DIVARA (kauert neben ihm, flehend): Rede, Johann! Sprich ein Wort!
Johann!
Pause.
JOHANN, (als spräche er zu sich selbst): Sieht dich der Herr an, so
gedeiht dein Haus, deine Kinder blühen, dein Acker trägt vielfache
Frucht. Wendet er aber seinen Blick von dir, wehe, so verbrennen deine
Scheunen, Krankheit befällt deinen Leib, deine Felder verdorren. Der
Mensch ist nichts ohne ihn ...
DIVARA (umschlingt seine Knie): So bin ich nichts ohne dich, Johann!
JOHANN. Und doch, möge er mir vergeben: Weshalb verfolgt er die, die ihm
gehorsam sind, und erhört er die Heuchler? Weshalb?
DIVARA. So müssen wir noch stärker glauben, Johann.
JOHANN. Noch stärker glauben? Stärker! Er ächzt. Noch stärker glauben!
Noch stärker! Ja, Divara. All die Tage und all die Nächte habe ich zu
ihm geschrien ohne Unterlaß –
DIVARA. Rufe erneut zu ihm!
JOHANN. Als ich zwanzig Jahre alt wurde, hat Gott mir zum erstenmal
seine Gnade offenbart! Ich hatte bis dahin gelebt wie ein junges Tier,
ohne Verstand, nach meinen Gelüsten, ganz wie die anderen Gesellen. Ich
hatte ein Weib genommen und ein Kind gezeugt, arbeitete und feilschte.
In einer Nacht aber, da träumte ich, ich sähe ein großes Feuer. Das
Feuer blendete mich so stark, daß ich erwachte. Da sah ich eine Flamme
in der Finsternis. Die Flamme, sie bewegte sich wie ein Licht im sanften
Hauch des Mundes. Ich rieb meine Augen. Da sagte eine Stimme: Johann,
folge mir. Ich erhob mich und die Flamme ging vor mir her. Da stand ich
im finsteren Haus und die Flamme sprühte. Und wieder vernahm ich eine
Stimme. Sie sagte: Johann, verlasse Weib und Kind und folge mir.
DIVARA. Du tatest es?
JOHANN. Ich zögerte nicht. Ich ging. Der Morgen kam und die Sonne ging
auf, aber trotz der hellen Sonne sah ich die Flamme sprühen. Ich stand
am Hafen, ein Schiff löste die Taue, und ich betrat dieses Schiff, ohne
zu wissen, wohin es fuhr. – Das Schiff fuhr nach Portugal. Ich trat an
Land und ging und kam an ein Kloster. Ein Jahr saß ich in der Stille des
Klosters, arbeitete und dachte nach und lauschte.
DIVARA. Und die Flamme, Johann?
JOHANN. Sie war immer bei mir. Nun spürte ich weder Hunger noch Durst
mehr, weder Kälte noch Hitze. Auch hatte mich die Furcht, die die
Menschen haben, gänzlich verlassen. Ich lebte, als ob ich gebannt sei in
einen Traum. Und die Flamme glänzte vor meinen Augen und sie verhieß
mir: Warte, bald ist die Zeit erfüllt.
DIVARA. So war dein Herz voller Zuversicht.
JOHANN. Ich kehrte nach Holland zurück und wanderte durch Deutschland,
nach Wittenberg, Münster, Straßburg, um die neuen Prediger zu hören, die
erstanden waren. Hierauf kehrte ich wieder nach Leyden zurück und ging
meinem Gewerbe nach. Ich lebte still für mich und forschte in der
Schrift, um die Wahrheit zu ergründen. Eines Abends aber traf ich auf
der Straße einen Mann mit dunklen Zügen und Augen, die wie Gestirne
funkelten. Er blieb stehen und sah mich an.
DIVARA. Es war Mathys!
JOHANN. Es war Mathys, der Prophet! – Die ganze Nacht sprach er zu mir
und seine Rede war Feuer, genommen von jenem Feuer, das ewig brennt.
Seine Rede war die Wahrheit.
Und Mathys sagte: Gott hat mir offenbart, dich zu meinem Propheten zu
machen, Johann. Und er taufte mich in der gleichen Nacht. Mein Herz aber
war trunken von Seligkeit von dieser Stunde an.
DIVARA. Wunderbar hat Gott dich deine Bahn geführt, Johann!
