86. Kompaß, Deklination, Inklination.

Zur Auffindung der Himmelsrichtung benützt man eine auf einer feinen

Spitze leicht drehbar aufgesetzte Magnetnadel und nennt sie ^Kompaß^

oder ^Bussole^. Die Nadel befindet sich dabei meist in einem mit

Glasdeckel versehenen Kästchen (~boussole~ heißt Kapsel) und spielt über

einem Kreise, der in Grade oder in die Himmelsrichtungen geteilt ist.

Auf einem Schiffe würde die Nadel wegen der Schwankungen des Schiffes an

der freien Bewegung verhindert sein; man wendet deshalb die ^kardanische

Aufhängung an^: die Kapsel ist mit zwei gegenüberstehenden Stiften in

einem Ringe drehbar befestigt, und der Ring selbst ist auch in zwei

gegenüberstehenden Stiften drehbar befestigt, wobei deren

Verbindungslinie senkrecht steht zu der der beiden anderen Stifte.

Dadurch stellt sich der Boden der Kapsel, deren Schwerpunkt ziemlich

tief liegt, stets horizontal, wie sich auch das Schiff dreht oder neigt.

[Abbildung: Fig. 111.]

[Abbildung: Fig. 112.]

Die Magnetnadel weicht von der Nordrichtung etwas nach Westen ab. Die

Richtung der Magnetnadel, sowie auch eine durch sie gelegte

Vertikalebene nennt man den #magnetischen Meridian#. Diese Abweichung

der Magnetnadel von der Nordrichtung nennt man #magnetische

Deklination#. Sie ist bei uns ca. 10° westlich und von Ort zu Ort

verschieden. Durch das östliche Amerika verläuft eine Linie ungefähr von

~N~ nach ~S~, auf welcher die Deklination gleich Null ist; sie heißt die

^agonische^ Linie; westlich von ihr wird die Deklination östlich, ist in

Asien meist sehr gering bis zur zweiten agonischen Linie, welche vom

östlichen Europa schräg gegen Australien zieht; westlich dieser Linie

ist die Deklination westlich. Verbindet man alle Punkte der

Erdoberfläche, welche denselben Betrag der Deklination haben, durch

Linien, ^Isogonen^, Linien gleicher Deklination, so gehen diese Linien

in der Hauptrichtung von Nord nach Süd. (Fig. 113.) Ihr Schnittpunkt auf

~Boothia felix~ heißt der #magnetische Nordpol der Erde# (Rooß 1831);

der im südlichen Eismeer vermutete magnetische Südpol der Erde ist noch

nicht erreicht worden.

[Abbildung: Fig. 113.]

Die Deklination ändert sich beständig, nimmt bei uns jetzt eben ab,

jährlich um etwa 0,16°, während sie früher zunahm und im Jahre 1814

ihren größten westlichen Betrag hatte. Diese Änderung heißt die

^säkulare Änderung der Deklination^. Ferner ändert sich die Deklination

täglich; indem sie täglich eine kleine Schwankung von 8-15' nach Ost und

West macht: ^tägliche Variation^ (Graham 1722). Schließlich ändert sie

sich hie und da unregelmäßig, plötzlich und stark, und kehrt dann zur

normalen Größe zurück; diese Störungen treten meist gleichzeitig mit

Nordlichtern auf, weshalb man dieselben auch ^magnetische Gewitter

nennt^. (Zuerst beobachtet von Halley 1716.)

[Abbildung: Fig. 114.]

Wenn man eine in ihrem Schwerpunkte befestigte Magnetnadel um eine

^horizontale^ Achse frei schwingen läßt und in die Richtung des

magnetischen Meridians bringt, so neigt sich bei uns das ^Nordende nach

abwärts^; #magnetische Inklination#. Sie beträgt bei uns über 60°, ist

gegen den magnetischen Nordpol zu größer, beträgt dort 90° und ist gegen

den Äquator zu kleiner. Sie wird gleich Null auf einer Linie, die in

der Nähe des Äquators läuft, ^magnetischer Äquator^, und ist südlich

derselben auch südlich, d. h. die Nadel neigt das Südende nach abwärts.

Linien, welche Punkte gleicher Inklination verbinden, heißen Isoklinen.

[Abbildung: Fig. 115.]

Wie die magnetische Kraft auf der Erde verteilt ist, sieht man an Fig.

115. Die dort verzeichneten Linien geben an, in welcher Richtung an

jedem Punkt die magnetische Kraft (wenigstens in horizontalem Sinne)

wirkt. Die Richtung einer Linie in irgend einem Punkte gibt die Richtung

des magnetischen Meridians, das ist die Richtung, welche eine

horizontale Magnetnadel annimmt. Der Verlauf jeder Linie gibt an,

welchen Weg man machen würde, wenn man stets in der Richtung der

Magnetnadel weitergehen würde. Sie geben (in horizontalem Sinne) den

Verlauf der magnetischen Kraftlinien auf der Erdoberfläche.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 90 / 340 题