266. Ausflußgeschwindigkeiten von Flüssigkeiten.

Beim Springbrunnen erlangt das ausfließende Wasser seine Geschwindigkeit

dadurch, daß es von den benachbarten Wasserteilen gedrückt wird. Sobald

es aber die Röhre verlassen hat, steht es nicht mehr unter diesem

Drucke, sondern ist anzusehen als ein mit Geschwindigkeit begabter

Körper, der vermöge dieser Geschwindigkeit eine gewisse Steighöhe

erreicht, und diese Steighöhe ist nach dem Gesetz des Springbrunnens

gleich der Höhe des Wassers im Gefäße.

Da aber die Geschwindigkeit, welche ein nach aufwärts geworfener

Körper haben muß, um eine gewisse Steighöhe ~h~ zu erreichen, gleich

ist der Geschwindigkeit, welche der Körper erlangen würde, wenn er

frei über dieselbe Höhe ~h~ herunterfallen würde, so folgt: #die

Ausflußgeschwindigkeit ist so groß, wie wenn das Wasser den vertikalen

Abstand vom Niveau des Wassers im Gefäße bis zur Mündung frei

durchfallen hätte# (Torricelli).

~v = √(2 g h)~.

[Abbildung: Fig. 353.]

Die Ausflußgeschwindigkeit ist proportional der Quadratwurzel aus der

Höhe; eine Öffnung, welche 2 mal so tief unter dem Niveau liegt, liefert

√2 mal so viel Wasser, und eine Öffnung, welche 2 mal so viel Wasser

liefern soll, muß 4 mal so tief unter dem Niveau liegen.

Die Menge des in einer gewissen Zeit ausfließenden Wassers ist gleich

dem Produkt aus Querschnitt mal Geschwindigkeit, also = ~q · v~, oder =

~q · √(2 g h)~ in jeder Sekunde.

In Wirklichkeit ist die Ausflußmenge stets geringer als eben berechnet.

Dies rührt her von einer ^Zusammenziehung des ausfließenden Strahles^,

welche beginnt, sobald das Wasser die Mündung verläßt, so daß nicht der

Querschnitt der Mündung sondern der Querschnitt der dünnsten Stelle des

ausfließenden Strahles als Ausflußöffnung anzusehen ist.

Ist die Ausflußöffnung in einer dünnen Wand ohne Ausflußrohr, so ist

die wirkliche Ausflußmenge nur 0,6 der berechneten. Bei konischem

Ansatzrohre, dessen Form dem sich zusammenziehenden Strahle

entspricht, ist die Ausflußmenge so groß, wie berechnet, wenn man den

vordersten engsten Querschnitt des Rohres als Ausflußöffnung

betrachtet. Ein cylindrisches (kurzes) Ansatzrohr liefert mehr Wasser

als die bloße Öffnung von gleichem Querschnitt, jedoch weniger als ein

konisches Rohr von gleichem vorderen Querschnitt.

Wenn das Wasser aus einer Öffnung fließt, so ist es gleichgültig, ob der

das Ausfließen bewirkende Druck herrührt von einer Wassersäule oder von

einer anderen Kraft, etwa dem ^Drucke komprimierter Luft^, wie beim

Heronsballe oder dem Windkessel einer Feuerspritze. Da ein Überdruck von

1 Atmosphäre gleich ist dem Druck einer Wassersäule von 10 _m_ Höhe

(genauer 10,33 _m_ Höhe = 76 · 13,596 _cm_), so muß das Wasser so rasch

ausfließen, daß es eine Steighöhe von 10,33 _m_ erreichen kann; seine

Geschwindigkeit ist √(2~g~ · 10,33) = 14,23 _m_.

Bei einem Überdruck von ~p~ Atmosphären ist die Ausflußgeschwindigkeit =

~√(2 g · p · 10,33)~ _m_; #die Ausflußgeschwindigkeiten sind den

Quadratwurzeln ans den Überdrücken proportional#.

Ist der Heronsball mit Spiritus (sp. G. = ~s~, etwa = 0,81) beschickt,

so entspricht einem Überdrucke von einer Atmosphäre eine Höhe von

10,33 10,33

----- _m_ = ----- = 12,7 _m_

s 0,81

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 294 / 340 题