„Nein, Großpapa.“
Rufe der Entrüstung von allen Seiten. Er triumphierend: „Aha, seht Ihr,
sie hat’s noch nicht gehört. Also ich werd’ es Dir erzählen.“
Don: „Die Uhr ist wieder einmal aufgezogen. Der Herr Baron wird noch
heiser werden.“ Alles umsonst.
Die Familie spannte im Gedanken Regenschirme auf, sprach durcheinander
und ließ die Birnen abprallen. Aber wenn Gäste kamen, wehe! -- Mit
erkünstelt interessierter Miene, mit der Höflichkeit von Leuten, die
„Knigge’s Umgang“ beherzigt haben, hörten sie zu, hier und dort ein
„Ach wirklich“, ein zweifelndes Kopfschütteln, ein verständnisvolles
Lachen anbringend. Großmama räusperte sich wiederholt, warf ihm
vielsagende Blicke zu, und da Alles nicht half, zog sie den andächtigen
Zuhörer an ihre Seite und sprach „Landwirtschaft und Industrie“.
Sie besaß einen regen Unternehmungsgeist und wußte stets von allen
Neuerungen auf diesen Gebieten.
Tante Nilla war nie sichtbar, wenn Fremde kamen. Hörte sie einen Wagen
rollen, verschwand sie durch eine Hinterpforte in den Wald. Dort
sammelte sie Beeren oder Schwämme, rauchte, las Heiligenlegenden und
Missionsberichte. Oder sie hielt Zwiesprache mit ihren Hunden, lauter
„Findlingen“, an irgend einer Ecke aufgelesen, wo sie, dem Verhungern
nahe, verzweifelt zu ihr aufsahen; lauter Invaliden, Pfründner, die das
Gnadenbrot aßen und ihre Tage in Ruhe beschließen durften.
Da war vor Allem Fly, ein ausgedienter Jagdhund, der von seinem
früheren Herrn mehr Prügel als gute Worte erhalten hatte und jeder
neuen Erscheinung auf zehn Schritte auswich „~serrant la queue et
portant bas l’oreil~“. Er führte das Dasein eines Rentiers, gieng immer
mehr in die Breite und trug seine „Knochen“ auf ein entferntes Feld, um
sie später einmal auszugraben.
„Pintschbock“ glich einer „Karricatur“ aus den fliegenden Blättern und
machte mit dem unförmig zausigen Körper einen geradezu lächerlichen
Eindruck. Er besaß nur eine Schönheit, ein paar Augen, die einen
anblicken konnten, daß es einem ordentlich das Herz umdrehte.
Endlich noch „Scheck“, ein plumper Stallköter, mit häßlicher, rauher
Stimme. Nach Sonnenuntergang brachte er der züchtigen Grundel, einer
Hündin, über deren Alter man nicht reden durfte, Ständchen, daß sie
ganz verwirrt wurde. Wie kam sie nur zu solcher Huldigung, sie mit den
wackligen Zähnen und dem ewigen Baucherlweh? -- Der Geschmack ist eben
verschieden, auch in der Tierwelt.
* * * * *
Mama war mit ihrer Freundin, Frau von Cordi, einer sehr hübschen
geschiedenen Frau in Steindorf eingetroffen. Zwischen Letzterer und
Madame Berger bestand ein entschiedener Antagonismus und die Beiden
begegneten sich mit eisiger Kühle.
