"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa
mit hängen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr
hinlänglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu
verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der
Kanzler bedauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse;
weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich,
geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er
vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge haben
möchte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf
wünschte bloß deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu
ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich tun
dürfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein
Leben für sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf
der Zunge führen, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er
sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er
setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er
ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca
einzuhändigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen.
----Fußnote
[1]
No pudo ser que mintiera
Blanca en lo que me contó
De gozarla el Conde? No,
Que Blanca no lo fingiera:
No pudo haberla gozado,
Sin estar enamorado,
Y cuando tierno y rendido,
Entónces la haya querido,
No puede haberla olvidado?
No le vieron mis antoios
Entre acogimientos sabios,
Muy callando con los labios,
Muy bachiller con los ojos,
Cuando al decir sus enojos
Yo su despecho reñí?
[2]
Qué escucho? Señores míos,
Dos mil demonios me lleven,
Si yo confidente soy,
Si lo he sido, o si lo fuere,
Ni tengo intención de serlo.
--Tengo yo
Cara de ser confidente?
Yo no sé que ha visto en mi
Mi amo para tenerme
En esta opinion; y á fe,
Que me holgara de que fuese
Cosa de más importancia
Un secretillo muy leve,
Que rabio ya per decirlo,
Que es que el Conde a Blanca quiere,
Que están casados los dos
En secreto--
[3]
Con. Sólo el descargo que tengo
Es el estar inocente.
Senescal. Aunque yo quiera creerlo
No me dejan los indicios,
Y advertid, que ya no es tiempo
De dilación, que mañana
Habeis de morir. Con. Yo muero
Inocente. Sen. Pues decid:
No escribísteis a Roberto
Esta carta? Aquesta firma
No es la vuestra? Con. No lo niego.
Sen. El gran duque de Alanzón
No os oyó en el aposento
De Blanca trazar la muerte
De la Reina? Con. Aqueso es cierto.
Sen. Cuando despertó la Reina
No os halló, Conde, a vos mesmo
Con la pistola en la mano?
Y la pistola que vemos
Vuestro nombre allí gravado
No es vuestro? Con. Os lo concedo.
Sen. Luego vos estais culpado.
Con. Eso solamente niego.
Sen. Pues como escribísteis, Conde,
La carta al traidor Roberto?
Con. No lo sè. Sen. Pues cómo el Duque,
Que escuchó vuestros intentos,
Os convence en la traición?
Con. Porque así lo quiso el cielo.
Sen. Cómo hallado en vuestra mano
Os culpa el vil instrumento?
Con. Porque tengo poca dicha.--
Sen. Pues sabed, que si es desdicha
Y no culpa, en tanto aprieto
Os pone vuestra fortuna,
Conde amigo, que supuesto
Que no dais otro descargo,
En fe de indicios tan ciertos,
Mañana vuestra cabeza
Ha de pagar--
----Fußnote
Siebenundsechzigstes Stück
Den 22. Dezember 1767
Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist
ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem
ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf
dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das
Gefängnis hereintritt. Es ist die Königin. "Der Graf", sagt sie vor sich
im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür
verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um
Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genüge
geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie
näher kommt, wird sie gewahr, daß der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt
sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der
feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!"
--Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen
auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", fährt die Königin fort, "sondern die
Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, und lassen Sie uns kostbare
Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner?
Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich höre, daß Sie morgen sterben
sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben für Leben
zu geben. Ich habe den Schlüssel des Gefängnisses zu bekommen gewußt.
Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die
Pforte in den Park öffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben,
das mir so teuer ist."--
"Essex. Teuer? Ihnen, Madame?
Die Königin. Würde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage?
Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet
einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich
scheine glücklich, weil die mich zu befreien kömmt, die meinen Tod
will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will,
die meine Freiheit mir anbietet."[2]--
Die Königin verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er
verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er
bittet, sie mit einer andern zu vertauschen.
