelner,

Ende bei Ende gelegter und durch Rollen unter der Hand vereinigter

Fasern gebildet werden; sie erscheinen daher glatt und nicht gedreht

und bieten deshalb einen eigenthümlichen Glanz dar. Es dient zur

Herstellung des schönen Gewebes, das unter dem Namen Grasleinen oder

_China grass-cloth_ bekannt ist. Das Rohmaterial, von Hause aus

grünlich oder braun, lässt sich bleichen und nimmt dann alle Farben an.

2) Die =grosse Nessel=, _Urtica dioïca_, liefert einen feinen Bast, aus

welchem das Nesseltuch hergestellt wird.

3) =Rameehanf= oder =Ramié= von _Urtica s. Boehmeria utilis_, eine

Nesselart, die auf Borneo, Java, Sumatra und anderen Inseln des

indischen Archipels, in neuerer Zeit auch in der Union und

versuchsweise in Deutschland angebaut wird. Er ist 1-2 Meter lang,

gelblichweiss, von der Feinheit reingeschwungenen groben Flachses, aber

fast glanzlos und steif.

4) =Rheahanf= (Kankhura- oder Kalluihanf), _Urtica s. Rhea

tenacissima_, aus Ostindien. Hat nicht viel Werth als Gespinnstfaser.

5) =Jutehanf= (_paut-hemp_), von der in Ostindien und China

einheimischen Gemüselinde, _Corchorus capsularis_, _C. textilis_, _C.

olitorius_, _C. siliquosus_. Das Gespinnstmaterial ist ein brauner,

grober und langer Faserstoff, der in England zu dickem Garne versponnen

wird, woraus man Sack- und Packtuch (Gunny) webt. Zu Tauwerk kann die

Jute den Hanf nicht ersetzen, da sie zu wenig Festigkeit besitzt und im

Wasser leicht fault.

6) =Hibiscushanf= (Bombayhanf oder Umbaree), von _Hibiscus cannabinus_,

deren Bastfasern man von dem Holze durch Rösten und Pochen absondert;

man verfertigt daraus in England Tauwerk.

7) =Sunnhanf= (Janapam oder ostindischer Hanf), von _Crotalaria

juncea_, ist dem gewöhnlichen Hanfe sehr ähnlich, steht ihm aber an

Festigkeit und Länge der Fasern nach.

[Greek: b]) _Blattfasern_:

8) =Neuseeländischer Flachs=, _Phormium tenax_, eine in Neuseeland

einheimische Gespinnstpflanze (Koradi oder Korere), deren Blätter

zahlreiche gerade Längenfasern von ziemlicher Feinheit, weisser Farbe

und Seidenglanze enthalten. Das zubereitete Material ist dem

gewöhnlichen Hanfe ähnlich, jedoch härter, steifer und rauher.

9) =Aloëhanf= (Pitta oder Pite) kommt aus Peru, Westindien, Mexico und

Ostindien und besteht aus den gereinigten Fasern der Blätter mehrerer

Agavearten, wie _A. americana_, _A. vivipara_, _A. foetida_ etc. Er ist

gelblichweiss und wird hauptsächlich zu Seilerwaaren verarbeitet.

10) =Manilahanf= (Pinasfaser oder Avaka) kommt von _Musa textilis_, _M.

troglodytarum_ und _M. paradisiaca_, die in Ostindien und mehreren

Inseln des indischen Archipels wachsen. Er kommt im Handel vor in

gelblichweissen oder bräunlichgelben Fasern von 1,3-2,2 Meter Länge,

die zum Theil in bastähnliche Streifen vereinigt sind, durch Hecheln

aber fein zertheilt dargestellt werden können. Die weisse Sorte zeigt

nach dem Hecheln einen Seidenglanz und wird zu Glockenzügen, Taschen u.

dergl. verarbeitet, auch zuweilen als Einschuss in Möbeldamaste

verwendet. Die geringeren oder gefärbten Sorten Manilahanf dienen zu

Seilerarbeiten.

11) =Ananashanf= (oder Pinna) kommt aus Westindien, Central- und

Südamerika und besteht aus den Bastfasern der gewöhnlichen Ananas

(_Ananassa sativa s. Bromelia ananas_) und anderen Ananasarten. Er

eignet sich ziemlich gut zu feinen Geweben.

12) =Pikabahanf= (oder Piassava), aus den Blättern der _Attalea

funifera_, einer in Brasilien wachsenden Palme, wird zu Seilerwaaren

verwendet.

[Greek: g]) _Fasern aus Fruchthüllen_:

13) =Kokosnussfaser= (Coir oder Kair) ist der rothbraune Faserstoff,

mit welchem die Schale der Kokosnüsse (von _Cocos nucifera_) äusserlich

umhüllt ist. Sie besitzt grosse Elasticität und Stärke und wird zu

Seilen, Teppichen, Matten, Flechtwerken u. s. w. verarbeitet.

[Greek: g]) _Die Baumwolle._

[Sidenote: Baumwolle.]

Die =Baumwolle= oder =Cotton= ist die Samenwolle der Früchte mehrerer

Staudengewächse aus der Gattung _Gossypium_, welche in allen Ländern des

Gürtels zwischen der tropischen Zone und gemässigten, besonders in den

Südstaaten der nordamerikanischen Union (Alabama, Mississippi, Georgia,

Süd-Carolina, Tennessee, Louisiana, Arkansas, Florida, Texas), Mexico,

Brasilien, Westindien, Ostindien, Algerien, Aegypten, Australien

(Queensland), der Türkei (Macedonien, Thessalien, Candia), Neapel (z. B.

in der Ebene von Salerno), Sicilien, Malta, Spanien (in Andalusien), in

der Krim, in Griechenland etc. angebaut werden. Die Frucht besteht aus

einer drei- bis fünffächerigen Kapsel von der Grösse einer welschen Nuss,

in der sich die erbsengrossen schwarzen Samen von weissem Wollflaum

umgeben befinden. In einer Art von Baumwollenstaude (_Gossypium

religiosum_) ist die Baumwolle gelb gefärbt; sie wird von den Chinesen

zur Fabrikation des Nanking angewendet. Wenn die Kapseln reif sind, so

platzen sie auf und die Wolle tritt heraus; in jeder Zelle liegt ein

Büschel Baumwolle, deren Fasern an den Samen festsitzen. So wie die

Baumwolle nach Europa kommt, hat sie schon an ihren Erzeugungsorten eine

vorläufige Reinigung erlitten, indem sie egrenirt, d. h. von den

Samenkörnern sorgfältig befreit worden ist. Wollte man die Baumwolle mit

den Samen verpacken, so würde dieselbe schmutzig und ölig, und zum

Verspinnen untauglich werden. In den Vereinigten Staaten wendet man zum

Egreniren die =Entkörnungsmaschine= von =Whitney= an, deren wirkende

Haupttheile Kreissägeblätter sind. Es befinden sich an einer horizontalen

Achse 18-20 solcher Sägeblätter, die sich wenigstens 100mal in einer

Minute umdrehen. Diese Sägen greifen mit einem Theile ihrer Peripherie

zwischen den Stäben eines engen Gitters durch, fassen mit ihren spitzen

Zähnen die dort hingelegte Baumwolle und ziehen sie herum, ohne die

Samenkörner mitzunehmen, da für diese die Oeffnungen des Gitters zu eng

sind. Bei zwanzig Sägeblättern reinigt eine solche Maschine gegen 400

Pfund, bei 80 Sägeblättern bei einer Consumtion von 2 Pferdekräften gegen

500 Pfund rohe Baumwolle. In neuerer Zeit ersetzt man den Sägecylinder

zuweilen durch einen Krempelcylinder. Man benutzt die Baumwollsamen zum

Verfüttern, zum Düngen, und zur Oelbereitung (in Amerika erhält man aus

30 Pfund Baumwolle Körner zu einem Pfund Oel).

[Sidenote: Arten der Baumwolle.]

