Technik des Glases, der Thonwaaren, des Gypses, Kalkes und Mörtels.
Die Glasfabrikation.
[Sidenote: Begriff und allgemeine Eigenschaften des Glases.]
Das Glas ist ein durch Schmelzen erhaltenes amorphes Gemenge
verschiedener Silicate, in welchem gewöhnlich Alkalisilicat und
Calciumsilicat die Hauptbestandtheile bilden. Bei gewissen Gläsern wie
bei dem Wasserglas, dessen Anwendbarkeit auf seine Löslichkeit im Wasser
sich gründet, ist nur kieselsaures Alkali vorhanden; in allen anderen
Fällen sind neben dem Alkali (Kali oder Natron) noch andere Basen,
entweder alkalische und eigentliche Erden wie Kalk, Baryt, Strontian,
Magnesia, Thonerde u. s. w., oder Metalloxyde wie Bleioxyd, Wismuthoxyd,
Thalliumoxyd, Zinkoxyd, Eisenoxydul, Manganoxydul u. s. w., vorhanden. In
einzelnen Fällen, wie bei der Darstellung gewisser zu optischen Zwecken
dienender Gläser, wird die Kieselsäure entweder zum Theil oder gänzlich
durch Borsäure ersetzt.
Das Glas ist entweder durchsichtig (eigentliches Glas) oder es ist
undurchsichtig (Schmelzglas oder Email), farblos oder gefärbt und
widersteht, wenn man von dem Wasserglase absieht, der Einwirkung von
Luft und Wasser, den Einflüssen der gewöhnlichen Säuren und alkalischen
Flüssigkeiten bis zu einem gewissen Grade. =Durchsichtigkeit und
Beständigkeit= in chemischer Hinsicht sind die werthvollsten
Eigenschaften des Glases, die demselben anhaftende Zerbrechlichkeit und
Sprödigkeit ein Uebelstand, der aber mit der Natur des Glases auf das
Innigste verknüpft ist. =Amorphismus= gehört zum Grundbegriffe des
Glases. Verschwindet der amorphe Zustand des Glases, d. h. geht es in
den krystallinischen Zustand über, so hört es auf, Glas zu sein. Der
Amorphismus des Glases wird durch die =Zusammengesetztheit= bedingt.
Einfache Silicate haben das Bestreben, aus dem amorphen Zustand in den
krystallinischen überzugehen und sind schon aus dem Grunde nicht zur
Glasfabrikation geeignet. In Folge der amorphen Beschaffenheit geht dem
Glase jede regelmässige Spaltbarkeit ab und ist an den stets
scharfkantigen Bruchstücken nur der muschelige Bruch nach allen
Richtungen hin wahrzunehmen. Ist das Glas in dicken Massen spröde, so
zeigt es in dünnen Blättchen und Fäden eine grosse Elasticität und
Biegsamkeit. Die einzelnen Silicate, ihre Qualität und Menge sind für
die Beschaffenheit der Glasmasse von grosser Wichtigkeit; die =Silicate
der Alkalimetalle= geben dem Glase Leichtflüssigkeit und Weiche,
kieselsaures Kalium giebt dem Glase weniger Glanz als das
Natriumsilicat, lässt es dagegen ungefärbt, während Natriumzusatz dem
Glase stets eine bläulich-grüne Färbung ertheilt. =Calciumsilicat=
macht das Glas beständiger, härter und glänzender, aber auch
strengflüssiger, doch nicht in so hohem Grade als das =Magnesium=- und
=Aluminiumsilicat=. Das =Bleisilicat= und eben so das =Wismuthsilicat=
machen das Glas leicht flüssig und schleifbar, ausserdem ertheilen sie
demselben neben hohem Glanz bedeutendes Lichtbrechungsvermögen, in
optischer Beziehung werthvolle Eigenschaften. Das =Zinksilicat= und das
=Bariumsilicat= verhalten sich dem Bleisilicat bezüglich des Glanzes
und des Lichtbrechungsvermögens ähnlich, nur ist das =Bariumglas=
härter als das Bleiglas. Das Zinksilicat hat das Eigenthümliche, dass
es die grünliche Färbung des Natriumsilicates zum Verschwinden bringt.
=Eisen=- und =Mangansilicat= machen das Ganze leichtflüssig und
gefärbt. Silicate anderer Metalloxyde kommen in der Zusammensetzung der
Glasmasse nur insofern in Betracht, als sie färbende Eigenschaften
besitzen.
[Sidenote: Eintheilung der Glassorten.]
Lässt man die chemische Zusammensetzung der Glasmasse als
Eintheilungsgrund gelten, so hat man folgende vier Glasarten zu
unterscheiden:
I. Das =Kalium-Calcium-Glas= oder böhmische Krystallglas ist vollkommen
farblos, äusserst strengflüssig, hart und durch chemische Beständigkeit
ausgezeichnet. Das =Spiegelglas= ist häufig ein Gemisch von dieser
Glassorte mit der nachfolgenden.
II. Das =Natrium-Calcium-Glas=, französisches Glas, Fensterglas, ist
etwas härter als das vorige, weniger strengflüssig und zeigt die allem
Natriumglase charakteristische bläulichgrüne Färbung. Das zu optischen
Zwecken dienende =Crownglas= gehört hierher.
III. Das =Kalium-Blei-Glas=, Krystall- oder Klingglas, ist weich und
leicht schmelzbar. Es zeichnet sich durch hohes specifisches Gewicht,
Glanz, Lichtbrechungsvermögen und einen schönen Klang aus. Varietäten
dieser Glasart sind 1) das =Flintglas=, ein optisches Glas, welches
reicher an Blei ist als das Krystallglas und ausser dem Blei zuweilen
Wismuth, neben der Kieselsäure zuweilen Borsäure enthält; 2) der
=Strass=, die Grundlage der künstlichen Edelsteine.
IV. Das =Aluminium-Calcium-Alkaliglas=, Bouteillenglas oder Buttelglas,
enthält ausser den genannten Basen oft noch beträchtliche Mengen von
Eisen und Mangan und an der Stelle des Calciums oft Magnesium. Das
Alkali ist in geringerer Menge vorhanden, als in den übrigen
Glassorten. Die Farbe ist röthlichgelb oder dunkelgrün.
