Das Haus Wasa und das Kosakentum.
In schwerer Bedrängnis ging die neue Wahl vor sich, denn schon war
Chmielnicki bis Lemberg und Zamość vorgedrungen. Als Thronbewerber
kamen die beiden Brüder Władysławs in Frage, der Kardinal Johann
Kasimir und Karl Ferdinand, Bischof von Breslau und Plock. Eine
Gesandtschaft Chmielnickis trat für den ersten ein, und so
wurde _Johann_ II. _Kasimir_ (1648-1668), der Jesuit und
Kardinal, den der Papst erst von seinem Gelübde entbinden
mußte, zum König gewählt. Er nahm Maria Louise von Nevers-Gonzaga,
seines Bruders Witwe, zur Frau, wohl um ihr großes Vermögen zu
sichern. Zunächst galt es, der _Kosaken_ Herr zu werden.
Dieses bunte Gewirr aus Polen, Litauern, Großrussen, Ungarn, Walachen
und Tataren, vor allem aber Kleinrussen, aus Adligen und Bauern, aus
Flüchtlingen, Abenteurern und Verbrechern, Katholiken, Unierten,
Orthodoxen und Moslems, das von Jagd, Viehzucht und Raub lebte,
hatte schon Siegmund I. in gewissem Grade unter seinen Starosten
in Kijew, Bracław, Tscherkassy organisiert, unter Eustaphius
Duszkiewicz, Przecław Lanckoroński, Demetrius Wiśniowiecki u. a. 1572
_registrierte_ der Kronhetman Georg Jazłowiecki einen Teil, nahm sie
in königlichen Sold und setzte einen Ältesten (Starszy) über sie, der
auch die Gerichtsbarkeit hatte.
Vielen aber erschien jede Berührung mit Polen als eine Beschränkung
der Freiheit. Sie gingen noch weiter östlich, hinter die
Stromschnellen (Porogi) des Dnjepr, daher _saporogische Kosaken_
genannt. Ihre erste Erwähnung finden wir 1568, die weitere
Ausbildung ist aber wohl erst gegen Ende des Jahrhunderts vor sich
gegangen. Diese saporogischen Kosaken hatten ihre Waffenplätze
auf den Inseln des Dnjepr. Die waffenfähigen Mannschaften lebten
dort fast klösterlich in völliger Gleichheit und Freiheit
zusammen. Frauen wurden im Lager nicht geduldet. An der Spitze
stand der selbstgewählte Ataman (Hetman), mit dem Asawul (Jesaul,
Unterbefehlshaber) und dem Pisar (Kanzler).
Als die polnische Kolonisation weiter in die Ukraine vordrang, und
die Magnaten dort große Güter erwarben, wurde ihnen das unabhängige
Kosakentum lästig. Nicht nur, daß die Kosaken immerwährende Einfälle
der Tataren und Türken hervorriefen, sondern sie übten auf die
Bauernschaft, namentlich der kleinrussischen Gebiete, eine starke
Anziehungskraft aus, die Magnatenwirtschaften mit dem Untergang
infolge Leutemangels bedrohend. Das führte auf dem Reichstag
von 1590 zum Erlaß einer _Ordnung für die Ukraine_, wonach die
Zahl der besoldeten und registrierten Kosaken auf 6000 erhöht,
der Rest aber zum Bauernstande zurückgeführt werden sollte. Daß
die Nichtregistrierten diese Überführung in den hörigen Stand
nicht hinnehmen konnten, ist selbstverständlich. Aber auch die
Registrierten waren unzufrieden, da die von ihnen geforderte
Gleichstellung mit der Szlachta nicht gewährt wurde. So kam es 1592
zum ersten _Aufstand_ unter Christoph Kosiński, 1596 zum zweiten,
die Registrierten unter Nalewajko, die Saporoger unter Loboda.