Man unterscheidet die Baumwolle nach den Ländern und nach den

Stapelplätzen als nordamerikanische (Sea Island oder lange Georgia,

Orleans, Upland, Louisiana, Alabama, Tennessee, Georgia, Virginia),

südamerikanische (Fernambuk, Siara, Bahia u. s. w.), columbische,

peruanische, westindische (Domingo, Bahama, Barthelemy), ostindische

(Dhollerah, Surate, Manilla, Madras, Bengal), levantische

(macedonische, smyrnaer), ägyptische (Mako oder Jümel), australische

(Queensland) und europäische (spanische: Motril, sicilianische:

Castellamare und Bianca, griechische und maltesische) Sorten.

[Sidenote: Spinnen derselben.]

=Baumwollspinnerei.= Die Reihe der Arbeiten, welchen die Baumwolle bis

zur vollendeten Darstellung des =Baumwollgarnes= unterworfen wird, ist in

den Spinnereien folgende:

1) =Die Auflockerung und Reinigung der rohen Baumwolle=, wodurch die

durch das Pressen vor der Verschiffung zu festen Knollen und Klumpen

verdichtete Wollmasse wieder zertheilt wird, die Fasern nach und nach

auf das vollständigste von einander gelöst und zugleich die, oft noch

in grosser Menge vorhandenen Reste der Samenkörner, sowie Sand, Staub

und andere Unreinigkeiten entfernt werden. Die Bearbeitung geschieht

zunächst entweder [Greek: a]) durch =Klopfen= und =Schlagen mit der

Hand=, oder [Greek: b]) mit dem =Wolf=, welcher die Auflockerung durch

einen mit spitzigen eisernen Zähnen besetzten Cylinder bewirkt, und

[Greek: g]) dem =Willow= (Zauseler), eine dem Wolf verwandte Maschine,

aber mit stumpfen Stiften oder Pflöcken versehen. Die Fortsetzung der

Auflockerung und Reinigung geschieht mittelst der =Schlagmaschinen=

(Flackmaschinen), wesentlich aus einem Flügelrad und einem Ventilator

bestehend; die Schläge der Flügel trennen die Wollfasern von den

Unreinigkeiten, welche letztere durch den Luftstrom fortgeweht werden

oder durch den Rost fallen. Um eine vollkommene Bearbeitung zu

erlangen, gebraucht man zwei solcher Maschinen nach einander. Die

beiden Schlagmaschinen heissen [Greek: a]) die =Putzmaschine= (_batteur

éplucheur_), sie enthält zwei Flügelräder (Schläger) hintereinander und

bewirkt also eine zweimalige Bearbeitung der Baumwolle, welche zuletzt

als eine lockere, aber noch nicht völlig gereinigte Masse hervorgeht;

[Greek: b]) die =Watten=- oder =Wickelmaschine= (_batteur étaleur_),

welche nur einen, viel schneller umlaufenden Schläger hat und zugleich

eine Vorrichtung enthält, wodurch die nun schon ziemlich gereinigte

Baumwolle in Form einer lose zusammenliegenden Fläche (Watte, Pelz) auf

eine Walze (=Wickel=) aufgerollt wird, welche man sodann der

Kratzmaschine vorlegt. Unter dem Namen =Epurateurs= construirt man in

neuerer Zeit Maschinen, welche zwischen den Schlagmaschinen und

Krempeln inne stehend, die Wirkungsweise beider mit einander vereinigen

und die Anwendung derselben ganz oder theilweise ersetzen. Der

Epurateur eignet sich vorzüglich zur Wattenfabrikation.

2) =Das Krempeln oder Kratzen.= Die natürliche oder verwirrte Lage der

Baumwollfaser wird durch die Behandlung mittelst der

Auflockerungsmaschinen keineswegs gehoben, eher fast noch vermehrt. An

ein Verspinnen der aufgelockerten Baumwolle ist daher erst dann zu

denken, wenn sie vorläufig vollkommen gerade gestreckt und in parallele

Lage zu einander gebracht sind. Dieser Forderung zu genügen, sind

zunächst die =Krempel=- oder =Kratzmaschinen= bestimmt, deren

Hauptbestandtheile mehrere auf ihrer Oberfläche dicht mit Drahthäkchen

besetzte Walzen und flache Hölzer sind, zwischen welchen die Baumwolle

dünn ausgebreitet durchgeführt und gleichsam gekämmt wird, wobei

zugleich die noch vorhandenen kleinen Unreinigkeiten abfallen. Ein Kamm

mit feinen Stahlzähnen löst von der letzten Walze die Baumwolle in

Gestalt einer zarten, aus ziemlich parallel liegenden Fasern

bestehenden Fläche (=Vliess=) ab. Das =Krempeln= wird in der Regel zwei

Mal und zwar mit folgenden Maschinen vorgenommen: [Greek: a]) die

=Reisskrempel= oder =Vorkratze=, welche das Vliess selbst auf eine

hölzerne Trommel wickelt; [Greek: b]) die =Feinkrempel= oder

=Feinkratze=, welche das von der Reisskrempel gelieferte Vliess

verarbeitet und daraus ein neues Vliess bildet, welches, nachdem es

mittelst des Kammes abgelöst ist, sogleich durch einen =Trichter= geht,

und darin seiner Breite nach dergestalt zusammengedrängt wird, dass es

die Gestalt eines schmalen und lockeren Bandes annimmt. Häufig lässt

man auch schon durch die Vorkratze Bänder bilden, von denen man eine

Anzahl mit Hülfe einer besonderen Maschine, dem =Doubleur= oder der

=Lappingmaschine= zu einem breiten Vliesse vereinigt, welches man der

Feinkratze vorlegt; letzteres Verfahren, obgleich weitläufiger, hat den

Zweck, eine gleichmässigere Vertheilung der Baumwolle in dem auf der

Feinkratze entstehenden Bande hervorzubringen. In neuerer Zeit wendet

man häufig statt des Krempelns, das =Kämmen= der Baumwolle an. Man

beabsichtigt dadurch theils eine Trennung der langen Fasern von den

kurzen, um erstere allein zur Erzeugung der höheren Garnnummern

benutzen zu können, theils auch bei der langen Georgia (Sea-Island), um

die ausgekämmten langen Fasern mit Seide (Florettseide) vereinigt zu

verspinnen.

3) =Das Strecken oder Laminiren= der gekrempelten Baumwolle. Die

Operation des Streckens und die des damit in Verbindung stehenden

=Doublirens= hat den Zweck, die Fasern der von der Krempel kommenden

Bänder mehr parallel zu legen und ihre ungleiche Dicke zu beseitigen.

