Wir nennen einen Körper weiß, wenn er von allen auf ihn fallenden
Lichtstrahlen einen gleichen Bruchteil reflektiert, so daß das
zurückgeworfene Licht dieselbe Zusammensetzung hat wie das auffallende;
im Sonnenlicht erscheint er weiß, in blauem Lichte blau, und von der
Natriumflamme beleuchtet erscheint er gelb.
#Wenn ein dunkler Körper nicht alle auf ihn auffallenden Lichtstrahlen
in demselben Verhältnis zurückwirft, so erscheint er uns farbig#, z. B.
rot, wenn er vorzugsweise die roten Strahlen reflektiert, die übrigen
aber absorbiert. Da jeder Stoff hiebei zwar eine Farbe besonders gut,
aber auch noch alle andern Farben, wenn auch schwach reflektiert, so
sind die Farben solcher Körper unrein.
Wird ein Stoff mit einfarbigem Licht beleuchtet, so kann er natürlich
nur solches Licht reflektieren und erscheint demnach in dieser Farbe,
und zwar stark leuchtend, wenn er diese Farbe reflektieren kann, dunkel,
wenn er diese nicht oder nur schwach reflektieren kann.
Werden die Lichtstrahlen des Spektrums durch eine Sammellinse vereinigt,
so erhält man Weiß. Schließt man hiebei eine Farbe von der Vereinigung
aus, indem man etwa durch einen Streifen Papier die grünen Strahlen
abhält, so geben die übrigen eine Farbe, die mit einer Spektralfarbe
verglichen werden kann, in unserem Falle Rot. Dieses Rot ist keine
reine, sondern eine Mischfarbe. Ausschließen von Orange gibt Blau und
Ausschließen von Gelb gibt Violett und umgekehrt.
Da Rot aus Weiß entsteht durch Ausschließen von Grün, so muß Rot und
Grün gemischt wieder Weiß geben, ebenso Orange und Blau, Gelb und
Violett. ^Man nennt zwei Farben, welche miteinander gemischt Weiß
geben^, #Komplementär- oder Ergänzungsfarben#. Man zeigt dies, entweder
indem man zwei Farben aus dem Spektrum auswählt und vereinigt, oder
durch den #Farbenkreisel#, einen schweren scheibenförmigen Kreisel.
Befestigt man auf ihm eine Papierscheibe, bei welcher ein Sektor rot,
der andere grün bemalt ist, so mischen sich bei der Rotation im Auge die
Farbeneindrücke und er erscheint weiß, je besser nach Intensität und Ton
die Farben gewählt sind. Sind die Farben hiebei komplementär, so
erscheint eine Mischfarbe.
Wenn man vor einen großen weißen Schirm ein Stück farbigen Papiers hält,
etwa grünes, dieses bei guter Beleuchtung lange und stark fixiert, es
dann rasch vom Schirm entfernt und nun den Schirm anblickt, so sieht
man auf dem Schirm ein #farbiges Nachbild# des entfernten Papieres und
zwar ^in der Komplementärfarbe^, also rot. Denn durch das lange
Betrachten des grünen Papieres wird unser Auge unempfindlich oder doch
weniger empfindlich für Grün. Betrachtet man mit dem so geschwächten
Auge den weißen Schirm, so empfindet das Auge noch alle Farben des Weiß,
mit Ausnahme des Grün; die Vereinigung dieser Farben gibt aber die
Komplementärfarbe Rot. Das Nachbild verschwindet bald, da das Auge sich
wieder erholt. Da die rote Farbe des Nachbildes in Wirklichkeit nicht
vorhanden ist, sondern durch die besondere Beschaffenheit (Ermüdung)
unseres Auges bedingt ist, so nennt man sie eine #subjektive Farbe#. Der
Versuch gelingt ebenso mit jeder anderen Farbe, sowie mit Hell und
Dunkel.
Legt man eine kleine grüne Papierscheibe auf einen roten Schirm, fixiert
das Grüne, und entfernt es, so erblickt man auf dem roten Schirm ein
viel lebhafter rotes Nachbild der grünen Scheibe; auch dies erklärt man
durch das komplementäre rote Nachbild des Grünen, das sich aus den nicht
roten Farben des unreinen Rot zusammensetzt und sich mit dem schon
vorhandenen Rot zu lebhafter Farbe zusammensetzt. Der Versuch gelingt
ebenso mit jeder Farbe, die auf einem Hintergrund von komplementärer
Farbe ruht. Da jede solche Farbe im stande ist, die benachbarte
komplementäre Farbe durch das gleichfarbige subjektive Nachbild zu
heben, so nennt man zwei komplementäre Farben auch #Kontrastfarben#.
Orangefarbige oder goldgelbe Streifen auf blauem Grund erscheinen
deshalb leuchtender und glänzender, rote Streifen auf grünem Grund
treten hervor. Sind solche Streifen nicht in der Kontrastfarbe
ausgeführt, so werden sie durch die Grundfarbe nicht gehoben, bleiben
schwach, erscheinen sogar noch matter. So erscheint eine grüne Zeichnung
auf gelbem Grunde oder eine blaue Zeichnung auf rotem Grunde matt und
erdig. Denn das Grüne wird durch das blaue Nachbild des gelben Grundes
zu einer matten Farbe abgeschwächt, ebenso die blaue Zeichnung durch das
grüne Nachbild des roten Grundes.