Das =specifische Gewicht des Glases= ist von seiner Zusammensetzung
abhängig. Das Alkali-Calcium-Glas ist das leichteste, dann folgt das
Aluminium-Calcium-Alkaliglas und zuletzt das Thalliumglas wie aus
nachstehenden Angaben folgt:
Böhmisches Krystallglas 2,396
Crownglas 2,487
Spiegelglas 2,488
Fensterglas 2,642
Bouteillenglas 2,732
Krystall- oder Klingglas 2,9-3,255
Flintglas von Frauenhofer 3,77
" " Faraday 5,44
Thalliumglas 5,62
Die Strahlenbrechung ist bei langsam gekühlten Gläsern einfach, bei
rasch gekühlten oder gepressten doppelt. Die Grade der Strahlenbrechung
sind sehr verschieden, Blei- und Wismuthgläser brechen das Licht am
stärksten, erreichen aber nie den Grad der Lichtbrechung, wie
diamantglänzende Körper. Setzt man den luftleeren Raum als Einheit, so
ist der Brechungsexponent des glasglänzenden Bergkrystalles = 1,547,
der des Diamanten aber 2,506. Bei Crownglas von Frauenhofer von 2,52
spec. Gewicht ist der Brechungsexponent = 1,534-1,544, bei Flintglas
von Frauenhofer von 3,7 spec. Gewichte der Brechungsexponent = 1,639,
bei Thalliumglas von Lamy = 1,71-1,965.
[Sidenote: Rohmaterialien der Glasfabrikation.]
Die Rohmaterialien der Glasfabrikation sind folgende:
1) Die =Kieselerde=, die sich rein als Bergkrystall, Quarz und in
gewissen Sandsorten und mit Basen verbunden in vielen Silicaten findet,
wie z. B. in dem Feldspath, wird in der Glasfabrikation meist als
Quarz, Sand oder Feuerstein angewendet. Der Sand muss zu den bessern
Glassorten möglichst eisenfrei sein; das Eisen, das in der Regel nur in
Gestalt von Eisenoxyd auf der Oberfläche der reinen Quarzkrystalle, aus
denen der Sand besteht, sich befindet, wird entweder durch einfaches
Waschen oder besser noch durch Digestion mit Salzsäure entfernt. Vor
der Anwendung pflegt man den Sand auszuglühen, damit er mürbe werde,
sich mit weniger Mühe mahlen lasse und leichter schmelze. Zuweilen muss
der Sand geschlemmt werden, um ihn von Thon, Humus u. dgl. zu befreien.
Zu ordinären Glassorten, wo die Farbe des Glases unwesentlich ist, ist
es vortheilhafter, einen unreinen Sand anzuwenden, da mit Thon, Mergel
und Lehm verunreinigter Sand weit leichter schmilzt als reiner. Aus
diesem Grunde bedient man sich zur Herstellung des Bouteillenglases
anstatt der Kieselerde nicht selten des Mergels oder Lehms, welche
ausser der Kieselerde auch noch beträchtliche Mengen von Thonerde in
die Glasmasse bringen.
2) Die =Borsäure= setzt man für gewisse Glassorten als theilweises
Ersatzmittel für Kieselsäure zu; sie befördert die Schmelzbarkeit der
Masse, giebt dem Glase einen hohen Glanz und ist ein vorzügliches
Mittel gegen das Entglasen. In der Regel setzt man sie der Glasmasse in
Gestalt von Borax (Natriumborat) zu. Neuerdings hat man vorgeschlagen,
die Tiza (Boronatrocalcit) in der Glasfabrikation anzuwenden.
3) =Kali= und =Natron= wendet man in sehr verschiedener Form in der
Glasfabrikation an, Kali jedoch meist in Form von Potasche oder
unvollständig ausgelaugter Holzasche, Natron meist in Gestalt von Soda
und Glaubersalz, in einzelnen seltenen Fällen in Form von Kryolith und
von Natrium-Aluminat. Calcinirte Soda wird, wenn es die Art des
herzustellenden Glases erlaubt, gegenwärtig stets der Potasche
vorgezogen, da das Natron, bei billigerem Preise, eine grössere
Sättigungscapacität besitzt, 10 Th. Natriumcarbonat entsprechen 13 Th.
Kaliumcarbonat. In der neueren Zeit wird zu weissem Glase das Natron in
Gestalt von Glaubersalz[86] gesetzt; in diesem Falle setzt man zu dem
Gemenge der Kieselerde mit dem Glaubersalz so viel Kohle, dass die
Schwefelsäure des Glaubersalzes zu schwefliger Säure und die Kohle zu
Kohlenoxyd reducirt wird. Das entstandene Natriumsulfit wird dann
leicht von der Kieselsäure unter Freiwerden von schwefliger Säure
zersetzt. Auf 100 Th. Glaubersalz (wasserfrei) wendet man 8-9 Th. Kohle
an. Ein Ueberschuss von Kohle ist nachtheilig, weil sich dadurch eine
grosse Menge Schwefelnatrium bilden würde, welches das Glas braun
färbt.
[86] Die Anwendbarkeit des Glaubersalzes in der Glasfabrikation ist
eine in der Geschichte der Glasindustrie epochemachende Erfindung.
Obgleich =Lampadius= und =Gehlen= schon in den ersten Jahren des
laufenden Jahrhunderts auf das Glaubersalz als Glasrohmaterial
aufmerksam gemacht, so gebührt doch das Verdienst, das Glaubersalz
in die Glasfabrikation eingeführt zu haben, dem bayer.
Oberbergrath und Philosophen =Franz von Baader= in München. Vergl.
Biographie Franz von Baaders, herausgegeben von Prof. Dr. Franz
Hoffmann, 1857 p. 48. --
4) Der in der Glasfabrikation angewendete =Kalk= muss möglichst
eisenfrei sein. Man verwendet ihn als Marmor oder Kreide entweder im
rohen Zustande, d. h. ohne ihn vorher zu brennen oder zu pulvern, oder
gebrannt und gelöscht. In der Regel kommt er im natürlichen Zustande
entweder als gepochter Kalkstein oder geschlemmte Kreide zur
Verwendung. Auf 100 Gewichtstheile Sand rechnet man in der Regel 20
Gewichtstheile Kalk. In einigen böhmischen Fabriken wendet man den Kalk
in der zweckmässigsten Form, nämlich als Calciumsilicat, als
=Wollastonit= an, welcher die Formel SiO_{3}Ca hat. Anstatt des Kalkes
kann man auch =Strontian= und =Baryt= anwenden, ersteren in Gestalt von
=Strontianit= (SrCO_{3}) letzteren in Form von =Witherit= (BaCO_{3}).
Der =Flussspath= (CaFl_{2}) und das bei der Verarbeitung des Kryoliths
auf Soda fallende Fluorcalcium werden seit einiger Zeit zur Herstellung
von Milchglas angewendet, eben so das =Natrium-Aluminat=.