Die hierzu in Anwendung kommende Maschine, die =Strecke=, besteht aus 2

bis 6, gewöhnlich aber aus drei Paaren kleiner Walzen, durch welche die

von der Krempel kommenden Bänder wiederholt gehen müssen. Die Bänder

werden hier ausserordentlich stark in die Länge gezogen, aber trotzdem

wenig oder gar nicht verdünnt, weil man so ziemlich in demselben

Verhältnisse =doublirt=, d. h. eine gewisse Anzahl von Bändern neben

einander legt und daraus ein einziges Band macht.

4) =Das Vorspinnen.= Die Umwandlung des gestreckten Bandes in einen

Garnfaden ist, was man eigentlich =Spinnen= nennt; denn die bisher

angeführten Operationen sind nur Vorbereitungen dazu, durch welche man

beabsichtigt, der Faser eine zum Ausziehen des Fadens geeignete Gestalt

und Beschaffenheit zu geben. Da nun aber das von der Strecke gelieferte

Band oft weit über 100 Mal gröber ist als der daraus zu spinnende

Garnfaden, so lässt sich die nothwendige Ausdehnung und Verfeinerung

nicht auf einmal vornehmen, sondern sie muss stufenweise geschehen,

indem man sie mittelst 3 oder 4 successiv angewendeten Maschinen

verrichtet. Diese fortschreitende Dehnung unter gleichzeitiger

Anwendung der =Drehung= bildet das =Vorspinnen=, durch welches grober,

lockerer Faden, das =Vorgespinnst= entsteht. Bei der Erzeugung aller

mittelfeinen und feinen Garne wird das Vorspinnen zweimal vorgenommen,

wobei des erste Mal =grobes Vorgespinnst= (Lunte), das zweite Mal

=dünnes Vorgespinnst= oder =Vorgarn= erhalten wird. Aus letzterem wird

sodann auf der Spinnmaschine, durch das =Feinspinnen= das Garn

hervorgebracht.

Die gestreckten Bänder können nicht ohne Weiteres bedeutend in die

Länge gezogen werden, ohne abzureissen. Lässt man aber auf das

Ausziehen sogleich eine Drehung folgen, durch welche die Fasern um

einander herum gewunden und in Folge des daraus hervorgehenden Druckes

einander genähert werden, so ist das Ausziehen der Bänder zu einem

selbständigen Faden möglich. Es giebt zweierlei Wege, dieses Ziel zu

erreichen, entweder man ertheilt dem Vorgespinnst eine =bleibende=

Drehung, oder man dreht es nur =vorübergehend=, d. h. die gegebene

Drehung wird von der Maschine selbst sofort wieder aufgehoben, so dass

nur die davon bewirkte Zusammendrängung der Fasern als sichtbarer

Erfolg übrig bleibt. Hiernach zerfallen die Vorspinnmaschinen in

[Greek: a]) =Vorspinnmaschinen mit bleibender Drehung= (oder bleibendem

Drahte), von denen die wichtigeren sind: die =Kannenmaschine= oder

=Laternenbank=, die =Banc-Abegg=, die =Spulenmaschine=, die

=Spindelbank=, die gebräuchlichste der Vorspinnmaschinen, in Sachsen

und Norddeutschland überhaupt kurz der =Flyer=, in Süddeutschland und

der Schweiz die =Banc à broches= genannt; [Greek: b])

=Vorspinnmaschinen mit vorübergehender Drehung= (oder falschem Draht),

von denen die hauptsächlicheren sind: die =Röhrenmaschine=, die

=Eklipsemaschine=, die =Würgelmaschine= oder der =Rota-frotteur=.

[Sidenote: Feinspinnen.]

5) =Das Feinspinnen.= Das Ausziehen des Vorgespinnstes zu

_Feingespinnst_ (Garn, Twist), geschieht entweder durch zeitweises

Festhalten des Fadens vermittelst einer Klemme (auf der Jenny, die

jetzt nicht mehr angewendet wird), oder durch ununterbrochenes

Ausziehen zwischen Walzenpaaren, von denen die nächstfolgenden

schneller sich umdrehen, als die vorhergehenden (auf der

=Drosselmaschine= und der =Mulemaschine=, welche, wenn Handarbeit zur

Bewegung des zum Spinnen und Aufwinden der Fäden erforderlichen Wagens

dient, =Handmule=, bei Anwendung von Dampf- oder Wasserkraft

=Selfactor= genannt wird). Das fertige Gespinnst wird auf der Weife

oder dem Haspel in Gebinde und Strähne aufgewunden und dann nach den

Feinheitsnummern sortirt.

[Sidenote: Garn.]

Das von den Spinnmaschinen gelieferte Garn unterscheidet man als

=Muletwist= und =Watertwist=; ersterer zeichnet sich durch seine

lockere, wenig gedrehte Beschaffenheit aus. Letzteres ist stärker

gedreht und wird beinahe ausschliesslich als Kettgarn benutzt.

[Sidenote: Baumwollgewebe.]

Die =Baumwollgewebe= sind: 1) =glatte= (leinwandartige), 2)

=geköperte=, 3) =gemusterte= und 4) =sammtartige=.

a) Zu den =glatten= (leinwandartigen) Baumwollgeweben a) mit

=parallelen= Kettfäden gehören: 1) =Kattun= (als Druckkattun oder

als Baumwoll-Leinwand); 2) =Nanking=; 3) =Shirting= (Hemdenkattun,

Futterkattun); 4) =Kambrik= (Kammertuch); 5) =Baumwollbatist=

(schott. Batist); 6) =Jaconet=; 7) =Perkal= (zum Druck bestimmter

Perkal heisst =Kaliko=); 8) die aus ganz oder theilweise gefärbtem

Garn gewebten Zeuge =Gingham=, =Baumwoll-Barège=, =Haincord=; 9) die

locker gewebten Zeuge =Musselin= (Vapeur, Zephyr), =Organdin= (Mull,

Linon); =Baumwoll-Stramin=; b) mit =gekreuzten= Kettfäden; 10)

=Tüll= und =Gaze=.

b) Zu den =geköperten= Baumwollstoffen gehören: 1) =Köper= oder Croisé;

2) =Baumwollmerino=; 3) =Drill= oder =Drell=; 4) =Bast=; 5) =Satin=

(engl. Leder); 6) =Barchent= (_fustian_).

c) Der gefärbte rauhe und gleich dem Wolltuch geschorene Barchent

heisst =Beaverteen=, der feinere =Moleskin=.

d) Zu den =gemusterten= Baumwollstoffen gehören 1) =Dimity= (Wallis);

2) gemusterte =Drelle= und =Barchente=; 3) =Baumwolldamast=;

4) =Piqué=.

e) Zu den =sammtartigen= Baumwollstoffen gehören: 1) =Manchester=; 2)

=Baumwollsammt= (_velvet_).

[Sidenote: Stellvertreter der Baumwolle.]

[Sidenote: Cottonisiren des Flachses.]

Es sind verschiedene Ersatzmittel für die Baumwolle vorgeschlagen worden.

