234. Farben dunkler Körper. Komplementäre Farben.

Wir nennen einen Körper weiß, wenn er von allen auf ihn fallenden

Lichtstrahlen einen gleichen Bruchteil reflektiert, so daß das

zurückgeworfene Licht dieselbe Zusammensetzung hat wie das auffallende;

im Sonnenlicht erscheint er weiß, in blauem Lichte blau, und von der

Natriumflamme beleuchtet erscheint er gelb.

#Wenn ein dunkler Körper nicht alle auf ihn auffallenden Lichtstrahlen

in demselben Verhältnis zurückwirft, so erscheint er uns farbig#, z. B.

rot, wenn er vorzugsweise die roten Strahlen reflektiert, die übrigen

aber absorbiert. Da jeder Stoff hiebei zwar eine Farbe besonders gut,

aber auch noch alle andern Farben, wenn auch schwach reflektiert, so

sind die Farben solcher Körper unrein.

Wird ein Stoff mit einfarbigem Licht beleuchtet, so kann er natürlich

nur solches Licht reflektieren und erscheint demnach in dieser Farbe,

und zwar stark leuchtend, wenn er diese Farbe reflektieren kann, dunkel,

wenn er diese nicht oder nur schwach reflektieren kann.

Werden die Lichtstrahlen des Spektrums durch eine Sammellinse vereinigt,

so erhält man Weiß. Schließt man hiebei eine Farbe von der Vereinigung

aus, indem man etwa durch einen Streifen Papier die grünen Strahlen

abhält, so geben die übrigen eine Farbe, die mit einer Spektralfarbe

verglichen werden kann, in unserem Falle Rot. Dieses Rot ist keine

reine, sondern eine Mischfarbe. Ausschließen von Orange gibt Blau und

Ausschließen von Gelb gibt Violett und umgekehrt.

Da Rot aus Weiß entsteht durch Ausschließen von Grün, so muß Rot und

Grün gemischt wieder Weiß geben, ebenso Orange und Blau, Gelb und

Violett. ^Man nennt zwei Farben, welche miteinander gemischt Weiß

geben^, #Komplementär- oder Ergänzungsfarben#. Man zeigt dies, entweder

indem man zwei Farben aus dem Spektrum auswählt und vereinigt, oder

durch den #Farbenkreisel#, einen schweren scheibenförmigen Kreisel.

Befestigt man auf ihm eine Papierscheibe, bei welcher ein Sektor rot,

der andere grün bemalt ist, so mischen sich bei der Rotation im Auge die

Farbeneindrücke und er erscheint weiß, je besser nach Intensität und Ton

die Farben gewählt sind. Sind die Farben hiebei komplementär, so

erscheint eine Mischfarbe.

Wenn man vor einen großen weißen Schirm ein Stück farbigen Papiers hält,

etwa grünes, dieses bei guter Beleuchtung lange und stark fixiert, es

dann rasch vom Schirm entfernt und nun den Schirm anblickt, so sieht

man auf dem Schirm ein #farbiges Nachbild# des entfernten Papieres und

zwar ^in der Komplementärfarbe^, also rot. Denn durch das lange

Betrachten des grünen Papieres wird unser Auge unempfindlich oder doch

weniger empfindlich für Grün. Betrachtet man mit dem so geschwächten

Auge den weißen Schirm, so empfindet das Auge noch alle Farben des Weiß,

mit Ausnahme des Grün; die Vereinigung dieser Farben gibt aber die

Komplementärfarbe Rot. Das Nachbild verschwindet bald, da das Auge sich

wieder erholt. Da die rote Farbe des Nachbildes in Wirklichkeit nicht

vorhanden ist, sondern durch die besondere Beschaffenheit (Ermüdung)

unseres Auges bedingt ist, so nennt man sie eine #subjektive Farbe#. Der

Versuch gelingt ebenso mit jeder anderen Farbe, sowie mit Hell und

Dunkel.

Legt man eine kleine grüne Papierscheibe auf einen roten Schirm, fixiert

das Grüne, und entfernt es, so erblickt man auf dem roten Schirm ein

viel lebhafter rotes Nachbild der grünen Scheibe; auch dies erklärt man

durch das komplementäre rote Nachbild des Grünen, das sich aus den nicht

roten Farben des unreinen Rot zusammensetzt und sich mit dem schon

vorhandenen Rot zu lebhafter Farbe zusammensetzt. Der Versuch gelingt

ebenso mit jeder Farbe, die auf einem Hintergrund von komplementärer

Farbe ruht. Da jede solche Farbe im stande ist, die benachbarte

komplementäre Farbe durch das gleichfarbige subjektive Nachbild zu

heben, so nennt man zwei komplementäre Farben auch #Kontrastfarben#.

Orangefarbige oder goldgelbe Streifen auf blauem Grund erscheinen

deshalb leuchtender und glänzender, rote Streifen auf grünem Grund

treten hervor. Sind solche Streifen nicht in der Kontrastfarbe

ausgeführt, so werden sie durch die Grundfarbe nicht gehoben, bleiben

schwach, erscheinen sogar noch matter. So erscheint eine grüne Zeichnung

auf gelbem Grunde oder eine blaue Zeichnung auf rotem Grunde matt und

erdig. Denn das Grüne wird durch das blaue Nachbild des gelben Grundes

zu einer matten Farbe abgeschwächt, ebenso die blaue Zeichnung durch das

grüne Nachbild des roten Grundes.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 247 / 340 题