JOHANN (erhebt sich, düster): Auch hier, in Münster, glänzte die Flamme
vor meinen Augen. Und oft ging sie, ohne zu erlöschen, Tag für Tag vor
mir her. Liebliches Licht, süße Leuchte! (Seine Stimme steigert sich.)
Und sie glänzte in der Nacht und manchmal wurde sie zu einem Feuer,
dessen Wärme ich fast spüren konnte. (Leise und hastig.) Und Gott sprach
aus dem Feuer ...
DIVARA (versteht plötzlich seine Verzweiflung): Und jetzt, Johann?
JOHANN (krümmt sich zusammen): Sie ist erloschen. Ich sehe sie nicht
mehr. (Er sinkt auf den Tisch.)
DIVARA. Vertraue, Johann! Vertraue!
JOHANN. Der Herr hat sein Auge von mir gewendet.
DIVARA (schreit): Sündige nicht, Johann!
JOHANN (sich aufrichtend): Als Dusentschur seine Offenbarung vor dem
Volk kundgab – siehe, da schien ein Glanz in der Luft zu schweben –
plötzlich, so war es mir ... aber es war nur eine Blendung, die meiner
spottete.
DIVARA (heiß): Vertraue, Johann! Höre: der Versucher ist um dich! (Er
starrt sie an.) Schreie zu Gott in seinen Himmeln! Ermatte nicht. Bete!
Auch ich will beten! Höre, Johann, ich will gehen und beten und alle
Frauen sollen mit mir beten, diese ganze Nacht. Das will ich tun,
Johann, und kein Schlaf soll in unsere Augen kommen.
Divara geht. Johann bleibt ohne Bewegung auf dem Tisch sitzen.
Helles Mondlicht.
Knipperdolling, Gert tom Kloster, Tilbeck kommen von rechts, laut
polternd, gutgelaunt, von zwei Knechten begleitet.
TILBECK. Es ist merkwürdig ruhig heute nacht.
GERT TOM KLOSTER. Haben sie nicht in den fünf Tagen und fünf Nächten
genug getobt mit den Geschützen, Tilbeck?
TILBECK. Man muß es dem Bischof Franz zugestehen, er hat manche Tonne
Pulver drangegeben und ist über Münster gefallen wie ein Erdbeben.
Manchmal warf es mich, bei Gott, einen Schuh hoch vom Boden.
KNIPPERDOLLING. Das kommt daher, weil du so leicht bist. Die Gelehrten
haben kein großes Gewicht für gewöhnlich. Der Geist verzehrt die
Schwere. Mich hat der Bischof nur etwas an den Fußsohlen gekitzelt, daß
ich lachen mußte, Freunde. Speie dir die Zähne aus dem Rachen, du
höllische Mißgeburt, dachte ich, und wurde heiter.
GERT TOM KLOSTER. Ist dies Johann?
TILBECK. Ich glaube, Johann, du hast in all den Tagen und Nächten auch
nicht eine Stunde geruht. Überall und allerorts bist du, wie ein
Gespenst.
JOHANN (mustert sie, geistesabwesend, dann steht er auf und streckt
Knipperdolling die Hand hin): Nochmals bitte ich dich, Bruder
Knipperdolling, mir meine Heftigkeit und meinen Zorn am Gerichtstag zu
vergeben. Ist auch noch ein Körnchen Arg gegen mich in deinem Herzen, so
nimm meine Hand nicht.
KNIPPERDOLLING (preßt Johanns Hand): Ich walle rasch auf, Johann, wie
der Topf über dem Feuer. Aber stirbt die Glut, ist der Topf auch wieder
still und vergißt, daß er kochte. Die Züchtigung war gut, Bruder Johann.
Sie hat das Gift aus mir gezogen! Der Hochmut hatte mir den Kopf betäubt
und der Neid. Mir vergib meinen Frevel, Johann. Ich habe gebüßt – und so
geschah mir recht. Nie in seinem Leben wird Knipperdolling vernünftig
werden, ihr Freunde.
JOHANN. Dank für deine Nachsicht, Knipperdolling. Dein Herz ist besser
als das meinige. – Ihr macht die Runde, Freunde?
GERT TOM KLOSTER. Wir sehen nach den Wallmeistern, Büchsenschießern und
Wachen.
TILBECK. In der Stadt, am Überwassertor, gab es einige Brände zu
löschen.
JOHANN. Ist alles bereit?