Man hat bis jetzt aber noch kein Material gefunden, das vollkommen die

Baumwolle zu ersetzen im Stande wäre. Einige dieser sogenannten

Ersatzmittel sind die =schwarze Pappel= (_Populus nigra_) und die =Espe=

(_P. tremula_), deren Wolle nur die Elasticität fehlt, um als

Stellvertreter der Baumwolle dienen zu können, die =Binse= (_Juncus

effusus_), die =deutsche Tamariske=, =Disteln= und =Grauwolle=

(_Agrostis_), die _Salix pentandra_, die _Zostera marina_ und die

=Flachsbaumwolle=. Vor etwa zwanzig Jahren hat die Bereitung der

=Flachsbaumwolle= durch =Claussen=, oder durch das Verfahren,

kurzfaserigen Flachs darzustellen, welcher gefilzt, gekratzt und auf der

Baumwollspinnmaschine entweder für sich oder mit Baumwolle versponnen

werden kann, überhaupt in den Haupteigenschaften mit der Baumwolle

übereinstimmen soll, viel von sich reden gemacht, indem man schon die

Hoffnung hegte, dass dadurch der Baumwollindustrie ein inländisches

Rohmaterial gegeben worden sei. Was den Flachs in dieser Beziehung von

der Baumwolle unterscheidet, ist die Zusammengesetztheit und die Länge

seiner Faser. Letztere soll auf einer Schneidemaschine auf die Länge der

Baumwollfaser reducirt, das Auflösen der zusammengesetzten Fasern in

Primitivfasern auf chemischem Wege bewirkt werden. =Claussen= bringt zu

diesem Zweck den Flachs in eine concentrirte Lösung von

Natriumbicarbonat, und sodann in ein saures Bad (1 Th. Schwefelsäure und

200 Th. Wasser). Der Flachs verwandelt sich dadurch in eine flaumige

Masse, die im gebleichten Zustande der Baumwolle ähnlich ist. Das

=Claussen='sche Verfahren ist aber keine Verbesserung, sondern eine

Verschlechterung des Flachses, da derselbe seine Haupteigenschaften,

Länge und Stärke, durch das =Cottonisiren= verliert, ausserdem auch die

Festigkeit der Faser dabei leidet.

[Sidenote: Unterscheidung der Baumwollfaser von der Leinfaser.]

Durch das jetzt sehr übliche Verspinnen und Verweben von mit Baumwolle

gemischten Leinen ist ein sicheres Mittel Bedürfniss geworden, =Baumwolle

von Leinen zu unterscheiden=. Die Prüfungsmethoden zur Unterscheidung

beider gründen sich entweder auf geringe chemische Unterschiede, oder auf

unter dem Mikroskop (am besten mit dem Polarisationsapparate combinirt)

wahrnehmbare Verschiedenheiten in der Gestalt. Die chemischen

Verschiedenheiten der Leinfaser und der Baumwolle sind zu geringe, als

dass die Prüfungsmethoden, die sich darauf gründen, hinlängliche

Sicherheit für die Unterscheidung in schwierigen Fällen gewähren könnten.

Thierfasern (wie Seide und Schafwolle) und Pflanzenfasern zu Geweben

verarbeitet, unterscheiden sich chemisch dergestalt von einander, dass

schon ihr Verhalten zu chemischen Agentien zur Unterscheidung vollkommen

hinreicht. Die physikalische Beschaffenheit der Fasern, z. B. die Art und

Weise, wie die Fasern Farbstofflösungen aufnehmen, wie sie durch Oel mehr

oder weniger durchscheinend werden, liefert uns Prüfungsmethoden, die für

einzelne Fälle, wie wenn es sich um den Nachweis von Baumwolle in

Leinwand handelt, sehr wohl anzuwenden, aber keineswegs unfehlbar sind.

Einige der älteren Methoden sind auch in der Zukunft nicht zu entbehren.

Eine genügende Sicherheit in schwierigen Fällen gewährt aber nur das

Mikroskop.

Von den wichtigeren Prüfungsmethoden zur Erkennung der Baumwolle in

leinenen Geweben seien folgende angeführt: Die =Schwefelsäureprobe=,

von =Kindt= und =Lehnert= empfohlen. Die mit Seifenwasser etc.

vollkommen von der Appretur befreite trockne Probe taucht man zur

Hälfte in Schwefelsäure von 1,83 spec. Gewicht, und zwar 1-1-1/2

Minute lang ein; alsdann wirft man sie in Wasser, woselbst sie einige

Augenblicke ruhig bleibt, um dann ausgewaschen und getrocknet zu

werden. Die Schwefelsäure zerfrisst die Baumwolle um so viel rascher

als das Leinen; es werden daher gemischte Fäden verdünnt, rein

baumwollene Fäden ganz entfernt. Da reines Leinen indessen ebenfalls

verdünnt wird, so ist die Probe im ersten Falle etwas misslich, aber im

andern Falle sicher. Gefärbte Muster werden am besten zuerst entfärbt

oder gebleicht. Die =Farbeprobe=, von =Elsner=, ist in sehr vielen

Fällen brauchbar, aber nicht immer ausreichend, namentlich bedarf sie

eines sehr geübten Auges, um die feinen Farbenunterschiede zu erkennen.

Als Farbetinctur wählt man den weingeistigen Auszug der Färberröthe

(Rubia tinctorum). Ein halb Loth der zerschnittenen Wurzel wird in

einem Glaskolben mit 6 Loth Alkohol von 94 Proc. übergossen und 24

Stunden lang bei gewöhnlicher Temperatur unter öfterem Umschütteln

damit in Berührung gelassen. Die dadurch entstandene klare braungelbe

Tinktur wird durch weisses Löschpapier filtrirt und zum Gebrauche

aufbewahrt. Reine Leinengewebe färben sich beim Eintauchen in diese

Tinktur nach 1/3-1/4 Stunde gleichförmig unrein =orangenroth=, reine

Baumwollgewebe dagegen gleichförmig =gelb=; ist das Gewebe gemischt, so

erscheinen die Leinenfäden gelbroth, die Baumwollfäden gelb, das Ganze

erscheint daher nicht gleichförmig gefärbt, sondern =gestreift=. Werden

die Gewebestreifen =vor= dem Eintauchen an den Kanten 2 Linien breit

ausgezupft, was übrigens von wesentlichem Einfluss auf die Erkennung

der einzelnen Fäden ist, so tritt die Erscheinung so deutlich hervor,

dass die einzelnen verschieden gefärbten Fäden von Leinen und Baumwolle

an den ausgezupften Kanten mit Leichtigkeit gezählt werden können.

Besser ist die =Fuchsinprobe=. Man taucht einen Streifen des Gewebes in

eine weingeistige Lösung von Fuchsin (Anilinroth), begiesst ihn hierauf

mit Wasser, bis dieses ungefärbt abläuft und legt ihn endlich noch 1-3

Minuten in schwachen Salmiakgeist. Hier verschwindet die Farbe der

Baumwollfäden, während die Leinenfäden rosenroth gefärbt bleiben. Die

von =Elsner= vorgeschlagene =Entfärbungsprobe= gründet sich darauf,

dass der mit Cochenille gefärbte Leinfaden sich durch eine schwache

Chlorkalklösung später entfärbt, als der ebenso gefärbte Baumwollfaden.

Die zu prüfende Leinwand muss vor der Färbung durch Cochenille von

aller Appretur befreit werden. Die gefärbte und getrocknete Probe wird

auf die Oberfläche einer schwachen und filtrirten Chlorkalklösung

gelegt. Die Entfärbung der Baumwolle erfolgt schon nach einigen

Secunden. Die =Oelprobe=, von =Frankenstein= angegeben, ist für

ungefärbte Gewebe vortrefflich und wegen ihrer Einfachheit besonders zu

empfehlen. Man taucht ein Stückchen der zu prüfenden Leinwand in Baumöl

oder Rüböl. Das Oel wird vom Gewebe sehr schnell aufgesogen; durch

gelindes Pressen zwischen Löschpapier entfernt man das überschüssige

Oel. War das Gewebe gemischt, so erscheint dasselbe gestreift, der

Leinfaden wird durchsichtig, der Baumwollfaden bleibt undurchsichtig.