5) Das =Bleioxyd= wird in den meisten Fällen in Gestalt von =Mennige=
angewendet, welche, indem sie einen Theil ihres Sauerstoffs abgiebt und
dadurch zu Bleioxyd reducirt wird, reinigend auf die Glasmasse
einwirkt. Das Blei giebt dem Glase ein hohes specifisches Gewicht,
hohes Lichtbrechungsvermögen, Weichheit und Schleifbarkeit. Es ertheilt
dem Glas einen schwachgelblichen Ton und hat den Uebelstand, die Masse
der Glashäfen stark anzugreifen. Die Mennige muss vollkommen frei sein
von Kupfer und Zinnoxyd, weil ersteres das Glas grün färben, letzteres
das Glas milchig und undurchsichtig machen würde. Das Bleiweiss würde
eben so gut als die Mennige in der Glasfabrikation Anwendung finden
können, wenn es nicht meist mit Schwerspath versetzt wäre.
6) Das Zinkoxyd wird der Glasmasse stets in Gestalt von =Zinkweiss=
zugesetzt. Wenn die Farbe des herzustellenden Zinkglases nicht in
Betracht zu ziehen ist, so wird man mit Sand, Glaubersalz und
=Zinkblende= Zinkglas herstellen können.
7) Das =Wismuthoxyd=, das nur in kleiner Menge zur Herstellung gewisser
optischer Gläser Anwendung findet, wird zu der Glasmasse entweder als
Wismuthoxyd oder als salpetersaures Wismuthoxyd gesetzt.
Die Formeln gewisser in der Natur vorkommender Silicate nähern sich in
ihrer Zusammensetzung dergestalt der des Bouteillenglases, dass
dieselben, mit den erforderlichen Zusätzen versehen, in der
Glasfabrikation Anwendung finden können. Hierher gehören der
=Feldspath=, der =Pechstein=, der =Bimsstein=, der =Klingstein=, der
=Amphibol=, der =Basalt= und manche Laven. Auch manche Hochofen- und
Eisenfrischschlacken finden in der Glasfabrikation Anwendung. So wird
der sogenannte schwarze =Hyalith= in Böhmen durch Zusatz von
Eisenfrischschlacken, dann auf dem Fichtelgebirge ein ähnliches
schwarzes Glas, das =Knopfglas=, durch Zusatz von eisenhaltigen
Amphibolgesteinen dargestellt. Der Feldspath würde ein kostbares
Rohmaterial der Glasfabrikation abgeben, wenn er wohlfeil genug zu
erlangen wäre; durch Zusatz von Borax und Bleioxyd kann man mit ihm ein
allen Anforderungen entsprechendes Glas darstellen. Gewisse Laven kann
man, ebenso wie den Basalt, ohne weiteren Zusatz durch Schmelzen in
Glas überführen. Leichtschmelzende Thone, eisen- und kalkhaltiger Lehm
oder Mergel lassen sich auch zu Bouteillenglas anwenden, eben so auch
Granit (besonders der finnländische, Rapakiwi genannt), der unter
Zuschlag von Schwerspath auf mehreren Bouteillenhütten verschmolzen
wird.
[Sidenote: Entfärbungsmittel.]
Zu =farblosen Gläsern= bedient man sich ausser den genannten
Materialien noch gewisser =Entfärbungsmittel=, welche theils chemisch
durch Sauerstoffabgabe, theils physikalisch durch Ergänzung verschieden
gefärbter Nüancen zu Weiss wirken. Solche Entfärbungsmittel sind der
=Braunstein=, die =arsenige Säure=, der =Salpeter= und die schon
erwähnte =Mennige=.
1) Der =Braunstein= (MnO_{2}) wird schon seit den ältesten Zeiten zum
Farblosmachen der Glasmasse angewendet. Bei der Anwendung des
Braunsteins ist zu berücksichtigen, dass er nur in geringer Menge der
Glasmasse zugesetzt, dieselbe entfärbt, in grosser Quantität dagegen
derselben eine violette oder vielmehr amethystrothe Färbung ertheilt,
die so intensiv sein kann, dass das Glas schwarz und undurchsichtig
erscheint. Die violette Färbung des Glases wird in der Regel wol durch
Manganisilicat (kieselsaures Manganoxyd) herbeigeführt, während, wenn
der Braunstein entfärbend wirken soll, Manganosilicat (kieselsaures
Manganoxydul) in der Masse sich befinden muss. Ueber die Art und Weise,
wie der Braunstein entfärbend auf die Glasmasse wirke, sind
verschiedene Erklärungen gegeben worden. Am richtigsten wol ist es die
Entfärbung der Glasmasse einem Ergänzen complementärer Farben zu Weiss,
nämlich dem Grün vom Ferrosilicat, und dem Violett vom Manganosilicat,
zuzuschreiben; zu dieser Annahme ist man um so mehr berechtigt, als
=Körner= in Jena bereits im Jahre 1836 den Beweis geliefert hat, dass
man durch Zusammenschmelzen von Gläsern, die durch Eisen grün und durch
Mangan röthlich gefärbt waren, ein farbloses Glas erhalte, =Suckow=
ferner farbloses Glas durch Zusammenschmelzen von durch Manganoxydul
schwach roth gefärbtem Glas mit Kupferoxyd erhielt. Auf den Glashütten
des bayerischen Waldes giebt man einem rosenrothen Quarz von Rabenstein
bei Zwiesel den Vorzug, indem die Fabrikanten behaupten, dass sie mit
keiner andern Quarzart, selbst nicht mit dem reinsten Bergkrystall,
eine so reine Glasmasse darzustellen vermöchten. =v. Fuchs= fand in
diesem Quarz 1-1,5 Proc. Titanoxyd, welches in ähnlicher Weise
chromatisch neutralisirend zu wirken scheint, wie der Braunstein.
=Kohn= empfiehlt als Entfärbungsmittel oder Maskirungsmittel, ein
Gemisch von =Nickeloxydul= oder =Antimonoxyd=, durch welches man im
Stande sei, dem Glase eine durch die ganze Masse hindurch
gleichmässige, ins Röthliche ziehende Färbung zu ertheilen. Ein
neuerdings in Vorschlag gekommenes Entfärbungsmittel ist das
=Zinkoxyd=, welches die grüne Färbung des Glaubersalzglases entfernen
und ausserdem dem Glase einen höhern Glanz ertheilen soll. 2) Die
=arsenige Säure= wirkt als Entfärbungsmittel nur chemisch, sei die
Färbung des Glases durch Kohle oder durch Ferrosilicat hervorgebracht.
Ist ein kohlehaltiges Glas durch arsenige Säure zu entfärben, so hat
man folgendes Schema:
Arsenige Säure As_{2}O_{3} } { Arsen As_{2}
} geben {
Kohle 3C } { Kohlenoxydgas 3CO
hat man ein eisenoxydulhaltiges Glas durch arsenige Säure zu entfärben,
so geben:
Eisenoxydul 6FeO } = { Eisenoxyd 3Fe_{2}O_{3}
Arsenige Säure As_{2}O_{3} } { Arsen As_{2}.