Diesmal spielte auch die Anerkennung der Orthodoxie mit. Zamojski und
Żółkiewski schlugen zwar den Aufstand blutig nieder, aber die Frage
blieb ungelöst, und die Kosaken erholten sich schnell wieder.
Unter ihrem neuen Ataman Peter _Konaszewicz_ (1612-1622) gelangten
sie sogar zu so großer Blüte, daß sie 1612 die Krim bis Eupatoria
plünderten, Kaffa nahmen, 1613 Sinope zerstörten, 1614 die ganze
Nordküste Kleinasiens brandschatzten, 1615/16 Trapezunt eroberten,
die türkische Flotte und sogar die Vorstädte von Konstantinopel
verbrannten. An dem Krieg gegen Moskau nahmen sie ebenso teil, wie an
dem Türkenkrieg von 1620 bis 1621. An den Türkenfrieden von 1621 kehrte
sich Konaszewicz, wie erwähnt, nicht. Das nahm Polen zum Vorwand,
um den Hetman Koniecpolski nach der Ukraine zu senden, angeblich um
weitere Einfälle in türkisches Gebiet zu verhindern, in Wirklichkeit
aber, um die rechtsufrigen Kosaken zu beugen. Durch treulose
Versprechungen hinterlistig irregeführt, wurden sie am See Kurakow
umzingelt und gezwungen, die Registrierung anzuerkennen, die Einfälle
ins türkische Gebiet einzustellen und ihre kleinen Raubschiffe (Czajki)
zu verbrennen. Die Nichtregistrierten aber sollten binnen drei Monaten
ihre Habe verkaufen und in den Dienst ihrer Herren zurückkehren. Zum
Ataman wurde an Stelle Ismails _Michael Doroszenko_ gewählt. Es ist
klar, daß die Nichtregistrierten auch diesmal widerstanden, und als
der politische Übermut und die Bedrückung durch die Magnaten und
die Szlachta allzuhoch stiegen, brach 1630 unter Taras wieder ein
_Aufstand_ aus, den Koniecpolski in einer furchtbaren Schlacht bei
Perejaslawl dämpfte.
1632 erschienen auf dem Wahlreichstag auch Kosaken, die das Wahlrecht,
Gleichstellung der orthodoxen Kirche und Vermehrung der Registrierten
verlangten. Das Wahlrecht wurde ihnen in verletzenden Worten versagt,
aber ihr Metropolit _Peter Mohyla_ von Kijew (1632-1647) anerkannt.
Mohyla stammte aus einer angesehenen Familie, die der Moldau und der
Walachei einige Hospodare geschenkt, war hochgebildet und hat für die
geistige Hebung des ruthenischen (kleinrussischen) Volkes unendlich
viel getan. Auch die orthodoxe Kirche ganz Rußlands verdankt ihm die
Wiedererweckung des wissenschaftlichen Lebens, ausgehend von der
von ihm begründeten Akademie zu Kijew, von der Moskau seine Lehrer
erhielt. Er tat kulturell dasselbe für die Ruthenen, was Konaszewicz
politisch erreicht hatte: er stärkte das nationale Selbstbewußtsein.
Weder polnische noch moskowitische Bedrückungen konnten von nun
an das ruthenische Volk vernichten, die _kleinrussische Frage_
verstummen machen.
Władysław IV., der die orthodoxe Kirche verständnisvoll gewähren
ließ, vermochte nicht, auch auf politischem und wirtschaftlichem
Gebiete die Kosaken zufriedenzustellen. Die Rücksicht auf die
Türken führte vielmehr unter seiner Regierung an der ersten
Stromschnelle des Dnjepr zur Errichtung einer neuen Zwingburg,
_Kudak_, gegen die Saporoger gerichtet. Zwar zerstörte der Ataman
Sulyma diese Feste, aber er wurde 1635, ebenso wie Pawluk 1637,
geschlagen und hingerichtet.