Legt man die mit Oel getränkte Leinwand auf eine dunkle Fläche, so

erscheinen die jetzt durchscheinenden Leinenfäden dunkler, als die

neben ihnen liegenden Baumwollfäden. Noch besser bewährt sich die Probe

unter der Lupe. Auch hier ist es anzurathen, aus der Leinwand, ehe man

sie mit dem Oele tränkt, mehrere Faden am Rande des zu prüfenden

Gewebes zu zupfen. Die =Kaliprobe= von =Böttger= angegeben. Aus

Leinfasern bestehende Gewebe sollen in concentrirter Kalilösung

innerhalb 2 Minuten tiefgelb gefärbt erscheinen, während aus Baumwolle

bestehende Gewebe eine nur schwachgelbe Färbung annehmen; gemischte

Gewebe sollen nach dieser Methode gestreift erscheinen. Die Kaliprobe

gewährt nur geringe Sicherheit. Die =Verbrennungsprobe= nach

=Stöckhardt=. Ein Leinenfaden in senkrechter Stellung angebrannt,

erscheint nach dem Erlöschen der Flamme am gebrannten Ende in glatter

zusammenhängender Form verkohlt, während ein Baumwollfaden, eben so

behandelt, sich pinselförmig ausspreizt. Dieser Versuch gelingt auch

mit gefärbter Waare, die mit Chromgelb (chromsaurem Bleioxyd) gefärbten

Gewebe ausgenommen. Nach der Röstprobe wird das zu prüfende Gewebe,

nach sorgfältigem Auswaschen der Appretur, in einem Glasrohr über der

Spirituslampe so lange erhitzt, bis es strohgelb erscheint. Bei der

Betrachtung unter dem Mikroskop lassen sich dann die gekräuselten

Baumwollfasern von den gestreckten glänzenden Flachsfasern

unterscheiden. Hanf und Flachs lassen sich, ausser durch das Mikroskop,

nur schwierig von einander unterscheiden. Salpetersäure kann jedoch

hierbei angewendet werden, da sich die Leinen- (Flachs-) faser in

gewöhnliche Salpetersäure getaucht, nicht färbt, während die Faser des

Hanfes nach einigen Secunden blassgelb erscheint, die Faser des

neuseeländischen Flachses (Phormium tenax) dagegen blutroth gefärbt

wird. Nach =O. Zimmermann= soll die Beimischung von Baumwolle in

Leinwand entdeckt werden können, wenn man das zu prüfende Gewebe 8-10

Minuten in ein Gemisch von 2 Theilen Salpeter und 3 Theilen englischer

Schwefelsäure eintaucht, auswäscht, trocknet und mit alkoholhaltigem

Aether behandelt. Die beigemischte Baumwolle löse sich alsdann als

Collodium auf, die Leinenfaser nicht.

Zur Unterscheidung =thierischer= und =vegetabilischer= Fasern wendet

man das =Anzünden= an. Nähert man einen Seidenfaden der Lichtflamme,

so entzündet er sich und verbreitet einen Geruch nach verbrennendem

Horn oder Federn, brennt aber nur so lange fort, als man ihn in dem

Grade, als er verzehrt wird, weiter in die Flamme schiebt. Entfernt man

ihn aus der Flamme, so erlischt er, und an dem angebrannten Ende des

Fadens bleibt eine schwarze, kohlige Masse, welche dicker ist als der

Faden. Bei einem Schafwollfaden beobachtet man die nämlichen

Erscheinungen, nur ist der dabei auftretende Geruch noch widriger.

Leinfaden und Baumwollfaden brennen auch nach dem Entfernen aus der

Flamme fort, und es entwickelt sich dabei kein unangenehmer Geruch. Man

benutzt ferner zur Unterscheidung der Thier- und Pflanzenfasern das

Kochen mit =Kalilauge=; Wolle und Seide lösen sich darin auf; Leinen

und Baumwolle nicht. Nach =Pohl= taucht man auch das zu prüfende Gewebe

in eine etwas verdünnte Lösung von Pikrinsäure einige Minuten lang, und

wäscht es dann sorgfältig aus. Wolle und Seide nehmen dabei eine ächte

gelbe Farbe an, während Baumwolle und Leinen weiss bleiben. Diese

Methode soll nicht nur bei gemischtem Gewebe, sondern auch bei

gemischten Fäden praktisch anwendbar sein.

[Illustration: Fig. 195.]

[Illustration: Fig. 196.]

[Illustration: Fig. 197.]

[Illustration: Fig. 198.]

[Illustration: Fig. 199.]

[Illustration: Fig. 200.]

Als die sicherste Prüfungsmethode ist die =mikroskopische Untersuchung=

der Gewebe zu bezeichnen. Die =Leinfaser= erscheint unter dem Mikroskop

als walzenförmige, niemals platte, unter Wasser gesehen, niemals stark

um sich selbst gedrehte Gestalt; sie ist ferner durch ihre schmale, oft

nur als Längslinie erscheinende Innenhöhle charakterisirt. Ausserdem

ist die Leinenfaser mehr steif und gerade, als die biegsamere

Baumwollfaser (Fig. 195). Die =Hanffaser= ist der Leinenfaser sehr

ähnlich, unterscheidet sich von derselben durch ihre häufig verzweigten

Enden und ihre starrere Beschaffenheit; ihre Innenhöhle ist gewöhnlich

auch weit breiter. Die =Baumwollfaser= bildet lange, schwach verdickte

und deshalb bandartig zusammengefallene, platte Zellen, die unter

Wasser gesehen, =pfropfenzieherartig= um sich selbst gewunden

erscheinen (Fig. 196). Die =Schafwollfaser= ist die dickste aller

Fasern; sie erscheint unter dem Mikroskop vollkommen stielrund und mit

dachziegelförmig angeordneten Oberhautschuppen versehen (Fig. 197). Der

=Seidenfaden= (Fig. 198) ist die dünnste aller Fasern; sie erscheint

vollkommen rund, glatt, ohne Innenhöhle. Will man einen verwebten

Seidenfaden auf seine Aechtheit prüfen, so wird derselbe unter Wasser

auf der Glastafel zerfasert, mit einem Deckelglase bedeckt unter dem

Mikroskop betrachtet. Die schmale, runde und glänzende Seide

unterscheidet sich sogleich von der mit Schuppen versehenen Wolle (Fig.

200). Wolle und Baumwolle (Fig. 199) sind ebenfalls leicht von einander

zu unterscheiden.

Die Papierfabrikation.

[Sidenote: Begriff und Geschichte des Papieres.]

Das =Papier= ist im Wesentlichen ein dünner Filz aus Fasern pflanzlichen

Ursprungs, der dadurch entsteht, dass man den auf mechanische und

chemische Weise gereinigten und in feine und zarte Fäserchen zertheilten

Faserstoff in Wasser suspendirt, auf diese Art in dünne Schichten

gleichmässig ausbreitet, darauf aber das Wasser durch Ablaufenlassen,

Auspressen und Trocknen in der Art entfernt, dass eine gleichmässig dünne

Lage der filzartig angeordneten und dicht zusammenschliessenden Fäserchen

zurückbleibt.

