Es ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist),
europäische Worte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber
einer muß doch anfangen. Ich will jedoch niemandem Ungelegenheiten
bereiten, ich will auch nicht mißverstanden werden. Und ich will nicht
diskutieren. Das ist heute zu viel verlangt.
Du und ich aber, wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum
richte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und
du, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du siehst,
wie überschwenglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet
hätte, um abzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu
leicht befunden und unser zu wenige, die wir uns gerne zu Geiseln
geschart und den Gorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden
Schritte und auf ihren Häuptern die entsetzlichen Natterngewinde zu
bannen -- die nun entfesselten -- deren giftige Brut überall nistet. Ja,
wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug und die friedliche Kornblume
sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die verwüsteten Acker und
würgen die Männer dahin, während ihr Gift, wie fernwirkende Geschosse,
die unverschonten Frauen ereilt, die weit weg in den geschützten Städten
die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt.
Hat nicht ein jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht hätte
hinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas
im Menschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse überschwebt und
also überschweben _kann_, wenn er sich nicht selbst aufgibt.
Diesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an
sich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen
kostet. O verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre
Fenster schließen. Der Wind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er
nichts zu; jeder weiß, wo er hingehört, und scharf und wie geschliffen
fällt seine Tür ins Schloß. Nur ich bin heimatlos durch diesen Krieg
geworden: Ja -- hätte Gott, der den Arm Abrahams (den zur Opferung des
Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte er dem rückwärtigen Lauf des
Höllenrades Einhalt geboten, und angesichts so viel wundervoller
Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann würde freilich auch ich mich
freuen, das Präludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer vergäße
je der Gesichter, die er da sah.
Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Erstechen
und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen anging,
von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßene; von einer solchen
Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.
Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den
Menschen und fürchte mich seitdem. Sonst so städtisch, treibt es mich
seitdem in schlafende Dörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es
noch eine Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht längst
ins Weglose eingetragen und brütete nicht über das verlassenste Moor.
Selbst die reinen Linien der Berge sind von ihm durchfurcht, von
grauenvollem Wissen ist der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer
Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das gemahnt jetzt
alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinke können wir die Hand
unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot
gebacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht
dünkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie
unaussprechlich vornehm, daß du diesen Zusammenbruch, Europas
unsterbliche Blamage, nicht mehr erlebtest.