Diese Siege verführten die selbstsüchtigen und kurzsichtigen
polnischen Herren zu der _Konstitution von 1638_, durch die auch
die Registrierten den Bauern gleichgestellt, der freien Wahl ihres
Ältesten beraubt und einem polnischen Kommissar untergeben wurden.
Nach geradezu barbarischer Unterdrückung eines infolgedessen
ausbrechenden neuen Aufstandes unter Hunia, Ostrjanin und Filonenko
durch die erbittertsten Kosakenfeinde, Nikolaus Potocki und Jeremias
Wiśniowiecki, wurde die Konstitution streng durchgeführt. Es fehlte
zwar nicht an einsichtigen Warnern, die „diese Änderung im Leben
der Kosaken für einen Vorteil einzelner, aber für eine Schädigung
des Staates” hielten (Bischof Piasecki von Przemyśl), doch die
wirtschaftlichen Interessen der kleinrussischen adligen Grundherren
siegten über solche Bedenken.
Zehn Jahre herrschte Ruhe in der Ukraine, die Ruhe vor dem Sturm,
nur unterbrochen durch Gesandtschaften an den König, der nicht
helfen konnte. Unter einem dieser Gesandten, _Bohdan Chmielnicki_
aus Tschirigin, masowischer adliger Abkunft, Kosakenkanzler, dem der
Unterstarost Czapliński das Gut fortgenommen, die Frau entführt, den
Sohn erschlagen hatte, und der kein Recht finden konnte, brach 1648
das Unwetter los. Man behauptet, daß der König selbst ihn darauf
hingewiesen habe, er besitze ja ein Schwert. Auf diese Weise habe sich
der König Mitkämpfer wider die Übermacht des Adels werben wollen.
Die Registrierten gingen zu Chmielnicki über, die Tataren leisteten
Hilfe. Bald stand die ganze Ukraine in Flammen. Tod der Szlachta, Tod
den Jesuiten, das war die Losung. Gegen den König und den Staat, das
betonten die Kosaken ausdrücklich, ging es nicht, sondern nur gegen
ihre Peiniger. Nur ihr Recht wollten sie haben.
Der König schickte eine Kommission zur Untersuchung, aber gegen seinen
Befehl brach der Kronhetman Nikolaus Potocki in die Ukraine ein. An
den gelben Wassern ($Żółte Wody$) östlich von Kudak wurden 6000 seiner
Leute vernichtet. Er selbst wurde bei Korsun geschlagen und gefangen
genommen.
In diesem Augenblick starb Władysław. Auf dem Konvokationsreichstag
war ein Teil der Abgeordneten unter dem Kanzler Georg Ossoliński und
dem Kastellan Adam Kisiel von Bracław für eine Verständigung, der
andere unter Wiśniowiecki für Ausrottung. Man beschloß, Kisiel als
Unterhändler auszusenden, gleichzeitig aber drei Generalregimentare mit
einem Heere zu beordern. Kisiel richtete nichts aus, und das Heer,
Söldner und Aufgebot, an die 230000 Mann stark, das sich bei Pilawce an
der polnisch-podolischen Grenze angesammelt hatte, ergriff des Nachts
vor den Kosaken die Flucht, das Lager in ihren Händen zurücklassend.
Nun zogen die Kosaken vor Lemberg, das 700000 Gulden Lösegeld zahlen
mußte, und belagerten Zamość, während Chmielnickis Gesandte bei der
Königswahl den Ausschlag gaben.
Dies war die Lage, die Johann Kasimir bei seiner Thronbesteigung
vorfand. Dem König zuliebe, von dem er eine friedliche Regelung
hoffte, kehrte Chmielnicki nun nach Kijew zurück, wie ein Triumphator
empfangen und von Gesandten des Sultans, des Zaren, der Hospodare mit
Bündnisanträgen erwartet. Als Polen seine Bedingungen nicht annahm,
begann 1649 der Kampf von neuem. Ein Heer unter Wiśniowiecki wurde
zu Zbaraż in Podolien eingeschlossen, ein anderes unter dem König
bei Zborow in Rotrußland geschlagen. Chmielnicki stellte nun neue
Friedensbedingungen: Erhöhung der Zahl der Registrierten auf 40000,
die Wojewodschaften Kijew, Tschernigow, Poltawa und Bracław für die
registrierten Kosaken, die alle Rechte der Szlachta erhalten sollten,
Entfernung der Jesuiten und Juden aus der Ukraine, Berufung des Kijewer
Metropoliten in den Senat, Vergebung aller Ämter in den genannten
Wojewodschaften an Orthodoxe.