Zur Geschichte des Papieres folgende Notizen. In der ältesten Zeit

gebrauchte der Mensch Stein, Erz (Kupferlegirungen), Blei, Elfenbein,

Wachs u. dgl., um darauf durch Zeichen seine Gedanken mitzutheilen und

Zeitereignisse der Nachwelt zu überliefern. Später nahm er dünne

Körper, z. B. Thierhäute und Baumblätter, vorzüglich die grossen und

breiten Blätter der Palmen, in welche man die Schriftzüge einritzte und

dann durch Tränken mit Oel sichtbar machte. Auch auf Baumrinde,

besonders auf Baumbast, schrieben mehrere Völker des Alterthums; die

alten Deutschen schrieben zuerst auf Birkenbast, darum heisst auch

eines der ältesten deutschen Heldengedichte der =Birkengesang=, andere

Völker schrieben mit Pinsel und Farbe auf Kattun und Taffet. Indessen

war schon mindestens 600 Jahre vor Christi Geburt Papier aus der

=Papyrusstaude= (_Cyperus Papyrus_ oder _Papyrus antiquorum_), einem

2-3 Meter hohen Cypergras, das seit den ältesten Zeiten in Aegypten

heimisch gewesen zu sein scheint, sich jedoch in neuerer Zeit nur

selten dort noch findet, bereitet worden. Zur Zeit der römischen

Kaiserherrschaft war der Gebrauch des aus der Papyrusstaude gewonnenen

Papieres ganz allgemein verbreitet. Durch starken Gebrauch wurde es

indessen seit dem 5. Jahrhundert immer theurer und seltener, bis

endlich im 11. und 12. Jahrhundert die Fabrikation desselben aufhörte

und durch die des Baumwollpapiers verdrängt wurde. Dieses Papier war

unter dem Namen Pergament aus Tuch bekannt und unterschied sich von dem

Linnenpapier nur durch geringere Festigkeit und grössere Brüchigkeit.

Nach dem Ansehen mehrerer spanischen Papierreste aus dem 12.

Jahrhundert zu urtheilen, hat man schon damals versucht, die Baumwolle

mit leinenen Lumpen zu mischen, was wol später zur Erfindung des

=Linnenpapiers= führte, das in Deutschland schwerlich vor 1318

vorkommt. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wird das Linnenpapier

bereits häufig in Deutschland gebraucht. Die ersten zuverlässigen

Nachrichten von der Fabrikation desselben sind jedoch weit jünger. Wie

=v. Murr= berichtet, ist bereits 1390 zu Nürnberg eine grosse

Papiermühle von einem Rathsmitgliede, Ulmann Stromer, angelegt worden.

[Sidenote: Materialien der Papierfabrikation.]

Das hauptsächlichste =Material der Papierfabrikation= sind die unter dem

Namen =Lumpen=, =Hadern=, =Stratzen= bekannten Abfälle von gewebten

Stoffen. Die gesuchtesten Lumpen sind die =leinenen=, weil sie das

festeste und dauerhafteste Papier liefern und daher weit häufiger

verarbeitet werden als Woll- und Baumwolllumpen. Erstere, die nur rauhes

und weniger zusammenhängendes Papier geben, gelangen gegenwärtig überdies

weit seltener in die Papierfabriken, seitdem sie zur Fabrikation der

Kunst- oder Lumpenwolle und in Folge ihres grossen Stickstoffgehaltes zur

Bereitung des Blutlaugensalzes eine zweckmässigere Verwendung gefunden

haben. Baumwolllumpen geben ein rauheres, schwammiges und lockeres

Papier, weshalb dieselben nicht allein, sondern mit Linnenlumpen gemengt

verarbeitet werden. Die in der Baumwollspinnerei (in den Putz- und

Wattenmaschinen, sowie beim Krempeln) sich ergebenden Abfälle werden

ebenfalls in der Papierfabrikation benutzt. Seidene Lumpen liefern nur

schlechtes Papier und finden zur Herstellung von gekrempelter Seide

behufs des Verspinnens eine bessere Verwendung.

Die Lumpen oder Hadern gelangen in die Papierfabrik entweder noch

unvollständig unsortirt als =Landhadern= oder bereits in drei Sorten

geschieden, als weisse, graue und bunte, oder von den Händlern selbst

noch weiter sortirt als weisse, halbweisse, Concepthadern, blaue

Sackstücke.

[Sidenote: Lumpensurrogate.]

Der Papierverbrauch ist in Europa seit 50 Jahren auf mehr als das

Doppelte gestiegen. Da die Papierfabrikation aber nur gewisse Abfälle

von Flachs, Baumwolle und Hanf, die meist von abgetragenen Kleidern und

Wäsche herrühren, verarbeitet, so musste ein Mangel an Rohmaterial

eintreten, da die Produktion an Lumpen nicht in dem nämlichen

Verhältniss zunehmen kann, als der gesteigerte Papierverbrauch, ferner

die Kunstwollfabriken und andere Industriezweige der Papierfabrikation

einen nicht unbedeutenden Bruchtheil des Rohmaterials entziehen. Man

hat daher an =Ersatzmittel für die Lumpen= in der Papierfabrikation

denken müssen. Unter den unzähligen vorgeschlagenen vegetabilischen

Stoffen sind nur zwei wohlfeil genug und in hinreichender Quantität zu

beschaffen, um mit Vortheil zur Herstellung geringerer Papiersorten

Anwendung finden zu können, nämlich das =Stroh= und das =Holz= gewisser

Nadel- und Laubhölzer. Unter den Strohgattungen scheint besonders das

=Maisstroh= Beachtung zu verdienen. =v. Auer= (in Wien) hat gezeigt,

dass aus der Maisstrohfaser ein Papier herzustellen sei, welches

hinsichtlich der Weisse und Reinheit nichts zu wünschen übrig lasse.

Auch die Bagasse von _Andropogon glycichylum_ oder _Sorghum

saccharatum_ hat in Nordamerika Anwendung zur Papierfabrikation

gefunden. Das =Holz= ist seit etwa zehn Jahren, namentlich durch die

Bemühungen der Papierfabrik von =H. Völter= in Heidenheim,

=G. Rostovsky= in Niederschlema und =Cl. Winkler= in Niederpfannenstiel

(Sachsen) ein überaus wichtiges Lumpensurrogat geworden, das aber so

wenig wie das Stroh als absolutes Ersatzmittel der Lumpen, sondern in

der Regel nur als ein Zusatz auftritt, indem das aus reinem Holze

gefertigte Papier viel zu wenig Festigkeit besitzt. Gewöhnlich setzt

man 30-70 Proc. =Holzzeug= (Holzstoff) zu gewöhnlichen Lumpen, um eine

Papiermasse zu erhalten, die sich besonders zur Herstellung von

ordinären Druck- und Conceptpapieren eignet. Alle weichen Laub- und

Nadelhölzer eignen sich zur Holzpapierfabrikation, besonders

Zitterpappel, Linde, Aspe, Fichte und Tanne (die Föhre ist in Folge

ihres grösseren Harzgehaltes weniger geeignet). Die durch Absägen und

Spalten auf passende Grösse und Stärke gebrachten und von der Rinde,

sowie von den grössten Aesten möglichst befreiten Holzstücke werden auf

einem Steincylinder, der auf einer rotirenden horizontalen Axe

befestigt ist, und dem sie -- die Länge des Holzes parallel mit der Axe

gedacht -- durch einen besondern Mechanismus stets gleichmässig

zugeführt werden, unter stetem Zufluss von Wasser ausgefasert

(abgeschliffen). Die losgerissenen Fasern werden auf Siebwerke geführt,

wo sie nach ihrer Feinheit gesondert werden. Die nasse Masse wird

mittelst hydraulischer oder Schraubenpressen oder auch mittelst

Pappmaschinen ausgepresst, dergestalt, dass das Gewicht des

lufttrocknen Stoffes, der indessen immer noch circa 2/3 Wasser enthält,

32-40, in der Regel 35-36 Proc. vom Gewicht des nassen Stoffes beträgt.

