12. Die Fundamente der Flugtechnik.

Nur fundamentale Untersuchungen können die richtige Erkenntnis der

Vorgänge beim Vogelfluge fördern, und auf die Fundamente der Flugtechnik

müssen wir zurückgreifen, wenn es sich darum handelt, die vollkommenen

Bewegungserscheinungen, wie die Vogelwelt sie uns bietet, möglichst

richtig zu erkennen und dann künstlich nachzuahmen.

Von der einschneidendsten Wirkung muß das Gefundene sein, um den großen

Widerspruch zu lösen, der bei der Berechnung der Flugarbeit sich

ergiebt.

Wie aber müssen nun solche Flügel beschaffen sein, und wie müssen wir

sie bewegen, wenn wir das nachbilden wollen, was die Natur uns so

meisterhaft vormacht, wenn wir einen freien schnellen Flug bewirken

wollen, der nur eine geringe Arbeitsleistung erfordert?

Alles Fliegen beruht auf _Erzeugung_ von Luftwiderstand, alle Flugarbeit

besteht in _Überwindung_ von Luftwiderstand.

Der Luftwiderstand muß immer in genügender Stärke erzeugt werden, aber

er muß mit möglichst _geringer Arbeitsgeschwindigkeit_ überwunden werden

können, damit die zu seiner Überwindung nötige, also zum Fliegen

erforderliche Arbeit eine möglichst geringe wird.

Hierin wurzelt die Überzeugung, daß unsere Erkenntnis der wirklichen

mechanischen Vorgänge beim Vogelfluge nur gefördert werden kann, wenn

wir die Gesetze des Luftwiderstandes erfolgreich erforschen, sowie _die_

Überzeugung, daß diese Kenntnis uns dann auch die Mittel an die Hand

giebt, erfolgreich auf dem Gebiete der Flugtechnik thätig zu sein; denn

der Vogelflug ist eben eine verhältnismäßig wenig Kraft erfordernde

Fliegemethode, und wenn wir diese richtig erkannt haben, so werden wir

auch die Mittel finden, uns ihre Vorteile nutzbar zu machen.

Somit bilden die Gesetze des Luftwiderstandes die Fundamente der

Flugtechnik.

Wie kann aber die Erforschung der Gesetze des Luftwiderstandes,

überhaupt das Kennenlernen derjenigen Eigenschaften unserer Atmosphäre,

welche mit Vorteil zum Heben eines frei fliegenden Körpers ausgenutzt

werden können, vor sich gehen? Die einfache theoretische Überlegung kann

hier nur Vermutungen, aber keine Überzeugungen hervorrufen. Der einfache

praktische Versuch kann wohl positive Resultate zu Tage fördern, aber

der weitere Ausbau zu einer umfassenden Erkenntnis wird dennoch wiederum

auch eingehende theoretische Überlegung nötig machen, und so ist nur

denkbar, daß das rechte Licht über dieses noch so dunkle

Forschungsgebiet verbreitet wird, wenn Theorie und Praxis erfolgreich

Hand in Hand gehen.

Die wenigen bisher für diesen Aufbau vorhandenen Bausteine sollen in den

nächsten Abschnitten behandelt werden.

Es wird sich hieraus zwar noch lange nicht eine erschöpfende Erklärung

der einzelnen Vorgänge beim Vogelfluge herleiten lassen, aber _das_ wird

sich schon daraus ergeben, _daß der natürliche Vogelflug die

Eigenschaften der Luft in so vorteilhafter Weise verwertet und derartig

zweckentsprechende mechanische Momente enthält, daß ein Aufgeben dieser,

dem natürlichen Vogelfluge anhaftenden Vorteile gleichbedeutend ist mit

einem Aufgeben jeder praktisch ausführbaren Fliegemethode_. Und dies

gilt natürlich in erster Linie für die Frage des Kraftaufwandes. Wie

diese Frage von den Flugtechnikern gelöst werden wird, davon wird es

abhängen, ob wir dereinst im stande sein werden, uns einer

Fortbewegungsart zu bedienen, wie wir sie in dem Fliegen der Vögel

täglich vor Augen haben.

13. Der Luftwiderstand der ebenen, normal und gleichmäßig

bewegten Fläche.[1]

[Fußnote 1: Der Ausdruck Fläche soll hier und später für eine

körperliche möglichst dünn hergestellte Flugfläche gelten. Der Ausdruck

Platte konnte nicht einheitlich gewählt werden, weil derselbe sich nicht

gut für die später zu betrachtenden gewölbten Flügel anwenden läßt.]

Wenn eine dünne ebene Platte normal zu ihrer Flächenausdehnung mit

gleichmäßiger Geschwindigkeit durch die Luft bewegt wird, so haben wir

gewissermaßen den einfachsten Bewegungsfall, in welchem dann auch eine

rein theoretische Betrachtung mit Zugrundelegung der Dichtigkeit der

Luft dasjenige Resultat ergiebt, welches sich ziemlich genau mit dem

Ergebnis des praktischen Versuchs deckt.

Man findet, daß dieser Luftwiderstand in dem geraden Verhältnis mit der

Flächengröße zunimmt und mit dem Quadrat der Geschwindigkeit wächst, zu

welchem Produkt noch ein konstanter Faktor hinzutritt, der von der

Dichtigkeit der Luft und der daraus folgenden Trägheit abhängt. Für die

hier anzustellenden Betrachtungen genügt es, die Schwankungen, denen die

Dichtigkeit der Luft durch Temperatur und Feuchtigkeit unterworfen ist,

außer acht zu lassen und die schon erwähnte abgerundete Formel

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 15 / 50 题