Frau von Cordi gefiel mir ungemein. Eine junonische Gestalt mit
Grübchen in den Wangen und kornblumenblauen Augen; selbst die Zähne,
die gegen alle Schönheitsregeln kühn hervorstrebten, erregten meine
Bewunderung. Ich trachtete mir ihren leisen wiegenden Gang anzueignen,
strich mir die Augenbrauen schwarz an und malte mir die Wangen so
feuerrot, daß Großmama fürchtete, ich habe Rotlauf und mir Zimmerarrest
diktierte. Sie behandelte mich als „Große“, was meiner Kindereitelkeit
ungeheuer schmeichelte. Ich sann hin und her, wie ich mich ihr angenehm
machen könnte und ergriff eifrig die erste Gelegenheit, die sich mir
bot. Madame Berger hatte geäußert, daß sie nicht begreife, wie man
mit einer solchen Person, die ihrem Manne davongelaufen, verkehren
könne. Sie sei eine ganz gewöhnliche Intriguantin und an Großmamas
Stelle würde sie ihr das Haus verbieten. Der Augenblick, meine Rache
auszuüben, schien mir gekommen. Nochmals das Gehörte vor mich
hingemurmelt, um nur ja nichts zu vergessen, und dann schnurstracks zur
Geschmähten. Ich war wie von einem Taumel erfaßt, unfähig, mir über
mein Vorhaben und dessen Folgen auch nur die geringste Rechenschaft
abzulegen. Hätte ich es nicht sagen können, ich wäre erstickt. Kaum
aber daß es heraus war, begriff ich, welchen Unsinn ich begangen.
Ich setzte mich ans Fenster und blieb auf der Lauer. Das Alarmsignal
erfolgte bald; Mama nahte im Eilschritt, das Taschentuch an die
Augen gepreßt. Sie machte mir die heftigsten Vorwürfe: „Du bist ein
abscheulicher, boshafter Fratz, zu nichts anderm gut, als die Leute
übereinander zu bringen. Was ist Dir nur eigentlich eingefallen?“
u. s. w. Dann hielt sie eine Art Monolog, aus dem ich nicht recht klug
wurde. „Wär’ ich doch in Venedig geblieben: dieses Steindorf hat mir
nie Glück gebracht; jetzt gönnen sie mir nicht einmal das bischen Ruhe.
Mir liegt der Ärger auf dem Magen wie ein Berg“ und dabei schluckte sie
und machte allerlei Verrenkungen. „Alle führen hier das große Wort,
nur ich soll schweigen; ich laß mir es aber nicht länger gefallen. Der
alte Drache, die Madame Berger, soll nur schön schweigen, die ist nicht
ihrem Mann durchgegangen, bei der war’s umgekehrt. Auch begreiflich.“
Sie schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben. Ein paar Tage
ging sie gähnend und seufzend herum, mit dem klagenden Blick einer
Mignon, so daß man sich unwillkürlich frug: „Was hat man Dir, Du arme
Frau, gethan?“ Dann reiste sie mit ihrer Freundin ab.
Madame Berger begegnete mir von diesem Tage an mit so unterwürfiger,
katzenartiger Liebenswürdigkeit, daß ich nur staunte.
* * * * *
Drückende Schwüle lag auf der Erde. Nun empfand ich doch etwas wie
Mitleid mit den Knechten auf dem Felde, die in rastlosem Fleiße Garben
aufbanden, während die Sonne glühend heiß auf ihren Scheitel brannte.
Nein, ich wollte nicht mehr tauschen. Es hatte doch sein Gutes,
„Baroneß“ zu sein. Endlich erhob sich ein kühles Lüftchen. Ich nahm den
Hut ab und ließ es über Haar und Stirne wehen; eine wahre Wohlthat. Im
Westen ballten sich schwarze Wolken zusammen, und die Schwalben flogen
so nieder, daß ihre Flügel die Erde streiften. Aus dem Teiche drang das
Schluchzen der Unken und ein Libellenpaar kreiste müde über dem ruhigen
Spiegel.
Es rauschte leise in den Zweigen und die kleine „Werner Pepperl“
lockte mit eintönigem Ruf die Hühner, um sie vor Beginn des Gewitters
in Sicherheit zu bringen und der alte Gänserich trieb mit Geschnatter
seine Damen heim.
Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und wir flohen ins Haus.