In neuerer Zeit sucht man nach dem Verfahren von =Bachet= und =Machard=

(1867) mit der Herstellung von Holzpapierstoff die Fabrikation von

Spiritus zu verbinden, indem man die incrustirende Substanz des Holzes

durch Behandeln mit Salzsäure in Dextrose (Krümelzucker) überführt, die

durch geistige Gährung in Alkohol umgewandelt wird, während die

zurückgebliebene feste Cellulose für die Zwecke der Papierfabrikation

Anwendung findet. Man unterscheidet je nach der Feinheit der Fabrikate

vier Qualitäten Holzzeug: No. 1 zu Schreib- und Druckpapier, No. 2 zu

Tapetenpapier, Packpapier besserer Art, auch zu Druckpapier, No. 3 und

4 werden zu Pappen verwendet. In neuerer Zeit stellt man das Holzzeug

auch auf =chemischem= Wege dar (so z. B. in der grossen Holzstofffabrik

zu Manayunk bei Philadelphia), indem man das gröblich in Späne

verwandelte oder geraspelte Holz bei hoher Temperatur und starkem

Druck, mit starken Alkalilaugen behandelt, wodurch die Fasern so

aufgelockert und weich werden, dass sie sich ähnlich der Flachs- und

Baumwollfaser, im Holländer leicht kurz mahlen und bleichen lassen.

[Sidenote: Mineralische Lumpensurrogate.]

Im Gegensatz zu den vegetabilischen Lumpensurrogaten sind noch die

=mineralischen Lumpensurrogate= anzuführen, die gegenwärtig in der

Papierfabrikation eine ausgedehnte Anwendung finden. Ein mässiger

Zusatz eines geeigneten Mineralkörpers zur Papiermasse ist keineswegs

nachtheilig, sondern nutzt in mehrerlei Hinsicht, ordinäre und

mittelfeine Papiere gewinnen dadurch an Weisse, der bei sehr dünnem

Papier eintretende Uebelstand des Durchscheinens wird in einem gewissen

Grade dadurch aufgehoben, die Festigkeit des Papiers leidet nicht und

endlich wird das Papier durch einen Zusatz von anorganischer Masse

wohlfeiler. Ein Zusatz von 5-10 Proc. vom Papiergewicht ist nur

vortheilhaft, eine Steigerung des Zusatzes bis auf 20-25 Proc. macht

dagegen das Papier rauh und brüchig und stumpft beim Schreiben die

Federn ab. Die Haupteigenschaften, die ein erdiges Lumpensurrogat haben

muss, sind niedriger Preis, weisse Farbe, Unlöslichkeit in Wasser und

äusserst feine Zertheilung. Das erste mineralische Ersatzmittel, das in

Anwendung kam und heutzutage noch am häufigsten angewendet wird, ist

sandfreier =Thon=, geschlämmter Porcellanthon oder Porcellanerde, die

unter dem Namen =China clay=, =Lenzin= oder =Kaolin=, =Bleicherde= in

den Papierfabriken Eingang findet. Ein anderes Lumpenersatzmittel ist

feingemahlener =ungebrannter Gyps= -- häufig =gefälltes= Calciumsulfat

--, welches dem Fabrikanten unter dem Namen =Annaline=,

_pearl-hardening_ oder =Milchweiss= zugeht. Es übertrifft an Weisse den

Porcellanthon, dessen Farbe stets etwas ins Gelblichgraue spielt, ist

auch nicht theurer als das Lenzin, lässt sich über nicht so fein

zertheilen und giebt keinen so fetten Brei wie der Thon. In letzterer

Hinsicht verdient den Vorzug das durch Fällung dargestellte

=Bariumsulfat=, das seit 1850 in den Papierfabriken Anwendung gefunden

hat und im Handel die Namen =Blanc fixe=, =Barytweiss=,

=Permanentweiss=, =Patentweiss= führt. Auf 100 Kilogr. Ganzstoff

verwendet man 15 Kilogr. teigförmiges Barytweiss.

[Sidenote: Die Fabrikation des Hand- oder Büttenpapieres.]

Die =Verfertigung des weissen Papieres= geschieht auf zweierlei Weise,

nämlich:

A. =Nach der älteren Methode=, bei welcher die Handarbeit, namentlich bei

der Bildung der Bogen aus dem breiartigen Papierzeuge vorherrschend ist,

weshalb das nach diesem Verfahren dargestellte Papier =Hand=- oder

=Büttenpapier= genannt wird; die hergestellten Bogen sind von

beschränkter Länge und Breite.

B. =Nach der neueren Methode=, welche, mit Hülfe von Maschinen

ausgeführt, ein Blatt von sehr ansehnlicher Breite und jeder beliebigen

Länge darstellt; das so erhaltene Papier heisst =Maschinenpapier= oder

=Papier ohne Ende=.

[Sidenote: Das Zerschneiden und Reinigen der sortirten Lumpen.]

Die =Zerkleinerung= und =Zertheilung der sortirten Lumpen= zu Fäserchen,

aus welchen der Papierstoff besteht, geschieht keineswegs in einer

Operation, sondern stufenweise, und findet durch Anwendung verschiedener

mechanischer Mittel statt -- Lumpenschneider, Halbholländer,

Ganzholländer -- zu denen früher häufiger als gegenwärtig ein chemischer

Process sich gesellte, der die Auflösung des Gewebes zu Fasern

begünstigte, nämlich eine Behandlung der Lumpen mit alkalischer Lauge

oder eine Art Fäulnissprocess -- das Faulen der Lumpen.