Noch schienen Polen diese Bedingungen unannehmbar. In der Ukraine
aber erhob sich Unzufriedenheit bei dem Teil des Volkes, der auch bei
40000 Registrierten unberücksichtigt geblieben wäre und wieder in
die Untertänigkeit zurückkehren sollte. So sahen sich beide Seiten
von neuem zum Kampfe genötigt, im Jahre 1651. Bauernaufstände im
eigentlichen Polen, die auf Chmielnickis Veranlassung ausbrachen,
wurden glücklich gedämpft, er selbst bei Beresteczko in Wolynien
geschlagen, da der Tatarenkhan, vom König gewonnen, das Schlachtfeld
verließ und den Ataman als Gefangenen mit sich führte. Chmielnicki
machte sich wieder frei und stellte nunmehr sehr viel mäßigere
Friedensbedingungen. Aber diese nahm der Reichstag nach dem Siege von
Beresteczko noch weniger an.
Auf den Sultan gestützt, den er als Lehensherrn anerkannte, suchte
Chmielnicki seine Herrschaft über die Moldau auszubreiten, vernichtete
1652 ein neues polnisches Heer bei Batoh am Bug und schlug mit dem
Khan, der auf Befehl des Sultans ihm wieder zu Hilfe gekommen war, ein
zweites bei Żwaniec, unfern Chotin (1653). Als nun der ihm unfreundlich
gesinnte Tatare auf Grundlage der nach Zborow gestellten Bedingungen
eigenmächtig Frieden mit den Polen schloß, ließ Chmielnicki die Partei
des Sultans fallen. Er schickte eine feierliche _Gesandtschaft_ an
den rechtgläubigen _Zaren Alexej_ und bot ihm die Herrschaft über die
Ukraine an. Alexej nahm das Anerbieten an und schickte 1654 Kommissare,
die von dem Lande Besitz ergriffen, unter Wahrung der Selbstverwaltung,
der eigenen Gerichtsbarkeit und der sonstigen Freiheiten der Kosaken.
So waren die Kämpfe um die Ukraine durch die Kurzsichtigkeit,
Intoleranz und Habgier des Adels zuungunsten Polens ausgegangen.
Moskau hatte auch territorial das Übergewicht in Osteuropa erlangt,
der Wettstreit war eigentlich schon jetzt zu seinen Gunsten
entschieden.
Zunächst mußte aber _Alexej_ noch in einem _Waffengang_
(1654-1556) die Neuerwerbung sichern, die ihm so mühelos in den
Schoß gefallen war. Ehe Polen überhaupt ein Heer aufstellen
konnte, hatte er die ganze vielumstrittene Reihe russischer Städte
von Kijew bis Smolensk und Polozk in seiner Gewalt. Erst 1655
besiegte ihn Potocki bei Ochmatow in der Ukraine, zu einer
Zeit allerdings, als schon ein zweiter Feind auf polnischem Boden
stand, Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken, seit 1654 König von
Schweden, den nach alter Übung Johann Kasimir nicht anerkennen
wollte.
Dieser _Schwedische Krieg_ (1655-1660) ward eine nahezu
ununterbrochene Reihe polnischer Niederlagen, und nur durch
geschickte Bündnisse rettete Johann Kasimir das Land vor
der bereits geplanten Teilung.