"Die Königin. Und mit welcher?
Essex. Mit der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen
steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königin sehen zu
lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie
an das zu erinnern, was ich für Sie getan habe. Bei dem Leben, das
ich Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu
erzeigen.
Die Königin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich
sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur.
Essex. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame.
Die Königin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber
nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich
itzt für Sie tun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen.
Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3]
Essex (indem er den Schlüssel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit
Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte
der Königin, oder dem Ihrigen zu lesen.
Die Königin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur das,
welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun
erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Königin. Jenes, mit
welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr.
Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des
königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der
es erblickt; und auch mir müßte diese Wohltat des Gesetzes zustatten
kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht
nehmen. Ich will es wagen, meine Königin an die Dienste zu erinnern,
die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4]
Die Königin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr
Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste.
Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin zu
versprechen?
Die Königin. Nichts.
Essex. Wenn die Königin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der
ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir
verfahren?
Die Königin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat
Ihnen den Weg geöffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen.
Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr
Leben schuldig ist?
Die Königin. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin.
Aber gesetzt, ich wäre es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als
ich von Ihnen empfangen habe?
Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel
gegeben?
Die Königin. Dadurch allerdings.
Essex. Der Weg, den mir dieser Schlüssel eröffnen kann, ist weniger
der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll,
muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt
die Königin, mich mit diesem Schlüssel für die Reiche, die ich ihr
erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das
ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das
abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anständigem Mittel zu danken
haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht).
Die Königin. Wo gehen Sie hin?
Essex. Nichtwürdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung!
Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in
ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eröffnet das
Fenster und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal.) Durch
die Flucht wäre mein Leben viel zu teuer erkauft.[6]
Die Königin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr übel getan.
Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich
eine undankbare Königin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf
nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses
unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf
meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken
derselben ihren Undank zu verewigen.
Die Königin. Ich muß das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr
konnte ich, ohne Nachteil meiner Würde, für Sie nicht tun.
Essex. So muß ich denn sterben?
Die Königin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Königin muß
dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen müssen Sie sterben; und es ist
schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir
das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Könige, daß sie
viel weniger nach ihren Empfindungen handeln können, als andere.
--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--"
----Fußnote
[1]
el conde me dió la vida
y así obligada me veo;
el conde me daba muerte,
y así ofendida me quejo.
pues ya que con la sentencia
esta parte he satisfecho,
pues complí con la justicia,
con el amor cumplir quiero.--
[2]
ingeniosa mi fortuna
halló en la dicha más nuevo
modo de hacerme infeliz,
pues cuando dichoso veo,
que me libra quien me mata,
tambien desdichado advierto,
que me mata quien me libra.
[3]
pues si esto ha de ser, primero
tomad, conde, aquesta llave,
que si ha de ser instrumento
de vuestra vida, quizá
tan otra, quitando el velo,
seré, que no pueda entónces
hacer lo que ahora puedo,
y como á daros la vida
me empeñé por lo que os debo,
por si no puedo después,
de esta suerte me prevengo.
[4]
moriré yo consolado.
aunque si por privilegio
en viendo la cara al rey
queda perdonado el reo;
yo de este indulto, señora
vida por ley me prometo:
esto es en común, que es
lo que a todos da el derecho;
pero si en particular
merecer el perdón quiero,
oíd, vereis que me ayuda
mayor indulto en mis hechos.
mis hazañas--
[5]
luego esta, que así camino
abrirá a mi vida, abriendo,
también lo abrirá a mi infamia;
luego esta, que instrumento
de mi libertad, también
lo habrá de ser de mi miedo.
esta, que sólo me sirve
de huir, es el desempeño
de reinos, que os he ganado,
de servicios, que os he hecho.
y en fin, de esa vida, de esa,
que teneis hoy por mi esfuerzo?
en esta se cifra tanto?--
[6]
vil instrumento
de mi vida, y de mi infamia,
por esta reja cayendo
del parque, que bate el río,
entre sus crístales quiero,
si sois mi esperanza, hundiros;
caed al húmido centro,
donde el tamásis sepulte
mi esperanza, y mi remedio.
