„Zu dienen, Durchlaucht! Soeben erhielt ich aus Berlin eine Depesche
des Barons Wolffsegg...“
„Geben Sie!“
Die Fürstin las das Telegramm langsam. Und mit einer das Hoffräulein
überraschenden Ruhe sprach sie: „Ähnliches habe ich befürchtet, nämlich
die Weigerung Emils! Nicht aber die Demission Wolffseggs, von der keine
Rede sein kann; wenigstens jetzt nicht und bis Emil an meiner Seite
ist! -- Wir hätten anders depeschieren sollen...!“
Den im Nachsatze steckenden Vorwurf schluckte Martina gehorsam
hinunter, wiewohl er schmerzte. Ein ganz ungerechtfertigter Vorwurf,
denn der Text war doch diktiert, stammte nicht vom Hoffräulein...
Sophie sprach weiter: „Es kann auch sein, daß Wolffsegg von früher
her verärgert ist, ob des Briefes, den Sie ihm gesendet haben! --
Depeschieren Sie, daß die Demission nicht angenommen wird!“
Der zweite Vorwurf tat Martina bitter wehe. „Befehlen Durchlaucht noch
etwas?“
„Danke, nein! Ich will abwarten, was Emil antworten wird! Die Depesche
an Wolffsegg hat übrigens keine Eile! Sie bleiben zur Disposition!
Danke! Auf Wiedersehen!“
Nun weinte Martina wirklich. Wimmerte eine geschlagene Stunde. Wischte
aber hastig die Tränen weg, als es klopfte. „Herein!“
Ein Blick, ein Aufspringen und Entgegeneilen. „Durchlaucht geruhen
selbst...!“
Güte, Herzlichkeit und warme Freude kündete das Antlitz der hohen
Frau. Weichen Tones sprach die Fürstin: „Ja, selbst! Muß ja Abbitte
leisten dafür, daß ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe! Also: Verzeihung,
liebe Martina! Will mich bessern! Und Sie, liebe Martina, sollen die
erste sein, die einzige, der ich die Freudenbotschaft mitteile: Emil
fügt sich doch! Er wird morgen nach Admont kommen! Das Schmerzlichste:
Ungehorsam und Auflehnung bleibt mir also erspart! Gott sei Dank dafür!
-- Aber nun sagen Sie mir, liebe Martina, was meinen Sie: wie könnte
ich dem Sohne zum Dank für seine Fügsamkeit eine besondere Freude
machen?“
Martina machte aufmerksam, daß sie in keiner Weise informiert sei,
nicht die hohe Ehre hätte, den Prinzen zu kennen; demnach außerstande,
irgendwelche Meinung zu haben und zu äußern.
„Das Haller Jagdgut kann ich Emil nicht schenken, weil er sich --
einstweilen -- noch nicht besonders für die Jagd interessiert! Gekauft
habe ich das Jagdgut ja nur für ihn!“
So ratlos Martina war, ein Gedanke blitzte auf. „Wie wäre es, wenn
Durchlaucht dem Prinzen die -- Oberleitung übertragen würden? Als
Beweis der Dankbarkeit und zugleich des Vertrauens! Und der Prinz
würde dadurch Beschäftigung haben, sich im Verkehr mit dem Oberförster
mählich doch für Wild, Forst und Jagd interessieren!“
„Hm! Zwar glaube ich nicht recht daran, aber man kann es ja versuchen!
-- Und nun eine private Bitte, sprechen Sie mit Hartlieb, auf daß der
Oberförster für einen schönen Empfang meines Sohnes sorgt, ja?“
Martina erglühte wie eine Pfingstrose.
Das jähe Erröten gewahrend, meinte die Fürstin: „Nanu! Was ist Ihnen
denn? Doch nicht Fieber?“
„Verzeihung! Mir ist arg heiß geworden --, die Freudenbotschaft
plötzlich, die wider Erwarten doch günstige Wendung nach dem
vorausgegangenen Ärger...“
„Nu, nu! Hofdamen dürfen sich nicht ärgern! Nun bitte ich Sie, den
Oberförster vertraulich zu verständigen! Und laden Sie ihn zum Lunch
ein! Auf Wiedersehen, liebe Martina!“
Fräulein von Gussitsch küßte der Fürstin die Hand und geleitete die
Gebieterin bis in den Korridor.
Da saß nun Martina in der düsteren, ärmlich und streng dienstlich
ausgestatteten Forstkanzlei vor dem Oberförster Hartlieb, beide stumm.
So freundlich, ja freudig die Begrüßung war, ein gedämpftes Aufjauchzen
sehnsüchtiger Seelen, die fröhliche Situation wurde durch zwei Worte
verändert: „Zu spät!“
Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß
künftig Prinz Emil sozusagen „Jagdherr“ sein werde, der Oberleiter,
und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl
bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina
der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs,
verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz
wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen
Prinzen das „Weiberregiment“ ein wohltätiges Ende finden werde.
Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen
befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte
tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: „Zu spät!“
So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen
sei.
Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da
er nach einer Pause sprach: „Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich
habe Schritte getan, um eine -- andere Stellung zu erhalten! Hier sind
die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!“
In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch
eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein
Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier „zu
spät“ sein müsse.
Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: „Das
wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen
Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung
gebeten...“
„Ach so!“ rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge.
„Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und
zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse -- bessern werden! Und sind
sie ‚erträglich‘ oder gar -- was ich hoffe und wünsche -- gut geworden,
so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist
es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?“
„Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine
günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!“
„Warum nicht?“
„Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für
das Weidwerk habe!“