Einem von Pommern in Großpolen eindringenden Heer ergab sich das
allgemeine Aufgebot schimpflich bei Usch a. d. Netze, einem
anderen, das von Livland kam, der Großhetman von Litauen, Janusz
Radziwill bei Kiejdany in Samogitien. In kurzem nahm Karl Gustav
Warschau und Krakau, während Alexej und Chmielnicki bis Lublin und
Zamość vordrangen, der _Große Kurfürst Preußen_ besetzte. Der Adel
erkannte Karl Gustav als König an und selbst die beiden Hetmane
mitsamt den Truppen traten in seinen Dienst. Der verlassene Johann
Kasimir mußte noch im Jahre 1655 nach Glogau fliehen.
In Großpolen brach jedoch, veranlaßt durch die Greuel der
schwedischen Truppen und die Nichtachtung der religiösen Gefühle,
unter Christoph Żegocki ein Aufstand zugunsten des vertriebenen,
katholischen Königs aus. Die tapfere und erfolgreiche Verteidigung
des Paulinerklosters in _Czenstochau_ durch den Prior Augustin
Kordecki mit Mönchen und Edelleuten weckte den Fanatismus: die
wundertätige schwarze Muttergottes, die man in Czenstochau verehrte,
hatte schützend ihre Hand über ihre Getreuen gehalten! Es bildete
sich unter Führung der Hetmane Potocki und Lanckoroński, die sich
von Schweden zurückzogen, die _Konföderation zu Tyszowce_ „zur
Verteidigung des Glaubens und des Vaterlandes”.
Johann Kasimir, der eine eifrige diplomatische Tätigkeit entwickelt
hatte, kehrte zurück. Doch erfochten die Schweden im Verein mit dem
Großen Kurfürsten, der im _Vertrage von Königsberg_ (17. Januar 1656)
sein Herzogtum Preußen von Schweden in Lehen genommen und am 25. Juni
zu Marienburg gegen Abtretung der Souveränität in den Landschaften
Posen, Kalisch, Sieradz und Łęczyca Hilfeleistung mit seiner ganzen
Macht versprochen hatte, einen entscheidenden Sieg in der dreitägigen
_Schlacht bei Warschau_ (28. bis 30. Juli 1656): 9000 Schweden und
9000 Brandenburger gegen 80-90000 Polen und Tataren. _Am 26. November
erkannte Karl Gustav zu Labiau seinen Bundesgenossen als souveränen
Herzog in Preußen an._
Friedrich Wilhelm hatte von Schweden alles erreicht, was es ihm bieten
konnte, ohne daß es übermächtig wurde. Als Karl Gustav mit Dänemark,
das im Verein mit dem Kaiser Johann Kasimir unterstützte, in Krieg
geriet und den Dingen in Polen vorläufig ihren Lauf ließ, zog er sich
zurück. Am 29. September 1657 schloß er den _Vertrag zu Wehlau_, worin
Polen seine _Souveränität im Herzogtum Preußen_ ebenfalls anerkannte
und seine Hilfe erwarb. Nicht umsonst war der Große Kurfürst das
Zünglein an der Wage gewesen. _Von nun an mußten die brandenburgischen
Bestrebungen auf die Herstellung der Verbindung zwischen dem Herzogtum
und Brandenburg, also auf die Erwerbung von Polnisch-Preußen gerichtet
sein._
Mit Alexej hatte Johann Kasimir 1656 auf der Grundlage „$uti
possidetis$” Frieden geschlossen und seine Bundesgenossenschaft gegen
Schweden gewonnen, so daß die Lage wieder Aussicht auf Besserung
bot. Aber Karl Gustav verbündete sich nunmehr mit den Kosaken und
mit Georg II. Rákoczy von Siebenbürgen _zur Teilung Polens_. Ganz
Rotrußland bis vor die Tore Krakaus fiel 1657 in die Hände der Ungarn
und Kosaken. Sie gelangten bis Warschau, wurden aber dann durch den
Einbruch der Kaiserlichen in ihren Rücken zur Umkehr gezwungen.
