Zweyter Band

Dreiundfunfzigstes Stück

Den 3. November 1767

Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und

"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade

heraus,[2] "führet den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk

des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von

Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die

Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so

ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fügt er hinzu, y a laissé

81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von

einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim

verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier

keinen andern Beweis hatte, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es

sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französischen Verse kommen überhaupt

der Prosa so nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem etwas

gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß sich nicht von selbst ganze

Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade

denjenigen, die gar keine Verse machen, können dergleichen Verse am

ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum haben und

es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen.

Was hat "Cenie" sonst für Merkmale, daß sie nicht aus der Feder eines

Frauenzimmers könne geflossen sein? "Das Frauenzimmer überhaupt", sagt

Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige,

und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken

glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack,

nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Es

kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich

durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer,

welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende

verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwünge,

die ihr Entzückendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den

Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen."

Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen,

so muß "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst

würde so nicht schließen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer

überhaupt absprechen zu müssen glaube, wolle er darum keiner Frau

insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas à une femme, mais aux femmes

que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf

Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin

derselben anführt. Dabei merke man wohl, daß Graffigny seine Freundin

nicht war, daß sie Übels von ihm gesprochen hatte, daß er sich an eben

der Stelle über sie beklagt. Demohngeachtet erklärt er sie lieber für

eine Ausnahme seines Satzes, als daß er im geringsten auf das Vorgeben

des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel,

Freimütigkeit genug gehabt hätte, wenn er nicht von dem Gegenteile

überzeugt gewesen wäre.

Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser

Abt, wie Chevrier wissen will, hat für die Favart gearbeitet. Er hat die

komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice,

von der er sagt, daß sie kaum lesen könne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer,

der in Paris darüber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, daß die

Gassenhauer in der französischen Geschichte überhaupt unter die glaub-

würdigsten Dokumente gehören.

Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen

in die Welt schicke, ließe sich endlich noch begreifen. Aber warum er

sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten

vorziehen möchte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr

als ein Stück aufführen und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als

den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen.

Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen

wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke

würde getan haben?--

Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die

Frauenschule" von Molière aufgeführt.

Molière hatte bereits seine "Männerschule" gemacht, als er im Jahre 1662

diese "Frauenschule" darauf folgen ließ. Wer beide Stücke nicht kennet,

würde sich sehr irren, wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den

Männern, ihre Schuldigkeit geprediget würde. Es sind beides witzige

Possenspiele, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller

Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar

alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Männerschule" heißen müßten,

wenn Molière weiter nichts darin hätte lehren wollen, als daß das dümmste

Mädchen noch immer Verstand genug habe, zu betrügen, und daß Zwang und

Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit.

Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht

viel zu lernen; es wäre denn, daß Molière mit diesem Titel auf die

Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen hätte,

mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden.

"Die zwei glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie", sagt Trublet,

[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille

und Molière bearbeitet worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch

nicht hatten. Diese Anmerkung", fügt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von

Fontenelle."

Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt hätte, wie er dieses

meine. Oder falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch

auch seinen Lesern mit ein paar Worten hätte verständlich machen wollen.

Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit

diesem Rätsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder

Trublet hat sich verhört.

Wenn indes, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der "Frauenschule"

so besonders glücklich ist und Molière in der Ausführung desselben nur zu

kurz gefallen: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht viel

einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus

einer spanischen Erzählung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die

vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spaßhaften Nächten" des

Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage

vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, daß

dieser Freund sein Nebenbuhler ist.

"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stück von einer

ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzählung, aber doch so

künstliche Erzählung ist, daß alles Handlung zu sein scheinet."

Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, daß man die neue

Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger künstlich, Erzählung bleibt

immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen

sehen.--Aber ist es denn auch wahr, daß alles darin erzählt wird? daß

alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurf

nicht wieder aufwärmen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob

zu verkehren, hätte er wenigstens die Antwort beifügen sollen, die

Molière selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzählungen

nämlich sind in diesem Stücke, vermöge der innern Verfassung desselben,

wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung

erforderlich ist; und es ist bloße Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier

streitig zu machen.[6] Denn es kömmt ja weit weniger auf die Vorfälle an,

welche erzählt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfälle auf

den betrognen Alten machen, wenn er sie erfährt. Das Lächerliche dieses

Alten wollte Molière vornehmlich schildern; ihn müssen wir also

vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebärdet;

und dieses hätten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er

erzählen läßt, vor unsern Augen hätte vorgehen lassen, und das, was er

vorgehen läßt, dafür hätte erzählen lassen. Der Verdruß, den Arnolph

empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruß zu verbergen; der

höhnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz

nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der

wir ihn sehen, wenn er vernimmt, daß Horaz demohngeachtet sein Ziel

glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen,

als alles, was außer der Szene vorgeht. Selbst in der Erzählung der

Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr

Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der

Bühne wirklich machen sähen.

Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, daß alles darin Handlung

scheine, obgleich alles nur Erzählung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte

sagen zu können, daß alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzählung

zu sein scheine.

----Fußnote

[1] S. den 23. und 29. Abend

[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211.

[3] à d'Alembert, p. 133.

[4] à d'Alembert, p. 78.

[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295.

[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les

récits eux-mêmes y sont des actions suivant la constitution du sujet.

----Fußnote

Vierundfunfzigstes Stück

Den 6. November 1767

Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die

Mütterschule" des La Chaussée, und den vierundvierzigsten Abend (als den

15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1]

Da die Engländer von jeher so gern domestica facta auf ihre Bühne

gebracht haben, so kann man leicht vermuten, daß es ihnen auch an

Trauerspielen über diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist

das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglückliche Liebling, oder Graf

von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall.

Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenède von

1638; des Boyer von 1678, und des jüngern Corneille von ebendiesem Jahre.

Wollten indes die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin nicht

möchten zuvorgekommen sein, so würden sie sich vielleicht auf Daniels

"Philotas" beziehen können; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die

Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden

glaubte.[2]

Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu

haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime

Geschichte der Königin Elisabeth und des Grafen von Essex" führet,[3] wo

er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn bloß

zu dialogieren, ihm bloß die äußere dramatische Form zu erteilen brauchte.

Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angeführten

Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern

nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können.

"Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu

machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königin für

ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden

beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter

nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt

hat. Burleigh, der erste Minister der Königin, der auf ihre Ehre sehr

eifersüchtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit

welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unablässig, ihn verdächtig zu

machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des

Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Gräfin

von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte,

nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie

nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemütsart des

Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf

folgende Weise.

Die Königin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr

ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen

gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden

Scharmützeln sahe sich der Graf genötiget, mit dem Feinde in Unterhandlung

zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr

abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret

stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben

ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Königin

als ihrer Ehre höchst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger

Beweis vorgestellet, daß Essex mit den Rebellen in einem heimlichen

Verständnisse stehen müsse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern

Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats

anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist,

daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht

bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation

erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid

seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger

Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er

erhebt die Gerechtigkeit der Königin, einen solchen Mann nicht

unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor diesesmal schweigen.

(Erster Akt.)

Indes ist die Königin mit der Aufführung des Grafen nichts weniger als

zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen,

und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu

Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die

Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde

bei ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu

rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der

Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königin ungeachtet,

nach England über. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden

ebensoviel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die

Gräfin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den

Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königin, da sie sieht, daß ihr

durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten,

wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verraten will, die sie gern vor der

ganzen Welt verbergen möchte. Die Erwägung ihrer Würde, zu welcher ihr

natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt,

erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich

selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den

geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen

sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letztern,

doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn

auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine

Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham

sind bei dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königin ist auf die letztere

gelehnet und scheinet tief im Gespräche zu sein, ohne den Grafen nur ein

einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen,

verläßt sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit

ihr meinen, ihr zu folgen und den Verräter allein zu lassen. Niemand darf

es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab,

kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei

seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königin den Burleigh

und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich

aber, ihn in andere, als in der Königin eigene Hände, zurückzuliefern, und

beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr

verächtlich begegnet. (Zweiter Akt.)

