Betrachten wir einen körperlichen Gegenstand mit beiden Augen, so sind
die beiden Netzhautbilder nicht identisch, sondern wegen der
verschiedenen Stellung der Augen zum Gegenstande selbst etwas
verschieden und zwar nicht bloß durch die gegenseitige Lage der Punkte
und die verschiedene Beleuchtung der Flächen, sondern es kommt auch vor,
daß wir manche Flächen oder Flächenteile mit dem einen Auge noch sehen,
während wir sie mit dem anderen Auge nicht mehr sehen. Diese
Verschiedenartigkeit kommt uns meistens nicht zum Bewußtsein, vermittelt
aber das körperliche, räumliche Sehen.
Wenn wir eine Abbildung eines Körpers, eine Zeichnung oder ein Gemälde
betrachten, so schließen wir nur aus der Art der Darstellung, daß die
Punkte im Raume verschieden verteilt sind; aber den Eindruck, als wenn
ein solcher Körper wirklich vor uns wäre, bekommen wir nicht. Jedoch
können wir den Eindruck des körperlichen Sehens hervorrufen, wenn wir
dafür sorgen, daß in jedem Auge gerade ein solches Bild entsteht, wie es
entstehen würde, wenn jedes Auge für sich den Körper betrachten würde.
Man verschafft sich zwei Abbildungen des Körpers, so, wie er mit dem
einen Auge betrachtet aussieht, und so, wie er mit dem anderen Auge
erscheint, stereoskopische Bilder, und betrachtet sie mit dem Stereoskop
(Wheatstone 1838, verbessert von Brewster).
[Abbildung: Fig. 302.]
In ein Kästchen werden unten die beiden Bilder nebeneinander gelegt,
oben sind zwei schwach prismatische Gläser angebracht mit bikonvexen
Flächen; sie bewirken (als Prismen), daß wir die beiden Bilder gegen die
Mitte gerückt sehen so, als wenn sie von demselben Orte herkämen, und
(als schwache Lupen) daß wir die Bilder zugleich etwas vergrößert und in
der Akkommodationsweite sehen. Da hiedurch in beiden Augen
Netzhautbilder entstehen, welche einem wirklich vorhandenen Körper
entsprechen, so hat man den Eindruck, als wenn man den Körper selbst vor
sich sähe, man sieht körperlich oder stereoskopisch.
In Figur 302 ist durch die Lage von drei Punkten angedeutet, wie die
stereoskopischen Bilder des erhabenen Gegenstandes aussehen, und wie
deren Lichtstrahlen von den Prismen abgelenkt werden, als kämen sie vom
Gegenstande selbst her.