Die arsenige Säure wird durch Kohle und Eisenoxydul schon in schwacher
Rothglut reducirt und das Arsen verflüchtigt. Man bringt die arsenige
Säure in die Glasmasse erst, nachdem dieselbe vollkommen geschmolzen
ist und drückt ein Stück davon mit Hülfe einer Eisenstange bis auf den
Boden des Glashafens hinab. Durch die sich sofort entwickelnden Dämpfe
von arseniger Säure findet eine Verbrennung des Kohlenstoffs und eine
Oxydation des Eisenoxyduls zu dem minder färbenden Eisenoxyd statt und
das reducirte Arsen entweicht. 3) Der =Salpeter= wird meist als
Chilisalpeter (Natriumnitrat) zu der Glasmasse gesetzt. Bei der
Fabrikation von Bleiglas möchte auch die Anwendung von Bleinitrat am
Platze sein. Bariumsalpeter ist in neuerer Zeit ebenfalls als
Entfärbungsmittel der Glasmasse vorgeschlagen worden. Seine Wirkung ist
der der arsenigen Säure gleich.
4) Dass die =Mennige= auch als Entfärbungsmittel dient, wurde bereits
angeführt. Nach =Chambland= sollen die chemisch wirkenden
Entfärbungsmittel dadurch ersetzt werden können, dass man einen Strom
atmosphärischer Luft in das schmelzende Glas leitet. Dadurch wird
ferner die Glasmasse in Bewegung gesetzt, die Theile gehörig gemischt
und die Masse gleichförmig.
[Sidenote: Glasscherben.]
Die in den vorstehenden Abschnitten betrachteten Materialien der
Glasfabrikation werden niemals für sich allein verschmolzen, sondern
immer mit ungefähr dem dritten Theile schon fertigen Glases. Dazu
dienen die =Glasscherben= oder Brocken (das Bruchglas), deren
sorgfältiges Einsammeln eben so gut zum Betrieb einer Glasfabrik
gehört, wie das Lumpensammeln zum Betrieb einer Papiermühle. Durch
umsichtiges Sammeln gehen in der That nur geringe Mengen von Glas
verloren, so dass der Glasfabrikant thatsächlich nur die Umgestaltung
der Glasbrocken zu übernehmen hat. Da bei wiederholtem Umschmelzen der
Glasscherben immer ein Theil der Alkalien durch Verflüchtigung verloren
geht, so muss bei jedesmaligem Schmelzen Alkali zugegeben werden. Auch
das sogenannte =Herd=- und =Pfeifenglas=, welches sich bildet, wenn die
Glasmasse während der Schmelzung zu stark schäumt und übersteigt, oder
ein Glashafen reisst oder durchlöchert wird und die Masse sich mit der
Asche mischt, oder endlich an der Bläserpfeife hängen bleibt, dient als
Zusatz zur Glasmasse.
[Sidenote: Die Glashäfen.]
Die =Glashäfen= oder die Schmelzgefässe, in welchen der Glassatz
geschmolzen wird, werden auf der Hütte selbst aus schwer schmelzbarem
Thon und gepulverten Charmottesteinen angefertigt; sie sind ungefähr 0,6
Meter hoch und in den Wänden 9-12 Centimeter stark. Die Häfen werden im
Schatten und vor Luftzug geschützt, in einer Temperatur von 12-15°
getrocknet. Während des Trocknens wird der Boden des Hafens, als der
dickste Theil, öfters gestampft, bis das Stampfen keinen Eindruck mehr
auf die Masse macht. Nachdem diese Consistenz erreicht ist, bringt man
die Glashäfen in einen Raum, dessen Temperatur allmälig bis auf 30 bis
40° gesteigert wird. Nachdem sie etwa einen Monat daselbst verweilt,
können sie in die Aufwärmeöfen (Temperöfen) gebracht werden, die aber
auch bis auf etwa 50° abgekühlt sein müssen. Das Brennen oder Aufwärmen
geschieht durch stufenweise Verstärkung des Feuers, bis endlich die Häfen
bis zum Glühen erhitzt sind. In diesem Zustande bringt man sie aus dem
Anwärmeofen in den Schmelzofen, welchen man auch vorher ungefähr bis zur
Temperatur der erstern hat abfallen lassen. Das Feuer wird nach und nach
in dem Ofen bis zur Schmelzhitze verstärkt, was nach 3-4 Stunden der Fall
ist. In der Regel lässt man einen neuen Hafen während einer ganzen
Arbeit, d. h. während 25-40 Stunden, leer stehen, ehe man den Glassatz
einträgt. Aber auch dann würden die alkalischen Bestandtheile des
Glassatzes (Potasche, Kalkstein, Glaubersalz, Soda etc.) die Masse der
Glashäfen, die das Maximum der Dichte noch nicht erreicht haben, stark
angreifen, und eine ziemliche Menge thonreiches Glas bilden, welches sich
der Glasmasse beimischt und dieselbe fehlerhaft macht. Es ist deshalb
zweckmässig, das erste Mal nur einen stark mit Glasbrocken versetzten
Glassatz oder auch nur Glasabfälle in einen neuen Glashafen einzutragen.
Es bildet sich dadurch auf den innern Hafenwänden ein sehr
strengflüssiges Glas, welches gleich einer Glasur, die Hafenmasse vor
weiterer Zerstörung schützt. Man nennt diese Arbeit das =Aussäumen= oder
Einglasen der Glashäfen.
[Illustration: Fig. 120.]
[Illustration: Fig. 122.]
[Illustration: Fig. 121.]
[Illustration: Fig. 123.]
Die Form der Glashäfen ist verschieden. Bei Holz- und bei Gasfeuerung
ist sie die eines nach unten conischen Cylinders (Fig. 120). Bei
Steinkohlenfeuerung wendet man die =Haubenhäfen= oder =bedeckten Häfen=
(Fig. 121) an, welche oben mit einer gewölbten Haube endigen, deren
hinterwärts stehende Oeffnung sich von innen an das Arbeitsloch
anschliesst. Eine eigenthümliche Art von Haubenhafen zeigt Fig. 122,
hier befindet sich in der Mitte eine Scheidewand. Der Glassatz wird
durch die Oeffnung _A_ eingetragen, schmilzt in dieser, dem Feuer
besonders ausgesetzten Abtheilung und dringt unter der Scheidewand in
die andere Abtheilung _B_, in welcher die Masse geläutert aufsteigt, da
die Unreinigkeiten (Glasgalle etc.) in _A_ zurückbleiben, und dann
ausgearbeitet wird. In der Fabrikation von gegossenen Spiegeln wendet
man zum Läutern länglich viereckige Glashäfen (=Glaswannen=) (Fig. 123)
an, welche in der Mitte mit einem Falze zum Eingriffe der Wangen der
Zangen versehen sind, mit welchen sie gefasst und gehoben werden.
