Achter Brief

Ich begreife nicht, warum die wahren Deutschen noch nicht dagegen

protestierten, daß die Alldeutschen sich Alldeutsche nennen. Sie sind

doch so undeutsch! Nichts ist doch bislang undeutscher gewesen, wie

Ungedanklichkeit und Hochmut. Und welches Deutschtum, ich bitte dich,

haben diese allbetriebsamen Leute hinter sich? Auf welche Tradition

dürfen sich diese plötzlichen Emporkömmlinge berufen, die nichts sind,

wie eine ausgefallene Generation, Ahnen und Urenkel in einem, Insulaner

ohne die Entschuldigung, daß sie auf einer Insel wohnen, Anabaptisten,

die ihre Wiedergeburt feiern? Etwa nicht? Übertönt hier etwa nicht wie

einst das wilde Geschrei einer kleinen, aber verderblichen Sekte? Ist

dies etwa nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus?

Und schleppen wir uns nicht, noch immer, mit dem Agens verflossener

Irrtümer, über welche sich dann immer die Nachwelt so erhaben fühlt, daß

sie ihr einen unerklärlichen Wahnsinn dünken? O, ich weiß sehr wohl, was

man über kurz oder lang von den Radau-Alldeutschen sagen wird, aber es

hindert gar nicht, daß sie heute die Unbesonnenen verwirren dürfen und

daß ihnen ein zu höchster Vervollkommnung berufenes Volk es verdankt,

daß es verkannt und ungeliebt ist wie nur eins. Und keines ist doch von

so weitem Flug, wenn auch keines so beschwert. Es ist das geistigste und

geistverlassenste, das potenziell höchste, das effektiv gefährdetste,

der Heimgarten aller Gegensätze, in welchem die blaue Blume tiefer

aufleuchtet, zugleich wilder überwuchert steht, als irgendwo. Mit

größerem Ernst als dieses überduldsame Volk hat keines die Parole von

der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, die seine stürmischeren

Brüder prägten, zu Taten aufgegriffen; keines war so getragen von dem

Gefühl, daß der eigene Niederschlag, die eigenen Verkommenen, das eigene

Gesindel, der eigene Pöbel . . . zugleich die eigene Schmach einer

Nation umfaßt; und schritt es da nicht schon gerade darauf aus, die

Armut aus seinem Bereiche zu verbannen und die Entwürdigung der

Niedrigen nicht mehr zu dulden? Auf eine Sanierung nach dieser Seite hin

so bedacht, daß es andere Dinge übersah, wo Anderer Augen geübteren

Blickes gar aufmerksam nach den Wetterzeichen schauten und sich

vorsahen, damit, wenn der gefürchtete Sturm sich entfesseln sollte

inmitten der Luft, die sie entzünden halfen, nicht _sie_ die

Inkriminierten, nicht auf _sie_ das Odium fallen, nicht sie: Feuer!

sondern: »_Wir_ sind es nicht gewesen!« rufen dürften.

Ich tadle sie darum nicht! Es ist nur recht zu wissen, was die Geste

wert ist, und man ist der Schlechtere nicht, weil man der Gerissenere

ist.

Doch um so bedeutsamer bleibt, daß kraft seiner stetig sich veredelnden

Arbeiterbevölkerung und eines Bauernstandes, der vielfach eine

Adelsklasse für sich bildet, das politisch unreifste Volk dennoch in

gewisser Hinsicht das demokratischste geworden war, denn wenn es auch

keinen König hingerichtet hat, so wäre es dafür gegen ein »East-End«

schon lange in Aufruhr. Es würde rebellieren, bevor es sich, wie das

herrische London, eine ganze Stadt organisierter Slums, organisierten

Verbrechertums, organisierter Elender -- british subjects auch sie -- an

die marmornen Flanken schmieden ließe; oder bevor es, wie das

schimmernde, ewig holdselige Paris so finster umgürtet stünde, daß

nachts die Apachen -- Franzosen auch sie -- Wölfen gleich das Innere der

Stadt wie ein feindliches Lager beschlichen. Denn _sein_ Wohlstand kam

den Enterbten weiter entgegen, in keinem Lande war die Armut so bedingt,

nirgends hatte sich der einzelne Handwerker so individualisiert, seine

Bildung so zu heben vermocht und so menschenwürdig gewohnt.

