Ich begreife nicht, warum die wahren Deutschen noch nicht dagegen
protestierten, daß die Alldeutschen sich Alldeutsche nennen. Sie sind
doch so undeutsch! Nichts ist doch bislang undeutscher gewesen, wie
Ungedanklichkeit und Hochmut. Und welches Deutschtum, ich bitte dich,
haben diese allbetriebsamen Leute hinter sich? Auf welche Tradition
dürfen sich diese plötzlichen Emporkömmlinge berufen, die nichts sind,
wie eine ausgefallene Generation, Ahnen und Urenkel in einem, Insulaner
ohne die Entschuldigung, daß sie auf einer Insel wohnen, Anabaptisten,
die ihre Wiedergeburt feiern? Etwa nicht? Übertönt hier etwa nicht wie
einst das wilde Geschrei einer kleinen, aber verderblichen Sekte? Ist
dies etwa nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus?
Und schleppen wir uns nicht, noch immer, mit dem Agens verflossener
Irrtümer, über welche sich dann immer die Nachwelt so erhaben fühlt, daß
sie ihr einen unerklärlichen Wahnsinn dünken? O, ich weiß sehr wohl, was
man über kurz oder lang von den Radau-Alldeutschen sagen wird, aber es
hindert gar nicht, daß sie heute die Unbesonnenen verwirren dürfen und
daß ihnen ein zu höchster Vervollkommnung berufenes Volk es verdankt,
daß es verkannt und ungeliebt ist wie nur eins. Und keines ist doch von
so weitem Flug, wenn auch keines so beschwert. Es ist das geistigste und
geistverlassenste, das potenziell höchste, das effektiv gefährdetste,
der Heimgarten aller Gegensätze, in welchem die blaue Blume tiefer
aufleuchtet, zugleich wilder überwuchert steht, als irgendwo. Mit
größerem Ernst als dieses überduldsame Volk hat keines die Parole von
der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, die seine stürmischeren
Brüder prägten, zu Taten aufgegriffen; keines war so getragen von dem
Gefühl, daß der eigene Niederschlag, die eigenen Verkommenen, das eigene
Gesindel, der eigene Pöbel . . . zugleich die eigene Schmach einer
Nation umfaßt; und schritt es da nicht schon gerade darauf aus, die
Armut aus seinem Bereiche zu verbannen und die Entwürdigung der
Niedrigen nicht mehr zu dulden? Auf eine Sanierung nach dieser Seite hin
so bedacht, daß es andere Dinge übersah, wo Anderer Augen geübteren
Blickes gar aufmerksam nach den Wetterzeichen schauten und sich
vorsahen, damit, wenn der gefürchtete Sturm sich entfesseln sollte
inmitten der Luft, die sie entzünden halfen, nicht _sie_ die
Inkriminierten, nicht auf _sie_ das Odium fallen, nicht sie: Feuer!
sondern: »_Wir_ sind es nicht gewesen!« rufen dürften.
Ich tadle sie darum nicht! Es ist nur recht zu wissen, was die Geste
wert ist, und man ist der Schlechtere nicht, weil man der Gerissenere
ist.
Doch um so bedeutsamer bleibt, daß kraft seiner stetig sich veredelnden
Arbeiterbevölkerung und eines Bauernstandes, der vielfach eine
Adelsklasse für sich bildet, das politisch unreifste Volk dennoch in
gewisser Hinsicht das demokratischste geworden war, denn wenn es auch
keinen König hingerichtet hat, so wäre es dafür gegen ein »East-End«
schon lange in Aufruhr. Es würde rebellieren, bevor es sich, wie das
herrische London, eine ganze Stadt organisierter Slums, organisierten
Verbrechertums, organisierter Elender -- british subjects auch sie -- an
die marmornen Flanken schmieden ließe; oder bevor es, wie das
schimmernde, ewig holdselige Paris so finster umgürtet stünde, daß
nachts die Apachen -- Franzosen auch sie -- Wölfen gleich das Innere der
Stadt wie ein feindliches Lager beschlichen. Denn _sein_ Wohlstand kam
den Enterbten weiter entgegen, in keinem Lande war die Armut so bedingt,
nirgends hatte sich der einzelne Handwerker so individualisiert, seine
Bildung so zu heben vermocht und so menschenwürdig gewohnt.