[Sidenote: Die Glasöfen.]
Man theilt die Glasöfen ein 1) in =Schmelz=- oder =Werköfen=, in welchen
der Glassatz geschmolzen und die daraus entstandene Glasmasse in einen
solchen Zustand versetzt wird, dass sie zu Glasgeräthschaften verarbeitet
werden kann; 2) in =Nebenöfen=, welche häufig mit dem Schmelzofen in
Verbindung stehen deren Construction je nach dem Zwecke, zu welchem sie
bestimmt sind, verschieden ist.
[Illustration: Fig. 124.]
Die =Schmelz=- oder =Werköfen= können nur mit dem feuerfestesten Thone
hergestellt werden. Als Baumaterial wendet man ein Gemenge von weissem
Thon mit einer gleichen Quantität gebrannten und gesiebten Thones
derselben Gattung an. Eine solche Mischung hat nicht die nachtheilige
Eigenschaft, die der gewöhnliche getrocknete Thon besitzt, bei der
Temperatur der Schmelzhitze zu schwinden; er ist ferner in Folge seiner
lockern Beschaffenheit ein schlechter Wärmeleiter und bleibt von dem
Fallen und Steigen der Temperatur ziemlich unberührt. Als Mörtel kann
Kalkmörtel begreiflicherweise nicht dienen, da er den Thon der
Ofenmasse auflösen und damit zu einem Glase zusammenschmelzen würde,
man wendet deshalb zum Verbinden der Steine Thonbrei aus demselben
Thone, aus dem das Baumaterial besteht, an. Man wendet die Ofensteine
entweder weich, oder blos an der Luft getrocknet, oder in einem
Ziegelofen gebrannt, an. Der Schmelzofen muss auf trocknem Grunde
stehen; denn jeder nasse Boden kühlt den Boden von unten ab, wodurch
nicht nur grössere Mengen von Brennmaterial verbraucht werden, sondern
auch bei einer Abkühlung von unten die Glasmasse sitzenbleibt und sich
nur obenher läutert. Es wird zum Grunde ein starkes oder doppeltes
Steinpflaster und darüber ein Ziegelpflaster gegeben. Nachdem die
Gewölbe geschlossen und die Flächen beschnitten und geebnet worden
sind, besteht die ganze Masse des Ofens aus einem einzigen Stücke
feuerfesten Thons, welches ein Gewicht von 800-1000 Ctr. hat. Der Ofen
wird bei einer Temperatur von 12-15° getrocknet und das Austrocknen
durch häufige Wiederholung des Schlagens der inneren und äusseren
Fläche des Ofens befördert. Nach 4-5 Monaten ist der Ofen lufttrocken.
Nun giebt man schwaches Feuer, das man während eines Monats verstärkt,
um den Ofen zu brennen (=Aufwärmen des Ofens=); man giebt ferner dem
Gewölbe eine massive Decke von Backsteinen (das =Hemd=) und überkleidet
diese wieder 5-6 Zoll dick mit einem Gemenge von Lehm und Häcksel. Die
Temperatur wird endlich gesteigert. Darauf ist der Ofen zur Aufnahme
der Glashäfen geschickt. Weit häufiger werden besonders geformte,
getrocknete oder gebrannte Ofensteine zum Ofenbau verwendet. In dem
Schmelzofen wird so lange geschmolzen, als er aushält. Doch, wo man
strengflüssiges Glas fabricirt und nicht besonders guten Thon zur
Verfügung hat, ist die Dauer der Campagne 1-1/4-1-3/4 Jahr. Wo man
dagegen im Besitz von feuerfestem Thone ist und leichtflüssige
Bleigläser darstellt, kann ein Ofen 4-5 Jahre aushalten. In dem
Glasofen befinden sich 6, 8-10 Glashäfen oder Wannen, welche sämmtlich
auf gleiche Temperatur gebracht werden müssen: daher sind die
Schmelzöfen =stehende Flammenöfen=, in welchen der Schmelzraum oberhalb
des Feuerraums liegt. Der Schmelzraum ist entweder viereckig oder
länglich rund und überwölbt. Durch die Mitte der Sohle geht ein
ziemlich breiter Kanal, dessen beide Enden an den schmalen Seiten des
Ofens die Feuerung bilden. Es bleiben daher zu beiden Seiten dieser
Grube, =Pipe= genannt, zwei schmale Streifen -- die =Bank= von der
Ofensohle übrig, worauf die Häfen mit der Glasmasse stehen. Die Häfen
auf der Bank umschliesst der sogenannte =Ring=, ein Mauerwerk von der
Höhe der Häfen, und auf diesem steht die =Ofenkappe= oder =Kuppe=,
welche den Ofen von oben bedeckt. An dem untern Theile der Kappe, über
dem Ringe, vor jedem Glashafen, befindet sich das =Arbeitsloch=, durch
welches der Glasmacher die geläuterte Glasmasse aus dem Hafen nimmt.
Unter dem Formsteine geht durch den Ring zu jedem Hafen ein sogenanntes
=Glutloch=, durch welches der Hafen auf der Bank umgedreht und gesetzt
werden kann. Nachstehende Zeichnungen geben ein Beispiel eines
viereckigen Hohlglasofens und zwar Fig. 124 den Grundriss des Ofens in
der Höhe der Arbeitslöcher, Fig. 125 die äussere Ansicht des Ofens von
der Seite der Arbeitslöcher, Fig. 126 einen Durchschnitt des Ofens nach
der Länge, Fig. 127 einen Durchschnitt nach der Breite. In dem
Grundrisse bedeuten _o o_ die Pipe, _c_, _c_, _c_, _c_, _c_, _c_ die
Schmelzhäfen, _n_, _n_, _n_ die Glashäfen, welche aufgewärmt werden
sollen, _d_, _d_, _d_ die Arbeitslöcher, _b_, _b_ die Bänke, _i_, _i_
zwei Vorwärme- und Kühlöfen, _h_, _h_ zwei Temperöfen, _e_, _e_ die
äussern Brustmauern, auf welchen die Schienenwände _f_, _f_, _f_ ruhen.
_l_, _l_ sind kleine Herde, um die Temperatur in den Temperöfen zu
erhöhen, wenn es nöthig erscheinen sollte.
[Illustration: Fig. 125.]
[Illustration: Fig. 126.]
