Und nun trat, obgleich die Flut hoch ging, eine Pause ein, als ob die
steigenden Wogen nicht in Schaum zerfallen, sondern immer geschwellt
bleiben wollten. Man sprach sich nicht in Worten aus, man ging nur
vorsichtig einen Schritt vorwärts und wich dann zwei zurück. Alle schienen
damit beschäftigt, ihre unerfüllten Wünsche wie Luftschlösser oder
Sandburgen aufzutürmen. Sie waren blaß und stumm, ihre Augen brannten, ihre
Lippen zitterten von unausgesprochenen Geheimnissen.
Der Prinz sah, was ihnen fehlte. Er rief alle Inselbewohner zusammen und
sagte: »Bringt die Flöten und die Zimbeln, die Pfeifen und die Trommeln.
Laßt sie allesamt ertönen und erhebt lautes Freudengeschrei. Denn
Herz-Königin wird noch heute abend ihren Gemahl wählen.«
Und die Zehne und Neune begannen ihre Flöten und Pfeifen zu blasen; die
Achte und Siebene bliesen ihre Posaunen und spielten ihre Bratschen, und
selbst die Zweie und Dreie begannen wild ihre Trommeln zu schlagen.
Als dieser lärmende Sturm von Musik sich erhob, fegte er mit einem Stoß
alles Seufzen und allen Trübsinn hinweg. Und nun, welch ein Strom von
Lachen und Reden! Es gab kühnes Werben und spottendes Weigern und Plaudern
und Schwatzen und Spaß und Fröhlichkeit. Es war wie das Zittern und
Schwanken und Rauschen und Brausen von Millionen von Blättern und Zweigen
tief drinnen im Urwald, wenn der Sommersturm hindurchfährt.
Aber Herz-Königin im rosenroten Gewande saß still im Schatten ihrer
verschwiegenen Laube und horchte auf den tobenden Lärm der Musik und der
Fröhlichkeit, der immer näher kam. Sie schloß die Augen und träumte ihren
Liebestraum. Und als sie sie wieder öffnete, sah sie den Prinzen zu ihren
Füßen sitzen und zu ihr aufblicken. Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden
Händen und wich zurück, in dem freudigen Aufruhr ihres Innern erzitternd.
Und der Prinz verbrachte den ganzen Tag allein, an der Küste des wogenden
Meeres hinwandelnd. Er sah immer diesen erschreckten Blick, dieses
Zurückbeben der Königin, und in seinem Herzen pochte die Hoffnung laut.
Am Abend warteten die buntgekleideten Reihen der Jünglinge und Mädchen
dicht gedrängt und mit lächelnden Gesichtern vor den Toren des Palastes.
Die Halle war feenhaft erleuchtet und mit Girlanden von Frühlingsblumen
geschmückt. Langsam trat Herz-Königin ein, und die ganze Versammlung erhob
sich, sie zu begrüßen. Einen Jasminkranz in der Hand, stand sie gesenkten
Blickes vor dem Prinzen. In ihrer demütigen Schüchternheit konnte sie den
Kranz kaum zu dem Nacken des Bräutigams, den sie gewählt hatte, erheben.
Aber der Prinz neigte sein Haupt, und der Kranz glitt an seinen Platz. Die
Versammlung der Jünglinge und Mädchen hatte in lautloser Spannung ihre Wahl
erwartet. Und als sie gewählt hatte, brach ein Sturm toller Freude los und
brauste durch die Halle und tönte über die ganze Insel hin bis hinaus zu
den Schiffen weit draußen auf dem Meere. Niemals hatte es im
Kartenkönigreich je solchen Jubel gegeben.
Und sie hoben den Prinzen und seine Braut auf ihre Schultern und setzten
sie auf den Thron und krönten sie auf der Stelle -- auf der alten
Karteninsel.
Und die kummervolle Königin-Mutter auf der fernen Insel jenseits des Meeres
kam in einem goldgeschmückten Schiffe zu dem neuen Königreich ihres Sohnes
gefahren.
Und die Bürger werden nicht mehr von Regeln geleitet, sondern sind gut oder
schlecht oder beides, je nach ihrer Itscha.
Anmerkungen zur Transkription:
S. 4: »mit der größten Ehrfucht« wurde geändert in
»mit der größten Ehrfurcht«
S. 72: »bald auf einer einzigen« wurde geändert in
»bald auf einen einzigen«
S. 110: »Dschoygapal war sehr ärgerlich« wurde geändert in
»Dschoygopal war sehr ärgerlich«
S. 110: »und fühlte sich gedehmütigt« wurde geändert in
»und fühlte sich gedemütigt«
S. 184: »im Wald ererschlagen« wurde geändert in
»im Wald erschlagen«
S. 213: »Innnern« wurde geändert in »Innern«
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Anfang versetzt.