Daß in dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen
bleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt
aufnehmen, der sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich
die Geschichte meiner beiden Vaterländer den Roman, um den das Schicksal
unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?
Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles
verschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann,
sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das
Wirrsal ist zu groß. Ich ersticke. Es ist zu spät. Lasciate . . .
Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe,
wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber
nur von dem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachten wird
endlich, unter tausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse
fortbewegt. Doch die Gemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die
gewagtesten sind. Niemand trägt heute in Europa freieren Gewissens sein
geteiltes und zerhämmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der
Beweis, daß meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte
ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an
das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau
zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer
Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten. Es wäre gemein zu fordern, daß
einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen
angehört, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all
dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als
alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das
weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in
der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten
Häuser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln
beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber
zusammengestürzt.
Du weißt: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch
vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war, ihnen
anzugehören, und daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines
Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehört, wie
unermüdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der
Eurer westlichen Brüder ist für das Heil Europas unerläßlich und die
Stunde für eine Anleihe ihrer Qualitäten hat geschlagen. Denn nicht eher
seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich weiß es schon, Ihr seid gründlicher,
männlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die
politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht
es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen
fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen
voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da!
_Falsch_!
Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz
daheim) eine Versöhnung der deutschen und französischen Elemente
verkörpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung
abzugeben. Die Kluft war ja so groß geworden, daß außer uns, die Mitte
Weges standen, nur ganz Wenige sie überschauen konnten. Doch wer achtete
unser? -- sie wußten es besser, hier wie drüben; und da alles
fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen für erledigte, die Deutschen
für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! -- Indessen
glauben sie's noch immer! Ach und mir dünkt, es ist gerade genug für ein
Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not _eines_ Volkes in
unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage
des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und
seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach _wir_ sind es, die
hätten sterben sollen!