Die Königin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist

äußerst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann

weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt,

noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der

Fülle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als

jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt

befiehlt sie, demohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden soll. Er

kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu verteidigen. Doch die Gründe,

die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie

ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm,

um der geheimen Neigung, die sie für ihn hegt, ein Genüge zu tun; aber

zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung

dessen, was sie sich selbst, als Königin, schuldig zu sein glaubt. Und

nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine

Ungestümheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Füßen und bedient

sich verschiedner Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klingen, als daß

sie den Zorn der Königin nicht aufs höchste treiben sollten. Auch

antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich

um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nämlich,

anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem

Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königin, daß es nicht

sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau

ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich tätlich an ihr zu

vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt

seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem

Burleigh und Raleigh ihren niederträchtigen Neid, sowie der Königin ihre

Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wut; und niemand

als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt

eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.)

Der Graf gerät über sein Unglück in Verzweiflung; er läuft wie unsinnig

in der Stadt herum, schreiet über das ihm angetane Unrecht und schmähet

auf die Regierung. Alles das wird der Königin, mit vielen Übertreibungen,

wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern.

Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen

und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Prozeß gemacht

werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Königin gelegt und

günstigern Gedanken für den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn

also, ehe er zum Verhöre geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet,

nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar

befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit

zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald

er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast

aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie

gleich darauf erfährt, daß er mit der Rutland vermählt ist; und es von der

Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.)

----Fußnote

[1] S. den 26. und 30. Abend.

[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147.

[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99.

----Fußnote

Fünfundfunfzigstes Stück

Den 10. November 1767

Was die Königin gefürchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen

schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund

Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königin,

den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche

freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verraten würde, die

keiner Königin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den

Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes,

daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu

ihm und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt

sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das

kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demütigsten Bitte an die

Königin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet;

nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu

rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet

sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest

entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Äußerste

ankommen zu lassen, daß die Königin dem Berichte kaum glauben kann, nach

wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl

erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr

die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen,

nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie

sich einbildet, daß Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr

empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert,

seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht rät

sie der Königin auch, seiner Gemahlin, der Gräfin von Rutland, zu

erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königin williget

in beides, aber zum Unglücke für die grausame Ratgeberin; denn der Graf

gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Königin, die sich eben in dem

Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet,

erhält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den

Ring gegeben und sie durch diese Verräterin um sein Leben bitten lassen.

Sogleich schickt sie und läßt die Vollstreckung des Urteils untersagen;

doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr

damit geeilet, daß die Botschaft zu spät kömmt. Der Graf ist bereits tot.

Die Königin gerät vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche

Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde

des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen."

Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der "Essex" des Banks ein

Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Übereinstimmung ist, als sich in

dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die

Geschichte gehalten, nur daß er verschiedne Begebenheiten näher zusammen

gerückt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal

seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig

erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon

angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bei einer ganz

andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist

begreiflicher, daß die Königin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben,

da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses

Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer

eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu

gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie

teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese

Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er

unglücklicherweise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was

braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen?

Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht

mächtig zu sein, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will?

Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben

gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den

mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloß

um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten,

er mag wieder in ihre Hände kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch

die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung

des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache

seiner tödlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht

kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?

So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung.

Mich dünkt, er würde eine weit bessere tun, wenn ihn die Königin ganz

vergessen hätte und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget

würde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld

des Grafen noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des

Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen

sein, und bloß der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edelmut

nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf

seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königin zu sehr wider ihn

eingenommen sei, als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie

also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die

Überzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung

ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, für

unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber

nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet,

gerecht und erkenntlich zu sein.

Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück eingeflochten.--

Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig!

Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der

Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire

darüber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwürdig.