Fig. 125 bedarf keiner weiteren Erklärung; an dem einen Arbeitsloch ist
ein Schornstein _l_ gezeichnet _y_, _y_, _y_, _y_ sind Quadersteine,
auf welchen die hölzernen Träger _z_, _z_, _z_, _z_ liegen, die einen
Holzrost tragen, auf welchem das Scheitholz getrocknet wird.
In Fig. 126 bedeuten _f_, _f_ die Bank, auf welcher die Glashäfen _h_,
_h_, _h_ stehen; die über den Häfen befindlichen Oeffnungen sind die
Arbeitsöffnungen; _n_, _n_ sind die grossen Schürlochgewölbe. In Fig.
127, welche den Durchschnitt des Ofens nach der Breite zeigt, bedeutet
_b_, _b_ den Fundamentoder Sohlstein, _c_, _d_ sind die Bänke, _g_ der
Schornstein, obgleich die Glasöfen in der Regel keinen Schornstein
haben, durch den der Zug hervorgebracht wird; der Schornstein _g_ hat
nur die Bestimmung, die lästige und überflüssige Hitze nach oben zu
führen (Fig. 127). Die Flamme des Brennmaterials, welche von den beiden
Rosten _m m_ (Fig. 126) in die Pipe strömt und von da in dem
Schmelzraume sich verbreitet, tritt in die Temper- und Kühlöfen und von
dort endlich in einen Schornstein. Die Schornsteine dienen indessen nur
aushülfsweise zum Hervorbringen des Zuges. Die erforderliche Zuführung
der Luft geschieht durch ein unter dem Roste liegendes kreuzförmiges
System von vier Kanälen, welche dort, wo sie ins Freie münden, mit
Steinen verschlossen sind; nur derjenige Kanal bleibt offen, auf
welchen der Wind stösst. Ungeachtet dieser unvollkommenen Einrichtung
geht doch in dem Schmelzofen eine lebhafte Verbrennung vor sich.
Diejenigen Schmelzöfen, in denen mit =Steinkohlen= gefeuert wird, sind
mit einem Roste versehen. Seit einigen Jahren wendet man die
=Siemens='schen Glasschmelzöfen mit Gasfeuerung und Regeneratoren[87]
(vergl. Seite 22) vielfach als Glasöfen an.
[Illustration: Fig. 127.]
[Illustration: Fig. 128.]
Der =Siemens='sche Ofen besteht aus zwei Theilen, dem =Generator= (Fig.
128) und dem =Schmelzofen= (Fig. 129). Ersterer ist von dem Ofen völlig
getrennt und kann sich in weiter, vielleicht 30 und mehr Meter
Entfernung von ihm befinden, wobei dann die Gase durch ein weites Rohr
nach dem Ofen hingeleitet werden. Das Brennmaterial (Braunkohle, Torf,
Steinkohle, Holz)[88] wird in den Generator durch die Füllvorrichtung
_A_ in Zeiträumen von 2-6 Stunden eingeführt; auf der schiefen Ebene
rutscht es weiter herab, um auf den Treppenrost _O_ zu gelangen, wo die
Gasbildung erfolgt. Das Gas, aus einem Gemenge von Kohlenoxyd und
Stickstoff bestehend, steigt mit einer Temperatur von 150-200° aus dem
Generator durch eine weite Blechröhre _V_ 4-5 Meter in die Höhe,
gelangt von da in ein horizontales Rohr und zieht dann in den
Schmelzofen. Der obere Raum desselben ist einem gewöhnlichen Glasofen
mit den Häfen _P_, _P_ ... ganz ähnlich, in dem unteren Raume befinden
sich die Regeneratoren (vgl. S. 311), mit Gitterwänden versehene und
damit angefüllte Räume. Die Gase aus dem Generator ziehen zunächst in
das _eine_ Regeneratorsystem, welches im Glühen sich befindet, nehmen
dann darin die Temperatur der Steine an und gehen dann in den
Schmelzraum, wo sie zur Verbrennung heisse Luft vorfinden, welche einen
ähnlichen mit glühenden Steinen gefüllten Regenerator durchstrichen
hat. Die heissen Verbrennungsprodukte ziehen aus dem Schmelzraum durch
ein _zweites_ System von Regeneratoren und erhitzen die darin
enthaltenen kalten Steine, welche durch passende Umstellung des Gas-
und Luftstromes Gase und Verbrennungsluft wieder erhitzen. Die Gase
entweichen zuletzt, nachdem sie den grössten Theil ihrer Wärme in den
Regeneratoren abgelagert haben, in den Schornstein. Die Erfahrung hat
gelehrt, dass man in mit Steinkohlen betriebenen Regeneratoröfen selbst
bleihaltiges Glas in offenen Häfen schmelzen kann, ohne eine Reduction
von Blei durch Rauch befürchten zu müssen. Die Brennmaterialersparniss
gegenüber den älteren Glasöfen beträgt 30-50 Proc.
[87] Die =Siemens='schen Gasöfen erhielten auf der Pariser
Weltausstellung (1867) in Klasse 51 der internationalen Jury die
goldene Preismedaille.
[88] Auch in Holzglashütten finden gegenwärtig (1870) die
=Siemens='schen Regenerativöfen mit grossem Erfolge Anwendung.
Vergl. Jahresbericht der chemischen Technologie 1869. Leipzig 1870
p. 351.
[Illustration: Fig. 129.]
[Sidenote: Vorbereitung des Satzes und das Schmelzen.]
Ehedem galt die krystallisirte Kieselerde, der Bergkrystall, als das
vollkommenste Glas und die Aufgabe der Glasfabrikation schien nur eine
möglichst getreue Nachahmung oder eine künstliche Darstellung dieses
Minerals zu sein. Man hatte sich daran gewöhnt, allein die Kieselerde als
wirklichen Bestandtheil des Glases zu betrachten, die alkalischen Zusätze
hielt man nur für Körper, welche man in der Absicht zusetzte, die für
sich unschmelzbare Kieselerde zum Schmelzen zu bringen. Man nannte
deshalb die in der Glasfabrikation angewendeten Alkalien und Erden
=Flussmittel=, ein Ausdruck, der sich bis auf den heutigen Tag unter den
Glasmachern erhalten hat. Es war nicht unbekannt, dass mit der Menge der
Zusätze der Brennmaterialverbrauch und die Strengflüssigkeit der
Glasmasse, auf der andern Seite aber auch die Haltbarkeit des daraus
dargestellten Glases abnehme. Dem Glase neben bestimmten, einer gewissen
Glassorte eigenthümlichen Eigenschaften den erforderlichen Grad der
Haltbarkeit und Schmelzbarkeit zu geben, dabei den Brennstoffverbrauch
auf das Minimum zu reduciren und in der kürzesten Zeit das grösste
Quantum an Glas zu verarbeiten, das sind die Rücksichten, die der
Glasfabrikant bei der Herstellung der Glasmasse zu nehmen hat.
