JOHANN (richtet sich auf): Wer spricht hier? (Er erhebt sich.)

DER GROSSE MÖNCH (tritt aus dem Schatten): Gegrüßt seist du, König der

neuen Christenheit! Herr im neuen Tempel!

Pause.

JOHANN. Wie kommst du hierher in die Stadt? Mitten in der Nacht?

DER GROSSE MÖNCH. Für mich gibt es weder Tore noch Wächter, Johann.

JOHANN. Wer bist du?

DER GROSSE MÖNCH. Ein Bote, Johann!

JOHANN. Ein Bote? Des Lichts? Der Finsternis?

DER GROSSE MÖNCH. Was bedeutet Licht, was bedeutet Finsternis?

JOHANN. Dann gibt es auch nicht Himmel und nicht Hölle?

DER GROSSE MÖNCH. Auch Himmel und Hölle sind eine Einbildung der

Menschen.

JOHANN. Lügner und Satan! Hinweg mit dir!

DER GROSSE MÖNCH. Ich wollte dich versuchen, Johann. Du hast bestanden.

– Johann! Ich will dich mächtiger machen als den Papst und mächtiger als

alle Kaiser und Könige. Ich will dich zum Herrn über den Erdball setzen.

(Da Johann zurückweicht, eindringlicher.) Ich will dir die Macht

verleihen, aus Steinen Gold zu machen und die Edelsteine in den Bergen

mit deinen Augen zu sehen. Alle Reichtümer dieser Welt will ich dir

geben und du sollst die Mächtigen der Erde damit kaufen, Johann. Gib

ihnen Gold und sie sind dir zu Willen, mehr wollen sie nicht.

JOHANN (wehrt ab): Was sollen mir deine Reichtümer. Ich will sie nicht!

Behalte sie!

DER GROSSE MÖNCH. Johann, ich weiß, du bist in Bedrängnis. Deine Stadt

Münster ist verloren und es gibt keine Rettung für sie!

JOHANN (verzagt): Münster ist bedrängt, wohl weiß ich es. Wir werden

kämpfen und Gott wird seine Stadt beschützen!

DER GROSSE MÖNCH. Die Übermacht des Bischofs ist zu groß. Du weißt es,

Johann, und du weißt auch, daß Gott Münster nicht beschützen wird. Du

weißt es, Johann, leugne es nicht. Ich aber habe dein Geschrei vernommen

und bin zu dir gekommen, da Gott dich verlassen hat.

JOHANN (ermannt sich): Wer sagt dir, daß Gott mich verließ?

DER GROSSE MÖNCH. Du weißt es selbst. Er hat dich gerufen, aber da du

ihm folgtest, hat er sich von dir gewandt. Hat er nicht immer die im

Stich gelassen, die ihm nachfolgten? Hat er nicht selbst den eigenen

Sohn verlassen, als er am Kreuze nach ihm schrie?

JOHANN (in Abwehr): Versuche mich nicht!

DER GROSSE MÖNCH. Johann! Ich will dich triumphieren lassen über deine

Feinde! Höre, Johann, gibt es etwas Herrlicheres, als über seinen Feind

zu triumphieren? Folge mir, und ich will dir den Bischof in die Hand

geben.

JOHANN (schwach): Könntest du das –?

DER GROSSE MÖNCH. Wenn du Mut hast?

JOHANN. Ich habe Mut!

DER GROSSE MÖNCH. So folge mir. Ich führe dich in das Haus des Bischofs

und gebe ihn in deine Hand und du wirst ihn gebunden nach Münster

zurückführen. Du, du, ganz allein, bevor deine Leute es gewahr werden,

und dein Triumph wird groß sein.

JOHANN. Könntest du es wirklich? (Voller Argwohn.) Und was willst du,

daß ich dafür tue?

DER GROSSE MÖNCH. Ich wünsche, daß du nichts tust.

JOHANN. Nichts?

DER GROSSE MÖNCH. Nichts. Fast nichts.

JOHANN. Doch etwas?

DER GROSSE MÖNCH. Nichts! – Lasse die Menschen leben, wie sie leben

wollen, und lebten sie wie die Tiere. Und rufe Gott nie mehr an.

JOHANN. Satan – hebe dich von mir!

DER GROSSE MÖNCH (umschlingt Johann): Komm, Johann, ich will dir den

Bischof in die Hand geben!

JOHANN. Hinweg! Hinweg! Hebe dich von mir.

Sie ringen.

DER GROSSE MÖNCH. Komm, komm, Johann!

JOHANN. Herr! Herr!

STIMMEN AUS DER LUFT. Johann! Johann!

Der große Mönch verschwindet. Fahles Mondlicht.

Johann hat die Hände zum Gebet erhoben. Er ist in Schweiß

gebadet.

STIMME AUS DER LUFT. Johann! Johann!

JOHANN (lauscht): Wer ruft mich? Ich höre!

STIMMEN AUS DER LUFT. Johann! Ich bin bei dir!

Ein Lichtschein steht auf dem Wall.

Johann fällt zu Boden.

