Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings
um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle
Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht
ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer.
Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs
und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig
die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und
ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und
Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die
Last so gut sie konnten...
Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne
Gedicht Halms in den Sinn:
„Sei stark mein Herz! -- Ertrage still
Der Seele tiefes Leid;
Denk, daß der Herr es also will,
Der fesselt und befreit.
Und traf dich seine Hand auch schwer,
In Demut nimm es an;
Er legt auf keine Schulter mehr,
Als sie ertragen kann.“
Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit
vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die
Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der
Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten
ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der
Schicksalsfügung.
Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und
Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und
wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer
war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu
rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der
Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort
war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt
nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse
verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach
aus Isottas Augen entfesselt wurde.
Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie
so innig geküßt worden...
Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht,
auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in
unaussprechlicher Dankbarkeit.
Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.
Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel
hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig
zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem
impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie,
Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem
erwünschten Wege.
Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte
Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für
die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance
nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine
Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird
weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.
Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft
worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich
nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein
reines Ökonomiegut, ohne Jagd.
Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für
die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen.
Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut,
auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...
Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom
Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei
allem höfischen Respekt.
Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der
Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird
schwerfallen.
„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones.
„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches,
frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten,
mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im
besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche
Pirsch geben!“
Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei!
Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn mich nicht alles täuscht, hatten Sie
früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt
bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“
Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise:
„Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen
befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“
„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr
begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des
Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“
„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen?
Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“
„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt
frostklaren Wetters bis morgen!“
In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier,
einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer
Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut
wiederzugewinnen.
„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt:
Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein
‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave
Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte.
„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich
ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen
würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben
Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie -- mir ums Herz so fröhlich
ist!“
„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte
Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also
Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“
„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“
„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“
„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“
Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den
ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid
ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu
einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“
„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl
begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen
Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“
„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie
hinunter! Adieu!“
*
Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor
dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin.
Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den
Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte.
Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch
die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß
sein! Und für die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser
sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir
wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins:
Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier
in Wien!“
„Zu Befehl, Durchlaucht!“
*
War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als
die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten
Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit
dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und
darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau!
Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die
Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein
Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne
weich gemacht worden war.
In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan
bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger.
Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter
Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige
Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im
Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und
Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in
elegischer Stimmung.
Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich
breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel
Leben!
Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus
dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel
anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am
Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts
strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle
Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen.
Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn
er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann
schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche
gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.
Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in
größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie
zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder
putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen,
als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde
kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!
Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa
fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin
schießen solle.
Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.
Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über
die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde
war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu
pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze
Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen
Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der
Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze
kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines
Krummholzgestrüppes stehen.
Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um,
doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit
gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer
Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte
des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der
Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.
Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.
Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und
suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft.
Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel
des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der
Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ.
Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf
den im Verenden liegenden Kameraden los.
Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf
Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber
doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles
dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und
schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie
toll...
Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die
Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser
Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an
Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der
Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger
Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn
nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das
Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das
Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig
entgegen.
Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei.
„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen
Jagdgründe im Triebental!“
„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber
sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine
unaussprechliche Freude.
Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft
zu verbergen.
Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug
zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die
Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen
Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der
letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen...
Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber
ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom
Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenommen
habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr
einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese
befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit,
zu erklären sei.
Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe
Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf
hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem
sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen
Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen
Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich
konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste
Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen
Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog
sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des
Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so
gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das
bevorstehende Eheglück vor Augen...
Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine
leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie
gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares.
Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die
Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau
sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie
den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich
benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der Hochzeitsgeschenke! Zur
Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“
In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die
Hand.
Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals
und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in
die kurze Trennung von der Braut.
In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut...
An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in
der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende
Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr
Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht
eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er
aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der
Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft
sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn
einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist
die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau!
Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle
Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle
sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun,
was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken;
ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim
Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus
der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite,
sonnenverklärte Halltal.
Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als
das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn
zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der
Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd.
Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle.
Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des
Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das
Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde.
Ein Jubelruf Martinas ertönte.
Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war
ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger
Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner
einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend
Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die
Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren
Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor
Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half
Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm
nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre.
Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und
ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne.
Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel
Gnade verdiene ich ja nicht!“
„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine
Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die
sieben Zwetschgen des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das
Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele
Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist:
Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten
sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“
„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte
in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und
jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah.
Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun
flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend
zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz
ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es
schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn.
„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die
kleine Überraschung! Nun aber -- Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu
Tisch!“
Hartlieb wollte danken.
„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“
Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt
darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht
und glückselig gemacht zu haben.
Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte
den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen
Bergwelt von Admont.