[Abbildung: Fig. 232.]
Wenn wellenförmige Bewegungen von verschiedenen Orten her an demselben
Punkte ankommen, so heben sie sich auf, oder schwächen sich wenigstens,
wenn sie den Punkt zugleich nach entgegengesetzten Richtungen zu bewegen
suchen. #Die Wellen interferieren oder stören sich.#
Man hält ein Rohr, das oben mit einer elastischen Membran überspannt ist
und nach unten sich gabelt (Fig. 232) mit den unteren Enden über
benachbarte Teile einer in aliquoten Teilen schwingenden Saite, die ja
stets nach entgegengesetzten Richtungen schwingen, so heben sich die in
die Röhren eindringenden Wellen derart auf, daß die Membran oben gar
nicht schwingt, was man daran sieht, daß aufgestreute Sandkörner in Ruhe
bleiben.
Wenn zwei Saiten oder Orgelpfeifen nahezu auf denselben Ton gestimmt
sind, so daß sie nur um 1 oder 2 Schwingungen in der Sekunde
differieren, so hört man nur ^einen^ Ton, aber man bemerkt ein
gleichmäßiges Anschwellen und Nachlassen der Tonstärke, was man
#Schwebung# nennt.
Differieren beide Saiten um eine Schwingung in der Sekunde, und
schwingen beide eben in derselben Richtung, so verstärken sich ihre
Wellen, und man hört den Ton stark. Aber die eine Saite wird mit ihren
Schwingungen vorauseilen, so daß nach einer halben Sekunde die Saiten
gerade nach entgegengesetzten Richtungen schwingen; ihre Wellen
schwächen sich oder heben sich ganz auf, so daß der Ton verschwindet. Am
Ende der Sekunde machen die Saiten ihre Schwingungen wieder in derselben
Richtung, ihre Töne verstärken sich also wieder, und so geht es fort.
Es entsteht durch Interferenz dieser Wellen ein beständiges Anschwellen
und Nachlassen der Tonstärke. Ist die Schwingungszahl der 2. Saite um 2
pro 1" größer als die der ersten, so hört man zwei Schwebungen in der
Sekunde, u. s. f. ^Die Anzahl der Schwebungen in 1" ist also gleich der
Differenz der Schwingungszahlen in 1"^. Die Figur 233 zeigt die Bahn
eines schwingenden Punktes, welcher von zwei Wellen ~à~ 9 resp. 10
Schwingungen getroffen wird, der also bei je 10 Schwingungen eine
Schwebung macht. Wächst die Zahl der Schwebungen in 1" über 12, so kann
man sie nicht mehr gut einzeln wahrnehmen, es entsteht bei etwa 20
Schwebungen ein Schwirren, bei noch mehr der Eindruck einer schreienden
Dissonanz.
[Abbildung: Fig. 233.]
Steigt die Anzahl der Schwebungen in 1" über 48, so hört man nicht nur
die beiden erzeugenden Töne getrennt, jeden für sich, sondern man hört
^noch einen tieferen Ton, dessen Schwingungszahl eben dieser Anzahl der
Schwebungen entspricht^. Da nun das Ohr von einer großen Anzahl
Schwebungen getroffen wird, die in ihrem Anschwellen und Nachlassen
ebenso regelmäßig verlaufen wie die Schwingungen eines Tones, so
erzeugen diese Schwebungen selbst den Eindruck eines Tones, den man den
^Differenzton^ nennt. Läßt man an Orgelpfeifen einen Grundton (~c~) und
die Quinte (~g~) zugleich tönen, so hört man zugleich die untere Oktave
(~C~) des Grundtones (~c~) als Differenzton.