----Fußnote
Achtundsechzigstes Stück
Den 25. Dezember 1767
Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der
Stille: und beide, der Graf und die Königin, gehen ab; jedes von einer
besondern Seite. Im Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Essex Cosmen
den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick
darauf kömmt dieser damit herein und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode
führe; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es
versprochen, übergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine
Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung?
die käme ein wenig zu spät. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er
doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch
wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm
ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht
gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. "Wäre ich nicht", sagt er,
"bei einem Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hol' der Geier die
Vertrautschaft! Nein, das muß mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme
beschließt den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn
der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige
und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können;
er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden
könne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der
Königin zu bringen.
Eben kömmt die Königin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler
nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Königin erteilt dem
Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich
und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon
erfahren, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und
Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und,
nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die
Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu
zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und
ihnen einzuschärfen, daß ihre Königin ebenso strenge zu sein wisse, als
sie gnädig sein zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter
sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2]
Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königin an.
"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode
der Blanca einzuhändigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht
warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestät wissen müssen, und
die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen können: so bringe ich ihn
Ihro Majestät, und nicht der Blanca." Die Königin nimmt den Brief und
lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir
nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung
schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verräter
gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der
bewußten Sache behilflich zu sein, bloß um der Königin desto nachdrück-
licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu
locken. Urteile, wie groß meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher
selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung:
stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich
nun nicht mehr; und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich
so sehr liebte, daß er den Tod des Verräters für dich sterben wollte. "[3]--
"Mensch!" ruft die bestürzte Königin, "was hast du mir da gebracht?"
"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen
Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn
augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er
gebracht: sein Leichnam nämlich. So groß die Freude war, welche die
Königin auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so
groß sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie
verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und
Blanca mag zittern!--
So schließt sich dieses Stück, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu
lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den
dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges,
welches man uns übersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet hätte.
Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch
geschrieben; aber kein spanisches Stück. ein bloßer Versuch in der
korrekten Manier der Franzosen, regelmäßig, aber frostig. Ich bekenne sehr
gern, daß ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich
wohl ehedem muß gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stück des nämlichen
Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation,
welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben:
so mögen sie mir es nicht übelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem
alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen.
Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex".
In allen einerlei Fehler, und einerlei Schönheiten: mehr oder weniger;
das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den
Schönheiten dürfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr
sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue
Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl
angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde
und Stärke im Ausdrucke.--
Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten
sind; ich leugne nicht, daß sie zum Teil sehr leicht bis in das
Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche können getrieben werden, daß
sie bei den Spaniern von dieser Übertreibung selten frei sind. Aber man
nehme den meisten französischen Stücken ihre mechanische Regelmäßigkeit:
und sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig
bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und
Theaterstreiche und Situationen?
Anständigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre
Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre
Theaterstreiche anständiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen
anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit!
Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der
pöbelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des
Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so berüchtiget
ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloß mit
der Anständigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anständigkeit ich
meine;--wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht
beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der
Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die
man den größern Teil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern
gäbe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so würde mir die unsinnigste
Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf
Weiß, willkommner sein, als die kalte Einförmigkeit, durch die mich der
gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten
mehr heißen, unfehlbar einschläfert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier
in Betrachtung.
----Fußnote
[1]
Hasta que el tronco cadáver
Le sirva de muda lengua.
[2]
Y así al salón de palacio
Hareis que llamados vengan
Los Grandes y los Milordes,
Y para que allí le vean,
Debajo de una cortina
Hareis poner la cabeza
Con el sangriento cuchillo,
Que amenaza junto a ella,
Por símbolo de justicia,
Costumbre de Inglaterra:
Y en estando todos juntos,
Monstrándome justiciera,
Exhortándolos primero
Con amor a la obediencia,
Les mostraré luego al Conde,
Para que todos atiendan,
Que en mi hay rigor que los rinda,
Si hay piedad que los atreva.