Und von einem solchen Volk hat eine kleine, allen vernünftigen Deutschen

höchst fatale Korporation ein seelenloses Plakat hinausgegeben, das nun

als typisch gilt, während es die Verneinung alles dessen begreift, was

deutsches Gemüt und deutscher Himmel ist. So haben diese plumpen

Parforce-Germanisierer sich vermessen, in Germaniens lauterem Angesicht

freche, fremde, widerliche Züge einzuzeichnen, die es bis zur

Unkenntlichkeit entstellen. An euren Früchten werde ich euch erkennen:

»Zehn eiserne Gebote« heißt eine alldeutsche Broschüre, die ganz nach

Art und Stil der Wiedertäufer, im Ton der Bibelparaphrase gehalten, ein

Exempel für künftige Psychiater herstellt: »Jene reden von Mitleid und

Schonung, ihr aber sollt eure Feinde vernichten! Krieger, werdet hart!«

lehrt sie, um dann in folgender Saturnalie auszuklingen:

»Wir lieben den Krieg . . .

Wir danken dem Krieg . . . usw.

Ach, wer vor Ausbruch dieses Krieges starb wie du, der ist ja noch mit

der Illusion gegangen, daß gewisse Ausbrüche außerhalb der Umzäunung

eines Narrenhauses nicht mehr möglich seien. Statt dessen fangen jetzt

schon Zahnärzte und Gouvernanten zu delirieren an, und dein Tapezierer

wurde über Nacht von dem Irrsinn angesteckt.

Wer sie doch komisch nehmen dürfte, diese Panslawisten, Pangermanisten,

Imperialisten, Nationalisten usw.! Alles Anabaptisten redivivi, die samt

und sonders auf ein Ziel losrennen, das längst hinter uns liegt.

Trostlos lächerliches Schauspiel! O der Toren, welche da wähnen,

christliche Nationen seien umzubringen als wie Phrygier oder Babylonier!

Und die es wagen, sich weiterhin Christen zu nennen, während sie doch

von dem Niederringen zwischen christlichen Nationen reden. Denn wie

verloren ist an ihnen, und wie unvorhanden, wie ausgeschlossen sind sie

von der Tat, welche die Zeitrechnung unseres Planeten in zwei Hälften

spaltete! Nicht einmal das eine, das einzige In-die-Augen-Springende,

was unsere Zeit vor der Antike voraus hat, nehmen sie wahr: daß der

Pulsschlag der Nationen ein anderer geworden ist; daß, wo solche früher

untergingen, sie sich heute wieder aufrichten, genesen, sich erneuern

können;[3] daß es in dem alten verjährten Sinn eine Dekadenz der Völker

gar nicht mehr gibt, und daß alles Unvernunft ist, was sie von Germanen

contra Romanen, Romanen contra Germanen hin und herüber rufen, daß die

Gefahr ganz anders heißt: Germanen _ohne_ Romanen, Romanen _ohne_

Germanen, weil ihnen außerhalb ihrer Gemeinschaft gleicherweise keine

aufsteigende Linie mehr bevorsteht, sondern sie gleicherweise von der

eigenen Erfüllung sich entfernen müssen.

Du weißt, wie ungehört ich diese künftige Binsenwahrheit seit elf Jahren

in die Welt hinausrufe: Deutschland vernichten hieße sich selbst

vernichten, denn mit ihm »fiele die Welt«. Es ist tausendfach wahr. Aber

nur an den gesunden Wesenselementen des »dekadenten« Frankreich wird das

»gesunde« Deutschland mit der gefährlichen und entstellenden Beule des

Radau-Alldeutschtums mitten in dem göttlichen Antlitz genesen.

[Fußnote 3: Burckhardts Worte aus seiner »Kultur der Renaissance«, die

ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: »Das

scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar

gesundes Volk kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen,

den erst die Gefahr an den Tag bringt.«]

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 13 / 21 题