Der unerwartete Tod Karl Gustavs beendete 1660 diesen furchtbaren
Krieg und rettete das entsetzlich verwüstete Polen noch einmal vor
dem Zusammenbruch. Im _Frieden von Oliva_ verlor Johann Kasimir
Livland bis zur Düna an Schweden, entsagte den Ansprüchen
auf die schwedische Krone unter lebenslänglicher Beibehaltung des
Titels und erkannte den Wehlauer Vertrag an. Die schwedischen
Pläne auf Errichtung eines baltischen Küstenreiches waren zwar
gescheitert, aber zugleich hatte sich mit erschreckender
Deutlichkeit gezeigt, _daß Polen nur noch infolge der Uneinigkeit
seiner Nachbarn bestehen konnte_.
Inzwischen eröffneten sich in der Ukraine noch einmal Aussichten
für Polen, indem nach Chmielnickis Tode sein Nachfolger _Johann
Wyhowski_ sich durch den Vertrag von Hadziacz dem König übergab.
In diesem Vertrage wurde die Lubliner Union auch auf die Kosaken
ausgedehnt und der Ukraine dieselbe Stellung zur Krone zuerkannt,
wie sie Litauen besaß. Ein freigewählter Hetman mit senatorischen
Marschällen, Kanzlern und Schatzmeistern sollte an der Spitze stehen,
die griechischen Bischöfe in den Senat aufgenommen, den Kosaken die
Vorrechte der Szlachta zuerkannt werden. Was man früher den Kosaken,
als sie noch treu waren, nicht geben wollte, das gestand man ihnen
jetzt zu.
Aber zu spät. Moskau hatte seine Hand auf diese Lande gelegt und war
nicht geneigt, sie fahren zu lassen. Zwar erfochten die Kosaken und
Polen einen Sieg bei Konotop (1659), aber unter den Kosaken trat eine
Spaltung ein. Ein Teil mit Chmielnickis Sohn Georg ergab sich Moskau,
und wenn sie auch bei Kudnowa 1660 zur Kapitulation gezwungen und
noch manche andere Erfolge errungen wurden, die inneren Verhältnisse
Polens ließen eine große und nachhaltige Aktion nicht mehr zu, und
ein ausbrechender Türkenkrieg forderte neue Anstrengungen. 1667
wurde dieser russische Krieg im dreizehnjährigen _Waffenstillstand
zu Andrussow_ damit beendigt, daß Rußland auf seine livländischen
Eroberungen, Witebsk und Polozk verzichtete, aber Smolensk, Sjewer,
Tschernigow und die Ukraine jenseits des Dnjepr behielt, auch Kijew auf
zwei Jahre besetzte. Ihrer ganzen Natur nach konnte diese Beilegung
nur eine provisorische sein.
Der _Türkenkrieg_ war ausgebrochen, weil ein dritter Teil der Kosaken
unter Peter Doroszenko sich den Türken ergeben und sie zum Kriege
verleitet hatte. In zwei Feldzügen wurde er zu Ende geführt. Im ersten,
1666, siegten die Kosaken und Tataren bei Batoh, im zweiten, 1667, die
Polen unter Johann Sobieski, dem Feldhetman der Krone, bei Podhajce,
worauf Doroszenko zu Polen zurücktrat.
Damit hatte die lange Reihe äußerer Kriege, die diese Regierung
ausfüllten, ihr Ende gefunden. Nicht genug damit, war das Land, in
dem Wohlstand und Bildung schnell verfielen, auch von dauernden
inneren Wirren heimgesucht. Es zeigte sich deutlich, daß die
ungemessene Freiheit zur Cliquenwirtschaft und zur Anarchie führte.
