TILBECK. Hält dich die Scham nicht zurück, solches vor dem Volke zu
sagen!
KNIPPERDOLLING. Der Herr hat befohlen, daß das Volk die Wahrheit
vernehme.
VOLK (jubelt): Knipperdolling!
JOHANN (macht eine Bewegung und sofort ist alles still).
KNIPPERDOLLING. Seht an Divara, Johanns Gattin. Sie trägt brabanter Tuch
und französische Seide und hat sich die Wangen gefärbt wie eine Buhlin.
Sie hat einen Kammerherren, einen Junker aus dem Lager des Bischofs.
Seht ihn euch an, das Püppchen. Nichts ist übler als ein Mann, der wie
ein Mädchen aussieht. Ein Seidenäffchen!
DIVARA (springt auf): Johann, dulde es nicht, daß man mich beschimpft!
STIMMEN. Hoffentlich bedient er dich gut, Divara, der Kammerherr! Der
liebe Junge!
KNIPPERDOLLING (drohend auf Wenzel deutend): Er wird der Judas sein, der
Münster an den Bischof verrät.
WENZEL (greift nach dem Schwert): Was sagst du, Knipperdolling?
DUSENTSCHUR (beschwörend zu Knipperdolling, mit furchtbarer Gebärde):
Verstumme, du böser Geist!
KNIPPERDOLLING (redet sich immer mehr in Raserei): Du hast ein Zeichen
vom Himmel versprochen, Johann. Wir werden es ja sehen, das Zeichen. Wer
hat geraten, das Lager des Bischofs zu überfallen nach dem großen Sieg
im Herbst? Ich! Wer hat gezögert? Du! Längst wäre der Bischof
zerschmettert und Münster frei. Wir werden ja sehen, wie du mit fünf
Mann die Stadt gegen den Bischof hältst. (Er lacht rasend.)
JOHANN (wächst in die Höhe. Er steigt die Treppe hinab, bleich und
furchtbar. Knipperdolling verliert sofort die Sicherheit.) Legt ihn in
Eisen! Der Satan hat von Knipperdolling Besitz ergriffen. Bereut er nach
drei Tagen nicht, so werde er hier auf diesem Platze gerichtet. Fort mit
ihm!
KNIPPERDOLLING (schäumend): Wer wagt es, Hand an mich zu legen.
DUSENTSCHUR. Ei, du Höllensohn, fährt dir das Feuer aus dem Maul? Packt
ihn, Freunde!
Die Leibwache ergreift ihn. Die Erregung ist ungeheuer. Die Menge
ergreift teils für Knipperdolling, teils für Johann Partei. Rufe:
Johann! Knipperdolling! Was ist das? Was soll das werden?
JOHANN (drohend): Wer ergreift seine Partei?
Stille. Knipperdolling, der verzweifelt lacht, wird abgeführt.
Einige folgen ihm.
TILBECK. Es ist unverständlich, ihr Freunde!
ROTTMANN. Der Böse hat Knipperdolling, der Tag und Nacht für die heilige
Sache Gottes kämpfte, ein Bein gestellt und zu Fall gebracht. Betet für
ihn, daß sein verwirrter Sinn genesen möge.
JOHANN. Der Satan ist in die heilige Stadt Münster eingedrungen, obschon
die Tore geschlossen waren. Schon seit langem ist seine Arglist zu
spüren. Ich bin entschlossen, den Satan wieder aus der Stadt zu
vertreiben! Ich sage es laut, so daß alle mich hören mögen: Unerbittlich
wird meine Strenge sein! Jeden Morgen und jeden Abend werden die
Prediger und Propheten zum Volk auf den Marktplätzen sprechen, um es im
Glauben zu stärken. Alle seien zugegen. Wehe dem, der fehlt. Nur die,
die auf den Wällen und Schanzen die Wache halten, sind beurlaubt. Des
weiteren verordne ich: Unsere Diakone werden die Häuser besuchen. Wer
Nahrung verborgen hält und nicht der Gemeinschaft abgibt, der soll mit
dem Schwert gestraft werden. Strenge werde ich jede Verfehlung gegen die
Sitten bestrafen und die Dirnen richten, die es mit dem Kriegsvolk
treiben.
Unruhe im Volk. Es entsteht ein Drängen.
STIMMEN. Ein Prophet ist zurückgekehrt. Der Prophet Roll ist
zurückgekommen!
ROTTMANN. Was soll die Unruhe?
STIMME. Der Prophet Roll ist zurückgekehrt!
VIELE STIMMEN. Roll! Roll!
Johann und der Rat erheben sich erregt.
ROLL (erscheint. Er ist erschöpft und bleich wie ein Sterbender. Seine
Kleidung ist zerfetzt. Sein Aussehen ist so erschreckend, daß viele
erschrocken zurückweichen.)
JOHANN (eilt ihm entgegen und umarmt ihn): Willkommen, Bruder Roll!
DER RAT. Roll! Willkommen, Bruder Roll!
ROLL. Daß ich dich wieder betreten darf, heiliger Boden der heiligen
Stadt! (Er küßt den Boden.) Daß ich euch wiedersehen darf, Freunde! –
(Er schlägt die Hände vors Gesicht.)
DIVARA. Wir sind seit Monaten ohne Nachricht von dir, Bruder Roll!
EINIGE DES RATS. Berichte, Bruder Roll. Was für Botschaft bringst du? Wo
sind die Propheten?
ROTTMANN. Wo kommst du her, Roll?
ROLL (sein Antlitz leuchtet): Aus der Hölle komme ich. In den Himmel bin
ich eingezogen. – Ich komme aus dem bischöflichen Gefängnis von Iburg.
(Bewegung.) Seht meine Brust, sie haben mich mit glühenden Zangen
gerissen, sie haben mich auf der Folter gestreckt und mir das Herz im
Leib zerrissen. Aber ein Engel kühlte meine Wunden mit seinen süßen
Lippen.
TILBECK. Wie, beim himmlischen Vater, bist du aus dem Turm von Iburg
entkommen?
ROLL. Der Bischof ließ mich ins Lager schaffen. Sechs Reiter führten
mich. Sie höhnten und lästerten – da plötzlich fuhr ein Blitz aus dem
Himmel und warf sie nieder. So wurde ich frei.
STIMMEN. Hört ihr? Hört ihr es?
DUSENTSCHUR (streckt die Hände zum Himmel): Herr! Herr!
JOHANN. Berichte, Bruder Roll! Wie steht es bei den Brüdern im Lande?
Wie geht es den Propheten, die wir aussandten? Haben sich die Brüder
gesammelt? Ziehen sie gegen Münster?
ROLL. Oh, Johann – die Brüder haben sich gesammelt – aber sie kommen
nicht nach Münster.
JOHANN. Ich verstehe dich nicht.
ROLL. Die Propheten aber, die du aussandtest, sie haben ihr Ziel wohl
erreicht.
JOHANN. Du sprichst seltsam!