Eine vorbereitende Arbeit für die Operationen des Zertheilens der

Lumpen ist das =Zerschneiden= derselben in Stücke oder Streifen von 3-6

Centimeter Breite. In sehr vielen Fabriken geschieht das Zerschneiden

=aus freier Hand= an feststehenden Messern, weil damit eine Sortirung

verbunden wird, welche die Besichtigung jedes einzelnen Stückes und

eine Absonderung verschiedenartiger Theile erfordert. Zweckmässiger und

fördernder sind die =Lumpenschneidemaschinen=, deren älteste als

=Lumpen=- oder =Hadernschneider=, der in Bau und Wirkungsweise grosse

Aehnlichkeit mit einer Häcksel- oder Tabaklade hat, bereits im ersten

Viertel des 18. Jahrhunderts auftritt. Dieser Lumpenschneider leidet

aber an vielen Mängeln: Bei dem Auseinanderliegen seiner Theile

erfordert er viel Raum und häufige Reparaturen, durch die Fortleitung

der Kraft von der Wolle aus, durch die Zugstange zum Messer, sowie

durch die Umkehrung der Bewegung jener geht viel Kraft verloren und

endlich ist auch die Leistungsfähigkeit gering, indem das bewegliche

Messer nur so oft an dem befestigten vorüberstreift, als die Welle

Umdrehungen macht, im höchsten Falle 150 mal in der Minute. Diese

Uebelstände haben ohne Zweifel die Veranlassung zur Construction auf

andere Principien gestützter Lumpenschneidemaschinen gegeben, die mit

wenigen Ausnahmen auf den Grundgedanken zurückzuführen sind, Messer

durch drehende Bewegung wirken zu lassen. Alle diese Schneidemaschinen

lassen sich auf folgende =vier= Arten von =Maschinen= zurückführen: 1)

auf Maschinen mit mehreren auf der Peripherie eines Cylinders

befestigten Klingen, welche bei dessen Umdrehung an einem unbeweglichen

horizontalen Messer vorüberstreifen (z. B. die Lumpenschneidemaschine

des Engländers =Davey=); 2) auf Maschinen mit einem Messer, auch zwei

oder mehreren Messern, auf der Fläche eines Rades ungefähr in radialer

Stellung angebracht, bei Umdrehung des Rades an einem festliegenden

Messer vorübergehend wie die Maschine von =Bennet=; 3) auf Maschinen

mit einer Anzahl kreisförmiger, am Rande ringsum scharfschneidiger

Stahlblechscheiben an einer Welle, wie der bekannte Lumpenschneider von

=Uffenheimer= in Wien; 4) auf Maschinen mit paarweise scheerenartigen

zusammenwirkenden Schneidscheiben auf zwei Wellen, einem

Eisenschneidewerk nicht unähnlich. Hierher gehört die Schneidemaschine

von =Breton= und die von =Cox=. Nachdem die Lumpen zerschnitten worden

sind, werden sie =gereinigt=, d. h. vom Staube und anderen anhängenden

Unreinigkeiten befreit. In den englischen Papierfabriken beginnt man

die Operation des Reinigens durch Auflockern der Lumpen in einem

=Willow= oder =Zauseler=, wobei sie einen grossen Theil des Sandes

abgeben, der durch ein unter dem Willow angebrachtes Gitter fällt.

Hierauf wird der Staub durch Sieben möglichst entfernt und der Rest der

Unreinigkeiten durch Kochen und Waschen beseitigt. Die einfachste Art

der =Siebmaschinen= besteht aus einem sechs- bis achteckigen Gestelle

in Form einer Trommel, die mit Drahtgewebe überkleidet ist; die Lumpen

werden durch eine seitwärts angebrachte Thür eingefüllt und durch

Umdrehung der Trommel darin herumgeworfen, wobei der Staub und

ähnliche Unreinigkeiten abgesondert werden. Die =nasse= Reinigung, die

auf die trockne folgt, geschieht entweder mittelst Wasser oder mittelst

Lauge, oder durch Lauge und Wasserdämpfe. Alkalische Laugen verdienen

den Vorzug vor dem reinen Wasser, weil sie nicht nur in Folge

schnelleren und besseren Reinigens die nachherige Arbeit des Bleichens

bedeutend erleichtern, sondern auch die Fasern dergestalt erweichen,

dass sie dann auf dem Holländer leichter und feiner in Halb- und

Ganzstoff übergeführt werden können. Vor der Behandlung der Lumpen mit

Lauge werden dieselben mit reinem Wasser gewaschen, ebenso nach der

Anwendung der Lauge.

In früherer Zeit wendete man zum Kochen der Lumpen einen eisernen,

direct geheizten Kessel an, der gegen 500 Kilogr. Lumpen fassen konnte.

Die gesteigerten Ansprüche aber, welche an die Papierfabrikation

gestellt wurden, haben zur Erzielung grösserer Reinheit und Weisse bei

möglichster Schonung der Faser ein anderes Verfahren nothwendig

gemacht, da in den feststehenden Kesseln die Lumpen gewöhnlich nicht

gleichmässig durchkocht erscheinen und namentlich der bei der Bereitung

der Lauge in Anwendung kommende Kalk höchst mangelhaft vertheilt war.

Diese Uebelstände sind durch die Anwendung des =rotirenden Kessels=

beseitigt, der von England aus in die Papierfabrikation eingeführt

wurde. Ein rotirender Kessel, auf welchem im Jahre 1859 =H. Völter= ein

Patent nahm, besteht aus einem horizontal gestellten Dampfcylinder, in

welchem ein drehbarer durchlöcherter Cylinder angebracht ist. Letzterer

enthält die Lumpen und wird, nachdem die nöthige Lauge dazu gelassen,

mittelst angemessener Röhrenleitungen und Hähne aus einem Dampfkessel

mit Dampf versehen. Der innere Cylinder wird in Drehung versetzt,

dadurch sind die Lumpen in beständiger Bewegung (die durch im Innern

des Cylinders angebrachte Stangen noch begünstigt wird) und daher der

Einwirkung des Dampfes gleichmässig ausgesetzt. Nach vollendeter

Operation wird die Flüssigkeit abgelassen, das eine Ende des Kessels

entfernt und der durchlöcherte Cylinder herausgezogen; die ausgelaugten

Lumpen werden in darunter gestellte Kannen geschüttet und der

Waschmaschine übergeben. Um Sand und Schmutztheile abzuspülen, was vor

dem Eintragen der Lumpen in die Halbstoffholländer geschehen muss, ist,

namentlich bei gröberen Lumpensorten das Kochen mit Lauge nicht immer

genügend, da ein grosser Theil der Schmutztheile in einem leicht

ablösbaren Zustande zwischen den einzelnen Läppchen gelagert bleibt,

während die Sandkörner durch das dichte Uebereinanderliegen der Hadern

zu Boden zu sinken verhindert sind. Man bearbeitet deshalb die

gekochten Lumpen 10-12 Minuten in einem von =Silbermann= construirten

Waschholländer, ähnlich dem, der zum Auswaschen des Halbstoffes nach

der Bleiche Anwendung findet. Die in solcher Weise behandelten Hadern

bedürfen einer weit kürzeren Zeit in dem Halbstoff-Holländer und nutzen

die Messer der Walze nicht so bald ab.

[Sidenote: Die weitere Zertheilung der gereinigten Lumpen zu Halbstoff

und dann zu Ganzstoff.]

Die Maschinerie, deren man sich zur Zertheilung der zerschnittenen und

gereinigten Lumpen in feine Fäserchen bedient, heisst im Allgemeinen das

=Geschirr= oder die =Papiermühle=, und bearbeitet (zermalmt oder

zerstampft) das Material in Vermengung mit Wasser, so dass sie es

unmittelbar in Form eines Breies (=Stoff=, =Zeug=) liefert, welcher nur

noch einer Verdünnung mit mehr Wasser bedarf, um auf Papier verarbeitet

zu werden. Die Zerfaserung zerfällt in zwei Stadien, indem man nämlich

zuerst =Halbstoff= und aus diesem dann =Ganzstoff= herstellt.

Die Maschinen, die man zur Zerkleinerung der Lumpen anwendet, sind:

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 81 / 167 题