22. Allgemeine Eigenschaften der flüssigen Körper.

Die Lehre von den flüssigen Körpern heißt ^Hydraulik^, die Lehre vom

Gleichgewichte derselben heißt ^Hydrostatik^, die von der Bewegung

derselben ^Hydrodynamik^.

Die flüssigen Körper unterscheiden sich von den festen durch die

#leichte Verschiebbarkeit ihrer Teilchen#. Bei einem festen Körper sind

die Teilchen nicht verschiebbar, stehen in starrem Verband. Man kann

wohl die Teilchen gegenseitig etwas nähern oder entfernen, oder durch

Biegung aus einer geraden Anordnung eine krummlinige machen, aber all

dies nicht so weit, daß die Anordnung eine andere würde, oder die

Teilchen andere Nachbarn bekämen.

Bei den flüssigen Körpern kann man den Teilchen leicht ^jede beliebige

Anordnung^ geben. Durch Umrühren der Flüssigkeit bekommen die Teilchen

immer andere ^Nachbarn und zeigen dann keineswegs das Bestreben, in die

ursprüngliche Lage zurückzukehren^. Die Teilchen lassen sich leicht

voneinander trennen, zeigen also geringe Kohäsion und ^vereinigen sich

beim Zusammenbringen wieder so vollständig wie zuerst^. Flüssige Körper

befinden sich demnach in einem anderen #Aggregatszustande# als feste

Körper. Beim festen Aggregatszustande befinden sich die Moleküle im

stabilen Gleichgewichte, #beim flüssigen Aggregatszustande im

indifferenten Gleichgewichte#.

^Die Schwerkraft allein genügt, die Verschiebung der Teilchen

hervorzubringen^. Wasser nimmt durch den Druck der Schwere die Form des

Gefäßes an und erfüllt alle Teile. #Ein flüssiger Körper hat keine

selbständige Gestalt.# Eine Flüssigkeit benetzt einen Körper, wenn die

^Adhäsionskraft^ zwischen dem festen und flüssigen Körper stärker ist

als die ^Kohäsion^ des flüssigen Körpers; die Glasteilchen an der

Oberfläche des Glases ziehen die Wasserteilchen stärker an als die

Wasserteilchen sich selbst anziehen; deshalb bleibt eine Schichte Wasser

an dem Glase hängen und die Schwerkraft allein ist nicht imstande, sie

loszureißen. Hierauf beruht das Leimen, Kleistern, Kitten, Löten,

Schweißen, Mörteln u. s. w. Man bringt stets zwischen die zwei festen

Körper, die vereinigt werden sollen, einen flüssigen, der an beiden gut

adhäriert und läßt den flüssigen Körper dann fest werden. Quecksilber

benetzt fast alle Metalle, jedoch nicht Eisen und die nicht metallischen

Körper.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 24 / 340 题