Die elektrische Kraftübertragung beruht auf folgenden Vorgängen. Leitet
man einen elektrischen Strom in eine Dynamomaschine, ^so wird dadurch
der Anker^ (Siemensspule oder Grammescher Ring) ^in Umdrehung versetzt^;
denn durch den Strom wird zunächst der Elektromagnet magnetisch; aber
auch der Eisenkern des Grammeschen Ringes wird magnetisch und zwar, wenn
etwa die Schleiffedern oben und unten sich befinden (Fig. 209 ~B~), kann
man sich den Kern in 2 Hälften, rechts und links, zerlegt denken, und an
der Art der Bewickelung derselben erkennt man, daß beide oben Südpol und
unten Nordpol haben. Beide Pole werden von den Elektromagnetpolen
abgestoßen resp. angezogen, deshalb kommt der Ring in Drehung und kann
eine Arbeitsmaschine treiben. Es wird also die Energie des elektrischen
Stromes zu mechanischer Arbeit verwendet. Man nennt diejenige Maschine,
durch deren Umdrehen man den Strom erzeugt, ^welche also die aufgewandte
Arbeit in Elektrizität verwandelt, eine^ #dynamoelektrische# ^Maschine^
(Fig. 209 ~A~), und nennt die Maschine, welche durch den elektrischen
Strom in Umdrehung versetzt wird, ^mittels welcher also der elektrische
Strom wieder in Arbeit verwandelt wird, eine^ #elektrodynamische#
^Maschine^ oder einen #elektrischen Motor# (Fig. 209 ~B~). In der
Konstruktion ist kein Unterschied zwischen beiden, #jede
dynamoelektrische oder magnetelektrische Gleichstrommaschine kann auch
als elektrodynamische verwendet werden#.
Sind zwei Maschinen wie in Fig. 209 verbunden, so daß beide vom Strome
der Maschine ~A~ in derselben Richtung durchflossen werden, so dreht
sich ~B~ in entgegengesetzter Richtung, wie ~A~ gedreht wird.
[Abbildung: Fig. 209.]
Es wird wirklich ein Teil der elektrischen Energie dazu verbraucht, um
die mechanische Kraft zu liefern. Denn wenn die elektrodynamische
Maschine gesperrt, d. h. am Umdrehen gehindert ist, so werden wohl die
Eisenkerne magnetisch, der Strom verläuft wie in freier Leitung, das
Gefälle verteilt sich nach den Ohmschen Gesetzen auf die Drähte der
Bewickelungen und der Leitung, und die ganze Energie des Stromes wird
bloß zu Wärmeerzeugung in diesen Drähten verbraucht. Läßt man aber die
elektrodynamische Maschine gehen, ^so wird ein Teil des Gefälles
verbraucht, um die umdrehende Kraft zu liefern^. Über die Größe der
erzeugten Arbeit gilt derselbe Satz wie früher. ^Eine dynamoelektrische
Maschine liefert für jede Pferdekraft einen Strom von^ 735 ~A V~ (etwas
weniger); ^jede elektrodynamische Maschine liefert für je^ 735 ~A V~
^eine Pferdekraft^ (etwas weniger). Z. B. ein elektrischer Motor wird
von einem Strom von 40 ~A~ gespeist, welcher an seinen Polklemmen noch
110 ~V~ Spannungsdifferenz zeigt; er verbraucht demnach 40 · 110 ~A V~
= 4400 ~A V~ und sollte dafür fast 6 Pferdekräfte liefern. Er liefert
bei guter Konstruktion deren 5.
Wenn die Maschine ~A~ von einer Dampfmaschine oder einer Wasserkraft
getrieben und die dadurch erzeugte Elektrizität nach ~B~ zu der
elektrodynamischen Maschine geleitet wird, so sagt man, #die Kraft ist
elektrisch von ~A~ nach ~B~ übertragen worden#. Es geht naturgemäß von
der in ~A~ aufgewendeten Arbeit ein Teil verloren; denn zum Fließen von
~A~ nach ~B~ (und wieder zurück) braucht die Elektrizität ein Gefälle,
dessen Betrag der durch ~A~ erzeugten Potenzialdifferenz entnommen, in
den Leitungsdrähten in Wärme verwandelt wird und so verloren geht; der
übrig bleibende Betrag der Potenzialdifferenz wird in ~B~ in Arbeit
verwandelt. Bei großen Entfernungen sinkt also der Nutzeffekt.
#Elektrische Eisenbahnen#: An einem Waggon befindet sich die
elektrodynamische Maschine, welche ihre Bewegung dem Rade des Wagens
überträgt und diesen dadurch fortbewegt. Der Strom wird erzeugt durch
eine dynamoelektrische Maschine, die sich auf der Station befindet; er
wird dann in einen Draht geleitet, der wie ein Telegraphendraht neben
der Bahn herläuft, von diesem abgenommen durch eine kleine Schleiffeder
und kommt so in die Maschine. Die Rückleitung geschieht durch die
Schienen. Solche elektrische Eisenbahnen werden mit Vorteil zu
Straßenbahnen, für Tunnels, unterirdische Eisenbahnen und Bergwerke,
wohl auch für Vollbahnen verwendet.