"Heutzutage", sagt er, "dürfte man es nicht wagen, einem Helden eine

Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie

sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gäben. Nicht

einmal in der Komödie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das

einzige Exempel, welches man auf der tragischen Bühne davon hat. Es ist

glaublich, daß man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomödie

betitelte; und damals waren fast alle Stücke des Scudéry und des

Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange der Meinung

gewesen, daß sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit

gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst

ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen,

weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in

allem Ernste betrübt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles

schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie

sehr er meistenteils damit verunglückt!

Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der

tragischen Bühne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht

gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein

diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrät beides; und nur das letztere

noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der

Tragikomödie hinzufügt, ist ebenso unrichtig. Tragikomödie hieß die

Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen

vergnügten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar

nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille

hernach sein Stück eine Tragödie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte,

daß eine Tragödie notwendig eine unglückliche Katastrophe haben müsse.

Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloß im

Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen.

Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem

sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem

einfiel, gewisse von ihren dramatischen Mißgeburten so zu nennen.[1] Wenn

aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt hätte, so wäre

es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet.

Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und

der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus

sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist

ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo

ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische

Handlung größtenteils unter höhern Personen vorgehet, als man in der

Komödie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklärt sich darüber

deutlich genug:

Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia:

Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia

Reges quo veniant et di, non par arbitror.

Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet,

Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam.

----Fußnote

[1] Ich weiß zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht

hat; aber das weiß ich gewiß, daß es Garnier nicht ist. Hédelin sagte: Je

ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter

ce titre à sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imité. (Prât. du

Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei hätten es die Geschichtschreiber des

französischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen

die leichte Vermutung des Hédelins zur Gewißheit und gratulieren ihrem

Landsmanne zu einer so schönen Erfindung. Voici la première

Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poème du Théâtre qui a

porté ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art

qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans

les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une

idée, qui n'a pas été inutile à beaucoup d'Auteurs du dernier siècle.

Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit frühere

spanische und italienische Stücke, die diesen Titel führen.

----Fußnote

Sechsundfunfzigstes Stück

Den 13. November 1767

Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, daß

eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem

Höhern bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, daß

alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens

ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem

Beleidigten selbst gerächet, und auf eine ebenso eigenmächtige Art

gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche

Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt,

es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum

soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im

Gange sind: warum nicht auch hier?

"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie

sich dabei anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine

Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt

sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt

die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung

äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen,

und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene

Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen.

Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der

Masken bedauern möchte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske

mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit

auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch

weniger gewahr.

Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der

dramatische Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich

darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist.

Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es

ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen,

daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins

Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es

verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so

weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er

seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine

kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut

wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand

vor; nur verlange er nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr

Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die

er ihn vorstellen läßt. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine

Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider

einzuwenden haben?

Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder

höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den

sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen,

einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig!--Und wenn sie

das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der

gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache werden soll, und

wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht

hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was

unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muß, soll dennoch

aus der Tragödie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komödie, weil

es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen,

sollen wir ein andermal nicht erschrecken können?

Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen möchte,

so wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann sie da haben?

Traurige? die sind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr und

gehören dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Mühe, sie

geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer

sie bekömmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also

den beiden Extremis, der Tragödie und dem Possenspiele; die mehrere

dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder spotten oder

zittern wollen.

Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger

Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen,

wenn der großsprecherische Gormas den alten würdigen Diego zu schlagen

sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen, und

den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal

alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung

nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung

und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung

auf ihn hat, nicht tragisch sein?

Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von

einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt

eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art,

mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu lächeln

machte, der biß sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die

Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den

Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.

Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige

vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs

stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; für jede andere würde

sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten

aufzuopfern. Für diese einzige läßt das Pundonor weder Entschuldigung

noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabei

einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Denkungsart

den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego

zufriedenzustellen, sehr wohl antworten:

Ces satisfactions n'apaisent point une âme:

Qui les reçoit n'a rien, qui les fait se diffame.