JOHANN (erhebt sich in die Knie, starrt auf den Lichtschein. Freudig,

erlöst, ekstatisch): Herr –! Herr –! Ich verstehe dein Zeichen, ich,

dein Knecht, Johann! In alle Ewigkeit seist du gelobt!

Mondlicht. Der Lichtschein auf dem Wall erlischt.

Drei von den Kindern, im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren,

kommen wieder. Sehen sich scheu um. Sie wollen an die Türe

pochen, da erkennen sie Johann.

ERSTES KIND. König Johann!

ZWEITES KIND. König Johann, gib uns Brot!

JOHANN (wie betäubt, erhebt sich): Was wollt ihr? Was sucht ihr in der

Nacht?

DRITTES KIND. König Johann! Weshalb ist dein Gesicht so naß?

ERSTES KIND. Wir haben Hunger!

JOHANN. Geht nach Hause. Eure Eltern werden böse sein.

ZWEITES KIND. Wir haben keine Eltern. Die Eltern sind tot. Die Türe des

Hauses steht immer offen. Aber wir haben Hunger, Johann.

JOHANN. Ihr habt Hunger? (Mit plötzlich leuchtendem Gesicht.) Morgen

sollt ihr weißes Brot essen und Kuchen aus Mehl und Eiern gebacken.

Kommt, ich will euch etwas zeigen. Kommt!

Er steigt auf den Wall. Sie folgen ihm. Der Tag kommt herauf.

JOHANN. Kommt – kommt! – Seht ihr den Glanz in der Ferne leuchten? Dort,

Dort! Am Himmel! (Er hebt ein Kind in die Höhe.) Siehst du?

ERSTES KIND. Ja, Johann, ich sehe den Glanz.

JOHANN. Das ist Gottes himmlisches Reich, das sich auf die Erde senkt.

(Er hebt das zweite Kind in die Höhe.) Siehst du Gottes heiliges Reich

am Himmel schimmern? Siehst du es?

ZWEITES KIND. Ja, Johann!

JOHANN (hebt das dritte Kind in die Höhe): Vielleicht sind meine Füße zu

müde, es zu betreten. Vielleicht hat Gott es anders beschlossen.

Vielleicht bin ich nicht würdig, meinen Fuß über die Schwelle des

Reiches zu setzen. Ihr aber – ihr – ihr werdet das Reich betreten und

selig sein.

ERSTES KIND. O König Johann! Wir lieben dich!

JOHANN (verzückt): Seht ihr das Feuer am Himmel stehen?

DIE KINDER. Wir sehen es! Wir sehen es!

JOHANN (in Ekstase, schreit): Seht ihr, seht ihr? Das ist Gottes

heiliges Zeichen!

DIE KINDER. Wir sehen es, Johann!

JOHANN (erhebe die Arme): Gott, Herr, du hast deinen Knecht erhört!

Gepriesen sei dein Name immerdar!

Johann eilt die Treppe herab. Die Kinder verschwinden auf dem

Wall.

Johann pocht an die Türen.

JOHANN. Knechte, auf! Auf, Knechte! (Die Türen öffnen sich ein wenig.

Dritter und vierter Landsknecht kommen heraus.) Geht, so befiehlt euch

König Johann. Geht auf die Wälle zu den Brüdern und verkündet, was ich

euch sage: Der Herr ist mit Münster! Unser ist der Sieg! Das Reich

Gottes ist herbeigekommen.

Er eilt davon.

DRITTER LANDSKNECHT. Geh schlafen, Johann. Wir wachen für dich.

JOHANN (ruft, nicht mehr sichtbar): Der Herr ist mit Münster! Unser ist

der Sieg!

DRITTER LANDSKNECHT (pocht an die Türe gegenüber): Seid ihr bereit?

STIMMEN. Wir sind bereit!

VIERTER LANDSKNECHT. Johann mag sagen, was er will. Selbst der Teufel

könnte Münster nicht mehr retten. Es riecht schon nach Leichen in den

Gassen. Vorwärts, sonst schneiden sie morgen Riemen aus unserer Haut.

Dritter und vierter Landsknecht steigen die Treppe zum Wall

empor.

ERSTER LANDSKNECHT (erscheint lachend): Wir haben Münster wenigstens

etwas zurückgelassen. Haben uns nicht undankbar gezeigt! (Steigt die

Treppe empor.)

ZWEITER LANDSKNECHT (erscheint): Wir werden uns im Weidengebüsch

verbergen und dann ins Getümmel mischen. Halt, wartet auf mich!

Sie verschwinden.

Pause. Dämmerung.

Auf dem Wall erscheint Wenzel von der Langenstraaten. Er steht

eine Weile. Zwei, drei Gestalten tauchen neben ihm auf.

Sie steigen die Treppe herunter, um das Tor zu öffnen.

(Eine Gestalt huscht über die Szene, im Hemd, mit gellender Stimme):

Verrat! Verrat!

Vorhang.

Die Szene bleibt dunkel. Nach ganz kurzer Pause hebt sich der

Vorhang zur Schlußszene.

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 31 / 38 题