226. Das Stereoskop.

Betrachten wir einen körperlichen Gegenstand mit beiden Augen, so sind

die beiden Netzhautbilder nicht identisch, sondern wegen der

verschiedenen Stellung der Augen zum Gegenstande selbst etwas

verschieden und zwar nicht bloß durch die gegenseitige Lage der Punkte

und die verschiedene Beleuchtung der Flächen, sondern es kommt auch vor,

daß wir manche Flächen oder Flächenteile mit dem einen Auge noch sehen,

während wir sie mit dem anderen Auge nicht mehr sehen. Diese

Verschiedenartigkeit kommt uns meistens nicht zum Bewußtsein, vermittelt

aber das körperliche, räumliche Sehen.

Wenn wir eine Abbildung eines Körpers, eine Zeichnung oder ein Gemälde

betrachten, so schließen wir nur aus der Art der Darstellung, daß die

Punkte im Raume verschieden verteilt sind; aber den Eindruck, als wenn

ein solcher Körper wirklich vor uns wäre, bekommen wir nicht. Jedoch

können wir den Eindruck des körperlichen Sehens hervorrufen, wenn wir

dafür sorgen, daß in jedem Auge gerade ein solches Bild entsteht, wie es

entstehen würde, wenn jedes Auge für sich den Körper betrachten würde.

Man verschafft sich zwei Abbildungen des Körpers, so, wie er mit dem

einen Auge betrachtet aussieht, und so, wie er mit dem anderen Auge

erscheint, stereoskopische Bilder, und betrachtet sie mit dem Stereoskop

(Wheatstone 1838, verbessert von Brewster).

[Abbildung: Fig. 302.]

In ein Kästchen werden unten die beiden Bilder nebeneinander gelegt,

oben sind zwei schwach prismatische Gläser angebracht mit bikonvexen

Flächen; sie bewirken (als Prismen), daß wir die beiden Bilder gegen die

Mitte gerückt sehen so, als wenn sie von demselben Orte herkämen, und

(als schwache Lupen) daß wir die Bilder zugleich etwas vergrößert und in

der Akkommodationsweite sehen. Da hiedurch in beiden Augen

Netzhautbilder entstehen, welche einem wirklich vorhandenen Körper

entsprechen, so hat man den Eindruck, als wenn man den Körper selbst vor

sich sähe, man sieht körperlich oder stereoskopisch.

In Figur 302 ist durch die Lage von drei Punkten angedeutet, wie die

stereoskopischen Bilder des erhabenen Gegenstandes aussehen, und wie

deren Lichtstrahlen von den Prismen abgelenkt werden, als kämen sie vom

Gegenstande selbst her.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 239 / 340 题