JOHANN VON RAESFELD. Schweige! – (Geschäftsmäßig, kalt und haßerfüllt.)
Gestehst du, Johann Bokelson, der Schneider aus Leyden zu sein? Jener
Johann, der sich König vom neuen Tempel nannte, auch König im neuen
Zion, auch König der neuen Christenheit?
JOHANN. Ich leugne es nicht. Schreibe es ruhig hin, Schreiber.
DR. MELCHIOR (hat mit seinen Gehilfen an dem schmalen langen Tisch Platz
genommen, um das Protokoll aufzunehmen): Ei, du Schelm! Ich bin Doktor
der Universität von Göttingen.
JOHANN VON RAESFELD. Bekennst du dich schuldig des Aufruhrs, der
Meuterei, der Zusammenrottung gegen die Obrigkeit, den Bischof Franz von
Iburg und Münster, eingesetzt von Papst und Kaiser über das Erzstift
Münster?
JOHANN. Ich kenne keine weltliche Obrigkeit. Wohl weiß ich, der Adel
wählt die vom Adel und der Papst trägt die gleiche Haube wie die
Fürsten.
JOHANN VON RAESFELD. Du hast das heilige Sakrament der Taufe und Ehe
geschändet, du hast –
JOHANN. Wo steht in der Schrift etwas von der Kindertaufe und der Ehe
geschrieben? Es sind menschliche Sakramente und nicht von Gott
eingesetzt. Aber: Es geht ja nicht um Taufe und Ehe und Messe. Es geht
um den Inhalt. Nicht schöne Worte und Gebete tun es. Zweierlei gehören
zum rechten Christen. Daß er an Christus wahrhaftig glaubt und daß er
heilig wandelt in allen seinen Geboten. Weshalb ereifert ihr euch also,
ihr Heuchler? (Unruhe.)
JOHANN VON RAESFELD. Du hast alle göttliche und weltliche Ordnung
geschändet, indem du die von Gott in seiner Weisheit eingesetzten Stände
aufhobst und den Knecht dem Herrn gleichsetztest und offen die Empörung
predigtest!
JOHANN. Das ist die Lehre Christi und nicht die meinige!
Erregung. Alle springen empört auf.
JOHANN VON RAESFELD (bleich vor Zorn): Es steht dir übel an, zu prahlen,
Johann. Noch heute wirst du vor dem Richter im Himmel stehen und er möge
dir gnädig sein.
JOHANN. Es geschieht nichts ohne seinen Willen.
JOHANN VON RAESFELD (voller Haß): Johann, dein Urteil ist gesprochen und
besiegelt! Es ist bewiesen, daß du eine boshaft-viehische, im Reiche
nicht geduldete Religion in Münster eingeführt hast. Du hast die
Sakramente verunehrt und das Volk gegen Eid und Pflicht gegen die
Obrigkeit zur Widersetzlichkeit aufgewiegelt, viehische Laster verübt.
Das aber ist dein Urteil: Mit glühenden Zangen sollst du gerissen
werden, dann wird man dir einen glühenden Dolch ins Herz stoßen. Dein
Leichnam aber wird in einem eisernen Käfig zur Zinne des Lambertiturms
emporgezogen werden und dort oben werden ihn die Raben fressen.
JOHANN (weicht entsetzt zurück).
JOHANN VON RAESFELD (triumphierend): Ah, nun zitterst du!
JOHANN. Ich werde Gott anrufen, mir die Kraft zu geben, damit ich nicht
schwach werde. Ich fürchte nicht den Tod. Es ist eine Erhöhung, zur Ehre
Gottes zu leiden. Doch fürchte ich die Frage des Herrn: Johann, was hast
du mit den Gerechten getan, die ich dir anvertraute?
BISCHOF. Fast könnte ich Mitleid mit dir haben, Johann. Armer
Verführter, armer Johann, Beschützer der Armen, Bettler und Aussätzigen,
der du alle Menschen gleich machen wolltest.
JOHANN (hochmütig): Habe Mitleid mit dir selbst, Bischof!
BISCHOF. Ich bin demütig im Herrn und er allein wird richten. Aber sage
mir eines, Johann, laß uns sprechen wie Christen, bevor du in den Tod
gehst. Weshalb hast du all das getan?
JOHANN. Alles was ich getan habe, Bischof, geschah im Auftrage des
lebendigen Gottes.
Bewegung.
BISCHOF. Alles geschah im Auftrage Gottes?
JOHANN. Alles, Bischof! Ich war nur sein Werkzeug.
BISCHOF. So ist es auch der Wille des lebendigen Gottes, daß du jetzt
gefangen vor mir stehst?
JOHANN. Du weißt, Bischof, wenn Gott die Berge ansieht, beginnen sie zu
rauchen. Nichts geschieht ohne seinen Willen. Er hat diese Prüfung über
mich und die Gemeinde verhängt, da wir nicht stark genug im Glauben
waren.
BISCHOF. Nicht stark genug im Glauben?
JOHANN. Das ist unsere Sünde, Bischof.
BISCHOF. So straft er dich mit Recht für deinen Übermut, Johann!
JOHANN. Er tut es, Bischof. Könnte Gott je Unrecht tun? Gott hat mir
sein Geheimnis verschlossen, da ich unwürdig war.
BISCHOF. Du bist jetzt recht demütig geworden, Johann. Aber noch vor
kurzem hast du das Maul vollgenommen und verkündet, daß das
tausendjährige Reich nahe sei und du seiest sein erster Fürst?