Bald folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Feurigen Schlangen
gleich fuhr es am Himmel hin und das dumpfe Poltern brach sich in
ohnmächtiger Wut an den alten Mauern, daß es laut widerhallte. Entsetzt
schloß ich die Läden und stammelte ein Gebet um das andere. Das
Unwetter wütete die halbe Nacht hindurch. Es hatte sich zudem ein Sturm
erhoben; er rüttelte an den Fenstern, fuhr heulend um die Ecke und sang
im Schornsteine schauerliche Lieder. Es war die Strafe Gottes für meine
Sündhaftigkeit: jetzt und jetzt mußte das Schloß zusammenstürzen und
uns unter seinen Trümmern begraben. Ich besprengte mich mit Weihwasser,
erweckte Reue und Leid, schlüpfte in die Pantoffeln, hüllte mich fest
in meine Decke und forderte Fräulein Auguste auf, gleich mir ihre
Seelenrechnung zu machen. Als sie mich aber in diesem seltsamen Aufzug
erblickte, brach sie in ein so schallendes Gelächter aus, daß ich mich
entrüstet entfernte, um allein zu sterben.
Der Tod kam nicht, wohl aber sein Bruder, der Schlaf. Er strich mir
sanft über die Schläfen und nahm mich mit sich ins Reich der Träume:
Die Gestalt des dicken Verwalters tauchte vor meinem geistigen Auge
auf: bei jedem Schritt taumelte er so, daß man meinte, er müsse
umfallen, aber er verlor doch nie das Gleichgewicht. Er lehnte sich
ans Billard und erzählte, daß die Bauern einen Grenzstein verrückt
hätten: „Mein Jott, ich sach’s ja immer, ’s jiebt so jefährliche
Menschen“, dabei rutschte das Billard und er lag der Länge nach da.
Auguste hob ihn auf und ließ ihn auf einem Seile tanzen. Fly bellte.
Er sagte: „Weil der Mond scheint“ und begann zu singen: „Juter Mond,
Du jehst so stille“. Auguste meinte, er solle keinen Unsinn treiben,
ihr sei eine „jut jebratene Jans“ viel lieber, worauf er sie zu einem
fetten Schinken einlud: „Meine Vorratskammer is jerade jefüllt.“ --
„Von unjerechtem Jute, alles jekrippst von der Herrschaft“, kicherte
Auguste. Dann riß sie so heftig am Seil, daß er stürzte. Ich verspürte
einen Ruck und erwachte an ungewohntem Orte, auf meinem Bettteppich.
Als ich Auguste den Traum bis in die kleinsten Einzelheiten erzählte,
nannte sie mich geärgert ein „überspanntes Ding“. Gesunde Kinder hätten
keine solchen Träume.
* * * * *
Robert und ich stellten lebende Bilder dar. Ich öffnete mein Haar, daß
es mir wie ein Mantel über die schmalen Schultern fiel, schlang wilden
Wein darum und legte mich mit geschlossenen Augen ins Gras. Dornröschen
schlief. Der Prinz war in einen großkarrierten Plaid gehüllt und eine
Pfauenfeder schmückte sein dunkles Sammtbarett. Er nahte schüchtern,
kniete vor mir nieder, küßte mich und ich erwachte.
Hannerl war aufgelöst vor Entzücken, obwohl seine Hoheit sie keines
Blickes würdigte. Für ihn gab es eben nur „Prinzessinnen“, das hatten
ihm seine Tanten schon an der Wiege gesungen.
Mir gegenüber war er ganz „Cavalier“. Wir feierten gerade
„Kirchweihfest“, und da ich in die Nähe der Musik wollte, bot er
mir seinen Arm und tanzte eine Tour mit mir. „Blau steht Dir am
allerbesten, wie den meisten Blondinen“, äußerte er, indem sein Blick
wohlgefällig mein Tüllkleid streifte. Er schenkte mir ein Lebkuchenherz
mit flammender Inschrift: „Aus Liebe“. Papa und der Onkel stießen sich
an und wir wurden sehr verlegen. Auguste führte mit dem Verwalter
einen Tanz auf, wie ihn die Nilpferde nicht schöner zu Stande gebracht
hätten. „Du, mir scheint, da fangt sich was an“, bemerkte Robert
altklug.
