JOHANN. Brüder und Schwestern! Bevor die Sonne sinkt, wird Gott uns ein
Zeichen seiner Gnade vom Himmel senden.
STIMMEN. Ein Zeichen! Hört! Hört! was Johann sagt! Ein Zeichen!
JOHANN. Bruder Rottmann, bringe die Klagen vor.
ROTTMANN (erhebt sich): Es kann nicht verborgen bleiben, daß die Sitten
in Münster sich zu lockern beginnen. Noch sind viele unter uns, die den
rechten Gottesglauben nicht haben. Ein wahrer Christ braucht nicht
Gesetz und Richter! Die Übeltäter aber, die Lügner und Ungläubigen, die
Zanksüchtigen, die Kleinmütigen sollen ausgerottet werden vor dem
Gesetz. Denn Gottes Stadt soll rein sein! – Es wird Klage geführt gegen
sechs Kriegsknechte, die mit Spähern des Bischofs in Verbindung standen.
GERT TOM KLOSTER. Ich ließ sie ergreifen, als sie die Stadt verlassen
wollten, um ins Lager des Bischofs zu gehen.
TILBECK. Auf Verrat steht der Tod!
DUSENTSCHUR. Laßt ihre Köpfe auf die Tore Münsters setzen!
JOHANN. Handelt, wie Dusentschur geraten.
ROTTMANN. Es wird Klage geführt gegen die Ehefrau des Bäckers
Ullenhorst. Sie beschimpft dich, Johann, sie sagt, du seist ein falscher
Prophet.
JOHANN. Laßt sie morgen früh öffentlich richten, damit die Frauen
Münsters sehen, wie ihnen geschieht, wenn sie den Herrn lästern.
KNIPPERDOLLING. Die Frau des Bäckers Ullenhorst hat zwei Kinder durch
Hunger und Krankheit verloren. Sie weiß nicht mehr, was sie sagt.
JOHANN. Erstaunt bin ich, daß du Übeltäter verteidigst, Knipperdolling!
ROTTMANN. Obschon der König strenge Gesetze angeschlagen hat gegen die
Trunkenheit, greift das Laster unter dem Kriegsvolk mehr und mehr um
sich. Es sind fünf Kriegsknechte angeklagt, den Weinwirt Zacharias in
der Trunkenheit blutig geschlagen zu haben, weil er ihnen keinen Wein
mehr ausschenken wollte.
JOHANN. Wir haben befohlen, daß auf den Wällen und in den Wachtstuben
geistliche Lieder gesungen werden, wie es Christen geziemt, die unter
der Fahne der Gerechtigkeit dienen. Aber Würfel und Wein sind nicht
auszurotten. Ich bin gesonnen, diese Vermessenen streng anzufassen. Die
Knechte haben den Tod verdient!
KNIPPERDOLLING. Johann, wie geschwind du heute fährst! Diese fünf
Knechte kenne ich gut. Es sind tapfere Gesellen, Johann!
JOHANN. Willst du auch sie verteidigen?
KNIPPERDOLLING. Ja, ich will ein Wort der Fürsprache für sie vorbringen.
Bei jedem kecken Streich, wenn wir ein Geschütz vernagelten, eine Mine
legten, ein Blockhaus verbrannten, bei jedem Abenteuer waren sie
fröhlich und mutig dabei. Es sind derbe Gesellen, das ist wahr –
JOHANN (unterbricht ihn): Handelt nach meinem Befehl!
KNIPPERDOLLING (erhebt sich): Ei, Johann, du wirfst ja heute mit Köpfen
um dich, ganz wie der Bischof Franz!
JOHANN. Wagst du es, mich mit dem Bischof in einem Atem zu nennen?
KNIPPERDOLLING. Wohlfeil sind Menschenleben bei dir in der letzten Zeit
wie beim Bischof. Es sind fünf tapfere Kriegsleute! Ich erhebe Einspruch
gegen dieses Urteil vor dem gesamten Rat! Sieh dir den Spruch an, der
auf deinem Zepter steht, Johann!
JOHANN. Du brauchst mich nicht an den Spruch zu erinnern: Ein König der
Gerechtigkeit überall. So soll es bleiben. Setze dich, Bruder
Knipperdolling, und bescheide dich. – Liegen weitere Klagen vor,
Rottmann?
KNIPPERDOLLING (zornig): Bin ich ein Lehrling, dem man sagt: setz’ dich
und halte das Maul? Seitdem du dir die goldene Krone hast machen lassen,
Johann, ist dir die Hoffart zu Kopf gestiegen!
JOHANN (bleich): Was sagst du? Schweige!
KNIPPERDOLLING. Ich schweige nicht! Lasse mir nicht das Wort verbieten!
Bestürzung im Rat und Unruhe im Volk.
ROTTMANN. Versündige dich nicht, lieber Bruder Knipperdolling. Du weißt,
daß Johann die Krone nicht aus menschlicher Eitelkeit trägt, sondern als
ein Zeichen, daß Gott ihn eingesetzt hat zum König über die neue
Christenheit. Im Rat wurden Krone und Abzeichen der königlichen Würde
beschlossen und du selbst, Knipperdolling, stimmtest allen Vorschlägen
zu.
TILBECK. Knipperdolling – du gibst Ärgernis vor dem Volk!
DUSENTSCHUR. Der Böse ist über dich gekommen, Knipperdolling!
KNIPPERDOLLING. Ich will dir etwas sagen, Johann, ich will dir etwas
sagen. Gott hat mir in der letzten Nacht einen Traum eingegeben. Einen
sonderbaren Traum.
JOHANN. Laß hören. Wir wollen hören, was Knipperdolling träumte. Wie
Jesaia sagt: Wehe denen, die des Morgens früh auf sind, des Saufens sich
zu befleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitze.
KNIPPERDOLLING. Jesaia sagt auch: Wehe denen, die bei sich selbst weise
sind und halten sich selbst für klug. Auch das sagt Jesaia.