Vierzehntes Kapitel

Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings

um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle

Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht

ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer.

Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs

und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig

die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und

ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und

Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die

Last so gut sie konnten...

Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne

Gedicht Halms in den Sinn:

„Sei stark mein Herz! -- Ertrage still

Der Seele tiefes Leid;

Denk, daß der Herr es also will,

Der fesselt und befreit.

Und traf dich seine Hand auch schwer,

In Demut nimm es an;

Er legt auf keine Schulter mehr,

Als sie ertragen kann.“

Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit

vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die

Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der

Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten

ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der

Schicksalsfügung.

Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und

Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und

wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer

war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu

rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der

Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort

war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt

nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse

verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach

aus Isottas Augen entfesselt wurde.

Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie

so innig geküßt worden...

Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht,

auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in

unaussprechlicher Dankbarkeit.

Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.

Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel

hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig

zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem

impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie,

Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem

erwünschten Wege.

Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte

Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für

die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance

nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine

Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird

weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.

Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft

worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich

nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein

reines Ökonomiegut, ohne Jagd.

Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für

die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen.

Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut,

auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...

Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom

Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei

allem höfischen Respekt.

Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der

Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird

schwerfallen.

„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones.

„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches,

frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten,

mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im

besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche

Pirsch geben!“

Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei!

Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn mich nicht alles täuscht, hatten Sie

früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt

bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“

Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise:

„Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen

befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“

„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr

begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des

Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“

„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen?

Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“

„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt

frostklaren Wetters bis morgen!“

In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier,

einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer

Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut

wiederzugewinnen.

„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt:

Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein

‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave

Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte.

„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich

ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen

würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben

Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie -- mir ums Herz so fröhlich

ist!“

„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte

Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also

Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“

„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“

„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“

„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“

Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den

ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid

ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu

einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“

„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl

begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen

Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“

„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie

hinunter! Adieu!“

*

Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor

dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin.

Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den

Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte.

Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch

die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß

sein! Und für die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser

sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir

wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins:

Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier

in Wien!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“

*

War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als

die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten

Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit

dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und

darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau!

Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die

Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein

Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne

weich gemacht worden war.

In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan

bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger.

Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter

Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige

Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im

Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und

Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in

elegischer Stimmung.

Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich

breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel

Leben!

Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus

dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel

anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am

Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts

strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle

Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen.

Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn

er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann

schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche

gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.

Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in

größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie

zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder

putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen,

als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde

kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!

Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa

fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin

schießen solle.

Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.

Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über

die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde

war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu

pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze

Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen

Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der

Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze

kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines

Krummholzgestrüppes stehen.

Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um,

doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit

gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer

Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte

des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der

Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.

Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.

Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und

suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft.

Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel

des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der

Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ.

Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf

den im Verenden liegenden Kameraden los.

Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf

Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber

doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles

dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und

schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie

toll...

Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die

Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser

Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an

Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der

Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger

Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn

nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das

Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das

Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig

entgegen.

Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei.

„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen

Jagdgründe im Triebental!“

„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber

sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine

unaussprechliche Freude.

Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft

zu verbergen.

Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug

zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die

Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen

Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der

letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen...

Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber

ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom

Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenommen

habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr

einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese

befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit,

zu erklären sei.

Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe

Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf

hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem

sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen

Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen

Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich

konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste

Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen

Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog

sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des

Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so

gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das

bevorstehende Eheglück vor Augen...

Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine

leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie

gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares.

Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die

Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau

sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie

den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich

benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der Hochzeitsgeschenke! Zur

Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“

In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die

Hand.

Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals

und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in

die kurze Trennung von der Braut.

In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut...

An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in

der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende

Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr

Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht

eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er

aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der

Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft

sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn

einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist

die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau!

Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle

Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle

sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun,

was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken;

ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim

Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus

der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite,

sonnenverklärte Halltal.

Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als

das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn

zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der

Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd.

Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle.

Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des

Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das

Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde.

Ein Jubelruf Martinas ertönte.

Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war

ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger

Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner

einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend

Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die

Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren

Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor

Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half

Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm

nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre.

Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und

ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne.

Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel

Gnade verdiene ich ja nicht!“

„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine

Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die

sieben Zwetschgen des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das

Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele

Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist:

Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten

sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“

„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte

in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und

jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah.

Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun

flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend

zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz

ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es

schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn.

„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die

kleine Überraschung! Nun aber -- Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu

Tisch!“

Hartlieb wollte danken.

„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“

Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt

darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht

und glückselig gemacht zu haben.

Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte

den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen

Bergwelt von Admont.

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 38 / 60 题