KNIPPERDOLLING (fröhlich, als schildere er die Vorbereitung zu einer
Hochzeit): Es ist alles bereit, Johann, sei ohne Sorge. Das Pech kocht
schon in den Kesseln. Holzstöße sind da in Haufen, damit wir ihnen
brennende Scheite um die Köpfe schlagen können. Die Weiber bereiten
ihnen schon den Morgenbrei. Willkommen, herzlich willkommen!
GERT TOM KLOSTER. Die Schmiede haben lange Haken geschmiedet zum
Umreißen der Sturmleitern.
TILBECK. Alle Breschen sind ausgebessert. Auch die Erdschanzen und
Laufgräben sind wieder in Ordnung gebracht worden, wo die Geschütze
Schaden anrichteten.
Es pocht ans Tor. Eine Schildwache steigt die Treppe vom Wall
herunter.
ERSTER LANDSKNECHT. Die Losung!
DUSENTSCHUR (draußen): Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.
Der Landsknecht öffnet. Dusentschur tritt ein; trägt die Kutte
eines Mönches.
ERSTER LANDSKNECHT (erschrocken): Ein Mönch?
DUSENTSCHUR. Wenn du schon vor einem Mönch Angst hast, du Memme, so
wirst du in die Hosen machen, siehst du den Bischof. Erblickst du aber
gar den Papst, so wird dich der kalte Schweiß erwürgen. (Er nähert sich
der Gruppe, segnend.) _Pax vobiscum!_
TILBECK. Wahrhaftiger Gott: Dusentschur!
Lachen.
DUSENTSCHUR (wirft die Kutte ab): Gott segne diese Nacht, Freunde!
JOHANN. Warst du im Lager, Bruder Dusentschur?
DUSENTSCHUR (in Erregung, hin und her, mit hochgezogenen Knien): Ich war
im Lager. Heissa, heissa! Habe da und dort gepredigt und da und dort
ermahnt. Habe auch bei einigen Ängstlichen die Beichte abgenommen, habe
einige Briefe geschrieben. Es hätte nicht viel gefehlt, hätte mich der
Bischof zum Abendschmaus eingeladen. (Lachen.) – Höre, Freund, dies ist
das Kreuztor? Wie? Heißt der Wallhauptmann nicht von der Langenstraaten?
ERSTER LANDSKNECHT. Wenzel von der Langenstraaten.
DUSENTSCHUR. Wo ist er?
ERSTER LANDSKNECHT. Wir haben ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen.
DUSENTSCHUR. Heissa, heissa. Ich glaube, Freunde, ich bin ihm im Lager
des Bischofs begegnet!
GERT TOM KLOSTER. Sollte es möglich sein?
TILBECK. Langenstraaten ein Verräter?
DUSENTSCHUR. Es ist eine große Anzahl von Knechten aus der Stadt
entwichen, denn Fresser und Säufer beten den Speck an und das volle Faß!
Jedenfalls heißt es, die Augen offen zu halten! Heissa, heissa! Welche
Angst sie vor dir haben, Johann, die Knechte! Sie glauben, du bist der
Satan und wirst sie auf deine Hörner spießen. Die Gesandten und
Feldherrn aber stolzieren mit ihren Federbüschen. Und es wimmelt von
Mönchen in Wolbeck! Und es wimmelt gleichfalls von Huren!
KNIPPERDOLLING. Werden sie angreifen heute nacht? Glaubst du?
DUSENTSCHUR (lachend): So wahr Christus auferstanden ist. Sie stehen
schon in Rotten bereit. Morgen wird die Hölle großen Zulauf haben,
großen Zuspruch. Heissa! Gib das Zeichen der Bereitschaft, Johann! Auch
die Federbüsche wird Gottes Atem versengen. Heissa, heissa! (Ab.)
JOHANN. Gott gebe es! – Stoße ins Horn!
Einer der jungen Knechte stößt ins Horn. Der Hornruf pflanzt sich
über die Wälle fort.
KNIPPERDOLLING. Vorwärts, Freunde! Für den Himmel! Für Wahrheit und
Frieden auf Erden!
Sie gehen. Johann bleibt.
Dunkelheit.
JOHANN (keuchend): Gott! – Gott! – Herr! – Herr! – Vater über den
Sternen!
Er stürzt in die Knie und brüllt wie ein Tier.
ERSTER LANDSKNECHT (nähert sich ihm): Weshalb brüllst du, Johann?