[3]
Blanca, en el último trance,
Porque hablarte no me dejan,
He de escribirte un consejo,
Y también una advertencia;
La advertencia es, que yo nunca
Fuí traidor, que la promesa
De ayudar en lo que sabes,
Fué por servir a la Reina,
Cogiendo a Roberto en Londres,
Y a los que seguirle intentan;
Para aquesto fué la carta:
Esto he querido que sepas,
Porque adviertas el prodigio
De mi amor, que así se deja
Morir, por guardar tu vida.
Esta ha sido la advertencia:
(Valgame dios!) el consejo
Es, que desistas la empresa
A que Roberto te incita.
Mira que sin mí te quedas
Y no ha de haber cada día
Quien, por mucho que te quiera,
Por conservarte la vida
Por traidor la suya pierda.--
[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stück, S. 117.
----Fußnote
Neunundsechzigstes Stück
Den 29. Dezember 1767
Lope de Vega, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters
betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einführte. Das
Volk war bereits so daran gewöhnt, daß er ihn wider Willen mit anstimmen
mußte. In seinem Lehrgedichte über "die Kunst, neue Komödien zu machen",
dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darüber. Da er sahe, daß
es nicht möglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten für seine
Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit
wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er
dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so
müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sei besser, auch nur nach
diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar
keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können
doch noch immer Regeln beobachten und müssen dergleichen beobachten,
wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgeschmacke
hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des
Ernsthaften und Lächerlichen die erste.
"Auch Könige", sagt er, "könnet ihr in euern Komödien auftreten lassen.
Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht
gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, daß es wider die Regeln laufe,
oder weil er es der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den
Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses wieder zur
ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Götter einführte; wie
unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiß gar
wohl, daß Plutarch, wenn er von Menandern redet, die älteste Komödie
nicht sehr lobt. Es fällt mir also freilich schwer, unsere Mode zu
billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst
entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber schweigen. Es ist
wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz
zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus
der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will
nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft und halb
lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der
sie einen Teil ihrer Schönheit entlehnet."[1]
Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Ist es
wahr, daß uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und
Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen,
zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope
mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloß die Fehler seiner
Bühne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser
Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung
der Natur ist.
"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare
--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Könige
bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fa1staff am besten
gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch
gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften
unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; daß Komisches und
Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft
ebendieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur Tränen in
die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen
seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht
zu lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer
wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man
tadelt das und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche
Abbildungen des menschlichen Lebens sind."
"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürfen) der
Lebenslauf der großen Staatskörper selbst, insofern wir sie als
ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und
Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, daß
man beinahe auf die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser Letztern
wären klüger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie
nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich
zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die
Griechen sich angelegen sein ließen, sie zu verschönern. Um itzt nichts
von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, sowie im
Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten
Akteurs gespielt werden,--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der
Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen?
Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder
verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft
sehen wir die größesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen
hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität
behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und
durcheinander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung
zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch irgendeinen unter
Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch
einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöset,
aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, daß auf
die eine oder die andere Art das Stück ein Ende hat und die Zuschauer
klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen. Übrigens weiß
man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir
reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, daß er
seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel große
Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten
mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hanswurst
--aufführen gesehen? Wie oft haben die größesten Männer, dazu geboren, die
schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker und Zeitalter
zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen
schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen
müssen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
beiden Arten der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich daher,
daß Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stückchen von
seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen können, ihr
Spiel verderbt?"--
Wenn in dieser Vergleichung des großen und kleinen, des ursprünglichen
und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnügen aus
einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten
unsers Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publikum noch viel zu
früh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England würde es das
äußerste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf
aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere
Großen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus
einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß
schärfer und ihr Magen stärker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt
haben, so kommen sie auch wohl einmal über den "Agathon"[2]. Dieses ist
das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem
schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich
es bewundere: da ich mit der äußersten Befremdung wahrnehme, welches
tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darüber beobachten, oder in
welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der
erste und einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem
Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht,
daß es einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die es darüber
verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.)