JOHANN. Wer sagt dir, Bischof, daß Gottes Reich nicht heute beginnt? Du
hast Münster genommen, was bedeutet es? In dieser Stunde kann Gott es
dir wieder entreißen. Eines aber sage ich dir, Bischof: Kreuzige die
Abgesandten Gottes, du wirst immer nur ihren Leib töten. Nicht den
göttlichen Befehl, den sie verkünden. Verbrenne uns, wir werden aus der
Flamme wieder auferstehen. Wirf uns in das tiefe Meer – wir werden
wiederkommen. Wieder und wieder werden neue Boten Gottes aufstehen und
immer mehr. Bald wird die Zeit erfüllt sein! Morgen, heute, in dieser
Stunde kann Christus über die Erde fahren in seinem Glanz. Was weißt
denn du, Bischof? Wer bist du, daß du es wissen könntest? Die Schrift
eilet dem Ende entgegen.
BISCHOF. Armer Verführter! Nicht Gott hat dir diese Gedanken eingegeben,
sondern die Hölle hat dich geblendet. Du hast nicht begriffen, daß das
Reich Gottes die Ordnung und Ruhe auf der Erde ist und daß es kein
größeres Verbrechen gibt als das, diese Ordnung zu stören. Kirche und
Obrigkeit, das ist Gottes Reich, eingesetzt von Gott auf Erden. Es ist
genug. – Johann, bevor du gehst: Widerrufe, und ich will dich nur mit
dem Schwerte strafen.
JOHANN. Was, Bischof, soll ich widerrufen? Kann ich gegen Gottes Wort
gehen? Eher werden die Flüsse zur Quelle zurückkehren. Bin ich auch in
deiner Gewalt, so solltest du meiner nicht spotten. Aber wenn du eine
Bitte erlaubst, Bischof, so will ich dir danken. (Der Bischof nickt.)
Laß die gefangenen Frauen Münsters nicht in deinen Gefängnissen
verfaulen und liefere sie nicht deinen Kriegsknechten aus! Töte sie,
wenn du willst. Das ist meine Bitte. Töte sie mit dem Schwert.
BISCHOF (nickt): Ihr habt gehört, ihr Herren!
JOHANN VON RAESFELD. Divara allein sei ausgenommen!
JOHANN (triumphierend): Nie wird Divara euch in die Hände fallen. Gott
hat sie hinweggeführt aus Münster.
BISCHOF. Führt ihn fort!
Johann geht, steht still.
HÄNSLEIN, (der Irre ist durch die Türe links eingetreten, beginnt zu
deklamieren):
Der Würmer und Ungeziefer Hauf,
Die taten mir meinen Trinknapf auf ...
MEINHARD V. HAMM. Hinweg! Wachen!
HÄNSLEIN (faucht wie eine Katze): Diebe! Mörder! (Er wird
hinausgedrängt.)
JOHANN. Höre, Bischof. Du hast so viele Fragen an mich gerichtet und ich
habe sie alle ohne Verstocktheit beantwortet. Darf ich, bevor ich gehe,
eine Frage an dich richten?
BISCHOF. Rede!
JOHANN. Bischof! Dienst du Gott mit der Lippe oder mit der Tat und
Handlung?
BISCHOF. Ei freilich, diene ich Gott mit der Tat und Handlung, du
Verblendeter.
JOHANN VON RAESFELD. Führt ihn hinweg!
JOHANN. Bischof! Wenn du die Schwelle zur Ewigkeit überschreiten wirst –
so werde ich dastehen, ich, Johann! In dieser Welt hast du Gewalt! In
jener Welt werde ich sie haben! Und ich werde mit dir vor Gottes Thron
treten und harte Klage gegen dich führen und dich der Lüge und Heuchelei
anklagen. Und Gott wird dich verwerfen!
BISCHOF (hat sich bleich und keuchend erhoben).
Erregung.
JOHANN VON RAESFELD. Fort mit ihm!
Knechte führen Johann fort. Der Gang draußen, durch die
Glasfenster sichtbar, hat sich mit Mönchen mit brennenden Kerzen
gefüllt. Die Mitteltür springt auf: Ein Mönch mit einem großen
Kreuz wird sichtbar, daneben der bischöfliche Scharfrichter mit
Schwert.
Johann bricht in die Knie. Ein Mönch berührt seinen Arm und
richtet ihn auf.
JOHANN (mit einem heißen Blick): Gott wird es dir danken, Bruder! (Er
geht dem Henker mit Fassung entgegen): Der du die Welten und Himmel
lenkst – laß dein Reich endlich kommen auf diese Erde, die ohne Friede
ist!
Tür schließt sich.
Pause.
Draußen wildes Geschrei, Rufe: Johann! Johann!
Pause.
BISCHOF erhebt sich: Ihr Herren! Der Anschlag des Satans auf die
Christenheit ist zuschanden geworden. Es sollen reitende Boten gesandt
werden an alle unsere Nachbarn und Freunde und verkünden: Münster ist in
unserer Hand und Johann von Leyden ist gerichtet!
Da die Kirchen entweiht sind, so wollen wir heute abend auf dem Domplatz
ein Hochamt abhalten zur Ehre Gottes, und um dem Allmächtigen in aller
Demut zu danken.
Der Bischof erteilt den Segen. Während er sich anschickt, den
Saal zu verlassen, fällt der Vorhang.