Von besonderer Wichtigkeit für das Verständniss des Vorganges bei der
Glasfabrikation ist die Kenntniss des Verhaltens des Glases im Feuer.
Bei dem Maximum der Temperatur des Glasschmelzofens, ungefähr bei
1200-1250° C., ist das geschmolzene Glas dünnflüssig und etwa von der
Consistenz eines dicken Zuckersaftes. Diese Beschaffenheit ist für die
Läuterung der Glasmasse sehr wesentlich, weil in dem dünnflüssigen
Zustande alle Körper, die nicht in der Masse sich auflösen können,
entweder auf der Oberfläche oder am Boden der Schmelzgefässe sich
abscheiden. In diesem Zustande nun kann ferner das Glas gegossen
werden. In der Rothglühhitze ist das Glas ungemein dehnbar und
geschmeidig; auf dieser Eigenschaft beruht die mechanische Verarbeitung
des Glases. Zwei Stücke rothglühendes Glas lassen sich durch blosses
Aneinanderdrücken zu einem Ganzen vereinigen. Bei dem Glasspinnen wird
das Glas zu dem äussersten Grade seiner Dehnbarkeit gebracht; man
bedient sich dazu eines Spinnrades, auf welchem das ausgezogene Glas
aufgehaspelt wird. Möglicherweise hat das =Glas als Gespinnstfaser=
Zukunft![89] Wenn man das Glas im geschmolzenen Zustande sehr langsam
erkalten lässt oder wenn man es einer lange andauernden Erweichung
unterwirft, so verliert das Glas seine Durchsichtigkeit und verwandelt
sich in eine fast durchaus undurchsichtige Masse, die unter dem Namen
des =entglasten Glases= oder des =Réaumur='schen =Porcellans= bekannt
ist. Der chemische Process bei der Entglasung ist trotz mehrfacher
Untersuchungen noch nicht erforscht. =Dumas= hält die Entglasung für
eine Krystallisation des Glases, hervorgerufen durch die im Augenblicke
der Entglasung eintretende Bildung von Verbindungen innerhalb einfacher
Proportionen, die bei der stattfindenden Temperatur unschmelzbar sind.
Er nimmt an, dass die relative Unschmelzbarkeit theils in der
Verflüchtigung von Alkali, theils in einer einfachen Theilung unter den
Elementen des Glases ihren Grund habe, indem die Alkalien in denjenigen
Theil übergehen, welcher den glasartigen Zustand beibehält. Andere
Chemiker, so =Berzelius= und =Pelouze=, glauben, dass die Bildung von
Réaumur'schem Porcellan in der Bildung von krystallisirtem Glase von
unveränderter Zusammensetzung ihren Grund habe, welcher Ansicht auch im
Allgemeinen die Glasfabrikanten sind. Wenn Glas bis zum Weichwerden
erhitzt worden ist und nachher schnell abgekühlt wird, so wird es
äusserst spröde und zeigt dann Eigenthümlichkeiten, welche wir an den
=Glastropfen= und an den =Bologneser= Fläschchen beobachten. Die
=Glastropfen= und =Glasthränen= sind Tropfen von geschmolzenem Glase,
welche man durch Fallenlassen in kaltes Wasser hastig abgekühlt hat.
Bricht man die äussere Spitze ab, so verwandelt sich die ganze Masse
des Glases mit einigem Geräusch in ein Pulver. Eine ähnliche
Erscheinung bieten die =Bologneser Fläschchen= oder =Springkolben= dar.
Wenn man an diese Kölbchen von aussen stark schlägt, so zerbrechen sie
nicht, während die geringste Erschütterung im Innern sie in Splitter
mit einer Detonation zerspringen macht. Ein Stückchen Glas oder ein
Feuersteinstückchen, welches man hineinfallen lässt, bewirken dieses
Zerspringen schon. Um nun dem Glase die grosse Sprödigkeit zu nehmen
und es dadurch in den Stand zu setzen, Temperaturwechsel ohne zu
zerspringen zu ertragen, lässt man das Glas sehr langsam erkalten. Dies
geschieht durch die Operation des =Kühlens= in besonderen Oefen, in den
Kühlöfen.
[89] Die Glasfäden =Brunfaut='s in Wien, die seit 1869 zur Herstellung
von Glaswatte, Federn, Schleiern, Schleifen, Netzen und dergl.
dienen, haben nach den Messungen von =Fr. Kick= in Prag einen
Durchmesser von 0,006-0,012 Millimeter. Sie sind demnach noch
etwas feiner als einfache Coconfäden. --
[Sidenote: Fritten.]
Ehedem wurde der Glassatz, ehe man ihn in dem Schmelzofen dem
eigentlichen Schmelzen übergab, in einem besondern Ofen, dem
=Fritteofen=, bis zur angehenden Schmelzung erhitzt und dadurch in Fritte
verwandelt. Die Vortheile des Frittens bestehen darin, dass Kohlensäure
und Wasser aus den Glasmaterialien verflüchtigt werden, wodurch man der
Entweichung derselben im Schmelzofen selbst vorbeugt, was sonst eine
beträchtliche Temperaturerniedrigung zur Folge haben würde. Da in der
Fritte das Alkali auch zum grössten Theile schon an Kieselerde gebunden
enthalten ist, so greift die Fritte die Häfen nicht so stark an, als der
nicht gefrittete Glassatz. Ferner erleidet der pulverförmige Glassatz
während des Frittens eine bedeutende Volumenverminderung oder Schwindung,
während er sich im Anfang des Erhitzens aufzublähen pflegt.
[Sidenote: Heissschüren.]
Ist der Schmelzofen in Betrieb gesetzt und hat er die erforderliche
Temperatur erreicht, so wird der Rost gereinigt, werden erst die Brocken,
dann der Glassatz in die Glashäfen gegeben und eingeschmolzen. Das
Eintragen der Schmelzpost geschieht auf 3-4mal. Sind alle Häfen voll, so
bringt der Schürer den Ofen auf die grösste und gleichmässigste
Temperatur (=Heissschüren=). Ist die Glasmasse im Schmelzen, so verbindet
sich die Kieselerde mit dem Kali, Natron, Kalke, der Thonerde, dem
Bleioxyde etc. zu Glase; diejenigen Substanzen, die nicht in die
Glasmasse eintreten können, scheiden sich auf der Oberfläche der
schmelzenden Masse als =Glasgalle= (wesentlich Natriumsulfat und
Chloralkalien) aus, welche mit Hülfe eines eisernen Löffels entfernt
wird; hat sich nur wenig davon ausgeschieden, so lässt man dieselbe auch
bei der hohen Temperatur des Ofens sich verflüchtigen.