Und von einem solchen Volk hat eine kleine, allen vernünftigen Deutschen
höchst fatale Korporation ein seelenloses Plakat hinausgegeben, das nun
als typisch gilt, während es die Verneinung alles dessen begreift, was
deutsches Gemüt und deutscher Himmel ist. So haben diese plumpen
Parforce-Germanisierer sich vermessen, in Germaniens lauterem Angesicht
freche, fremde, widerliche Züge einzuzeichnen, die es bis zur
Unkenntlichkeit entstellen. An euren Früchten werde ich euch erkennen:
»Zehn eiserne Gebote« heißt eine alldeutsche Broschüre, die ganz nach
Art und Stil der Wiedertäufer, im Ton der Bibelparaphrase gehalten, ein
Exempel für künftige Psychiater herstellt: »Jene reden von Mitleid und
Schonung, ihr aber sollt eure Feinde vernichten! Krieger, werdet hart!«
lehrt sie, um dann in folgender Saturnalie auszuklingen:
»Wir lieben den Krieg . . .
Wir danken dem Krieg . . . usw.
Ach, wer vor Ausbruch dieses Krieges starb wie du, der ist ja noch mit
der Illusion gegangen, daß gewisse Ausbrüche außerhalb der Umzäunung
eines Narrenhauses nicht mehr möglich seien. Statt dessen fangen jetzt
schon Zahnärzte und Gouvernanten zu delirieren an, und dein Tapezierer
wurde über Nacht von dem Irrsinn angesteckt.
Wer sie doch komisch nehmen dürfte, diese Panslawisten, Pangermanisten,
Imperialisten, Nationalisten usw.! Alles Anabaptisten redivivi, die samt
und sonders auf ein Ziel losrennen, das längst hinter uns liegt.
Trostlos lächerliches Schauspiel! O der Toren, welche da wähnen,
christliche Nationen seien umzubringen als wie Phrygier oder Babylonier!
Und die es wagen, sich weiterhin Christen zu nennen, während sie doch
von dem Niederringen zwischen christlichen Nationen reden. Denn wie
verloren ist an ihnen, und wie unvorhanden, wie ausgeschlossen sind sie
von der Tat, welche die Zeitrechnung unseres Planeten in zwei Hälften
spaltete! Nicht einmal das eine, das einzige In-die-Augen-Springende,
was unsere Zeit vor der Antike voraus hat, nehmen sie wahr: daß der
Pulsschlag der Nationen ein anderer geworden ist; daß, wo solche früher
untergingen, sie sich heute wieder aufrichten, genesen, sich erneuern
können;[3] daß es in dem alten verjährten Sinn eine Dekadenz der Völker
gar nicht mehr gibt, und daß alles Unvernunft ist, was sie von Germanen
contra Romanen, Romanen contra Germanen hin und herüber rufen, daß die
Gefahr ganz anders heißt: Germanen _ohne_ Romanen, Romanen _ohne_
Germanen, weil ihnen außerhalb ihrer Gemeinschaft gleicherweise keine
aufsteigende Linie mehr bevorsteht, sondern sie gleicherweise von der
eigenen Erfüllung sich entfernen müssen.
Du weißt, wie ungehört ich diese künftige Binsenwahrheit seit elf Jahren
in die Welt hinausrufe: Deutschland vernichten hieße sich selbst
vernichten, denn mit ihm »fiele die Welt«. Es ist tausendfach wahr. Aber
nur an den gesunden Wesenselementen des »dekadenten« Frankreich wird das
»gesunde« Deutschland mit der gefährlichen und entstellenden Beule des
Radau-Alldeutschtums mitten in dem göttlichen Antlitz genesen.
[Fußnote 3: Burckhardts Worte aus seiner »Kultur der Renaissance«, die
ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: »Das
scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar
gesundes Volk kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen,
den erst die Gefahr an den Tag bringt.«]