[Abbildung: Fig. 362.]
Geht paralleles Licht durch einen schmalen Spalt, dessen Breite in der
Figur 364 in ~AB~ gezeichnet ist, in einen dunklen Raum, so sollte es
eigentlich nur den Teil des Schirmes erhellen, der von der gradlinigen
Verlängerung des Lichtes getroffen wird. Man findet aber, daß dieser
Teil noch eingefaßt ist mit abwechselnd hellen und dunklen Streifen,
ähnlich den Interferenzstreifen, sieht also, daß das Licht von seiner
gradlinigen Bahn abgelenkt ist, und nennt diesen Vorgang Beugung des
Lichtes.
Erklärung: Wenn in einem Punkte eine wellenförmige Bewegung ankommt, so
pflanzt sie sich nicht bloß in der Richtung fort, in der sie diesen
Punkt erreicht hat, sondern von diesem Punkte geht, wie von einem
Mittelpunkte aus, ein System kugelförmiger Wellen aus. So lange die
Bewegung im unbegrenzten Raume geschieht, schaut es so aus, als wenn die
Wellenbewegung sich geradlinig fortgepflanzt hätte, denn wenn eine von
~A~ ausgehende Wellenbewegung, Fig. 362, sich bis zum Kreise ~BC~
fortgepflanzt hat und es entstehen nun um ~B~ und ~C~ und die dazwischen
liegenden Punkte selbst wieder kreisförmige Wellen, so haben sich diese
nach einer gewissen Zeit so weit fortgepflanzt, daß ihre Wellenberge bis
zur unteren Linie fortgerückt sind. Die vordersten Teile dieser
Wellenberge verstärken sich zu einem Hauptwellenberg, der gerade so
aussieht, wie wenn der Berg ~BC~ sich zur unteren Linie fortgepflanzt
hätte. Es kommen also die in jedem Punkte entstehenden Wellen nicht
einzeln zum Vorschein, sondern nur als Gesamtwirkung, wie wenn sich die
Welle von ~BC~ einfach fortgepflanzt hätte. Wenn aber der Raum, durch
welchen die Welle eindringt, einseitig begrenzt ist, wie bei einem
Schleusentor (Fig. 363), so setzt sich hinter dem Tore nach rechts und
links die Wellenbewegung fort, wie wenn auf der ganzen Torbreite eine
wellenförmige Bewegung erregt würde; die Welle wird gebeugt und dringt
so auch in den Raum ein, der nicht in der gradlinigen Fortsetzung der
ankommenden Welle liegt. Die Welle geht also auch um die Ecke.
[Abbildung: Fig. 363.]