----Fußnote
[1]
Eligese el sujeto, y no se mire,
(Perdonen los preceptos) si es de Reyes,
Aunque por esto entiendo, que el prudente,
Filipo Rey de España, y Señor nuestro,
En viendo un Rey en ellos se enfadaba,
O fuese el ver, que al arte contradice,
O que la autoridad real no debe
Andar fingida entre la humilde plebe,
Esto es volver a la Comedia antigua,
Donde vemos que Plauto puso Dioses,
Como en su Anfitrión lo muestra Júpiter.
Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo,
Porque Plutarco hablando de Menandro,
No siente bien de la Comedia antigua,
Mas pues del arte vamos tan remotos,
Y en España le hacemos mil agravios,
Cierren los Doctos esta vez los labios.
Lo Trágico, y lo Cómico mezclado,
Y Terencio con Séneca, aunque sea,
Como otro Minotauro de Pasife,
Harán grave una parte, otra ridícula,
Que aquesta variedad deleita mucho,
Buen ejemplo nos da naturaleza,
Que por tal variedad tiene belleza.
[2] Zweiter Teil (S. 192).
----Fußnote
Siebzigstes Stück
Den 1. Januar 1768
Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr
vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch-
tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal
auf irgendeinem Titel genannt gefunden), für die geflissentlichste
Ausführung des Gedankens beim Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie
auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie würde zeigen, daß eben das
Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit
der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes
dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen-
verstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte
folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es
doch bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhören;
wenigstens keine höhere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern
des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er
will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, daß er nicht natürlich
scheinen könnte; bloß und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich
zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmaß und Verhältnis, zu viel von dem zeiget,
was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem
Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste.
Als Kritikus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so
sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine
Mißgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die
ersten Versuche der unter ungeschlachteten Völkern wieder auflebenden
Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluß gewisser
äußerlichen Ursachen oder das Ohngefähr den meisten, Vernunft und
Überlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte.
Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspiels (da das
Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso
getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie
zu verschönern".
Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung und der Natur, als
dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen
unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche
man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißfalle,
gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es gibt
andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine
Natur, die schöner sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur.
Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene
finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also
müßte notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Mühe haben
würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden.
Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie
auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider
die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese,
so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner sein will als
die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten
Anstoß von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen
Widerspruch erklären?
Wir würden notwendig zurückkommen und das, was wir von beiden Gattungen
erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne
uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen
Haupt-und Staatsaktion, über deren Güte wir streiten, mit dem menschlichen
Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig!
Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gründlich genug
sind, doch gründlichere veranlassen können.--Der Hauptgedanke ist dieser:
Es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gotischer
Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Hälfte
getreu nach und vernachlässiget die andere Hälfte gänzlich; sie ahmet die
Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer
Empfindungen und Seelenkräfte dabei zu achten.
In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles
wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach
dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen
unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil
nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu
geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit
nach Gutdünken lenken zu können.
Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe
würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen
Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des
gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was
wir träumten.
Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser
Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu
erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer
Verbindung verschiedener Gegenstände, es sei der Zeit oder dem Raume
nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen,
sondert sie wirklich ab und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese
Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur
immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet.
Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und
eine andere von nichtigem Belange läuft quer ein: so suchen wir der
Zerstreuung, die diese uns drohet, möglichst auszuweichen. Wir
abstrahieren von ihr; und es muß uns notwendig ekeln, in der Kunst das
wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten.
Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen
des Interesse annimmt, und eine nicht bloß auf die andere folgt, sondern
so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die
Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns
die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur alsdenn
verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser
Unmöglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.--