^Wenn ein Dampf eine Dichte und Spannkraft hat, die seiner Temperatur
entspricht, so ist er gesättigt^, er kann nicht mehr Wasser (oder
überhaupt Flüssigkeit) aufnehmen; wenn seine Temperatur wächst, kann er
wieder Wasser aufnehmen, wenn sie sinkt, muß er Wasser ausscheiden.
^Überhitzter Dampf ist Dampf, dessen Dichte und Spannkraft kleiner ist,
als sie vermöge der Temperatur sein sollten^; man erhält ihn am
einfachsten, wenn man im verschlossenen Gefäße gesättigten Wasserdampf
etwa von 100° bei Abwesenheit von Wasser ^weiter erwärmt^, etwa auf
200°. Dabei steigt seine Dichte gar nicht, seine Spannkraft nur wenig
nach dem Gay-Lussak’schen Gesetz; sie steigt etwa auf 1¹/₃ Atm., während
sie bei 200° 15 Atm. betragen sollte. Der Dampf ist überhitzt. #Durch
Abkühlung wird er wieder gesättigt.#
#Die gewöhnlichen Gase sind anzusehen als überhitzte Dämpfe.# Wenn man
Kohlensäure sehr tief abkühlt, so wird sie flüssig, besonders wenn man
sie zugleich zusammenpreßt. Wenn man durch eine Kompressionspumpe immer
mehr Kohlensäure in ein starkes Gefäß preßt, das durch herumgelegtes
Eis auf 0° erhalten wird, so wächst nach dem Mariotte’schen Gesetz die
Spannkraft der Kohlensäure bis 40 Atmosphären. Dann aber steigt die
Spannkraft nicht mehr, sondern wenn man noch mehr Kohlensäure
hineinpumpt, so verwandelt sich stets ebensoviel Kohlensäure in eine
Flüssigkeit. Kohlensäure von 0° und 1 Atm. ist also nicht gesättigt: sie
ist anzusehen als der überhitzte Dampf einer Flüssigkeit. Ebenso lassen
sich viele Gase flüssig machen, z. B. schwefelige Säure, Ammoniak,
Schwefelwasserstoff, Kohlensäure, Stickoxyd u. s. w. Solche Gase nannte
man koerzible Gase. Manche Gase ließen sich aber nicht flüssig machen;
man nannte sie deshalb #inkoerzibel# oder #permanent#; solche sind:
Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Leuchtgas. In neuester Zeit hat man
auch sie flüssig gemacht.
Wenn man flüssige Kohlensäure bei einer feinen Öffnung ausströmen läßt,
so verwandelt sie sich wieder in luftförmige; aber hiebei verbraucht sie
so viel Wärme, daß die noch weiter herausspritzende in dem erzeugten
kalten Raume sogar gefriert und als Schnee zu Boden fällt. Die gefrorene
Kohlensäure zeigt eine Kälte von etwa -79° und mit Äther gemischt von
-100° (ca.). Hineingegossenes Quecksilber gefriert und wird fest wie
Silber.
----------------+---------+----------+-----------+-----------
|Kritische|Kritischer|Siedepunkt.|Flüssig bei
|Temperat.| Druck. | | 0° und
================+=========+==========+===========+===========
Sauerstoff | -119° | 51 | -184° |
Wasserstoff | -234° | 20 | -243° |
Wasser | 370° | 196 | 100° |
Stickstoff | -146° | 35 | -194° |
Ammoniak | | -- | -33,7° | 4,2
Schweflige Säure| -- | -- | -8° | 1,4
Chlor | +146° | | -33,6° | 6
Chlorwasserstoff| +52° | 86 | -80° | 29
Kohlensäure | +31° | 72 | -78° | 36
Kohlenoxyd | -139° | 36 | -190° | --
Äthylen | -- | -- | -103° | 45
Acetylen | | | | 21½
Für jedes Gas gibt es eine gewisse Temperatur, #die kritische
Temperatur# (Andrews 1874), oberhalb welcher es durch keinen noch so
hohen Druck in eine Flüssigkeit verwandelt werden kann. Derjenige Druck,
welcher das Gas bei der kritischen Temperatur verflüssigt, heißt der
#kritische Druck#. Unterhalb der kritischen Temperatur läßt sich jedes
Gas in eine Flüssigkeit verwandeln, und es ist der hiezu nötige Druck um
so kleiner, je niedriger die Temperatur ist. Diejenige Temperatur, bei
welcher sich ein flüssiger Stoff (flüssiges Gas) unter gewöhnlichem
Druck in gesättigten Dampf verwandelt und umgekehrt, heißt der
Siedepunkt. Gelingt es, ein Gas etwas unter seinem Siedepunkt
abzukühlen, so wird es schon bei gewöhnlichem Druck flüssig. In obiger
Tabelle ist in der letzten Spalte derjenige Druck in Atmosphären
angegeben, welcher ein Gas bei 0° flüssig macht.