Eine große Anzahl der Magnaten stand im Solde auswärtiger Mächte,
der Türkenheld Johann Sobieski z. B. im Solde Frankreichs. Zwar
verschloß man sich demgegenüber gewaltsam die Augen und tröstete sich
mit dem törichten Spruch: $Polska nierządem stoi$ (Polen besteht
durch seine Unordnung). Aber im Jahre 1652 _zerriß_ der Abgeordnete
für Troki, der Litauer Władysław Siciński, auf Veranlassung des
Fürsten Janusz Radziwill _den Reichstag_, indem er sein „Veto” gegen
die Verlängerung der Tagung über die sechswöchentliche Frist hinaus
einlegte. Fast alle polnischen Abgeordneten begaben sich fort, und
dem Reichstagsmarschall Andreas Maximilian Fredro und den Senatoren
blieb nichts übrig, als die Zerreißung zu konstatieren. Dieses
_$Liberum veto$_ war die logische Ausbildung des „$consensus omnium$”
und der ganzen staatsphilosophischen Grundlage der polnischen
Verfassung, ein Unsinn, aber ein logischer Unsinn.
Doch ist nicht außer acht zu lassen, daß Minderheiten schon vorher
den Reichstag zerrissen hatten und daß auch das Veto nur dann
zur Zerreißung führte, wenn sich eine oppositionelle Minorität
ihm anschloß. Sonst ging der Reichstag trotz des Vetos weiter.
Das Verderblichste dabei war, daß ein erfolgreiches Veto nicht
nur den gerade zur Beschlußfassung stehenden Gegenstand umstieß,
sondern sämtliche Beratungen des Reichstags, auch die etwa schon
vorher gefaßten Beschlüsse ungültig machte. Wollte man nur _einen_
Gegenstand zu Falle bringen, so gab es ein anderes Mittel, die
Aufhebung der Verhandlungen („$sisto activitatem$”); es wurde alsdann
zu einem anderen Gegenstand übergegangen. Jedenfalls sind in der
Zeit von 1688-1762 allein zwölf Reichstage gar nicht einmal zustande
gekommen, indem sie schon vor der Wahl des Marschalls durch das Veto
geschlossen wurden. An Reformen war bei diesen Zuständen überhaupt
nicht mehr zu denken.
Dazu kam noch der Widerstand, den der König bei seinen Versuchen, schon
bei Lebzeiten die Wahl des Herzogs von Enghien zu seinem Nachfolger
durchzusetzen, fand, um ihm den Mut vollends zu benehmen. Mit dem
Hauptgegner, dem Großkronmarschall _Georg Lubomirski_, verbündete sich
das unbezahlte Heer zu dem „_Geweihten Bund_”, einer Konföderation,
unter deren Druck auf dem außerordentlichen Reichstage von 1662 das
Wahlprojekt fiel. Um den König bildete sich unter der Führung Stephan
Czarnieckis eine zweite Konföderation, der „_Fromme Bund_”. Durch
Befriedigung des Heeres wurde der „Geweihte Bund” aufgelöst (1663).
Lubomirski, der eine Zeitlang tatsächlich Herr des Staates gewesen
war, wurde wegen Aufwiegelung des Heeres und Strebens nach dem
Protektorat geächtet und verbannt. Die Großmarschallswürde, bald auch
die Großhetmanswürde, erhielt Johann Sobieski. Das gab Veranlassung zu
einem neuen _Aufstande_. Lubomirski schlug mit einem Soldheere und der
ihm anhängenden Szlachta 1665 den König bei Czenstochau und bei Montwy
a. d. Netze, erzwang im Vertrage von Łęgonice (bei Schneidemühl) seine
Wiedereinsetzung und den Verzicht auf die Wahl des Herzogs von Enghien
(1666).
Als Maria Luise im nächstem Jahre starb, legte Johann Kasimir die
Krone nieder (1668). Er fühlte sich nicht stark genug, um in dieser
Anarchie Ordnung zu schaffen. 1672 ist er in Frankreich gestorben.
Man hat seine Initialen $I. C. R.$ symbolisch als „$Initium
calamitatum regni$” gedeutet.