ZWEITER LANDSKNECHT (öffnet die Tür und blickt hinaus): Wer brüllt hier
wie ein Stier im Schlachthaus?
JOHANN. Laßt mich! Gott hat mich aus dem Paradies gestürzt. Ich bin
unter die Tiere gefallen.
ERSTER LANDSKNECHT (zuckt die Achseln): Zur Ruhe sollst du gehen,
Johann! (Er begibt sich in die Hütte rechts.)
Grelles Mondlicht.
JOHANN (rutscht auf den Knien): Vater – Vater – Vater im Himmel! (Er
erhebt sich, keucht, geht zur Treppe und steigt langsam zum Wall empor):
Höre mich, Vater im Himmel! (Er rutscht auf den Knien die Treppe empor.)
Neige dein Ohr, ich bin elend und arm und kläglich! Speise die Seele
deines Knechtes, du Gütiger, der du die Sterne lenkst und die Welten!
Zürne mir nicht! Zürne mir nicht länger, du süßes Licht in der
Finsternis! (Schreit.) Verlasse nicht deine Stadt Münster, die du
auserwählt hast unter den Städten der Erde, daß sie deinen Ruhm
verkünde. Verlasse sie nicht, die Brüder und Schwestern! Zertritt mich
mit deinem Fuße, wenn du willst, aber überliefere sie nicht der Schmach!
Gib nicht zu, daß das Blut der Gläubigen umsonst geflossen ist. – Herr,
der du warst, bevor Leben und Tod war, antworte mir. Ist es wahr, was
Roll verkündete? – Dein Reich ist ein Reich im Geiste und kein irdisches
Reich! Hörst du mich? Antworte, antworte mir! Gib mir ein Zeichen, du
Gütiger, Vater aller Kreatur!
Kanonenschüsse.
(Er stürzt nieder.) Antwortest du mir durch das Maul der Mörser? – Aus
meiner Not schreie ich zu dir, da ich verblute. Erbarme dich deines
gemarterten Volkes am Kreuze. (Er erhebt sich, jagt über den Wall,
schreiend.) Herr, Herr, Gott, Vater im Himmel! Engel der Liebe und des
Lichtes ...
Finsternis.
Es erscheinen fünf zerlumpte Kinder im Alter von zehn bis
fünfzehn Jahren. Sie pochen an die Tür der Hütte rechts.
ERSTES KIND. Soldat, mach auf!
ZWEITES KIND. Soldat, gib uns Brot! Hab Erbarmen!
DRITTES KIND (im Hemd): Uns hungert, Soldat!
ERSTER LANDSKNECHT (kommt heraus): Was wollt ihr, Gerippe? Mitten in der
Nacht? – Kommt ihr aus dem Kirchhof?
Die Kinder weichen ängstlich zurück.
ERSTES KIND. Soldat, hab Mitleid! Gib uns Brot!
ZWEITES KIND. Wir haben Hunger!
ZWEITER LANDSKNECHT (kommt heraus): Freßt Gras! Johann sagt, ihr sollt
Gras fressen. Auch das Vieh frißt Gras, sagt Johann!
KINDER. Soldat, Soldat!
ERSTER LANDSKNECHT. Fangt Mäuse! Freßt Ratten! Kocht euch einen alten
Stiefel. Morgen wird euch der Bischof füttern. (Er hebt einen Stein
auf.)
Die Kinder entfliehen. Die Landsknechte lachen und schließen die
Tür.
Gekreisch. Die Türe des Hauses links fliegt auf.
HÄNSLEIN, (der Irre, in zerfetztem Hemd, erscheint schreiend, hinter ihm
werden zwei lachende, betrunkene Landsknechte sichtbar.)
HÄNSLEIN. Diebe, Mörder! Hilfe! (Er faucht wie eine Katze, da ihn die
Knechte festhalten.)
DRITTER LANDSKNECHT (legt eine Flinte an): Lauf, Hänslein! Tummle dich!
HÄNSLEIN. Diebe! Spitzbuben! Ich war Rektor in der freien Stadt
Schmalkalden. Sprach einst Latein. (Faucht wie eine Katze.)
VIERTER LANDSKNECHT. Du bist nicht mehr im freien Schmalkalden. Bist in
Münster und Münster ist eine Maus, um die die Katzen sitzen.
HÄNSLEIN (bittend): Liebe Gesellen.
DRITTER LANDSKNECHT. Sag dein Sprüchlein auf und wir lassen dich laufen.