„Was denn?“
„Kleine Unschuld“ und er lächelte protektorhaft.
* * * * *
Alle taten sehr geheimnisvoll mit den Vorbereitungen zu meinem
Namenstag. Ich lief zu Pauline, um sie auszuforschen: verriegelte
Thüren; ich bestürmte Hannerl mit Fragen -- sie schüttelte den Kopf und
Frau Huber, die Köchin, wollte auch nicht mit der Sprache heraus. „I, i
darf nix sagen, sonst könnt’s heißen, daß i eine Tratschen bin.“
„Frau Huber“, in der geöffneten Küchentüre erschien Dons kleine, feiste
Gestalt und mit gekrümmtem Zeigefinger neckisch drohend: „Frau Huber,
der Herr Baron läßt Sie ersuchen, sich ein wenig zu beeilen, weil er
sehr hungrig ist.“
Bei seinem Eintritt schmunzelte die Huberin mit hinreißender
Coquetterie. Dieses Gesicht setzte sie jedesmal auf, wenn sie ihren
einstigen Verehrer erblickte. Er hatte vor langer Zeit für sie
geschwärmt, „o wenn sie ewig grünen bliebe, die Zeit der jungen Liebe“,
und erinnerte sich nur noch ~vague~ an diese Episode seines Lebens. In
fünfundzwanzig Jahren vergißt sich so Manches, namentlich wenn eine
Gehirnkrankheit den Gedächtnisapparat geschwächt, wie es beim armen
„Don“ der Fall war. Ab und zu erzählte er von seinen Flammen und in
diesen Berichten spielte auch die Huberin eine gewisse Rolle. „Zum
erstenmal habe ich sie mit einem Einkaufskorb unter dem Arm gesehen
und das machte mir gleich einen vorteilhaften Eindruck. Sie sah so
nett und appetitlich aus. Ich hob den Deckel auf und sah Rettige und
Karfiol, mit einem Worte, lauter gute Sachen“. Später hatten zwei
Zwillingsschwestern sein Herz zu neuer Glut entfacht. „Wie die schön
und graziös auf dem Trapez turnten, eine Passion, ihnen zuzusehen, und
so wohlerzogene, brave Mädchen.“
Er schilderte mit Vorliebe seine Beamtentätigkeit an der
Franzjosefsbahn. „Das war ein aufreibendes Leben, diese Verantwortung!
Mir stehen noch jetzt die Haare zu Berg, wenn ich daran denke. Mit
einem Fuß im Grab und mit dem andern im Criminal. .. Wie damals noch
Alles primitiv war und wir uns plagen mußten, bis etwas klappte. Der
erste Ball, den wir gaben“ ... und dann stieg er regelmäßig die 4
Treppen zu einer nunmehr berühmten Burgschauspielerin empor und bat
sie, das Patronessenamt zu übernehmen. Sie sagte zu, traktierte ihn mit
schwarzem Kaffee und war sehr liebenswürdig.
Bisweilen, wenn er Reminiscenzen von anno dazumal auffrischte,
erwachte in Großpapa der Concurrenzneid und er ließ es Don bei der
Zeitungsvorlesung entgelten.
Don: „Landtagswahl“. Pause.
„Auf was warten’s denn, so lesen’s weiter.“
Nochmals „Landtagswahl“. Unter Gelächter: „Dem König von Portugal, dem
ist das ganz egal.“
„Herrgott, ist das ein Chineser.“
„No ja, aber uns geht’s ja eigentlich nichts an, wer gewählt wird. Wir
candidieren ja nicht.“
„Deshalb interessiert’s mich doch. Ich bin zum Glück nicht so wie Sie,
daß ich für nichts Sinn hab’ als für Zwetschkenknödel.“
„Da irrt der Herr Baron: ich esse Apfelstrudel und Milchreis eben so
gern.“
„Also lesen’s schon einmal weiter. Lauter, man versteht ja nichts.“.
„Ich bin schon heiser, Herr Baron, und es wird finster.“
„Jesses, hat der Mensch Faxen!“