Nottingham. Gewiß, es war nicht gut--

Die Königin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts?

Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat.

Die Königin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu

schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient.--Weit geringere Verbrechen

haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.--

Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel größerer

Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben?

Die Königin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten

Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verräterei, die

größte von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder,

nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf

den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der

vorübergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen,

undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner

Königin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was

sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum

schweigst du? Willst du ihn noch vertreten?

Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Königin, so will ich Dir alles

sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.--

Die Königin. Tu das!--Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir?

Nottingham. Von Dir, Königin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit

Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm eines verstorbenen

Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen

ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den

heißesten Tränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen,

--dieses einzige, daß Du geruhen möchtest, ihren Beschwerden gegen

diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verräter nicht länger zu

schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande

vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern--

Die Königin. Wer hat mir vorzuschreiben?

Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn

man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles

wider den Mann an, dessen Gemütsart so schlecht, so boshaft ist, daß

er es auch nicht der Mühe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie

stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht

anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbrämten Rock!--Daß

er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der

Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit,

welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von

ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über

ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein

glänzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des

Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und

herrschsüchtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stürzte--

Die Königin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus

dem Atem.--Ich will nichts mehr hören--(beiseite) Gift und Blattern

auf ihre Zunge!--Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas

auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften

Pöbels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel

das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er es

sagen möchte.

Hamburgische Dramaturgie · 第 12 / 55 题