Et de tous ces accords l'effet le plus commun,

C'est de déshonorer deux hommes au lieu d'un.

Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen,

dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt

also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem

Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus

dem Gedächtnisse und aus seiner Empfindung.

In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daß sie eine

Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau

und Königin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Über die

handfertige wehrhafte Frau würde er spotten; denn eine Frau kann weder

schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souverän,

dessen Beschimpfungen unauslöschlich sind, da sie von seiner Würde eine

Art von Gesetzmäßigkeit erhalten. Was kann also natürlicher scheinen,

als daß Essex sich wider diese Würde selbst auflehnet und gegen die Höhe

tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wüßte wenigstens

nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich hätte machen

können. Die bloße Ungnade, die bloße Entsetzung seiner Ehrenstellen

konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so

knechtische Behandlung außer sich gebracht, sehen wir ihn alles, was

ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit

Entschuldigung unternehmen. Die Königin selbst muß ihn aus diesem

Gesichtspunkte ihrer Verzeihung würdig erkennen; und wir haben so

ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen

scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekränkten Ehre

tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht.

Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt,

war über die Wahl eines Königs von Irland. Als er sahe, daß die Königin

auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr verächtlichen

Gebärde den Rücken. In dem Augenblicke fühlte er ihre Hand, und seine

fuhr nach dem Degen. Er schwur, daß er diesen Schimpf weder leiden könne

noch wolle; daß er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht würde

erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den

Kanzler Egerton über diesen Vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten

Stolze abgefaßt, und er schien fest entschlossen, sich der Königin nie

wieder zu nähern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer

völligen Gnade und in der völligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings.

Diese Versöhnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr

schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war.

In diesem Falle war er wirklich ein Verräter, der sich alles gefallen ließ,

bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht,

den ihm die Königin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die

Ohrfeige; und der Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünfte verblendete

ihn so, daß er ohne alle Überlegung losbrach. So finden wir ihn in der

Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen

Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine

treulosen Absichten gegen seine Königin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler

einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloß durch

die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war.

Siebenundfunfzigstes Stück

Den 17. November 1767

Banks hat die nämlichen Worte beibehalten, die Essex über die Ohrfeige

ausstieß. Nur daß er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der

Welt, mitsamt Alexandern, beifügen läßt.[1] Sein Essex ist überhaupt

zuviel Prahler; und es fehlet wenig, daß er nicht ein ebenso großer

Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenède. Dabei erträgt er

sein Unglück viel zu kleinmütig und ist bald gegen die Königin ebenso

kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr

nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergißt,

ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwürdig.

In der Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst für

Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste

des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden

allzu vertraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine

Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet

hätten, übereinstimmen oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es

nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht

nutzen. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bei der Verstellung die

Würde desselben.

Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau

bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige

Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem

Essex hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm

gewissermaßen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die

Elisabeth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Glut und

Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert

nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch

deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle,

usw. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht

nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man

sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken

Eifersucht verraten sie; sonst würde man sie schlechterdings für nichts,

als für seine Freundin halten können.

Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion

zu setzen gewußt, das können folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen.

--Die Königin glaubt sich allein und überlegt den unglücklichen Zwang

ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres

Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr

nachgekommen.--

"Die Königin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.

Nottingham. Verzeihe, Königin, daß ich so kühn bin. Und doch

befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu sein.--Dich bekümmert

etwas. Ich muß fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung

bitten, daß ich es frage--Was ist's, das Dich bekümmert? Was ist es,

das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht

wohl?

Die Königin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke

dir für deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines

Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu

lange. Es fängt an, meiner überdrüssig zu werden.--Neue Kronen sind

wie neue Kränze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne

neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet

sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen.--Erzähle mir

doch, was sagt man von der Überkunft des Essex?

Nottingham.--Von seiner Überkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber

von ihm--er ist für einen so tapfern Mann bekannt--

Die Königin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verräter!

Hamburgische Dramaturgie · 第 11 / 55 题