Dritter Brief

Daß in dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen

bleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt

aufnehmen, der sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich

die Geschichte meiner beiden Vaterländer den Roman, um den das Schicksal

unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?

Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles

verschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann,

sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das

Wirrsal ist zu groß. Ich ersticke. Es ist zu spät. Lasciate . . .

Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe,

wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber

nur von dem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachten wird

endlich, unter tausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse

fortbewegt. Doch die Gemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die

gewagtesten sind. Niemand trägt heute in Europa freieren Gewissens sein

geteiltes und zerhämmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der

Beweis, daß meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte

ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an

das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau

zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer

Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten. Es wäre gemein zu fordern, daß

einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen

angehört, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all

dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als

alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das

weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in

der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten

Häuser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln

beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber

zusammengestürzt.

Du weißt: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch

vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war, ihnen

anzugehören, und daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines

Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehört, wie

unermüdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der

Eurer westlichen Brüder ist für das Heil Europas unerläßlich und die

Stunde für eine Anleihe ihrer Qualitäten hat geschlagen. Denn nicht eher

seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich weiß es schon, Ihr seid gründlicher,

männlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die

politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht

es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen

fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen

voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da!

_Falsch_!

Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz

daheim) eine Versöhnung der deutschen und französischen Elemente

verkörpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung

abzugeben. Die Kluft war ja so groß geworden, daß außer uns, die Mitte

Weges standen, nur ganz Wenige sie überschauen konnten. Doch wer achtete

unser? -- sie wußten es besser, hier wie drüben; und da alles

fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen für erledigte, die Deutschen

für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! -- Indessen

glauben sie's noch immer! Ach und mir dünkt, es ist gerade genug für ein

Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not _eines_ Volkes in

unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage

des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und

seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach _wir_ sind es, die

hätten sterben sollen!

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 7 / 21 题