[Sidenote: Läutern.]
Um sich von dem Fortgange des Schmelzprocesses zu überzeugen, wird von
Zeit zu Zeit mit Hülfe eines kurzen, unten plattgeschmiedeten
Eisenstabes, des =Randkolbens=, ein Tropfen aus der Glasmasse genommen.
Ist der Satz vollkommen geschmolzen, so schreitet man zum =Läutern=, d.
h. man unterhält noch eine Zeit lang eine solche Temperatur, dass das
Glas in dem dünnflüssigen Zustande beharrt. Während dieser Periode
setzen sich ungelöste Körper und Klümpchen in dem Hafen zu Boden, die
Luftblasen in der Masse verschwinden und es scheidet oder verflüchtigt
sich mit der noch vorhandenen Glasgalle das im Ueberschuss angewendete
Flussmittel, wodurch das Glas an Härte und Dauerhaftigkeit gewinnt. Die
im Anfange des Schmelzens stattfindende Gasentwickelung bewirkt eine
vortheilhafte Bewegung der Masse, durch welche die anfänglich sich
bildenden Verbindungen von ungleichem specifischem Gewichte und
ungleicher Zusammensetzung gemischt werden. Nach beendigter
Gasentwickelung dagegen suchen sich die dichteren Theile abzusondern,
wozu um so mehr Veranlassung gegeben, als die Temperatur am Boden des
Hafens weit niedriger ist als an den obern Theilen. Man bewirkt eine
innige Mengung durch Umrühren mit der Schöpfkelle oder durch das
sogenannte Polen. Letzteres geschieht dadurch, dass man entweder ein
Stück arsenige Säure oder ein Stück feuchten Holzes, ein Stück Rübe oder
eine andere wasserhaltige Substanz an einem Eisenstabe befestigt, bis auf
den Boden des Hafens niederstösst. Es entsteht ein heftiges Aufwallen von
Dampfblasen, wodurch die verschiedenen schweren Schichten der Glasmasse
untereinander gebracht werden.
[Sidenote: Kaltschüren]
Nach beendigtem Läutern folgt das =Kaltschüren=, d. h. ein Ablassen der
Ofentemperatur, bis das Glas denjenigen Grad der Zähflüssigkeit erlangt
hat, welcher zum Blasen, überhaupt zur Verarbeitung der Masse
erforderlich ist. Auf der Temperatur des Kaltschürens -- 700-800° C. --
muss der Ofen so lange erhalten werden, als das Verarbeiten des Glases
dauert. Um eine kleine Fläche auf dem geschmolzenen Glase zu begränzen,
die leicht frei von allen Unreinigkeiten zu erhalten ist und von dem
Glasbläser zum Eintauchen der Pfeife benutzt wird, lässt er zuweilen
Thonringe aus Hafenmasse auf dem geschmolzenen Glase schwimmen.
Die Zeit der Läuterung und Verarbeitung ist verschieden. Ein mit
Steinkohlen betriebener Schmelzofen zu strengflüssigem Bouteillenglase
brauchte:
zum Einschmelzen 10-12 Stunden
" Läutern 4- 6 "
" Verarbeiten 10-12 "
sodass in einer Woche 5-6 Schmelzen gemacht werden konnten.
[Sidenote: Fehler des Glases.]
Es ist äusserst schwierig, ein vollkommen fehlerfreies Glas
darzustellen. Die hauptsächlichsten Fehler sind folgende: Streifen,
Fäden, Thränen oder Tropfen, Steine, Blasen und Knoten. Die =Streifen=
sind eine Folge der Ungleichheit des Glases, wenn entweder die
einzelnen, bei dem Schmelzprocess entstandenen Verbindungen sich
gegenseitig nicht aufgelöst oder bei einem Nachlassen der Temperatur
aus einem Gemenge sich abgeschieden haben. Durch die Streifen
erscheinen die durch das Glas betrachteten Gegenstände verzerrt. Man
wird selten grössere Stücke von Glas finden, die von diesem Fehler
vollkommen frei wären; besonders häufig kommt er bei Gläsern von hohem
specifischem Gewichte, namentlich bei dem Bleiglase vor. Den Streifen
schliessen sich die =Winden= oder =Fäden= an, welche von der Verglasung
des Thones herrühren und sich durch eine grüne Farbe auszeichnen; sie
machen das Glas sehr zerbrechlich, da das Aluminiumsilicat einen andern
Ausdehnungscoëfficienten besitzt als das Calcium- und Natriumglas. Mit
dem Namen =Rampen=, =Thränen= oder =Tropfen= bezeichnet man gleichfalls
Theilchen von Thonglas, welches durch die Verglasung des Thones des
Schmelzofens in Folge verflüchtigten Alkalis sich bildete und von der
Decke des Schmelzofens in die Glashäfen tropfte. Solche Tropfen
enthaltende Gläser sind unbrauchbar. Die kleinen =Blasen=, die sich
sehr häufig in der Glasmasse finden, zeigen an, dass das Glas nicht
hinlänglich geläutert und während des Läuterungsprocesses nicht
dünnflüssig genug war. Grosse Blasen können sich auch durch
ungeschicktes Aufnehmen der Glasmasse mit der Pfeife bilden. Die
=Knoten= endlich, einer der häufigsten Fehler des Glases, können auf
verschiedene Weise entstehen, wenn z. B. Sandkörner in der Glasmasse
unaufgelöst enthalten sind, so können sich durch Vereinigung mehrerer
solcher Körner Knoten bilden; ebenso verhält es sich mit der Glasgalle
(Alkalisulfate oder Chloralkalimetalle), welche in der Glasmasse oft
schneeflockenähnliche Gestalten bilden. Eine dritte Art von Knoten
(=Steine= genannt) rührt von Ofen- und Hafenstücken her, welche durch
die Werkzeuge des Glasmachers losgestossen und in die Glasmasse
gerathen sind. Endlich kann auch durch eine theilweise Entglasung ein
=Wolkigwerden der Masse= eintreten, welches der Verarbeitung höchst
nachtheilig ist. Der bedeutendste Fehler ist eine zu leichte
Zersetzung, welche sich durch Mattwerden und Irisiren der Oberfläche
kund giebt; sie ist die Folge einer fehlerhaften Zusammensetzung,
besonders eines grossen Ueberschusses an Flussmitteln.
[Sidenote: Eintheilung des Glases nach der Zusammensetzung und seiner
Fabrikation und Bestimmung.]
=Eintheilung des Glases.= Man theilt das Glas nach seiner Zusammensetzung
und nach seiner Fabrikation und Bestimmung in folgender Weise ein: